„Nessis Promi-Talk“ spezial mit Nerissa Rothhard

„Nessis Promi-Talk“ spezial mit Nerissa Rothhard

 

Seit 2017 talkt Nerissa Rothhard mit Prominenten aus Hannover.
Zu unserem 25-jährigen Jubiläum erwartet Sie ein Abend mit Einblicken in das Hospiz Luise mit Hospizleiter Kurt Bliefernicht, Wegbegleiter*innen und Unterstützer*innen. Genießen Sie dabei Getränke sowie kleine Köstlichkeiten in der inklusiven Atmosphäre des „anna leine“.

Café anna leine, Am Hohen Ufer 3, Hannover Freier Eintritt, um Spenden wird gebeten

Von Müttern und Vätern

Jeder von uns ist das Produkt einer Begegnung von einem Mann und einer Frau. Wir alle leben in den unterschiedlichsten Familiensystemen. Ständiger Wechsel, Neusortierung, Phasen von Stabilität, Chaos, Ruhe, Sturm.
All das erleben wir auch, wenn die Menschen zu uns ins Hospiz kommen. Denn sie kommen ja selten ganz alleine. Es gibt in den meisten Fällen Familie, Partner*innen, Verwandte, Freund*innen, Kolleg*innen. Wir nennen das schlicht Zugehörige. Man will ja auch keinen vergessen.
Momentan dürfen zwei Menschen als feste Besucher*innen eingetragen werden. Das ist hart in den letzten Lebenswochen und Tagen. Das ist gegen all unsere Prinzipien der Hospizarbeit. Dennoch versuchen wir das gemeinsam durchzuhalten. In der Sterbephase gibt es Ausnahmen. Emotionale Berg- und Talfahrten für alle Beteiligten. Manchmal fällt selbst uns das Atmen schwer, sind wir erschlagen von Entscheidungen, die wir gemeinsam treffen sollen. Es dauert ja schon eine Weile an. Uns fehlt die Nähe in dieser Distanz. Wir sind dankbar, dass wir regelmäßig in der Supervision unsere Ängste und Sorgen teilen können. Wir sind dankbar für kreative Lösungen, wie den Fensterbesuch.

Jetzt liegen bei uns Mütter und Väter, Kinder von Müttern und Vätern. Häufig sind es die Mütter, die ich besorgt erlebe. Selber sterbenskrank sind sie in Gedanken bei den Kindern, beim Partner der jetzt allein ist und organisieren vom Bett aus unbemerkt und dennoch sehr gezielt die Familie. Ein bißchen kenne ich das Gefühl von früher, als unsere Kinder klein waren. Wenn ich dann am Wochenende in der Weiterbildung war und mich besorgt fragte, ob unsere Kinder die zwei Tage mit dem Vater überstehen. Seien sie als Leser*innen unbesorgt, sie haben alles Bestens überstanden. Mein Mutterinstikt ist sehr ausgeprägt, aber mein Mann ist durchaus auch ein toller Vater. Wie aber fühlt es sich an, wenn man für immer geht?

Photo by Ann H on Pexels.com

Am Muttertag werden die Mütter beschenkt, überschüttet, jede Sekunde Werbung fließt in die unbegrenzten Shoppingmöglickeiten. Im Kindergarten und der Grundschule werden Geschenke für die Ewigkeit gebastelt. Ich habe mir am Samstag vor dem Muttertag selber Blumen gekauft. Für mich ist dann Muttertag, wenn eines meiner Kinder sich neben mich setzt, wir Gedanken teilen. Ein Lächeln, wenn ich das Lieblingsessen koche, oder die Küche abends blitzt, ohne, dass ich es eingefordert habe. Wenn wir gemeinsam lachen, wenn ich merke, wow, sie werden ihren Weg gehen. Der Vatertag teilt sich in Deutschland den Tag mit Christi Himmelfahrt und ist immer noch leicht „Bollerwagen“ belastet und auch die Basteleien aus der Schule, waren anders. Aber er ist ebenso wichtig.

Im Hospiz sind diese Tage auch besonders. Schmerzlich wird allen bewusst, dass es auch wieder ein letzter besonderer Tag ist. Wie schon so viele bevor. Ich denke an Situationen, in denen Zugehörige Gesten der Zuneigung und Gemeinschaft ins Hospiz getragen haben. Manche Menschen sagen, dass sie nie zuvor so intensiv miteinander gelebt und gesprochen haben wie in den Tagen bei uns. Väter, die weinen, obwohl dies vorher nie der Fall war. Berührungen so sanft wie ein Wind, wenn das Leben zu Ende geht.

Deshalb versuche ich persönlich im Jetzt zu leben. Im Heute sage ich meiner Mama, dass ich sie lieb habe, umarme meine Kinder und gehe mit meinem Mann auf unserer Lebensstraße. Meinen Vater habe ich nur 4 Jahre gekannt. Deshalb denke ich an solchen Tagen auch an verwaiste Eltern und Kinder, an unerfüllte Kinderwünsche und alle die heute jemanden vermissen.

Wir vermissen weiter die Gemeinschaft im Hospiz – im Wintergarten zusammen an einem solchen Tag ein festliches Mittagessen zu genießen. Mit Blick in den blühenden Garten.
Zeit für eine Umarmung – ich wünsche euch sehr, dass gerade jemand da ist, dem ihr in den Arm fallen dürft, in Zeiten wie diesen.

