Zwei Schweine packen aus

Mich haben zwei Schweinepaten gebeten die Geschichten ihrer Schweine weiterzugeben. Lest doch mal rein und vielleicht möchtet ihr auch so ein Schwein kennenlernen und ausleihen? Dann schreibt mir doch eine Nachricht an 25jahrehospizluise@gmx.de
Danke an Kerstin und Uwe, dass ihr so gut zuhören könnt und uns daran teilhaben lasst!

Das Luther-Festschweinchen

Ich möchte auch von ein paar „Schweinereien“ berichten, die ich in diesem Hospizgeburtstagsjahr bisher erlebt habe …
Hier in meinem Stall werde ich das „Luther Festschweinchen“ genannt 😊. Schon im November bin ich nach Luthe gezogen und konnte am 9.11.19 meine erste Lagerfeuerparty erleben. Meine Freunde Kerstin und Detlef haben´30 Jahre Mauerfall` gefeiert und zu Soljanka, Quarkbällchen, Hallorenkugeln und Getränken eingeladen. Die Gäste sollten statt Mitbringseln nur für mein Futter sorgen und haben das gern getan.

Nun kannte mich der Freundeskreis der beiden und war nicht verwundert, daß ich im Advent beim Krippensingen wieder mit dabei war – Ursel und Willi hatten geladen und ich danke für den Glühweinobulus in meinem Bauch.

Da wegen der Coronaeinschränkungen die Geburtstagsfeiern eher klein ausgefallen sind, gab es erst an Pfingsten wieder eine Gartenparty. Diesmal wurde gegrillt und später noch am Lagerfeuer gesessen. Statt Gaben fürs Buffet sollte wieder Futter für mich dabei sein – und alles war sehr lecker…😊
Ich danke allen, die ich bisher in Luthe kennenlernen durfte, daß sie sich immer etwas einfallen lassen, mir eine Freude zu machen. So bin ich schon gespannt auf die nächsten Treffen, bevor ich im November wieder in meinen Heimatstall Hospiz Luise ziehe…

Mein Schweineleben in der Haarschneyderey zu Burgdorf

Als ich im November 2019 in mein neues Zuhause, der Haarschneyderey zu Burgdorf, gebracht wurde, war mein Magen total leer. Meine neuen Pflegeeltern, Nicole Lang und Martin Sniehotta, die dort arbeiten, gaben mir einen super Platz auf der Fensterbank, der mir einen Rundumblick erlaubte.Das Geschehen im Arbeitsraum und auf der Straße konnte ich von dort aus gleichermaßen gut beobachten.Viele Menschen, die ich dort kennenlernte, waren daran interessiert, dass es mir gut ging. Ich wurde gerne und oft gefüttert. Besonders in der Adventszeit meinten es viele mit einem hungrigen Schwein gut. Auch Nicole und Martin haben ihr Essen oft mit mir geteilt.

Gerne haben die beiden ihren Kunden etwas über mein Elternhaus, dem Hospiz Luise, warmherzig erzählt. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Viele Kunden wussten gar nichts über die Arbeit im Hospiz, weil sie Angst vor dem Thema „Sterben“ haben. Aber es gab aber auch andere, die durch eigene Erfahrungen mit ihren Angehörigen vom Hospiz Luise wussten. Sie haben sich sehr lobend über die Menschen, die dort arbeiten, geäußert.

Sie fühlten sich in der schweren Situation gut begleitet. Besonders die liebevolle Pflege ihrer kranken Angehörigen hat sie sehr beeindruckt. Auch die Atmosphäre mit bunten und fröhlichen Farben im ganzen Haus empfanden sie sehr angenehm. Darüber habe ich mich ganz doll gefreut.

Da ich noch nicht so schnell zurückkommen werde, nutze ich diesen Weg, den Mitarbeiter*Innen  im Hospiz weiterzugeben, wie positiv die Meinung der betroffenen Menschen über ihre Arbeit war.

Nicole hat mich auch zu einem Geburtstag mitgenommen, wo ich alle „Geschenke“ auffuttern durfte. Das war auch ein Festtag für mich.Ich freue mich darauf, noch eine ganze Weile auf meinem schönen Fensterplatz bleiben zu können, Geschichten zu hören, Menschen kennen zu lernen und bin dankbar, wenn die Kunden von Nicole und Martin mich (trotz Corona) weiter füttern würden.
Viele Grüße vom Schweinchen aus der Haarschneyderey zu Burgdorf
Uwe Lang  ( mir hat das Schweinchen seine Geschichte erzählt)

