Das, was noch erklingt

Heute ein Gastbeitrag von unserer Musiktherapeutin Christiane Hecker. Wie wundervoll für unsere Patient*innen, dass wir dieses Angebot haben. In unserer Festschrift findet ihr alle Beiträge zu unserem Jubiläum. Einfach mal hier unter den Downloads schauen – aber erst lesen 😉

Das, was noch erklingt
Schon vor 25 Jahren, als ich im Regionalfernsehen einen Beitrag zur Eröffnung des Hospiz Luise sah, wollte ich dorthin. Nun bin ich zu meiner großen Freude seit 2012 einmal wöchentlich als Musiktherapeutin in diesem Haus.
Jedes Mal wenn ich ins Hospiz komme, erhalte ich alle für mich notwendigen Informationen über die Patientinnen und Patienten. Oft werden mir Menschen direkt ans Herz gelegt, weil die Pflegenden glauben, dass meine Anwesenheit hilfreich sein könnte.
Anschließend gehe ich in die einzelnen Zimmer und stelle mich vor. Ich erzähle, warum ich hier bin und dass ich Musik mitgebracht habe. Instrumente, meine Stimme und CDs sind meine Berufsbegleiter. Darf ich bleiben, ist die Musik schon mit im Raum.
Aus meinem musiktherapeutischen Alltag im Hospiz jetzt einige Beispiele:
Frau D. (59) hat Krebs im Endstadium und kann nicht mehr aufstehen. Sie sieht mich bei unserer ersten Begegnung mit großen ernsten Augen an. Darauf, wenn es vorbei ist, freut sie sich. Sie kann sterben, denn
sie hat ihre sich selbst gestellte Lebensaufgabe erfüllt. Diese war, ihre Eltern zu pflegen. Meine Frage nach ihrer Lieblingsmusik beantwortet sie ohne zu zögern mit „Mendelssohn-Bartholdy, Schottische Sinfonie“. Wegen dieser Sinfonie ist sie nach Schottland gereist. Das Land findet sie wunderschön. Ein strahlendes Gesicht und leuchtende Augen begleiten ihr Erzählen.
Bei unserer nächsten Begegnung hören wir gemeinsam den ersten Satz der Sinfonie. Schon nach den Eingangstakten nimmt Frau D. die Brille ab, legt ihre Hände auf die Brust, scheint wie in der Musik versunken und bekommt einen beinahe verzückten Gesichtsausdruck. Danach erzählt sie, dass die Musik sie weggetragen habe. Sie habe die schottischen Berge und das Meer gesehen. Das mache sie glücklich. In der kommenden Woche möchte sie die anderen Sätze der Sinfonie hören.

Herr E. (84) ist durch seine Krebserkrankung und die
Langzeitpflege seiner Frau stark geschwächt. Er hat keine Kraft mehr. Im Glauben gefestigt sieht er dem nahenden Tod bewusst entgegen. Über sein arbeitsreiches und, wie er sagt, erfülltes Leben spricht er mit mir.
Gemeinsam singen wir Kirchenlieder. Es sind die, die
ihn schon ein Leben lang begleitet haben, nicht nur
im Gottesdienst sondern auch auf Familienfeiern und
morgens in der Küche beim Kochen. Mein Eindruck ist,
dass während unseres Singens im Zimmer eine Atmosphäre von Ruhe und Geborgenheit entsteht.