Herzlich

Eure Nici

Photo by Sarah Trummer on Pexels.com
Alle anderen Fotos sind wie immer von Nici 🙂

„FREUND HAIN – Das Spiel des Lebens“

„FREUND HAIN – Das Spiel des Lebens“

„Wir werden sterben. Das ist absolut gewiss und vollkommen sicher. Aber wir wollen nichts davon wissen. Bis jetzt. Denn jetzt gibt es Freund Hain. Und unser wunder Punkt wird unsere größte Chance.“ Nach dem Riesen-Erfolg im Jahr 2019 wird das Theater an der Glocksee uns anlässlich des 25. Geburtstages erneut mit Fragen, Ideen und Vorstellungen rund um „Freund Hain“ auf anspruchsvolle und wunderbare Weise zum Nachdenken, Lachen und Leben bringen. Darauf freuen wir uns sehr und laden ein! Weitere Informationen finden Sie auf folgender Website

Theater an der Glocksee
Glockseestr. 35, 30159 Hannover
info@theater-an-der-glocksee.de

 

ABSCHIED IM HOSPIZ

Ein Artikel von Grit Biele aus der Märzausgabe des Asphaltmagazin

Mit freundlicher Genehmigung des Asphaltmagazin darf ich diesen Artikel hier heute auch einstellen. Danke, Grit, für deine Worte!

Sonnenstrahlen funkeln durch die Fenster. Sie machen das Zimmer hell und freundlich. An der Wand steht ein großer Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch stehen Fotos. Von den erwachsenen Kindern und den Enkeln. So, dass man sie auch im Liegen gut sehen kann. In der Mitte des Zimmers zwei Betten. Dicht nebeneinander. Eins ist leer. Nur eine glatt gezogene
Decke und ein Kopfkissen liegen drin. In dem anderen Bett liegt Ralf-Otto Burgdorf. Frisch rasiert und mit kurzem grauen Stoppelhaar. Er hat einen blauen Kapuzenpullover an, die Bettdecke ist bis zum Bauchnabel hochgezogen. Links neben seinem Bett steht ein Infusionsständer mit Perfusor. Über den bekommt der hagere Mann Medikamente gegen die Schmerzen. Ganz langsam, aber kontinuierlich. Auf dem Stuhl am Tisch sitzt seine Frau Ariane. Seit November 2019 wohnen die beiden gemeinsam im Hospiz Luise in Hannover.


Vor 25 Jahren hat die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim das Hospiz Luise gegründet. Es befindet sich im Hannoverschen Stadtteil Kirchrode und war das erste stationäre Hospiz in Niedersachsen. Bis zu acht Patienten kann das Hospiz gleichzeitig aufnehmen. Fünf Patientenzimmer befinden sich im Obergeschoss des Hauses, drei im Untergeschoss. Sie sind in erster Linie zweckmäßig eingerichtet, denn allein schon wegen der Hygiene müssen bestimmte Standards eingehalten werden. Und auch die bestmögliche Versorgung durch die Pflegekräfte sollte stets gewährleistet sein. Daher ist es wichtig, dass nichts im Weg steht. Um dem Zimmer dennoch einen wohnlichen Hauch zu verleihen, ist persönliches Mobiliar, wie beispielsweise der bequeme Lieblingssessel zum Ausruhen, immer gern gesehen. Für eine heimische Atmosphäre sorgen daneben ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer und der gemeinsame Essbereich im Wintergarten im Erdgeschoss des Hauses. Hier können die Patienten zusammenkommen, sich austauschen, gemeinsam essen oder auch einfach mal abschalten. »Insgesamt 17 Hauptamtliche und 27 Ehrenamtliche kümmern sich im stationären Bereich um die Belange unserer Patienten und deren An- und Zugehörigen«, sagt Kurt Bliefernicht, Leiter des Hospizes Luise.


Diagnose mit Folgen
Ralf-Otto Burgdorf ist auf pflegerische und medizinische Hilfe angewiesen. Weil der Dachdeckermeister längere Zeit mit enormen Bauchschmerzen zu kämpfen und ständig Probleme beim Toilettengang hat, lässt er sich gründlich untersuchen. »Durch Ultraschall hat mein Arzt im April 2019 dann Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt«, erzählt der 57-Jährige mit langsamer rauer Stimme. Weil diese Erkrankung lange symptomlos bleibt, ist sie tückisch. Erst spät bekommen Patienten Beschwerden wie Oberbauchschmerzen und Verdauungsstörungen. Deshalb wird Bauchspeicheldrüsenkrebs oft erst entdeckt, wenn er bereits weit fortgeschritten ist. Dann aber sind die Chancen auf Heilung meist nur noch sehr gering. Am 08. April wird der Familienvater operiert. »Die Ärzte wollten gucken, ob man noch was machen kann. Als ich wieder wach geworden bin und nicht auf der Intensivstation lag, wusste ich schon Bescheid. Es war nichts zu mehr machen. Sie hatten mich also nur aufgeschnitten, nachgeguckt und wieder zugenäht«, sagt Burgdorf. Doch aufgeben war keine Option. Ärzte prognostizieren noch drei Monate Lebenszeit ohne Chemotherapie, etwa sechs bis acht Monate mit Chemotherapie. »Ich habe mich dann für eine Chemotherapie entschieden. Ich wollte ja leben«, gibt sich Burg dorf kämpferisch. Eine Zeit voller Torturen beginnt. Die Chemotherapie schwächt den Körper, zusätzliche Erkrankungen kommen hinzu, weitere Operationen folgen. Aber es gibt auch schöne Momente. Gemeinsam mit seiner Familie geht es nochmal in den Urlaub. Nach Spanien. »Den wollte ich unbedingt noch machen. Von den 14 Urlaubstagen hatte ich dann auch fünf schöne Tage, bevor ich in Spanien für den Rest der Zeit ins Krankenhaus gekommen bin«, verrät der 57-Jährige. Vom Krankenhaus in Spanien geht es dann direkt ins Krankenhaus in der Heimat und von dort zunächst wieder nach Hause. In die eigenen vier Wände. Unterstützt wird Burgdorf ab jetzt von einem ambulanten Pflegedienst. »Die waren immer mal für zehn Minuten da, um mir mein Schmerzmittel, das Morphin, über die Pumpe zu verabreichen. Aber ich hatte den Eindruck, dass es nicht wirklich ausgebildete Pflegekräfte waren. Die Schläuche von meiner Pumpe wurden nicht ordnungsgemäß gespült, wodurch es dann zum Stau kam. Natürlich habe ich fürchterliche Schmerzen bekommen. Niemand war dann erreichbar, um zu helfen«, bemerkt Burgdorf kopfschüttelnd. Schon bald steht fest: Zu Hause geht es nicht mehr. Ralf-Otto Burgdorf kommt zunächst auf die Palliativstation in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). »Im Juni hatten wir erstmals Kontakt mit dem Hospiz Luise aufgenommen. Denn die Palliativstation ist ja auch nur eine Durchgangsstation«, betont Ariane Burgdorf. Im November dann die erlösende Nachricht: Im Hospiz Luise ist ein Platz frei geworden. Der Dachdeckermeister und seine Frau ziehen gemeinsam ein. »Das ich hier einen Platz bekommen habe, ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Diese Versorgung hier, die kriege ich sonst nirgends. Auch wenn ich zu Hause einen ganzen Harem an Frauen hätte. Was die Pflegekräfte hier leisten und wie würdevoll sie mit mir umgehen, habe ich noch nie erlebt«, schwärmt Burgdorf. Immer wieder befeuchtet er sich mit einer kleinen Sprühflasche, gefüllt mit Wasser, seinen trockenen Mund. Trinken fällt ihm mittlerweile schwer und auch das lange Reden geht nicht mehr ganz so leicht.