Danke an alle meine Schweinepaten und ich grüße euch alle herzlich,

Nici

Familienfest

Ostern ist in vieler Hinsicht ein besonderes Fest. Die Kirche feiert die Auferstehung von Jesus Christus. Die Fastenzeit endet. Familien kommen zusammen und feiern gemeinsam im jungen Frühling . Kinder suchen hierzulande im Garten die Osternester. Der Papst spendet von seinem Balkon den Segen Urbi et orbi. Geschmückte Frühlingszweige, Osterhasen, Leckereien.
Dieses Jahr ist vieles anders. Dennoch für viele von uns kein Grund zu klagen. Wir leben in diesem reichen Land und sind sehr gut versorgt. Wir hungern nicht, und wenn doch, gibt es wundervolle Menschen, die versuchen auch den Schwächsten zu helfen. Die Krankenhäuser und das Personal wachsen zusammen und über sich hinaus. Unternehmer*innen haben in diesen Tagen begründete Ängste, ebenso alle Selbständigen und Selbständige. Es werden harte Zeiten kommen. Nicht das erste Mal.

Im Hospiz haben die Patient*innen oft noch Ziele vor Augen. Oft sind es Familienfeste. Ein Geburtstag, die Geburt eines Enkelkindes. Eine Hochzeit für die das Kleid schon zuhause im Schrank hängt. Ich bin immer wieder verwundert, welche Kräfte ein geschwächter Körper doch entwickeln kann, wenn er Zeit gewinnen möchte.
Sehr gut kann ich mich an eine Mutter erinnern, die unbedingt wollte, dass ihre kleine Tochter getauft wird. Eigentlich ein großes Familienfest. Ein Termin war schnell gefunden und die Paten eingeladen. Der Pastor informiert, die Taufkerze war in Arbeit. Dann hat sich der Zustand der Patientin drastisch verschlechtert. Uns war klar, wir können den angestrebten Termin nicht halten.
Plan B. Unser Seelsorger, Paten vorbestellen, Kerze schneller fertig machen. Für das kleine Zimmer waren wir sehr viele Menschen.
Heute wäre das gar nicht möglich. Vielleicht per Skype. Mit Mundschutz.
Doch das war eine andere Zeit. Wir haben gemeinsam gesungen, ich habe Bilder mit dem Handy des Vaters gemacht. Die Mutter hatte schon seit einigen Stunden nicht mehr reagiert. Doch unser gemeinsames Ritual hat sie lächeln lassen. Wohlwissend, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war. In solchen Momenten weine ich auch. Da kann ich gar nicht anders. Wir alle waren so gerührt. Da war auch Freude, nicht nur Trauer. Leben.

Gestern habe ich vor Ostern meine Mama getroffen. An einer Raststätte. Sie ist viel allein, aber sie ist es auch gewöhnt und schlägt sich tapfer. Wir sind ein Stück gegangen, sie hat geweint. Soviel Nähe trotz unserer Distanz an die wir uns gehalten haben.
Ostern wird sie nicht kommen. Wir werden auch nicht die Mutter meines Mannes besuchen. Das erste Mal seit Jahren habe ich wieder einen Osterstrauß geschmückt. Ich bin schon gespannt wie es im Hospiz aussehen wird, wenn ich Sonntag meinen Dienst wieder antrete.

Im Hospiz tragen wir jetzt immer Masken. Tanzen den Mindestabstand ohne eine Musik, bewegen uns vorsichtig um einander herum. Versuchen die emotionale Last unserer Patient*innen zu lindern.
Alle gemeinschaftlichen Rituale sind dahin. Kein Osterschmaus im Wintergarten mit fröhlichen Gesichtern. Vor einigen Jahren habe ich an Ostern alkohlfreien Sekt getrunken, die ganze Tafel war voll, wir haben gelacht, gescherzt und am Ende war ich glückselig und hatte einen gefühlten Schwips. Leben.
Meine Gedanken sind dieser Tage bei den Menschen in Ländern, in denen eine gute Versorgung nicht gewährleistet ist. Die kein Wasser zum Händewaschen haben und keinen Platz, um einen Mindestabstand zu gewähren. Deren Chancen von vorneherein schlecht stehen.
Ja, die Krise ist schlimm. Ja, es werden Menschen sterben. Ja, es sind sehr viele Menschen in großer Trauer und haben Angst. Ja, ich finde es mitunter auch sehr bedrückend und denke auch an Menschen, die existentiell in Not geraten. Dennoch, wir werden weiterleben. Gestärkt. Achtsamer. Mehr Miteinander. Langsamer. Leben.

