Die Zeit, die bleibt …

Wie verbringt man eigentlich seine letzten Tage und Stunden? Gibt es da noch Momente, in denen man überhaupt etwas tun kann? Wann beginnen denn überhaupt die letzten Tage und Stunden?

Die Menschen, die zu uns ins Hospiz kommen sind unterschiedlich. Nicht nur aufgrund von natürlichen Unterschiedlichkeiten, die wir alle haben, sondern auch im Stadium ihrer Erkrankung. Einige kommen sehr spät ins Hospiz. Haben um jede Stunde zuhause oder einer stationären Einrichtung gekämpft. Entweder in der Hoffnung noch länger weiterleben zu können, oder auch, weil der Wunsch so groß war im vertrauten Umfeld zu sterben. Dafür haben wir ja unsere ambulanten Dienste – nicht nur in der Luise. Die ambulante Hospiz- und Palliativversorgung zieht sich sternförmig durch ganz Deutschland. In alle Richtungen, meist auch in entlegene Winkel. Das ist gut. Dieses Netzwerk hilft Menschen zuhause bleiben zu können – solange wie möglich. Oft auch bis zum Tod.

Am Aufnahmetag kommen die Patient*innen oft mit einem Krankentransport. In der Übergabe lese ich dann ob sitzend, liegend, zu Fuß. Ich erfahre auch schon etwas über Zugehörige, Vorlieben, Symptomatiken. Was steht bei diesem Menschen im Vordergrund.
Was ich erst erfahre, wenn ich Glück habe mit meiner Teilzeitstelle, wer denn dieser Mensch auch ist. Was ihm etwas bedeutet. Was er bedauert. Worauf er stolz ist. Wer ihm jetzt nah sein darf. Das sind Sternstunden, wenn wir etwas finden, was in dieser letzten Lebensphase auch Freude bringt, Zufriedenheit und kleines Glück auslöst.
Einmal im Spätdienst habe ich überlegt, was ich einer Patientin noch an Zeit schenken kann. Eine Einreibung, ein warmes Getränk, ein paar Dinkelkissen, ein Gespräch…ich durfte ihr vorlesen. Aus einem Buch, das mein lieber Kollege mitgebracht hatte. Keltische Sagen. Mit geschlossenen Augen hat sie da gelegen und ich war so unendlich dankbar, dass Holger auf diese wundervolle Idee gekommen war. Reich beschenkt hat er uns beide, denn wir haben uns weggeträumt in andere Zeiten und mit Finn gefiebert.

Es gibt Patient*innen, denen bereitet es Freude die Blumen auf dem Balkon zu versorgen. Im Rahmen ihrer Ressourcen, mit Bedacht, eine Aufgabe haben. Für einige wichtig. Oder sie können sich noch so konzentrieren, dass sie zeichnen. Andere sind erschöpft und ruhebedürftig. Sind geräuschempfindlich oder rastlos. Brauchen einfach Nähe und andere Menschen, um sich herum. Corona verändert unsere Möglichkeiten. Der Sommer ist jetzt unser Freund. Unser Garten Ort der Begegnung.
Manchmal hört man zwischen den Zeilen, Bedauern über die Zeit, die man nicht genutzt hat. Oder erlebt Menschen, die so dankbar sind für das Leben, dass sie hatten. Für die Liebe, die Begegnungen, die Überraschungen. Manchmal kann man das auch wunderbar beobachten. In Blicken, Gesten und Körperhaltungen.
Manchmal bricht wieder ein kleines Stück aus meinem Herzen, wenn der Mensch in seinem schwachen Körper gefangen ist und der Geist noch so klar. Dann die Bitte: „Haben Sie nicht irgendwas für mich zu tun? Etwas, das Ihnen auch nützt. Ich würde so gerne etwas tun!“
Ich klebe mein Herz mit meinen Kraftquellen. Familie, lange Spaziergänge. Schreiben. Fotografieren. Verrückte Sachen ausdenken.

Die Zeit, die bleibt. Das ist für mich nicht erst die Zeit, die ich einmal mit dem Sterben verbringen werde. Das ist jetzt. Das ist heute. Das sind die Begegnungen und die kleinen schönen Dinge, die ich jetzt haben kann.