Individuelle Pflege und Betreuung
Bei ihren täglichen Ablaufplanungen versuchen die Mitarbeitenden im Hospiz Luise die Bedürfnisse der Patienten immer mit einzubeziehen. »Wir treffen beispielsweise Verabredungen mit ihnen, wann wir sie waschen, ob sie zu den Mahlzeiten in den Wintergarten kommen möchten oder ob sie lieber im Zimmer essen. Jeder Tag wird sehr individuell gestaltet und sieht daher immer anders aus«, erzählt Nicole Friederichsen, Krankenschwester im Hospiz. Bei all dem ist die würdevolle Begleitung zum Lebensende für alle das Wichtigste. Dabei soll die Symptomlast der Patienten so gering wie möglich gehalten werden. »Viele genießen es, in eine ruhige Atmosphäre zu kommen. Wo sie Zeit haben, mit der Familie Abschied zu nehmen. Sich mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen. In erster Linie wird hier aber erst nochmal gelebt, bevor gestorben wird«, beschreibt Friederichsen die Grundhaltung aller Kollegen. Regelmäßig kommt eine Musiktherapeutin ins Haus und hin und wieder gab es auch schon mal Konzerte für die Patienten. Aber: »Wir versuchen schon herauszufinden, was für die Patienten von Bedeutung ist oder ob sie einfach nur die Ruhe genießen möchten« betont Friederichsen.

Eine feste Größe im Haus ist der gemeinsame Mittagstisch. Jeder der kann und Zeit hat, nimmt daran teil. Patienten, der Hausmeister, die Kolleginnen aus der Pflege, Mitarbeitende aus dem Sekretariat und Besucherinnen und Besucher. »Das wird von unseren Ehrenamtlichen immer ganz liebevoll begleitet. Die sind sozusagen die Gastgeber für uns. Das ist wirklich schon ein Ritual hier«, verrät die 46-jährige Krankenschwester. Einzige Regel: man muss pünktlich um 12 Uhr im Wintergarten sein. Trotz der täglichen Konfrontation mit dem Sterben und dem Tod arbeitet Nicole Friederichsen gerne im Hospiz. Für sie ist ihr Beruf Berufung. »Ich kann mir keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. Schon als junge Auszubildende habe ich mich viel um Patienten gekümmert, die im Sterben lagen. Ich habe immer akzeptiert, und das muss man, wenn man in einem Hospiz arbeitet, dass das Leben endlich ist und das Sterben dazu gehört«, bestätigt sie.

Ralf-Otto Burgdorf bekommt nicht nur Unterstützung und Trost von den Pflegekräften und den Ehrenamtlichen. Auch seine 53-jährige Ehefrau ist immer für ihn da. »Seitdem mein Mann hier im Hospiz ist, habe ich noch nicht wieder zu Hause geschlafen«, erzählt sie etwas erschöpft. Zwar ist sie in der Zeit von 12 bis 17 Uhr regelmäßig zu Hause, kümmert sich um das Büro der Firma und geht ein Mal in der Woche in einem Steuerbüro arbeiten, den Rest der Zeit ist sie aber fast ununterbrochen bei ihrem Mann und gibt ihm Halt und Kraft. »Ich glaube, für ihn ist das Wichtigste, dass ich einfach nur da bin«, bemerkt die 53-Jährige. »Wo ich kann, unterstütze ich ihn. Ich helfe ihm beim Waschen, reibe meinen Mann mit Pflegemitteln ein, bringe Getränke mit oder wenn er Lust darauf hat, auch mal ein Eis.« Sie selbst schöpft ihre Kraft aus dem Zusammenhalt der Familie. Und: »Weil mein Mann und ich uns eben lieben. Das ist wohl das Wichtigste überhaupt«, betont sie.

