„Von Tellerrand zu Tellerrand“- und darüber hinaus

Heute gibt es wieder einen Gastbeitrag aus unserer Festschrift von Anja Bohlen-Bruchmann, der Leiterin des Ambulanten PalliativDienstes.

Gerne nehme ich die Überschrift des Erfahrungsberichtes meines geschätzten Vorgängers Carsten Rumbke aus der Festschrift zum 10 jährigen Bestehen des Hospiz Luise auf, und lade Sie ein, mich zunächst auf eine kleine Zeitreise zu begleiten:

Nicht allgemeine, sondern konkrete Beschlüsse sind notwendig, die der jeweiligen Lage entsprechen

Luise von Marillac


Gemäß dieser Überzeugung wurde 1998 der Ambulante Palliativdienst mit der Idee gegründet, schwerstkranke und sterbende Menschen zu Hause und in den Pflegeheimen zu begleiten. Zunächst war es Adelheid Werner, die mit ihrer langjährigen ambulanten und stationären Erfahrung den Patienten und ihre Angehörigen vor Ort mit Rat und Tat zur Seite stand. Darüber hinaus wurden Basisversorger wie Hausärztinnen und –ärzte und Pflegedienste beraten. Eine Kooperation mit dem Klinikum Hannover in der Form von zwei überstellten Mitarbeiterinnen ermöglichte die mittlerweile notwendig gewordene Teamerweiterung. Palliative Care verfolgt einen multiprofessionellen Ansatz; neben den Palliative Care Fachkräften kamen ein Palliativmediziner und eine sozialpädagogische Mitarbeiterin hinzu.

Von Anfang an war der APD Luise Teil eines Netzwerkes, dem Palliativstützpunkt Stadt und Region Hannover, so dass ein permanenter fachlicher Austausch zu Fragen der Palliativversorgung über den eigenen Tellerrand hinaus stattfand. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit weiteren Palliativdiensten (Diakovere Palliativdienst und der Ambulante Palliativ- und Hospizdienst der Diakoniestationen) führte dazu, die 24
stündige Rufbereitschaft für die Patienten gemeinsam zu leisten und somit auch ressourcenorientiert zu agieren.

Als ich im September 2010 die Leitung übernahm, hatte ein erfahrenes und engagiertes Team bereits viele Menschen kompetent beraten und begleitet. Wie zu Beginn der stationären Hospizarbeit sind die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim auch hier ein Wagnis eingegangen, denn bis zum April 2010 gab es keine geregelte Finanzierung, diese folgte erst dann im Rahmen der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung SAPV.

Viel habe ich in den ersten Jahren lernen dürfen, dabei konnte ich von den Erfahrungen des Teams profitieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der Angehörige ihre Partnerinnen und Partner, Eltern und auch Kinder, Freundinnen und Freunde pflegen und umsorgen, ist beeindruckend und verdient Achtung und Respekt. Die jeweiligen Situationen lehren mich immer wieder, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Das bedeutet, Schwerstkranke und Angehörige in ihren ganz individuellen Bewältigungsstrategien wahrzunehmen und zu fördern. Dies kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten sich als Teil eines Sorge-Teams verstehen, in dem Kooperationen gelebt werden.

Wir sind dankbar, dass sich im Laufe der Jahre tragfähige und intensive Arbeitsbeziehungen entwickelt haben. Der Ambulante Palliativdienst versteht sich von jeher als Ergänzung zur hausärztlichen und pflegerischen Versorgung. Ich finde es wichtig, den zunehmenden Anforderungen und Arbeitsverdichtungen im respektvollen Miteinander zu begegnen.

Wir feiern den 25. Geburtstag des Hospiz Luise und wir als APD freuen uns mit unserer großen Schwester/ unserem großen Bruder über die Entwicklung von einer Pioniereinrichtung zu einem Hospiz mit Gütesiegel. Ich erlebe in unserem Hause ein gutes Miteinander der unterschiedlichen Dienste. Die verschiedenen Arbeitsbedingungen (ambulant-stationär) laden immer wieder dazu ein, über den eigenen Tellerrand zu schauen und Haltungen und Überzeugungen in Frage zu stellen. So profitieren wir gegenseitig von unserer Unterschiedlichkeit.

Die Hospiz- und Palliativarbeit hat ihre Wurzeln im bürgerschaftlichen Engagement. Die Verabschiedung des Hospiz- und Palliativgesetz im Jahre 2015 ist ein großer Erfolg dieser Bewegung und hat dazu beigetragen, dass die Forderung nach einem würdevollen Umgang mit Menschen an ihrem Lebensende dort, wo sie leben, zu Hause, allein oder mit Angehörigen, im Pflegeheim, in Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen stärker im Bewusstsein unserer Gesellschaft angekommen ist.
Von den spezialisierten Einrichtungen wie dem Hospiz und dem Ambulanten Palliativdienst möge über die Tellerränder hinaus ein Signal zur Verbesserung der Rahmenbedingungen in verwandten Einrichtungen des Gesundheitswesens ausgehen!