Wer weiß denn, was morgen ist?
Carpe diem,

herzlich Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich 🙂

Zeit

Heute ist mein erster Urlaubstag und es schneit draußen. Eigentlich wäre ich jetzt an einem Strand, würde die Sonne genießen und händchenhaltend mit meinem Mann spazieren gehen. Stattdessen bin ich zuhause. In meinem Arbeitszimmer. Heute nachmittag halten wir beim Hundespaziergang auch Händchen, hoffentlich gibt es dann auch ein paar Schneeflocken.
Wir können die jetzige Situation nicht ändern. Wir können das Beste aus ihr machen. Letzte Woche im Hospiz war es ähnlich. Auch hier mussten wir uns einschränken. Mundschutz und Schutzkittel, bei körpernaher Pflege. Trostlos. Bedrückend.
Wir schenken Lächeln, besondere Leckereien, ermutigen durch Gesten, haben Zeit für Gespräche.

So ist es auch in den Krankenhäusern. Keiner kann mehr rein. So ist es bei Bestattungen. Abstand von 1,50m bis 2m. Nur die engsten Familienangehörigen. Ein Freund der Familie meines Mannes ist dieser Tage verstorben. Die Trauerfeier hat schon in aller Stille stattgefunden. Ein Riesenberg an Trauer türmt sich in diesen Zeiten auf. Neben all den wirtschaftlichen Katastrophen und der Trauer um geplatzte Lebensträume, werden die Toten in diesen Zeiten minimalistisch verabschiedet. Dabei braucht die Trauer der Lebenden doch auch diese Schleusenzeit, mit Berührung, Totenwache, Gestaltung der Trauerfeier und den Trost der Gemeinschaft. Ich habe zu meinem Mann gesagt: „wenn ich jetzt sterbe, dann lass mich bitte einäschern und feiere danach nochmal groß Abschied“.

Meine Kollegin Inga ist gerade in der Aufnahme. Das Telefon steht nicht still. Traumatisierte Menschen melden sich und suchen händeringend Trost, Rat und Unterstützung in der Hilflosigkeit.
Diese Menschen dürfen wir jetzt nicht vergessen. Ich bin dankbar, dass wir die Telefonseelsorge haben, die einen unfassbaren Job macht. Ich bin dankbar, dass Kolleg*innen der Trauerarbeit Onlineangebote ins Leben rufen. Ich bin dankbar, dass wir Smartphones haben, mit denen wir Kontakt zu unseren Liebsten halten können.

Was machen wir jetzt also mit unserer Zeit? Mein Aszendent ist Waage, das besagt ich bin ein Putzteufel. Leider ist das Horoskop an dieser Stelle fehlerhaft. Also werde ich heute eine Serie auf meinem Tablet schauen und nebenbei gemütlich mein Arbeitszimmer entrümpeln. In Erinnerungen schwelgen.

Gerne wüsste ich auch, was du machst! Also schreib mir doch bitte eine Nachricht und im nächsten Blogeintrag würde ich das gerne veröffentlichen. Oder du schreibst mir ein Gedicht, sendest mir dein Onlineangebot für Trauernde, schickst mir ein Bild deiner Aktivität, deinen Buchtipp, einen Gruß aus dem Homeoffice, grüßt jemanden…..bitte an:

25jahrehospizluise@gmx.de

Im Hintergrund läuft das Wohnzimmerkonzert von meinem Freund Matthias Brodowy. Geschenkte Zeit – Eine Stunde Musik und Humor. Seelenfutter.
Zeit nochmal Danke zu sagen, an das Team von H1 Fernsehen, Grünes Zimmer, Matthias und an alle Spender*innen.


Nutzen wir also die geschenkte Zeit so gut es eben geht. Nährt die Hoffnung in euch. Schreibt mal wieder Briefe. Schreibt mir. Spielt Gesellschaftsspiele. Lest die verstaubten Bücher aus dem Regal. Allen die arbeiten wünsche ich Kraft, sage Danke und bin gespannt, wielange mein Urlaub anhält. Wir Krankenschwestern stehen auch auf Abruf bereit…

Herzliche Grüße
Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich 🙂