Wo immer ihr auch seid, ich wünsche euch gesegnete und behütete Tage im Kreise derer, die möglich sind. Ich freue mich auf Ostern im Hospiz und nach Dienstschluss mit meiner kleinen Familie. Ich werde euch natürlich ein paar Bilder senden und einen Lagebericht geben. Es wird ruhiger als sonst, aber vielleicht auch gerade deshalb ganz besonders intensiv.
#stayathome

Herzlich Eure
Nici

Bilder: Pixabay und ich 🙂

Wege

Mein Name ist Manuela Mehrtens und seit 23 Jahren darf ich hier im Hospiz Luise als Krankenschwester arbeiten. Zuvor war ich lange Zeit in einer großen Klinik in Hannover tätig. Damals fragte ich mich immer wieder – gibt es einen Ort, an dem Menschen in Würde, selbstbestimmt und mit erfüllten Tagen ihre letzte Lebenszeit verbringen können, wenn dies nicht zuhause möglich ist?

Jahre zuvor war ich durch einen Benediktinermönch auf den geplanten Bau des Hospizes aufmerksam gemacht worden. Bruder Willibrord war den Menschen auf meiner Klinikstation immer wieder ein großer Seelentröster. Nach einigen Gesprächen und Begegnungen mit ihm machte ich mich auf den Weg und fuhr mit meinem Käfer zu diesem Hospiz.
Dort stand die damalige Gründerin Sr. Katharina Maria an ein Auto gelehnt und ich sprach sie an und zeigte mein Interesse an der Hospizarbeit. Tage später durfte ich Probe arbeiten und was soll ich sagen, es war einfach so wohltuend diesen Dienst tun zu können und dürfen.
Die Begegnungen waren leicht und voll Wärme und Offenheit. Das Thema Tod wurde in den Alltag integriert und ja, mir viel gleich auf, hier wird gelebt und es darf auch gelacht werden neben den traurigen Momenten.

23 Jahre später komme ich immer noch sehr gerne an diesen Ort, um mich mit meinen Möglichkeiten einzubringen, Menschen auf unterschiedliche Weise zu begleiten. Neben traurigen Momenten habe ich so viele schöne und bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Von einer Geschichte möchte ich gerne ein wenig erzählen. Eine junge Mutter war bei uns Patientin und bevor sie zu uns kam, sorgte sie für einen Pflegeplatz für ihre 12jährige Tochter. Als es ihr schlechter ging und der Geburtstag der Tochter anstand, war es für sie ganz wichtig, den neuen Lebensort der Tochter noch einmal zu besuchen und dort mir ihr zu feiern.
Gesagt – geplant – gemacht.
Meine Kollegin Brigitte und ich fuhren gemeinsam mit ihr in unserem neuen Caddy durch die Winterlandschaft. Sie mochte Peter Maffay und es war klar, dass seine Musik mitmusste. Gut gelaunt kamen wir an und wurden schon von einigen kleinen Erdenbürgern aufgeregt erwartet. Jeder hatte eine kleine Tischkarte auf dem Teller: „Mama, Pflege 1 und Pflege 2“ 🙂
Ein kleiner Mitbewohner, ca. 4 Jahre alt, sollte ganz verhalten und schüchtern fremden Menschen gegenüber sein. Nach ein paar Minuten hörte ich ihn mit Brigitte in seinem Zimmer auf dem Boden Auto spielen und laut brummen. Ich durfte die kleinste Dame (ca. 1,5 Jahre) auf dem Schoß halten und wir probierten uns an Seifenblasen.
Frau R., unsere Patientien, strahlte inmitten der Geburtstagsgesellschaft und ihre Tochter Julia hatte soviel zu erzählen und war glücklich über die mitgebrachten Geschenke. Sie spielte Fußball und so gab es auch ein cooles Trikot. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende und als wir auf dem Heimweg waren, äußerte Frau R. den Wunsch so gerne nochmal zu Mc Donalds zu wollen.
Gesagt – getan- begleitet von Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehen“
Ich glaube sie hatte zwei Riesenburger- viel zu viel an Menge- aber einfach nur glücklich für den Moment.

Eine kurze Zeit verging und als ihre letzte Lebensnacht begonnen hatte, saß ihre eigene Pflegemutter an ihrem Bett und sang ihr Kinderlieder vor, bis der letzte Atemzug geschehen war. In dieser Nacht hatte ich Nachtdienst und trotz aller Traurigkeit war es ein so großes Geschenk, diese tiefe Verbundenheit und Liebe zwischen zwei Menschen erleben zu dürfen.
Im nächsten halben Jahr gab es noch einen Besuch bei Julia, die uns das Grab ihrer Mama gezeigt hat. Zu unserem traditionellen Sommerfest kam Julia dann auch und flog mir in die Arme, um mich zu begrüßen. Das sind so unglaubliche Momente, die mich bewegen und in denen ich weiß, dass das was ich hier gemeinsam mit einem tollen Team tun darf, etwas ganz Besonderes sind. Dankbar bin ich für all die Begegnungen und diese besonderen Momente im Leben von Menschen, die ihr Vertrauen in unsere und meine Hände legen und meistens bewusst ihren letzten Weg gehen.