Die weihnachtliche Tafel im Zimmer Burgdorf


Kurzfristige Ziele setzen
Neun Wochen wohnen die beiden nun schon im Hospiz Luise. Das Zimmer verlässt Ralf-Otto Burgdorf kaum. Die Krankheit hat ihn geschwächt. »Ab und zu bekommen die Pflegekräfte mich so stabil, dass ich meine ganze Energie aufbringe und in den Rollstuhl kann. Dadurch bin ich jetzt schon zwei Mal unten im Aufenthaltsraum gewesen und konnte gemeinsam mit anderen Patienten essen«, erzählt er. Aufgrund seiner fortgeschrittenen Erkrankung kann der 57-Jährige jedoch nur noch Miniportionen zu sich nehmen. Die meiste Zeit des Tages verbringt Burgdorf im Bett. Wasser in den Beinen und im Körper belasten ihn zusätzlich. Dafür bekommt er regelmäßige
Lymphdrainagen. »Ansonsten ist es nur ein Warten, dass ich dann würdevoll die Seite wechsle. Woanders könnte ich das wahrscheinlich nicht. Aber hier wird mir so viel Angst genommen, dass ich mich nicht fürchte, die Seite zu wechseln«, verrät der Familienvater. Seitdem der Hobby-Hühnerzüchter von seiner unheilbaren Krebserkrankung erfahren hat, hat er sich immer wieder kleine Ziele gesetzt. Nicht zu weit im Voraus. Die Ziele sollen schließlich erreicht werden. »Ich wollte unbedingt Weihnachten noch erleben. Nochmal mit der ganzen Familie feiern. Die Schwestern hier haben das dann ermöglicht. Sie haben das Zimmer so umgeräumt, dass die gesamte Familie genügend Platz hatte«, erzählt Burgdorf begeistert. Wieder befeuchtet er mit seinem Spray den Mundraum. Er wirkt erschöpft. Sein nächstes Etappenziel, Silvester zu feiern, erlebt Burgdorf ebenfalls. Und seinen Geburtstag am 04. Januar. Da kommt der Familienvater sogar noch mal nach Hause. »Das war das Schönste, was ich erlebt habe. Die Schwestern hier im Hospiz haben den Wünschewagen von den Maltesern gebucht und die haben mich dann nach Hause gefahren. Mit 75 Gästen konnte ich so meinen Geburtstag feiern«, erzählt er gerührt. Als nächstes möchte er am 24. Januar gemeinsam mit seinen Kindern Urlaubsfotos gucken. Dann kommen diese nämlich aus der Karibik zurück, von einem Urlaub, den Ralf-Otto und Ariane Burgdorf ihnen geschenkt haben, weil sie selber diese Reise nicht mehr antreten konnten. Es war das letzte Ziel, das der 57-Jährige noch geschafft hat. Einen Tag später hat Ralf-Otto Burgdorf die Seite gewechselt.

Grit Biele



Aufnahmekriterien

Jeder Antrag auf einen Platz im Hospiz wird zunächst gründlich geprüft. Klare und strenge Aufnahmekriterien sorgen dafür, dass nur diejenigen in ein Hospiz einziehen dürfen, die diese Hilfe auch wirklich benötigen. »Der Patient muss zu diesem Zeitpunkt eine unheilbare, weit fortgeschrittene Erkrankung haben und die Lebenserwartung wird nur noch für Tage bis wenige Wochen vermutet«, erklärt Kurt Bliefernicht, Leiter im Hospiz Luise. Außerdem müsse der Patient eine hohe Symptomlast aufweisen, wie Übelkeit, Schmerzen, massive Unruhe, die in der häuslichen Versorgung nicht beherrschbar ist. Und, der Arzt muss die Aufnahme in ein Hospiz aus medizinischer Sicht begründen. »98 Prozent unserer Patienten sind Krebspatienten im Endstadium. Die restlichen zwei Prozent sind neurologische Erkrankungen wie ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), MS (Multiple Sklerose) oder eine schwere
COPD (Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung)«, so Bliefernicht. Maximal sechs Monate dürfen die Patienten im Hospiz bleiben. Zeichnet sich ein längerer Aufenthalt ab, muss der Arzt erneut eine Begründung einreichen, warum die Unterbringung im Hospiz weiterhin notwendig ist. Die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten im Hospiz beträgt 19 Tage.


Hospiz in Zahlen

Die Geschichte der Hospize geht bis ins Mittelalter zurück. Ein Hospitium (lateinisch für Hospiz) war damals eine kirchliche oder klösterliche Einrichtung, die sich um Pilger, Bedürftige, Fremde, Kranke oder auch Schwache kümmerte. In Frankreich gab es 1842 eine Einrichtung, die sich erstmals speziell mit der Pflege von Sterbenden beschäftigte. 1967, also mehr als 100 Jahre später, wurde das erste stationäre Hospiz im Sinne der Palliativ Care bei London eröffnet, wo 1982 auch das erste Kinderhospiz entstand. In Deutschland wurde das erste stationäre Hospiz 1986 in Aachen gegründet. Inzwischen gibt es deutschlandweit etwa 240 stationäre Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern sowie über 1500 ambulante Hospizdienste. Finanziert wird die Arbeit in einem deutschen Hospiz durch die Kranken- und Pflegekassen. Hierfür fechten die Betreiber regelmäßig Bedarfssatzverhandlungen aus. 95 Prozent der Kosten übernehmen dann die Kassen, fünf Prozent muss der Betreiber über Spenden und über das Ehrenamt selbst finanzieren. Patienten zahlen für ihren Aufenthalt im Hospiz nichts.

