Abschied

Wir verabschieden uns dauernd in unserem Leben. Abschied von Kindesbeinen an. Schnuller, Windeln, winkend an der Kindergartentür, von Freundinnen und Freunden auf dem Weg in unterschiedliche Schulen, vom vermeintlichen Traumprinzen oder der Traumprinzessin oder nur der Traumfigur, vom Arbeitsplatz, von Kolleg*innen, von Menschen die wir begleitet haben, von der Jugend, dem Alter, der Sehkraft, Lastern…eine unendlich zu führende Liste. Irgendwie schaffen wir das. Wir lernen im Laufe unserer Sozialisation, dass Abschied zum Leben gehört.
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Im Hospiz nehmen wir durchschnittlich alle 21 Tage Abschied. Von einem Patienten oder einer Patientin, von der Familie, den Freunden, den Kolleg*innen und allen, die wir während des Aufenthaltes kennengelernt haben. Das klingt schwer. Ich finde das ist es manchmal auch. Aber eben nur manchmal. Diese Aufgabe Menschen am Lebensende zu begleiten habe ich schon vor 25 Jahren gut gekonnt. Als junge Krankenschwester. Da wusste ich noch nicht, wohin es mich verschlägt. Da war die Chirurgie und handwerkliches Tun mein Favorit. Ein Vierteljahrhundert später blicke ich auf unfassbar viele Begegnungen, Erlebnisse und auch Abschiede zurück. Beruflich und privat.

Gerade gestern haben wir nach der Übergabe über eine Trauerfeier gesprochen, auf der ich war. Manchmal schaffen wir das. Zur Trauerfeier gehen. Diese Termine werden immer sehr kurzfristig bekannt gegeben, das plant ja keiner. Unser Dienstplan ist immer 2 Monate im Voraus geschrieben, unser Privatleben strickt sich um die Wechseldienste wie eine warme Socke. Das ist unser Auftankzeit, Kraftquelle. Denn eine anstehende Trauerfeier bedeutet auch, es ist schon wieder ein neuer Patient von der Warteliste eingezogen. Übergänge.
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Deshalb sind uns unsere eigenen Rituale und Abschiede im Haus auch immer sehr wichtig. Die große Kerze in der Kapelle anzünden, ins Abschiedsbuch schreiben, eine letzte Waschung, schminken, rasieren, frisieren und das Zimmer entsprechend gestalten. Manchmal liegen dann auf dem Bett noch Utensilien des Lebens, die der Verstorbene so geschätzt hat. Immer ist es individuell. Immer gibt es für Zugehörige das Angebot sich lange und ausgiebig in unseren Räumen zu verabschieden. Wir warten auch manchmal auf eingeflogene Enkelkinder oder den Bruder aus dem Süden. Auf jeder Dienstbesprechung verlesen wir zu Beginn die Namen der Verstorbenen. Gedenken Ihrer. Oft reden wir auch Monate oder Jahre später noch von besonderen Situationen: „Weißt du noch, Frau Soundso aus Zimmer 3?“
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Eine Trauerfeier wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Eine Patientin mit schon erwachsenen Kindern und Enkeln. Eine liebevolle und enge Begleitung durften wir erleben. Irgendwie war immer jemand da, es wurde gemeinsam im Zimmer gelacht, geweint, geschwiegen und gelebt. Das war auch für mich eine besondere Begleitung und so passte es dann auch mit der Trauerfeier. Ich hatte Nachtdienst und habe ein paar Stunden im Dachgeschoss des Hospizes geschlafen und wurde dann von einer Kollegin abgeholt. Eine große Kirche, eine innige Trauerfeier. Was mich aber am allermeisten berührt hat, war der Trauerzug zum Friedhof. Vom Stephanstift auf den Friedhof. Mitten im Freitagmittagverkehr. Über die große Kreuzung. Alles stand still. Wir zogen in einem großen Pulk durch die stehenden Autos, Busse und Straßenbahnen. Den Tod ins Leben geholt. Eines der Enkelkinder und ich waren uns sehr einig: „So cool, und das alles für die Oma.“
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Abschied bedeutet auch Neuanfang. Für die Hinterbliebenen. Das Leben nimmt einen anderen Weg. Es geht irgendwie immer weiter, wenn man verinnerlicht, dass Abschied zum Leben gehört. Auf der oben erwähnten Trauerfeier habe ich ein Gespräch mit einer Freundin gehabt. Ich habe gesagt,: „Weißt du, wir sind jetzt in einem Alter wo wir immer wieder Abschied nehmen müssen. Jeder Abschied hinterlässt etwas in meinem Herzen. Es ist als ob es dadurch größer wird. Darauf muss man aufpassen, dass man nicht jedesmal ein Stück von sich selbst mit begräbt, sondern einen kleinen Farbklecks in die Erinnerung einschließt.“
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Zum Abschluss möchte ich noch unseren tierischen Neuzugang erwähnen. Als ich im neuen Jahr zum Frühdienst kam hat mich dort Inga begrüßt. Der Welpe einer Kollegin. Die dritte Nachtwache sozusagen. Das kleine Fellknäuel hat natürlich alle unsere Herzen im Sturm erobert und ist noch herrlich unerzogen. Willkommen im Team sage ich da!

Den nächsten Blogeintrag hat meine Kollegin Manuela Mehrtens geschrieben, ich freue mich sehr, dass es mir langsam gelingt auch die Kolleg*innen zu aktivieren.

Bis dahin,

herzlich Eure Nici

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Bilder: pixabay und ich