Carpe diem
Manuela Mehrtens

P.S. Danke für diesen schönen Text, bis bald
Herzlich,
Nici

Silvester im Hospiz

In diesem Jahr habe ich Weihnachten gearbeitet. Deshalb habe ich Silvester frei. Das sind die Regeln im Schichtdienst – meistens klappt das ganz gut. Letztes Jahr hatte ich am 31.12. Spätdienst und am 01. Januar Frühdienst. Das lasse ich jetzt gerne nochmal kurz für Euch Revue passieren:

Silvester im Hospiz- heute übernachte ich nach dem Spätdienst hier und habe morgen Frühdienst. Mit meiner Kollegin, so ein bisschen Pyjamaparty mit Wein und Chips. Wir haben Berliner zum Kaffee gehabt, mit unserem Ehrenamtlichen Karsten und Patient*innen über Traditionen gesprochen. Auch was wir um Mitternacht denen wünschen, die kein glückseliges ganzes Jahr mehr haben werden.
Einen lichtvollen und warmen Neujahrstag vielleicht. Die Stimmung ist gar nicht so traurig wie ich erwartet habe.

Wir haben gerade „stabile“ Verhältnisse im Hospiz, unsere Patienten haben noch Zeit und nutzen diese auch. Ein Patient plant schon einen Ausflug mit dem Wünschewagen, um nochmal jemanden zu besuchen. Eine andere Patientin freut sich auf den Besuch des Bruders. Pläne werden geschmiedet.

Bis vor ein paar Stunden wollte keiner geweckt werden, jetzt wirbelt unsere liebe Nachtschwester um uns herum und zaubert „Partysets“ für den Jahreswechsel, dabei läuft Musik von Coldplay im Hintergrund. Jetzt will es doch keiner verpassen.
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Wie gut, dass es diesen Ort gibt. Wie gut, dass wir mitten im Sterben soviel Leben und Liebe erleben dürfen.
Mein Highlight war sicher die Klingel kurz vor Mitternacht. Wir haben niemanden mehr erwartet. Alle angekündigten Besucher*innen waren schon eingetroffen. Dann standen mein Mann und meine Tochter plötzlich vor mir. Strahlend, überraschend, aufgeregt. Überraschung gelungen. Das hat mich sehr berührt und mir viel bedeutet. Solche Erinnerungen tragen einen durch schwere Zeiten und zaubern ein Lächeln ins Gesicht.
Was für eine besondere Nacht.

Einen Gruss in den Silvestertag und die Silvesternacht an alle, die in 2020 leben, lieben und lachen werden. An diejenigen die jemanden vermissen, traurig sind und nicht wissen wie es werden wird im neuen Jahr. Ich wünsche euch Momente mit liebevollen Begegnungen.
Wie der kleine Prinz schon sagte:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Herzlich,

Eure Nici

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Ich habe einen Traum…

Am Sonnabend den 28. April 2018 ist ein Artikel in „hallo Wochenende“ in Hannover erschienen. Heute beim Aufräumen habe ich ihn gefunden und ich würde es genauso nochmal schreiben.
Voilá, also schreibe ich jetzt hier nochmal über meinen Traum von Trauer und einer Gesellschaft, die Trauernden wieder mit Zuwendung begegnet.