Danke an Grit Biele für diesen großartigen Artikel, Danke an Familie Burgdorf für die Bereitschaft so offen einen ganz persönlichen Teil ihres Lebens mit uns zu teilen, Danke an die Asphalt Redaktion und Georg Rinke. Danke, dass ich das hier im Blog teilen durfte!

Herzliche Grüße

Eure Nici

Ostern im Hospiz

Meine erste Aufgabe gestern im Dienst, war mir eine Stoffmaske im Dienstzimmer auszusuchen. Wie ein Teenager bin ich dann zum Wäscheständer im Keller gegangen und habe mir ein wunderschönes Rosenmusterexemplar für den Tag gegriffen, in der Kiste war eben nicht das Richtige dabei.
Ostern im Hospiz. Das ist normalerweise voll von Grün, Blumen, grandioser Dekoration, Eiern mit Namensgravuren, einem Haus voller Besucher*innen, Freude, Geschenken und Festmahl. Auferstehung feiern, jeder auf seine Weise.
Eigentlich schmückt unser Haus zu den Festen Susanne. Susanne arbeitet ehrenamtlich bei uns. In diesem Jahr hat sie uns die Tasche mit der Deko dagelassen und die Nachtschwestern haben das Werk begonnen und wir im Frühdienst haben es beendet. In Ermangelung von Zweigen bin ich früh morgens mit der Gartenschere losgelaufen und habe einige überstehende Zweige mitgenommen. Ein Miniosterstrauch.

Unsere Ehrenamtlichen fehlen uns. Wir ihnen auch. Das sagen zumindest die Karten, die jede Woche bei uns eintreffen. Unseren Patienten und Besucher*innen fehlen die Mitarbeitenden auch. Die schon an der Tür ein freundliches Wort haben. Wissen wo die Besucher*innen hinwollen. Die informiert sind über die aktuellen Ereignisse und die immer ein Ohr haben. Auch für Nichtgesagtes. So eine wertvolle Ressource – einfach weg. Genauso in unseren ambulanten Diensten. Wie verzweifelt die Menschen sich Unterstützung wünschen und dann können Sie diese nicht bekommen. Vielleicht noch telefonisch. Corona bestimmt unseren Rhythmus.

Eine Kollegin vom Bundesverband Trauerbegleitung hat in diesen Zeiten eigens ein Konzept mit einer Gruppe sehr aktiver Menschen entwickelt. Chris Paul und ihr Team bieten eine telefonische Unterstützung für Menschen mit Covid 19 an, die in Quarantäne sein müssen, deren Angehörige und auch für medizinischem Personal. Das lohnt sich in jedem Fall weiterzusagen, deshalb sind hier auch die Informationen dazu. Wir erleben täglich die große Trauer und Last der Angehörigen und Patienten. In der ambulanten Versorgung und in Pflegeheimen potenziert sich das noch. Wenn ihr also jemanden kennt, der erkrankt ist oder in Quarantäne und jetzt Beratung und Hilfe gebrauchen kann – sogar täglich, dann meldet euch dort!

Zurück zu uns. Auch wenn wir nicht in der gewohnten Fülle gefeiert haben, so haben wir doch in einem Moment der Achtsamkeit die Osterkerze entzündet. Eine Riesenkiste mit Schokolade für alle Mitarbeitenden zum Mitnehmen, gestiftet von Ikea Burgwedel, erhellt die Gesichter. Meine Freundin Amely hat den Kontakt vermittelt und Mitarbeiterin Nicole hat mir eine Wagenladung Schokolade geschenkt. Diese kleinen Gesten sind ganz groß in Zeiten wie diesen.
Die Patient*innen haben immerhin ein buntes Ei erhalten und sich beim Ausflug auf die Terrasse an den kleinen Dekorationen im Haus erfreut.
Einige haben auf Nachfrage auch erzählt, was Ihnen Ostern bedeutet. Wie sie es in den Jahren vorher immer gefeiert haben.

Gibt es ein Leben nach dem Tod? In einem Hospiz wird diese Frage oft gestellt. Wir sind nah dran an dem, was danach kommt. Dennoch weiß es keiner genau.
Wie geschockt waren die Frauen damals, als Jesus nicht in der Grabhöhle zu finden war. Darüber haben meine Kollegin Elisabeth und ich beim Frühstück gesprochen. Ich sagte, „vielleicht waren sie gar nicht so erschrocken, weil sie auch viele Wunder erlebt haben“. Wunder gibt es heute auch noch, aber die Menschen sehen sie nicht richtig. Das war unsere Quintessenz.

Morgen werde ich im Büro arbeiten und dann endlich sagen können, was ihr vor Ostern für mein Wohnzimmerkonzert gespendet habt! Ich bin sehr gespannt und freue mich, dass ihr das Video mit Matthias Brodowy immer noch schauen könnt. Besonders an so einem kalten Ostermontag.
Herzliche Grüße
Eure Nici

Fotos: Nici´s Handykamera

Letzte Fragen

Sechsmal habe ich den ersten Satz gelöscht. Wenn ich an Herrn B. denke, dann sehe ich sein Lächeln. Ich muss gerade schmunzeln, denn als ich mal den Perfusor gewechselt habe, da hat er mir das Bett hochgestellt, weil ich ja auch an meinen Rücken denken muss.
Herr B. ist verstorben. Vorher haben er und seine Frau ein Interview gegeben. Für das Asphalt-Magazin. Einige Kolleg*innen und ich waren auch dabei. 4 Seiten sind in der aktuellen Ausgabe.

In Würde sterben. Und im Kreise der Liebsten. Das wünschen sich die meisten. Vor allem aber ohne Qualen. Doch gerade Krebspatienten haben meist einen Leidensweg vor sich. Mit Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Für sie ist ein Hospizplatz oft ein Gewinn. Ein Besuch im Hospiz Luise, einem von deutschlandweit 240 Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Wir haben mit Sterbenden, Angehörigen, Leitern und Schwestern gesprochen. Eine Asphalt-Geschichte – hart an der Grenze.

