Pause

Gerade habe ich die Daten für die stille Auktion an Sabrina Behm übertragen. 111 mal Fotos besorgen (naja, es fehlen noch so 3-5), 111 mal eine kurze Vita schreiben. Falls ich sie vorher nicht bekommen habe muss ich entscheiden, was wichtig ist. Wir sind uns einig, da kann ich eigentlich nur verlieren. Oder meine Leinwandspender*innen sind milde mit mir, wir werden sehen. Jedenfalls habe ich mich sehr angestrengt. Jetzt brauche ich eine Pause für mein wirres Hirn.

Das ist ja so eine Sache. Wir glauben oft zu wissen, was für andere gut ist oder wie man etwas richtig macht. Welche Jacke ist die Richtige für das Kind, wie die Frau vor einem an der Kasse abnehmen könnte, wie Rosen wirklich geschnitten werden oder auch tiefergehende Entscheidungen, welche Therapie denn jetzt angesagt ist.
Ist das so? Ich glaube manchmal ist ja auch der Wunsch, der Vater des Gedanken (oder die Mutter). Wenn bei uns im Hospiz ein Patient Schmerzen hat, dann bieten wir alles an, was wir aufwarten können. Neben Medikamenten sind das auch Einreibungen, Dinkelkissen, Lagerungsmittel, aus dem Bett in den Stuhl, links oder rechtsrum liegen, Zeit schenken, zuhören, oder einfach mal nur halten. Aushalten. Das möchten auch einige. Einige Angehörige möchten das auch manchmal. Oder umgekehrt. Manchmal brauchen die Menschen auch eine Pause. Sterben ist anstrengend für alle.

Das ist das Dilemma mit dem Sterben. Wir wollen das Leid des anderen gelindert sehen, aber die Nebenwirkungen hätten wir nicht gern. Nicht müde werden, noch alles sagen. Gemeinsame Zeit ist doch so kostbar. Herzzerreißende Momente sind das. Wir könne die Zeit nicht anhalten.
Die Sterbenden wollen manchmal ganz bewusst keine Schmerzmedikamente. Oder manchmal schwingen wir alle nebeneinander im System und es gibt eine Lösung die alle in dem Moment einigermaßen gut finden. Wird ein Patient müde von den Schmerzmitteln, dann kann doch auch die Familie mal durchatmen. Pause.
Es ist wirklich so besonders wie eine Schwangerschaft. Die eine werdende Mutter nimmt alles mit, was der Markt hergibt und die andere wählt einen anderen Weg. Auch die Geburten sind individuell. Selbst da gibt es manchal die Notwendigkeit einer Pause, um wieder zu Kräften zu kommen.

Für mich ist es in der Arbeit wichtig den Patient*innen und Zugehörigen zwar meine Erfahrungen wiederzugeben, aber Entscheidungen müssen auch selbst getroffen werden. In unserem Leben treffen wir doch oft mal eine Wahl, die wir vielleicht bereuen. Im Sterben kann das auch passieren. „Hätten wir vorher gewusst, wie gut das tut…“ höre ich oft, wenn ich mal jemanden spazieren gehen schicke, oder ein Gesprächsangebot genutzt wurde oder doch die Schmerzdosis erhöht. Wenn wir mit voller Aufmerksamkeit da sein wollen, müssen wir uns dafür auch mal abwenden von unserem Plan. Glaube ich zumindest.

Es ist an der Zeit mutig zu sein. Es ist Zeit nicht alles auf die letzten paar Wochen zu schieben. Heute ist der Tag um Unangenehmes aus dem Leben zu entfernen, oder einen Weg zu finden damit zu leben. Das Leben an die Hand zu nehmen und kleine Momente zu lieben. Nicht immer das große Wunder.
Ich werde jetzt jedenfalls mein Hirn ausmachen und eine schöne Pause machen,

herzlich Eure Nici

Ver-rückt

Unbekümmert und eifrig haben sich heute Morgen zwei Amseln auf meinem Spaziergang bemerkbar gemacht. Der Frühling hält Einzug. Dort wo mir sonst morgens viele Menschen begegnen war es einsam. Blauer Himmel, Sonnenschein. Das erste Grün in den Bäumen, rosa Blüten.