Bevor ich anfing zu schreiben, habe ich kurz davon geträumt, dass alle die anfangen zu lesen, bis zum Ende durchhalten. Das fällt uns ja nicht immer leicht. Ich kenne mich damit ein wenig aus, denn ich arbeite im Hospiz Luise in Hannover als Krankenschwester. Mein Traumberuf, den ich an einem besonderen Arbeitsplatz mit meinen wunderbaren KollegInnen ausüben darf. Wo gestorben wird, da ist auch viel Trauer. Deshalb träume ich oft von einer Gesellschaft, die Trauernden wieder mit Zuwendung, offenen Ohren und Geduld begegnet. Wir alle werden ja früher oder später mal trauern, um was und wen auch immer, aber dann brauchen wir auch Halt (-ung) in unserem Umfeld. Wieso nicht vorher mal mit anderen ausprobieren? Wo gestorben wird, da ist auch viel Leben. Das ist in der Tat ein traumhafter Zustand im Hospiz, denn wir lachen auch viel und erleben besondere Augenblicke. Wir blicken in die Vergangenheit, träumen uns in die Zukunft und bauen Brücken für die, die übrig bleiben werden.
Trauer ist ein wichtiges Thema für mich, deshalb engagiere ich mich in dem Bereich, auch im Bundesverband Trauerbegleitung e.V. Es ist ein Lebensthema, auch wenn wir uns oft wünschen, „lass es einen Traum sein“, wenn ein lieber Mensch verstorben ist. Manchmal träume ich davon, dass es mehr Menschen wie den Kabarettisten Matthias Brodowy gibt. Er redet in seinen Programmen ganz offen über die Themen Tod und Trauer. Davon brauchen wir mehr Menschen. Fangen wir doch bei Ihnen an.
Wie wäre es, wenn Sie nach dem Lesen überlegen, wer unter einem Verlust leidet und schenken der Person ein Lächeln, trinken Kaffee zusammen oder machen einen Spaziergang. Alles ist besser als nichts zu tun – ich traue Ihnen das jedenfalls zu!
Im September wird Matthias Brodowy wieder ein besonderes Wohnzimmerkonzert geben. Für das Hospiz Luise und mein persönliches Spendenziel.

Herzliche Grüße
Eure Nici

Bild: Nici, Titelbild Tobi Wagner

 

Heiligabend im Hospiz

In den letzen Tagen hatte ich Dienst. Wir haben heute den 23.12., es ist schon spät und um 5 Uhr klingelt mein Wecker. Frühdienst an Heiligabend. Mein Sohn fragt mich, ob ich das Arbeitszimmer zuhause schon aufgeräumt habe. Er sollte mich freundlich erinnern. Ich muss das verneinen. Mein letzten Wochen hatten genügend Ausreden, um dies immer wieder nach hinten zu schieben. So machen wir das. Wir schieben Dinge nach hinten.
Weihnachten im Hospiz wird so gar nichts geschoben. Da wird eher vorverlegt, aber immer alles nach Plan erledigt. Wir wissen, wann der Baum kommt, wann er geschmückt wird, wer unsere Weihnachtsleckereien einkauft und wie viele Gästebetten wir brauchen werden.
Wir wissen nicht, ob jemand noch vorher verstirbt, ob jemand Neues den Mut hat noch vor Weihnachten einzuziehen und wer letztendlich an Heiligabend im Wohnzimmer die Weihnachstsgeschichte hören wird. Ich habe im Hospiz nur Frühdienst an Heiligabend gehabt. Als junge Krankenschwester im Krankenhaus habe ich auch gerne Spätdienst gemacht. Das war immer besonders. Wie gut, dass ich Kolleg*innen habe, die ich immer fragen kann und so hat Elisabeth mir aufgeschrieben, wie der heilige Abend für sie ist und was dann im Hospiz passiert. In den Tagen vor Heiligabend begeistern uns vorallem Susanne Keller und ihr Mann, denn sie verzaubern das Hospiz in eine Weihnachtswelt. Ebenso sind wir dankbar, dass so viele Musiker*innen kommen und für uns singen und musizieren. Unsere Ehrenamtlichen dekorieren jeden Tag liebevoller den Tisch.
Reich beschenkt.

Spätdienst am Heiligen Abend

Für viele Menschen ist der Heilige Abend etwas besonderes. Und auch im Hospiz würdigen wir diesen Abend und geben Raum und Möglichkeiten, dass jeder etwas von dem erhält, was er sich wünscht.

In der Woche vorher ist es öfter schon Thema, was für wen wichtig ist. Traditionell gibt es bei uns Kartoffelsalat mit Würstchen. Manchmal bringen auch Angehörige genau das mit, was in der jeweiligen Familie am hl. Abend gegessen wurde.

Wir treffen uns um 17 Uhr im Wohnzimmer. Da brennt das Feuer im Kamin, der Tannenbaum leuchtet, es gibt Punsch und Plätzchen. Angehörige und Patienten, mit Rollator und Rollstuhl, mit Infusionen und Sauerstoff oder auch ganz bequem im Bett , wir sind eine große Runde von Menschen dort im Wohnzimmer. Und es macht sich eine Stimmung breit, voller Erwartung, Sehnsucht und Freude. Wir singen Weihnachtslieder, manchmal ist jemand dabei und spielt Gitarre oder Klavier.

Wir hören die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel und spätestens wenn vorgelesen wird: „Der Engel sprach: Fürchtet euch nicht!“ ist eine Stille im Raum und Frieden spürbar. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, den Träumen, den Erinnerungen. Manchmal kommen wir darüber ins Gespräch, oft singen wir noch alle Lieder die gewünscht werden, manchmal lesen wir noch eine Geschichte.