Wir planen in diesem Jahr eine Benefizveranstaltung mit Asphalt. Da lag es nahe, dass uns der Geschäftsführer Georg Rinke gemeinsam mit seinem Team auch einen Raum in der Asphalt gegeben hat. Dafür bin ich sehr dankbar, es ist nicht selbstverständlich, dass so ausführlich über unsere Arbeit berichtet wird.

Als der Anruf von Grit Biele kam wollte sie natürlich gerne ein Patienteninterview. Ich hatte Frühdienst und eigentlich konnte es nur Herr B. sein. Erst habe ich seine Frau gefragt, ob sie denn auch mitmachen würde. Dann bin ich ins Zimmer. Da lag er dann und hat mit einer Selbstverständlichkeit zugesagt, dass mir kurz der Atem wegblieb. Eine flammende Rede, dass wir doch darüber reden müssen. Über den Tod, das Sterben und wer soll es denn sonst machen? Unsere Kinder gehen auf die Straße, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Da wollte er auch was tun. Klartext reden. Nichts beschönigen. Grit Biele hat das eingefangen. In einen Text, den man gelesen haben sollte.

Diese Bilder hat mir Georg Rinke geschickt. Als er die druckfrische Asphalt schon in den Händen gehalten hat. Das hat Georg sehr berührt, wie er mir geschrieben hat.
Ich habe den Artikel das erste Mal im Hans-Lilje-Haus während eines Seminars gelesen. So viele Erinnerungen wurden wach. Diese Familie hat mich bewegt. Wie auch andere Familien, die in dieser Zeit bei uns waren. Samstagmorgens mache ich im Dienst gerne Spiegelei. Frau B. hat sich auch immer darüber gefreut. „Wie im Hotel“, hat sie dann immer lächelnd gesagt. In all dem Schweren versuchen wir mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass wir da sind. Jeder auf seine Weise. Das macht die Begleitung in unserem Haus aus meiner Sicht so wertvoll.
Weihnachten zum Beispiel. Da haben wir das angelieferte Festmahl vorbereitet. Aufgewärmt, in Schüsseln gefüllt. Gans oder Grünkohl – jedem sein Lieblingsessen. Die Familie hatte den Tisch liebevoll gedeckt und ich habe gefragt, ob ich ein Foto für den Blog machen darf. Wieder kam aus dem Bett von Herrn B. ein „Natürlich!“
Eine Familie, die auch uns bedacht hat. Mit viel Dankbarkeit und kleinen Geschenken. In all dem Schweren kamen die Gesten auch aus der anderen Richtung. Beeindruckend, was für Kräfte manchmal in uns sind.

Die Trauerfeier von Herrn B. habe ich leider nicht besucht. An dem Tag hatte ich Spätdienst und zweiteilen kann ich mich noch nicht. Ich war mit meiner Kollegin Heike auf einer anderen Trauerfeier, die zufällig am selben Tag stattfand und mir ebenfalls sehr wichtig war.
Wir hatten noch Zeit und sind über den Friedhof gegangen. Haben Inschriften auf Gräbern studiert. Gerne hätte ich bei einigen gewusst, wer sie waren, wie sie gelebt haben. Was bleibt am Ende von unserem Leben?
Liebe.
In liebevoller Erinnerung bleiben die Meisten von uns in einem Herzen. Herr B. hat sich auch in mein Herz geschlichen. Was für eine besondere Begegnung. Danke Leben.

Also, Asphalt kaufen nicht vergesssen, gerne schicke ich auf Anfrage auch eine zu – schreibt mir einfach eine Mail.

Herzlich,

Eur Nici

DELLA

hoffnungsvoll & seelenschwer

Ein Ausstellungsname, der mir vor drei Jahren in den Kopf geflogen kam und mich seitdem eng begleitet. Neben meiner hauptamtlichen Tätigkeit im Hospiz Luise bin ich ehrenamtlich geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Bundesverband Trauerbegleitung. Für diesen Verband bin ich von Samstag bis Mittwochnacht unterwegs gewesen. Auf der alljährlichen Jahrestagung im Hans-Lilje-Haus in Hannover haben wir ein buntes Programm gehabt, und ebenso bunt war der Austausch und die Diskussionen über Qualität in der Trauerarbeit. Ein Vortrag in der Marktkirche mit Prof. Dr. Luise Reddemann hat die Tagung abgerundet.

Im Hospiz ist Trauer auch ein großes Thema. Seelenschwer. Manchmal fließt die Trauer wie ein grauer Nebel durch das ganze Haus und wird immer wieder unterbrochen durch kleine Sonnenstrahlen. Ich bin froh gut ausgebildet zu sein, das ermöglicht mir Trittsteine für die Trauer zu legen. Behutsam zu erzählen, was guttun könnte. Sich zum Beispiel Zeit zu nehmen. Am Bett. Auch wenn der geliebte Mensch schon verstorben ist. Begreifen. Durch Berührung. Das ist schwer für viele. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich erlebe, dass Menschen über sich hinauswachsen. Aushalten. Dann spüre ich die Liebe und all die anderen Gefühle und muss auch gut auf mich achten. Als Krankenschwester darf ich nicht im Nebel untergehen. Betroffen sein und dennoch professionell agieren. Manchmal ein Drahtseilakt, aber ich ja auch einen Schirm dabei. Der steht für mein Team. Wie viel Tod verträgt das Team? Dazu wurde sogar schon geforscht.