Anja Bohlen-Bruchmann Leitung Ambulanter Palliativdienst Stellvertretende Gesamtleitung Hospiz Luise

4. v. links Anja Bohlen-Bruchmann

Fotos: Kurt Bliefernicht, Pixabay und ich 🙂

hoffnungsvoll & seelenschwer

Ein Ausstellungsname, der mir vor drei Jahren in den Kopf geflogen kam und mich seitdem eng begleitet. Neben meiner hauptamtlichen Tätigkeit im Hospiz Luise bin ich ehrenamtlich geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Bundesverband Trauerbegleitung. Für diesen Verband bin ich von Samstag bis Mittwochnacht unterwegs gewesen. Auf der alljährlichen Jahrestagung im Hans-Lilje-Haus in Hannover haben wir ein buntes Programm gehabt, und ebenso bunt war der Austausch und die Diskussionen über Qualität in der Trauerarbeit. Ein Vortrag in der Marktkirche mit Prof. Dr. Luise Reddemann hat die Tagung abgerundet.

Im Hospiz ist Trauer auch ein großes Thema. Seelenschwer. Manchmal fließt die Trauer wie ein grauer Nebel durch das ganze Haus und wird immer wieder unterbrochen durch kleine Sonnenstrahlen. Ich bin froh gut ausgebildet zu sein, das ermöglicht mir Trittsteine für die Trauer zu legen. Behutsam zu erzählen, was guttun könnte. Sich zum Beispiel Zeit zu nehmen. Am Bett. Auch wenn der geliebte Mensch schon verstorben ist. Begreifen. Durch Berührung. Das ist schwer für viele. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich erlebe, dass Menschen über sich hinauswachsen. Aushalten. Dann spüre ich die Liebe und all die anderen Gefühle und muss auch gut auf mich achten. Als Krankenschwester darf ich nicht im Nebel untergehen. Betroffen sein und dennoch professionell agieren. Manchmal ein Drahtseilakt, aber ich ja auch einen Schirm dabei. Der steht für mein Team. Wie viel Tod verträgt das Team? Dazu wurde sogar schon geforscht.

Gestern dann nach Düsseldorf. Eine Einladung zur Eröffnung meines Ausstellungsprojektes. Es war schön, dass eine Teilnehmerin des Projektes, Bettina Attenberger, mit mir aufgebaut hat. Sonnenschein, Gelächter, das Team des stationären Hospizes und Koordinatorinnen des ambulanten Hospizdienstes haben uns unterstützt. Hoffnungsvoll. In der schönen Heilig Geist Kapelle entstand unter unseren Händen die ganz eigene Zusammenstellung des katholischen Netzwerkes für Palliativ- und Hospizarbeit Düsseldorf. Da wurden so viele wunderschöne Details aus dem stationären Hospiz und von zuhause mit eingebracht. Für den einen war die gerade Ausrichtung der Rahmen wichtig, andere haben bunte Lichter als Akzente gesetzt und wieder andere haben die Exponate liebevoll in der Kapelle untergebracht. Danke an Herrn Pfeiffer für die wunderbare und perfekte Organisation. Ich freue mich, dass ich Anita, Ulla, Dirk und Herrn Conrads an meiner Seite hatte. Was für eine wunderbare Begegnung mit euch!
Abends dann noch meine Kollegin Walburga Schnock-Störmer an meiner Seite, es gab wunderschöne Musik und einen eindrucksvollen Tänzer. Es waren viele Interessierte vor Ort, ein gelungener Auftakt.

Die Teilnehmenden der Ausstellung haben über Trauer geforscht, geliebte Menschen verewigt. Haben durch ihr Ausstellungstück ihre Verbindung mit dem Verstorbenen sichtbar gemacht. Trauer ins Leben integrieren, ein großes Thema. Einige Exponate sind auch von Kolleg*innen aus meinem Hospiz. Das erfüllt mich beim Aufbau jedesmal mit Dankbarkeit. Britta, Mandy und Maike haben wie alle anderen Teilnehmer*innen ein Stück ihrer Trauer oder ihres Lebens preisgegeben. Danke euch allen dafür!
Das macht die Ausstellung so individuell, so bunt, so überraschend, so traurig, so informativ, eben so hoffnungsvoll & seelenschwer. Genau wie das Leben. Genau wie die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen.

Abends habe ich mich spontan entschieden noch nach Hause zu fahren. Knapp 300 km, auch wenn ich so viele reizende Alternativübernachtungsmöglichkeiten angeboten kam (von Sofa bis zum Hospizgästebett). Ich war nach den Begegnungen der letzten Tage wie ein volles Gefäß und bin hellwach gewesen.
Das wünsche ich jedem von euch. Begegnungen und Momente der Achtsamkeit, die euch auffüllen. Mit Glück, Liebe, Freude und Leben.

Herzlich,
Eure Nici

P.S. Natürlich kann man die Ausstellung auch ausleihen! Das solltet ihr sogar, es lohnt sich wirklich 🙂
Fotos: Bettina Attenberger, Walburga Schnock-Störmer und ich 🙂