Gegen 18.30 treffen wir uns zum gemeinsamen Essen und es ist ein gemütliches Miteinander. Jeder kann so lange im Esszimmer sitzen bleiben, wie es für ihn möglich ist und wir Pflegenden unterstützen, wo es nötig ist und erfüllen alle Wünsche, die möglich sind.

Danke, liebe Elisabeth für deinen Text!
Heute haben wir jedenfalls einige Patienten gebadet, Abschied genommen, neu aufgenommen oder noch Besuch mit Geschenken und guten Wünschen erhalten. Die Stimmung ist plapperig, aufgeregt, hoffnungsvoll und seelenschwer, glitzerig und wehmütig, ängstlich, köstlich duftend und ganz zart und zerbrechlich.
Ich selber habe heute nach dem Dienst noch einen Ausflug in die Stadt gemacht und einige Weihnachtskarten persönlich ausgefahren. So wie der Schneemann Olaf aus dem Disney Film „Frozen“ wollte ich noch ein paar Umarmungen verteilen. Ich liebe Umarmungen und bin froh so gute Freunde an meiner Seite zu wissen. Aber keine Sorge, sollten wir uns mal begegnen, dann bin ich erstmal sehr zurückhaltend.

Morgen dann mein letzter Dienst im Hospiz. Für dieses Jahr.
Heilige Nacht – Jesus liegt noch immer gesichert im Dienstzimmer. Der Rest der Krippe ist schon in der Kapelle aufgebaut. Ich bin froh, dass mein Leitung Maike und ich die wunderhübschen Holzkrippenfiguren an die richtigen Stellen bringen konnten.
Ich wünsche Euch allen da draussen ein paar friedliche und glückselige Tage. Auch im Kleinen gibt es Dinge, an denen wir uns erfreuen können. Selbst, wenn wir traurig sind. Wir stricken unser Leben selbst, und denen, die gerade viele Maschen verlieren und löcherige Muster haben, denen möchte ich Mut zusprechen. Es wird wieder anders.
Heller. Wärmer. Zuversichtlicher.
Jetzt freue ich mich auf morgen und den Dienst mit einigen wunderbaren Kolleg*innen.
Herzliche Weihnachstgrüße
Eure Nici

Weihnachtsbude

Einmal im Jahr herrscht bei uns im Hospiz Ausnahmezustand. Schon Ende Oktober ist es kaum noch möglich unsere Kreativgarage zu betreten. Kiste, an Kiste finden sich dort zum Bespiel Sterne, bemalte Steine, Gläser mit den leckersten Marmeladen, Schmuck, Selbstgestricktes und ab Mitte November auch Kekse. Ein wechselndes Team von inzwischen 3 Kolleginnen aus dem stationären Bereich hat alles unter Kontrolle und blickt auf insgesamt mehr als 10 Jahre Erfahrung zurück. Angefangen hat vor 11 Jahren Kurt Bliefernicht mit einem kleinen Team. Verkauft wurden Fröbelsterne, Kekse und selbstgemachte Socken. Diese drei Dinge sind auch heute noch der Renner.

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Anne, Manuela, und seit diesem Jahr auch Mandy, sind schon in den letzten Tagen in der Hochphase, ab morgen eng begleitet von unserer Hospizleitung Kurt Bliefernicht und seinem Auf- und Abbauteam. Seit Wochen hängt in der Küche der Dienstplan für die Haupt- und Ehrenamtlich Mitarbeitenden, die dann in der Weihnachtsbude von 11 – 21 Uhr stehen und für den guten Zweck alles verkaufen, ins Gespräch kommen und sich über bekannte Gesichter freuen.

Auch ich habe heute Kontakt mit meinen Kolleginnen gehabt. Sie haben mir Bilder geschickt, aber in der Hauptsache wurde heute sortiert, ausgezeichnet und umverpackt, damit morgen alles gut auf der Lister Meile ankommt.
Manche Kisten waren richtige Überraschungen, denn uns bringen inzwischen mehr als 40 fleißige Wichtel etwas ins Haus. Unfassbar! Gerne hätte ich an dieser Stelle auch ein Foto der drei Heldinnen mit Strickmützen gezeigt, aber das wurde leider nicht genehmigt 😉 Wer sie sehen möchte, der muss einfach in den nächsten 3 Tagen zur Kirchenbude auf der Lister Meile kommen. Täglich von 11-17 Uhr! Am Sonntag um 12 Uhr singt sogar der Markuschor vor unserer Bude!