Auf diesen Spaziergängen entstehen oft Ideen für meine Tätigkeit als Fundraiserin. Heute habe ich nur gedacht. Verrückt. Alles ist tatsächlich ver-rückt. Jeden Tag gibt es neue Nachrichten, verrückte Reaktionen der Angst und Panikmache. Als Krankenschwester gehe ich normal arbeiten. In ein paar Tagen sind es nur noch bestimmte Berufsgruppen, die arbeiten gehen werden.

Meine Mama war letztes Jahr sehr krank und wir haben gestern telefoniert. Die Isolation zuhause steckt sie noch ganz gut weg. Bei unserem Telefonat saß sie in der Sonne auf dem Balkon. Fast erwartet man in diesen Zeiten, dass die Welt aufhört sich zu drehen, die Sonne aufhört zu scheinen. Die Natur bleibt unbeeindruckt. Es ist jetzt an uns, das Beste aus der Situation zu machen. Für viele geht es um Existenzen. Ich vertraue auf die Politik, die Unterstützungen schon zugesagt hat.
Wir selber könnten auch etwas tun. Kleinigkeiten. Zeichen setzen. Mein to do Liste sieht folgendermaßen aus:

-Gutscheine meiner Lieblingsrestaurants einkaufen ( danke für den Tipp Anne🙃)
-Musik und Hörspiele von Lieblingskünstler*innen runterladen
-Jeden Tag einen lieben Menschen anrufen
-meine Nachbarn fragen, ob ich etwas für sie besorgen kann
-mein Arbeitszimmer fertig aufräumen (optional)
-jede Woche ein Buch lesen
-spielen
-jeden Tag Sport machen (ab morgen sicher)
-versuchen dennoch eine Veranstaltung stattfinden zu lassen – womöglich als Livestream
-weiter motiviert ins Hospiz zu gehen und meinen Humor behalten
…..was steht auf deiner Liste?

Keine Konzerte mehr besuchen, die Lieblingsreise absagen, Freunde nicht mehr treffen. So ist es für Menschen, die eine schwere Erkrankung haben und dann vielleicht zu uns kommen. Nur, dass in diesem Fall alle um sie herum weitermachen. Jetzt sitzen wir alle im selben Boot.
Unsere Patienten dürfen noch Besuch von engsten Familienangehörigen bekommen. Sitzen in der Sonne, genießen das selbstgekochte Essen aus dem Vinzenzkrankenhaus. Wir haben auch noch Klopapier. Frühstückseier (danke an Inga) und jeden Nachmittag Kuchen. Der Verkehr wird weniger. Dafür füllt sich der Garten. An windgeschützten Plätzen wird Cappuccino getrunken, gelacht und Zeit miteinander verbracht.
Ver-rückt.
Ich bin zuversichtlich, dass wir das durchstehen. Die Meisten von uns haben das so noch nicht erlebt. Wir müssen besonnen bleiben. Schwer erkrankte Menschen mögen Hilfe in den Krankenhäusern bekommen, weil die Panikmacher ruhig bleiben.

Foto Thomas Rodriguez


Matthias Brodowy und ich planen für den 23.03. ein kleines Konzert. An diesem Tag war ohnehin ein Wohnzimmerkonzert bei mir geplant. Mein Geburtstagsgeschenk. Zugunsten des Hospiz Luise wollte ich meine Gäste um eine Spende bitten. Das muss ich jetzt absagen. Wie eigentlich alle meine Veranstaltungen.
Aber als Livestream ist es vielleicht jetzt doch möglich. Wir arbeiten daran. Wenn alles klappt, dann informieren wir euch. Unterstützt werden wir von Grünes Zimmer. Alles mit viel Abstand, aber etwas fürs Herz muss sein in diesen Zeiten!

Passt auf euch auf, in diesen besonderen Tagen und habt einander lieb, seid respektvoll, habt Vertrauen und Zuversicht.

Eva Terhorst

Herzlich Eure Nici

P.S. Gestern hat uns eine Angehörige Schokolade geschenkt und eine Karte dazu geschrieben. Das Gedicht auf der Karte ist so wunderschön, dass muss ich euch zum Abschluss noch weitergeben.

Begegne dem, was auf Dich zukommt nicht mit Angst.,
sondern mit Hoffnung.

Franz von Sales

Elisabeth Wächter