Pflege

Vor gut 25 Jahren habe ich in der Krankenpflegeausbildung in Bremen waschen gelernt. An Mitschüler*innen haben wir geübt, wie wir anregend und beruhigend waschen. Zusätze für das Wasser ausprobiert und die Königsklasse versucht. Dem Menschen der dort gelegen hat das Gefühl zu geben, es ist alles gut. Deine Intimsphäre wird gewahrt. Ich behandel dich mit Respekt und Würde. Du bist nicht in einer Waschstraße. Deine Bedürfnisse werden gesehen. Da hatte ich Glück, dass ich so wunderbare Lehrer*innen hatte. Schon vor einem Vierteljahrhundert war ihnen das wichtig. Mir ist das heute noch wichtig, wenn ich pflege.

Im Hospiz ist die pflegerische und psychosoziale Betreuung eine unserer Aufgaben. Die Patient*innen sind unterschiedlich selbständig und benötigen irgendwann immer unsere Hilfe. Bevor ich persönlich einen Menschen das erste Mal pflegerisch betreue, stelle ich mich gedanklich gerne einen Schritt neben mich. Das schärft meine Sicht und hilft mir meinem Gegenüber besser zu begegnen. Der Handlung eine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit zu geben. Sicherheit auszustrahlen. Vertrauen zu schaffen. Scham und Ängsten zu begegnen.
Da könnt ihr euch natürlich fragen, ob das bei so etwas banalem, wie der Grundpflege nötig ist. Da würde ich mal vorschlagen, dass ihr euch in die Situation begebt.
Stellt euch mal vor ihr seid von jetzt auf gleich auf Unterstützung angewiesen. Ein anderer, fremder Mensch kommt in euer Zimmer geschneit und nimmt euch die Grundpflege ab. Berührt euch. Kommt euch nah. Riecht euch, ihr riecht ihn/sie auch. Hilft euch auf den Toilettenstuhl, beim Füße waschen und der Intimpflege.


Keiner von uns möchte das. Verständlich. Dennoch werden wir nicht alle plötzlich tot umfallen, sondern die Meisten von uns werden irgendwann von irgendwem gewaschen und versorgt werden. Das ist jetzt blöd, sich das vorzustellen.
Aber für mich steigt damit die Hochachtung vor den Menschen, die tagtäglich in Einrichtungen genau dies tun. Die professionell, respektvoll und liebevoll pflegerische Tätigkeiten verrichten und es schaffen, dass die zu Pflegenden sich fallen lassen. Das Schicksal annehmen und plötzlich beim Rückenwaschen fast schon schnurrren, weil es so schön ist.
Pflegekräfte die unter übelsten Bedingungen Dutzende Menschen duschen und waschen müssen. Dennoch haben sie oft ein Lächeln zur rechten Zeit, obwohl sie absolut erschöpft sind.

Im Hospiz haben wir diesen Druck in dieser Form nicht. Auch bei uns gibt es natürlich ungewöhnliche Tage, an denen wir erst um 12 Uhr frühstücken, weil unsere Patient*innen unsere ganze Zeit und Aufmerksamkeit fordern. Doch es gibt auch die Tage an denen alles möglich ist und wir im Einklang mit den Bedürfnissen der uns anvertrauten Menschen durch den Tag kommen.
Es ist ganz wunderbar zu sehen, was eine rhythmische Einreibung auslösen kann, oder wie entspannt ein sterbender Mensch in die Kissen sinkt, wenn wir mit warmen Wasser und dem Lieblingsduft sanft waschen. Manchmal über den ganzen Tag verteilt, um die Anstrengung so gering wie möglich zu halten.

Wenn wir uns Zeit nehmen können, dann können wir auch abgeben und annehmen. Das tun wir im Grunde ja jeden Tag, ohne es zu merken.
Ein lieber Gruß an alle Kolleg*innen – ihr macht einen wunderbaren Job! Vergessen möchte ich auch nicht, die pflegenden Angehörigen❤ Ein Danke an alle Patient*innen, die sich uns vertrauensvoll zuwenden und uns unseren Lieblingsjob machen lassen.

Herzlich Eure Nici