Frau R. (73) hat eine Autoimmunerkrankung, und sie
musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Die Pflegekräfte bitten mich, sie zu besuchen.
Bei unserer ersten Begegnung fällt mir sofort auf, wie
abgemagert und schwach. Frau R. ist, fast zu schwach zum Atmen. Sie spricht kaum. Worte scheinen keine Rolle mehr zu spielen. Sie ist dankbar, dass ich einfach nur da bin und ihre Hand halte. Eine Woche später teilen die Pflegenden mir mit, dass
Frau R.s Sterbeprozess sehr weit fortgeschritten ist.
Wieder bitten sie mich zu ihr zu gehen. Frau R. ist noch schmaler geworden. Ihr Körper ist zugedeckt, ihr Kopf liegt ruhig auf dem Kissen, beide Augen starr an die Decke gerichtet. Nur durch die Bewegung ihrer Zunge kann ich erkennen, dass sie noch atmet.
Diesen Atemrhythmus, besser gesagt, den nicht vorhandenen Rhythmus, lasse ich mit der linken Hand auf dem Monochord* erklingen. In die immer länger werdenden Pausen spreche ich leise beruhigende Worte und berühre dabei Frau R. sanft am Oberkörper. Vor ihrem letzten Atemzug hat sie die Schultern mehrmals ganz leicht nach vorne gezogen. Anschließend,
fast unmerklich, hat sich der Kopf ein wenig nach hinten geneigt. Nach langen Minuten konnte sie zum allerletzten Mal ausatmen.
Auf dem Monochord spiele ich noch einige Zeit aufsteigende Klänge. Dann verabschiede ich mich von ihr.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in der so wohltuend
offenen, entspannten, vertrauensvollen und warmherzigen Atmosphäre dieses Hauses arbeiten darf.
Christiane Hecker
Musiktherapeutin

*ein rechteckiger Resonanzkörper aus Holz mit vielen parallel gespannten Saiten, die auf den gleichen Ton gestimmt sind und dadurch einen vollen Klang ergeben

Herzlich

Eure Nici


Gartenkonzerte

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.

Victor Hugo

Wir sind in den letzten Wochen reich beschenkt worden. Mit Musik in unserem Garten. Bei den unterschiedlichsten Temperaturen haben Musiker*innen uns und den Patient*innen jeweils 30min Seelenfutter geschenkt. Die Türen zu den Zimmern wurden geöffnet, Patientinnen und Patienten nach draußen gebracht, Mitarbeitende verteilten sich auf dem Gelände. Klänge von Akkordeon, Gitarre, Klavier, Gesang. Schlager, Pop oder Jazz wehten durch unseren Garten und haben auch uns teilweise davongetragen. Das waren wundervolle Kraftquellen und wir freuen uns, wenn wir weiterhin musikalischen Besuch erhalten.

Den Anfang machte Matthias Brodowy mit seinem Akkordeon im Gepäck. Matthias wollte schon ewig bei uns spielen. Vor der Pandemie war oft wenig Zeit und jetzt hat uns dieses Virus welche geschenkt. Geschenk angenommen.
Ungewöhnlich den Kabarettisten mal so ganz anders zu erleben. Leise und lächelnd hat er uns bei wunderbarem Sonnenschein sein Repertoire zum Besten gegeben. Natürlich nicht ohne auch ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern und uns zum Lachen zu bringen. Wie wohltuend in diesen Zeiten.

Als nächstes hat uns der Pianist Markus Becker besucht. Eigentlich hatte ich gerade Mailkontakt mit ihm, weil er an unserer Benefizaktion im Oktober teilnimmt. Während wir über die Gestaltung von Minileinwänden hin und her schrieben habe ich dann irgendwann doch gefragt. Ja, und Herr Becker hat direkt zugesagt – spielt er doch in Coronazeiten auch gerne Innenhofmusik. Wundervoll, was er dann aus unserem Klavier für Töne geholt hat. Sein eigenes Jazzstück zum Ende hat uns alle verzaubert. Sogar Zaungäste blieben stehen und nutzen die Musik zum innehalten.

Unser dritter Gast war Dr. Manuel Kiper. Eigentlich ist er ja Vollblutpolitiker, aber wir haben unsere Augen und Ohren ja überall und schon stellte sich heraus, dass er Gitarre spielt und singt. An seinem Konzerttag war es tatsächlich bitterkalt und mit kalten Fingern Gitarre zu spielen ist eine Herausforderung. Herr Dr. Kiper hat sie angenommen und hat sogar einige Mitarbeitende zum Tanzen gebracht, wenn er altbekannte Melodien zum Besten gab. Mitsingen und summen – schön!