Gestern dann nach Düsseldorf. Eine Einladung zur Eröffnung meines Ausstellungsprojektes. Es war schön, dass eine Teilnehmerin des Projektes, Bettina Attenberger, mit mir aufgebaut hat. Sonnenschein, Gelächter, das Team des stationären Hospizes und Koordinatorinnen des ambulanten Hospizdienstes haben uns unterstützt. Hoffnungsvoll. In der schönen Heilig Geist Kapelle entstand unter unseren Händen die ganz eigene Zusammenstellung des katholischen Netzwerkes für Palliativ- und Hospizarbeit Düsseldorf. Da wurden so viele wunderschöne Details aus dem stationären Hospiz und von zuhause mit eingebracht. Für den einen war die gerade Ausrichtung der Rahmen wichtig, andere haben bunte Lichter als Akzente gesetzt und wieder andere haben die Exponate liebevoll in der Kapelle untergebracht. Danke an Herrn Pfeiffer für die wunderbare und perfekte Organisation. Ich freue mich, dass ich Anita, Ulla, Dirk und Herrn Conrads an meiner Seite hatte. Was für eine wunderbare Begegnung mit euch!
Abends dann noch meine Kollegin Walburga Schnock-Störmer an meiner Seite, es gab wunderschöne Musik und einen eindrucksvollen Tänzer. Es waren viele Interessierte vor Ort, ein gelungener Auftakt.

Die Teilnehmenden der Ausstellung haben über Trauer geforscht, geliebte Menschen verewigt. Haben durch ihr Ausstellungstück ihre Verbindung mit dem Verstorbenen sichtbar gemacht. Trauer ins Leben integrieren, ein großes Thema. Einige Exponate sind auch von Kolleg*innen aus meinem Hospiz. Das erfüllt mich beim Aufbau jedesmal mit Dankbarkeit. Britta, Mandy und Maike haben wie alle anderen Teilnehmer*innen ein Stück ihrer Trauer oder ihres Lebens preisgegeben. Danke euch allen dafür!
Das macht die Ausstellung so individuell, so bunt, so überraschend, so traurig, so informativ, eben so hoffnungsvoll & seelenschwer. Genau wie das Leben. Genau wie die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen.

Abends habe ich mich spontan entschieden noch nach Hause zu fahren. Knapp 300 km, auch wenn ich so viele reizende Alternativübernachtungsmöglichkeiten angeboten kam (von Sofa bis zum Hospizgästebett). Ich war nach den Begegnungen der letzten Tage wie ein volles Gefäß und bin hellwach gewesen.
Das wünsche ich jedem von euch. Begegnungen und Momente der Achtsamkeit, die euch auffüllen. Mit Glück, Liebe, Freude und Leben.

Herzlich,
Eure Nici

P.S. Natürlich kann man die Ausstellung auch ausleihen! Das solltet ihr sogar, es lohnt sich wirklich 🙂
Fotos: Bettina Attenberger, Walburga Schnock-Störmer und ich 🙂

Bilder

Gestern kam ein Fotoalbum bei mir zuhause an. Die letzten Jahre im Zeitraffer. Ich habe es mit meiner Tochter angesehen, mein Mann hat sofort seine Brille gesucht und wir haben die Momente an uns vorbeifliegen lassen. Schöne Erinnerungen, ich habe bunt gelebt im letzten Jahrzehnt.
Das fällt mir auch immer wieder in meiner Arbeit auf. Unsere Patienten bringen ihre Biografie mit. Nicht nur in Erzählungen und Worten, sondern auch in Bildern. Die stehen in Rahmen auf dem Nachtschrank, hängen am Schrank oder füllen ganze Wände. Lachende Enkelkinder, Hochzeitfotos in alten Rahmen. Kalenderblätter und andere digitale Wunderwerke.

Ich weiß nicht, ob Sie sich das als Leserinnen und Leser vorstellen können. Manchmal sind die Menschen nur sehr kurz bei uns. Dennoch gibt es diese besonderen Momente, in denen wir Teil des Lebens werden, weil wir ein Stück davon erzählt bekommen. Tragische, komische, interessante, aufwühlende, belastende, hoffnungsvolle und erfüllende Geschichten.
Das beginnt auch mal, wenn wir über ein altes Bild sprechen, das da im Zimmer steht. Wann war das denn, wer ist das noch? Wo haben Sie da gelebt. Wenn wir unsere hospizliche Begleitung in einer Sanduhr des Lebens darstellen, dann sind wir da, bevor das letzte Sandkorn fällt. Zu sehen, was dann bleibt, was wichtig ist und vor allem wer, ist für mich sehr beeindruckend.

Keiner von uns weiß genau, wann wir gehen müssen. Keiner weiß, wer einem am Ende sehr nah kommt. Wir sind sehr viele Kolleg*innen und ich glaube, das macht es für unsere Patienten einfacher einen Menschen zu finden, mit dem sie vielleicht noch einmal etwas teilen möchten.
Das sind diese Sternmomente, wenn da eine tiefe Vertrautheit und Ruhe zwischen den Menschen und mir herrscht und sich vielleicht noch einmal etwas bewegt. Eine Situation werde ich niemals vergessen. Ein junger Vater hatte das Foto seiner Tochter an seinem Bett. Vor seinem Tod wollte er sie nicht mehr sehen, ihr die Belastung ersparen. Alles war gesagt.
Ich war gar nicht für ihn zuständig, aber als er klingelte, war ich dann doch in diesem Zimmer. Schon nach 1 Minute waren wir im Gespräch über die Situation. Wir sprachen darüber, dass seine Tochter diesen Schritt vielleicht in einigen Jahren bereut, vielleicht war doch nicht alles gesagt. Mein Vorschlag war, er solle noch einen Brief schreiben. Etwas, dass sie auch Jahre später immer wieder in die Hand nehmen könnte. Man spürt, wann es Zeit ist zu gehen und gesprochene Worte wirken zu lassen. Also ging ich. Ohne ein Ergebnis.
Kurze Zeit später kam meine Kollegin die Treppe runter, suchte im Dienstzimmer nach Briefbögen. Das war für Zimmer 8. Ein Brief wurde geschrieben. Ein Brief, der auch Jahre später in einer Schublade liegen würde, immer greifbar – darüber die Bilder. Bilder die Etappen eines Lebens zeigen. Welche Bilder würden da bei Euch stehen?