Ich habe in diesem Jahr auch mal gebastelt. Korken-Schlüsselanhänger, Minitannenbaumgirlanden (habe ich schon gesagt, dass ich wirklich ungerne handarbeite und bastel) und meine Favoriten – Ministaffeleien mit 12 Fotos zum Austauschen, je nach Lust und Laune. Dazu noch Klappkarten. Die Motive haben wir in unserer kleinen Postkartengruppe zusammengesucht. Jeder wie er kann. Ja, und Mango-Chili-Chutney aus dem von Sigrid Bruch geliehenen Thermomix habe ich auch gekocht.

Am Ende hoffen wir einfach auf eine große Menge an Menschen, die Freude hat etwas bei uns einzukaufen, mit uns ins Gespräch kommen und die wir ein wenig in Adventsstimmung zaubern möchten.
Unser Hospiz verwandelt sich dieser Tage, auch Dank unserer Dekorationsbeauftragen Susanne, in eine große Adventlandschaft. Kerzen sind uns aus Sicherheitsgründen nicht mehr uneingeschränkt erlaubt und so funkeln jetzt eben LED Lampen um die Wette.

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In den Zimmern hängen schon die ersten Adventskalender und auch die Gewissheit, dass es wohl das letzte Fest ist, dass die Patienten mit ihren Zugehörigen verbringen. Das auszusprechen ist hart. Einmal war ich dabei, als ein Paar darüber gesprochen hat. Kein bitterer Beigeschmack, Akzeptanz, tiefe Seufzer und ein langer Blick. Das gelingt nicht allen so gut. Weihnachten, Fest der Liebe, der Familie…wie schnell wird in der Erinnerung daraus ein Fest der Trauer, das war die Zeit als mir mein Liebster genommen wurde. Im Trauercafé hören wir immer wieder, dass es so schwer ist jetzt alles zu schmücken. Die Kraft fehlt, die Lust. Wofür?
Manchmal kehrt die Freude auch langsam wieder zurück. Wird vorsichtig um den leeren Platz ein virtueller Zweig gelegt, eine Kerze angezündet und ein Wunsch in den Himmel geschickt. Aber das kann dauern. Sich verändern. Alles ist dann richtig, solange es den Trauernden gut tut.

Wem eigentlich nicht so nach einem Weihnachtsmarktbesuch ist, der kann trotzdem zu uns kommen. Sich in die Ecke der Bude setzen, einen Kinderpunsch oder Glühwein trinken. Sich ein Lächeln oder Lachen abholen, oder um ein Ohr bitten. Was immer es braucht – wir sind da!

Bis dahin,

herzlich Nici

P.S. DELLA hat uns wunderschöne Beutel zum Jubiläum gestaltet, die gibt es auch im Büdchen!
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Fotos: Mandy Grune, Pixabay und ich 🙂

Spätdienst

Der Dienst beginnt um 13:30 Uhr mit einer stillen Übergabe. 20min lesen meine Kollegin und ich uns durch die Dokumentation. Wir können aus den Aufzeichnungen erkennen ob unsere Patienten Schmerzen oder Übelkeit hatten, wir bekommen Auskunft darüber ob am Vormittag jemand geduscht hat, wo er gefrühstückt hat oder ob wichtiger Besuch da war. Zwischen den Zeilen können wir auch lesen, ob es ein ruhiger oder turbulenter Vormittag war.

Manchmal spürt man das schon nach dem Aufschließen der Tür. Dann liegt etwas in der Luft. Ist Anspannung zu spüren, so als ob die Emotionen kurz vor dem Überkochen sind. Dann liegen manchmal auch alle Patientenakten noch wild auf dem Tisch im Dienstzimmer, es klingelt, die Kolleg*innen vom Frühdienst sind alle in den Zimmern oder fliegen über die Flure.