Der Kontakt zu Ulrike Pinhammer entstand über die sozialen Netzwerke, als das Hospiz Luise seine eigene Facebookseite bekommen hat. Ihre Schwester ist vor Jahren bei uns verstorben und jetzt war es an der Zeit wiederzukommen. Mit ihrer Kollegin Ann-Kathrin Forst und einer kleinen Anlage ersangen sie sich die Herzen der Zuhörenden. Eine Patientin von uns hat alle Konzerte gehört und konnte diesmal jedes Lied mitsingen. Sonst sieht man die beiden bei Feine Dinner Shows und jetzt war die Freude über einen Auftritt in der Spielpause groß. Bei uns auch.

Wie Chantal Däubner dann letztendlich zu uns gekommen ist, zeigt wie wunderbar zufällig Begegnungen doch sein können. Unsere Mitarbeiterin Jacqueline hat sie bei einem Waldspaziergang singen gehört. Im Gartenkonzert-Casting-Fieber hat sie einfach gefragt, ob die junge Musikerin sich vorstellen könnte auch mal bei uns zu singen. Chantal konnte und war letzte Woche zu Gast. Das sorgte sowohl bei den Patient*innen als auch bei den Mitarbeitenden für Begeisterung. Wir hoffen es wehen auch in nächster Zeit noch weiter musikalische Klänge durch unseren Garten. Schreibt uns einfach eine Mail an info@hospiz-luise.de und dann suchen wir einen Tag aus.

Abschließen möchte ich heute mit den Gedanken eine Freundin von mir. Die hat sie mir gestern per Mail geschickt. Danke Julia!
Herzlich für heute,
Eure Nici
Fotos: Kurt Bliefernicht, Jacqueline Georgiadis & ich

Frohe Pfingsten!!
>>Life doesn`t have to be perfect but to be beautiful and happy!!<<
Liebe Mitmenschen!
Jeder von uns kennt die Situation, wenn er/sie einen Raum betritt, dass man fühlt „Oh je – hier ist dicke Luft!“ Die Atmosphäre ist angespannt und unangenehm! Aber jeder von uns kennt auch die gegenteilige Situation: man betritt einen Raum und fühlt sich sofort wohl. Die gute Stimmung springt auf einen über und man ist schlagartig „angesteckt“ ….
Lassen Sie uns eine „ ansteckende Atmosphäre“ in die Welt hinaus tragen, lassen Sie uns die Botschaft überall verbreiten, dass es nicht nur die ansteckende Krankheit Corona gibt, sondern dass wir selbst die Wahl haben und die Möglichkeit, die Welt mit Freude und Liebe „anzustecken“ !!! Es braucht nichts Besonderes, Großartiges, Perfektes zu sein – es reicht etwas Schönes und Fröhliches! Jeder von uns kann der Welt etwas schenken!
…. Schenken Sie jedem Menschen, dem Sie begegnen ein Lächeln!
…. Spielen Sie mit Ihren Kindern!
…. Rufen Sie einen Menschen an, mit dem Sie lange nicht mehr gesprochen haben!
…. Vielleicht rufen Sie sogar jemanden an, mit dem Sie sich gestritten haben!
…. Schicken Sie eine lustige Postkarte an eine Freundin/einen Freund!
…. Schreiben Sie einen Brief an die Großeltern!
…. Lesen Sie Ihrem Enkel am Telefon eine Geschichte vor!
…. Gehen Sie mit einem lieben Menschen spazieren!
…. Halten Sie einen kleinen Klönschnack mit Ihren Nachbarn!
…. Machen Sie einem Mitmenschen ein unerwartetes Geschenk!
…. Machen Sie (auf der Straße) Musik zusammen/singen Sie zusammen!
…. Tanzen Sie zusammen auf der Straße oder im Garten!
…. Unternehmen Sie gemeinsam etwas Schönes, was Sie glücklich macht!
…. oder oder oder!
Machen Sie mit und verwandeln Sie die verängstigte, gelähmte Welt in einen Ort der Freude!!
Julia