Herzlich,

Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich

Das Hospiz-Mobile ist stetig in Bewegung

Heute gibt es einen Bericht der Pflegedienstleitung Maike Dudek, der auch in der Festschrift zu lesen ist.

Den PDL-Stab übergab mir mein Vorgänger Guido Cremer im Jahr 2012. Zuvor war ich schon als Krankenschwester einige Jahre im Hospiz Luise tätig.
Mit Freude und Motivation übernahm ich ein Team, das schon lange und beständig miteinander arbeitete. Größtenteils Pioniere, die mit Werten und Prinzipien der Hospizarbeit angetreten waren, für die sie leidenschaftlich brannten.
Immer neue Herausforderungen auf den verschiedensten Ebenen mussten im Laufe der vielen Jahre gemeinsam gemeistert werden; nicht nur hausinterne, sondern auch solche, deren Entstehung in der deutschen Gesundheitspolitik und Bürokratie zu suchen sind. Das hat auch die Arbeit im Hospiz Luise an der einen oder anderen Stelle geprägt. Darüber hinaus war die Hospizarbeit im Hospiz Luise aus den Kinderschuhen gewachsen. Zunehmende Professionalisierung und Differenzierung der Aufgaben machten auch vor dem Team nicht halt. Die unausgesprochene Parole „Jeder macht alles“ aus den Anfangsjahren wich zunehmend Zuschreibungen zu einzelnen Personen im Haus. Das brachte für die einen im Team Befreiung, für andere sicher auch ein Stück Umdenken und schmerzliches Loslassen von Traditionen. Das inzwischen umfassende und wichtige Thema Qualitätsmanagement macht dieses an vielen Stellen bis heute hin sichtbar.

Gütesiegel – Maike Dudek und Susanne Dörfler (Mitte)

Eine ganz andere und besondere Erfahrung der letzten 15 Jahre war für alle die Zeit der Auslagerung in die Berta- Klinik von 2011-2012. Aus dem gemütlichen Kirchrode im Grünen ging es mitten in das Zentrum von Hannover in ein Klinikgebäude. Hier war die große Kreativität und Kompromissbereitschaft aller Mitarbeitenden gefragt, was zum Gelingen beitrug. Aus- und Einzug waren für das gesamte Team, sowie für
Patient*innen und Zugehörige natürlich eine Belastung, die aber bald neben der großen Freude, wieder „zuhause“ zu sein, vergessen war. Das Hospiz erstrahlte nach seiner Sanierung in neuen Farben und Formen, die die Mitarbeitenden in vielen Bereichen maßgeblich mitbestimmen konnten. Das hat sicherlich die Verbundenheit mit dem Haus für sie noch mehr intensiviert.

Umzug in die Bertaklinik

Trotz der geringen Fluktuation im Personalbereich gab es auch seit 2005 immer wieder Veränderungen, zumeist aufgrund des biologischen Werdegangs – sprich Rentenalter – des einen oder anderen. Einige Pioniere der ersten Stunden verließen das Hospiz- Mobile. Aber auch veränderte Lebenspläne einzelner führten zu Neubesetzungen im Kreis der Mitarbeitenden in allen Professionen, wie z.B. meine Position als Pflegedienstleitung. Durch Weggang und Ankunft neuer Mitarbeitenden geriet das Personal-Mobile immer wieder in Schwingung, mit mehr oder weniger Ausschlägen, weil die Teilchen im Rhythmus miteinander geschwungen sind, sich verbunden haben, oder sich auch mal verheddert haben. Nach jeder unruhigen Schwingungsphase pendelte sich das Mobile wieder in ruhige Bewegungen ein, die immer auch eine stetige Weiterentwicklung in allen Bereichen ermöglichten.

Aber von allen Veränderungen ist das oberste Ziel – die letzte Lebensphase und das Sterben – von Patient*innen so würdevoll wie möglich und mit Lebensqualität zu gestalten, unberührt geblieben. Dafür braucht es neben Fachwissen, Einfühlungsvermögen auch Kreativität. Sich einzufühlen und hinzuhören: was können wir – neben medizinischer und pflegerischer Versorgung – noch tun? Einen Konzertbesuch zu Elton John begleiten, einen letzten Ausflug in die eigene Wohnung professionsübergreifend unterstützen oder einen Überraschungsauftritt einer Tanzgruppe zum Geburtstag einer Patientin, die selbst lange getanzt hat, organisieren. Und das hat sich in 25 Jahren auch nicht verändert: der leidenschaftliche Wille, einen letzten Herzenswunsch zu ermöglichen!

Das zeigt, dass der Kern unserer Arbeit im Hospiz von den kleinen und mittleren Stürmen, die das Team im Hospiz Luise in den letzte Jahren erlebt hat, unberührt geblieben ist. Diese Erkenntnis ist tröstlich, und macht Mut für die Zukunft!
Maike Dudek Pflegedienstleitung

Maike Dudek

Fotos: Hospiz Luise, Pixabay und ich