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Heute ist es relativ still, wir nehmen das von unserer Ehrenamtlichen vorbereitete Kaffeetablett und unsere Lektüre mit nach oben, und teilen uns direkt ein, damit jeder erstmal nur 4 Akten durchblättert. Als Teilzeitkraft passiert es mir manchmal, dass ich lange nicht im stationären Bereich eingesetzt bin und auch die Diagnosen, das Familiensystem und den Verlauf zügig erfassen muss. Auch das ist heute anders, denn ich habe schon ein paar Tage Dienst. Bald kommen die Kolleg*innen dazu und wir hören uns eine Übergabe an, die sich auf wesentliche Punkte beschränkt. Wir fragen manchmal nach, wir atmen auch mal tief durch. Acht Patienten, acht Schicksale, achtmal Zugehörige. Da muss jeder für sich aufpassen, dass er bei sich bleibt und den Fokus nicht verliert. Begleitung am Lebensende ist nicht immer so verklärt, wie es in Filmen dargestellt wird. Begleitung am Lebensende ist auch nicht immer schwer. Manchmal auch gar nicht friedlich. Manchmal plötzlich und still.
Trotz einer durchschnittlichen Liegezeit von 21 Tagen haben wir manchmal alle zusammen noch eine richtig gute Zeit. Ein bisschen also wie im richtigen Leben. Auf und ab, mal links, mal rechts. Der eine mag es steinig, andere könnten über Scherben laufen und dem Dritten muss man jedes Mal behutsam aus dem selbst erschaffenen Labyrinth helfen.
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Um 14:30 Uhr sind wir nur noch zu zweit. Das Ehrenamt und der Frühdienst sind weg. Wir hangeln uns an den Routinen durch den Nachmittag, sehen nach unseren Patienten. Es gibt Kaffee und Kuchen im Wintergarten oder im Bett. Für die Terrasse ist es schon zu kalt, zu nass. Nur die rauchenden Patienten finden noch den Weg raus. Unsere Eichhörnchen im Garten können wir aber auch durch die großen Fensterfronten beobachten. Der Garten ist wunderschön angelegt, liebevoll gestaltet und gepflegt durch eine Ehrenamtliche und ihren Mann, was für ein wundervoller Einsatz.

Es ist manchmal anstrengend am Nachmittag. Die Küche versorgen wir mit, wenn kein Ehrenamt da ist. Müssen wir aber auch in den Zimmern Speisen anreichen, ist es schwieriger das Abendessen zu begleiten. Es braucht also eine gute Absprache, Geduld und Flexibilität. Wenn es ruhig scheint, dann gibt es auch manchmal Überraschungen.

Meine Patientin in Zimmer 1 wird bald sterben. Den ganzen Sommer war sie bei uns, eine lange Begleitung. Wir kommen gut klar, ich kann ihre klaren Anweisungen und die irgendwie liebevoll, schroffe Art gut aushalten. Angst vor dem Ende ist bei ihr ein großes Thema. Atemnot. Wer wird wohl bei ihr sein. Angehörige gibt es nur wenige, keine Kinder. Wir bereiten uns mit ihr darauf vor, reden, zeigen Möglichkeiten auf und versuchen ruhig zu bleiben, wenn sie am unruhigsten ist. Keiner hat eine Glaskugel und kann voraussehen was kommt.

Auf ihrem Balkon stehen Geranien. Ich bin eine bekennende Geranienhasserin. Im Schutz des Balkons sind sie vor dem ersten Frost verschon geblieben. Da ich sehr ehrlich bin erzähle ich ihr im Gespräch, dass ich diese Blumen eigentlich grauenhaft finde, aber die mit den pinken Blüten gefällt mir doch irgendwie. Die einzig mögliche Konsequenz war das Erbe dieser Geranie. Verunsichert frage ich, wie ich das Ding über den Winter kriegen soll. „Schwester Nicole, ich will das die beim nächsten Sommerfest vor meinem Balkon steht. Das ist dann, als ob ich dabei bin. Fragen Sie Ihre Mutter, wenn Sie keine Ahnung haben!“ Dieses Erbe habe ich angetreten.
Eine Erinnerung an einen Spätdienst, der schon zurückliegt. Ja, ich habe einen Winter lang geschwitzt und gehofft. Am Ende hat dieses Pflänzchen mich nicht enttäuscht und hat geblüht. Diese Patientin werde ich niemals vergessen können. Das ist auch ein Teil der Arbeit. Erinnerungen weben sich in unsere Köpfe, manchem von uns auch ins Herz. Das ist nicht immer leicht.
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Heute mache ich bestimmt 10.000 Schritte. In Zimmer 7 klingelt es im Minutentakt, die Patientin hat viele Wünsche. Die wenigsten kann ich erfüllen. Meine anderen Patienten kommen etwas zu kurz, Geduld ist gefordert und einmal bitte ich meine Kollegin zur Klingel zu gehen. Ich brauche eine Pause. Es wird heute später, meine Dokumentation schreibe ich nach der Übergabe fertig, alles was liegengeblieben ist wird der Nachtdienst richten. Irgendwann wird auch die Patientin in der 7 schlafen, jemand anders dafür in der Nacht wach liegen.

Die Nachtluft ist klar. Ich atme tief durch. Mein Kopf brummt, ich habe nicht eingetragen, dass der Patient in der 3 morgen Lymphdrainage bekommt. Ich rufe aus dem Auto nochmal an. Dann ist Stille in meinem Auto, in meinem Kopf. Feierabend für heute.

Bis bald

herzlich Nici

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Fotos: Mandy Grune, Pixabay und ich