Schritte

372932 Schritte bin ich in meinem Urlaub laut meiner schlauen Uhr am Handgelenk gegangen und gewandert. Über Asphalt, Kopfsteinpflaster, Waldwege, Wurzeln, Steine – einmal habe ich auch den Halt verloren. Mich mit beiden Händen fest an einer Kette gehalten. Den kompletten Absturz noch verhindert. Einige blaue Flecken erinnern mich jetzt an diesen Moment.

Schritte haben für uns eine große Bedeutung. Da ich das vierte Kind bin gibt es nicht gerade eine Fülle von Fotos von mir, aber eines, wo mein Bruder mich an den Händen hält und ich die ersten Schritte mache. Auch die ersten Schritte meiner Kinder haben mein Herz höher schlagen lassen, sieht man die Welt doch aus einer völlig anderen Perspektive. Was für besondere Momente.
Schritt für Schritt gehen wir unseren Lebensweg und nehmen nicht immer den erstbesten Weg. Wir laufen unter größter Anstrengung auch mal einen Berg hinauf und müssen vor dem Gipfelglück kehrtmachen. Oder wir sind auf einem komfortablen Untergrund unterwegs und merken gar nicht, dass links und rechts so viele wunderbare Alternativen sind. Wir lassen auf unserem Weg Schritt für Schritt Menschen stehen, gehen gemeinsame Strecken und entscheiden uns auch bewusst für andere Wege. Einige Wege kann man nur einmal gehen und dann ist ein Umkehren unmöglich. Überall hinterlassen wir Spuren.

Der Schritt in ein Hospiz zu gehen ist erstmal unvorstellbar für einen gesunden Menschen. Viele wissen ja auch gar nicht, was hinter den Mauern, der meist freundlich anmutenden Häuser wartet.
Aus meiner Erfahrung warten dort Menschen. Menschen, die bereit sind die letzten Schritte mit den Patient*innen und Zugehörigen zu gehen. Das sind Mitarbeitende, die vorbehaltlos und ohne Wertung den Menschen annehmen, der jetzt mit seinem Leid und seiner Geschichte kommt. Der Ruhe und Unterstüzung sucht.
Jeder Mitarbeitende hat einen individuellen Lebensweg. Deshalb gelingt uns gerade im Hospiz Luise oft auch auf „schwerem Untergrund“ eine würdevolle und gute Begleitung der Sterbenden. Unsere Unterschiedlichkeit ist ein Segen für die Patient*innen, gibt das doch die Chance ganzheitlich auf den Weg jedes Einzelnen zu blicken.
Manchmal sind wir auch müde, wenn der Weg sehr beschwerlich ist und müssen rasten. Wechseln uns ab – tragen gemeinsam.
Den letzten Schritt müssen die Patient*innen selber gehen.

Was mich immer besonders berührt sind die Rückschritte. Da ist auch viel Trauer zu spüren.
Wenn sich der Radius um das Bett immer mehr verkleinert. Die Mobilität Stück für Stück nachlässt und irgendwann der Tag kommt, an dem es von der Bettkante nur noch in den Stuhl geht. Mit viel Anstrengung für die sterbenden Menschen. Wenn ich den Patient*innen aus dem Bett helfe, dann kommen wir uns sehr nah. Keine Hauruckschlepperei auf den Stuhl, sondern eine bewusste und kraftschonende Bewegung aus der Kinästhetik reicht oftmals.
Dazu braucht es Vetrauen. Wenn ich den Menschen erkläre, was wir gleich gemeinsam machen, dann nehme ich oft das Beispiel des Tanzes. Denn in diesem Moment bewegen sich unsere Körper im Einklang und wer sich führen lässt, der wird auch ein Stück gehalten.
Die Erinnerung an vergangene Tänze zaubert einigen ein Lächeln ins Gesicht, ein Funkeln in die Augen und ehe sie sich versehen ist die Mobilisation gelungen – geht es nicht im Einklang der Bewegung, dann braucht es mehr Unterstützung.

Am Ende sind die letzten Schritte für mich spirituelle Momente. Dann gehen wir dahin, wo unsere Weltanschauung uns hinführt. Bis es soweit ist, wünsche ich Euch einen guten Weg und viele bewusste Schritte.

Herzlich Nici

Die Zeit, die bleibt …

Wie verbringt man eigentlich seine letzten Tage und Stunden? Gibt es da noch Momente, in denen man überhaupt etwas tun kann? Wann beginnen denn überhaupt die letzten Tage und Stunden?

Die Menschen, die zu uns ins Hospiz kommen sind unterschiedlich. Nicht nur aufgrund von natürlichen Unterschiedlichkeiten, die wir alle haben, sondern auch im Stadium ihrer Erkrankung. Einige kommen sehr spät ins Hospiz. Haben um jede Stunde zuhause oder einer stationären Einrichtung gekämpft. Entweder in der Hoffnung noch länger weiterleben zu können, oder auch, weil der Wunsch so groß war im vertrauten Umfeld zu sterben. Dafür haben wir ja unsere ambulanten Dienste – nicht nur in der Luise. Die ambulante Hospiz- und Palliativversorgung zieht sich sternförmig durch ganz Deutschland. In alle Richtungen, meist auch in entlegene Winkel. Das ist gut. Dieses Netzwerk hilft Menschen zuhause bleiben zu können – solange wie möglich. Oft auch bis zum Tod.

Am Aufnahmetag kommen die Patient*innen oft mit einem Krankentransport. In der Übergabe lese ich dann ob sitzend, liegend, zu Fuß. Ich erfahre auch schon etwas über Zugehörige, Vorlieben, Symptomatiken. Was steht bei diesem Menschen im Vordergrund.
Was ich erst erfahre, wenn ich Glück habe mit meiner Teilzeitstelle, wer denn dieser Mensch auch ist. Was ihm etwas bedeutet. Was er bedauert. Worauf er stolz ist. Wer ihm jetzt nah sein darf. Das sind Sternstunden, wenn wir etwas finden, was in dieser letzten Lebensphase auch Freude bringt, Zufriedenheit und kleines Glück auslöst.
Einmal im Spätdienst habe ich überlegt, was ich einer Patientin noch an Zeit schenken kann. Eine Einreibung, ein warmes Getränk, ein paar Dinkelkissen, ein Gespräch…ich durfte ihr vorlesen. Aus einem Buch, das mein lieber Kollege mitgebracht hatte. Keltische Sagen. Mit geschlossenen Augen hat sie da gelegen und ich war so unendlich dankbar, dass Holger auf diese wundervolle Idee gekommen war. Reich beschenkt hat er uns beide, denn wir haben uns weggeträumt in andere Zeiten und mit Finn gefiebert.

Es gibt Patient*innen, denen bereitet es Freude die Blumen auf dem Balkon zu versorgen. Im Rahmen ihrer Ressourcen, mit Bedacht, eine Aufgabe haben. Für einige wichtig. Oder sie können sich noch so konzentrieren, dass sie zeichnen. Andere sind erschöpft und ruhebedürftig. Sind geräuschempfindlich oder rastlos. Brauchen einfach Nähe und andere Menschen, um sich herum. Corona verändert unsere Möglichkeiten. Der Sommer ist jetzt unser Freund. Unser Garten Ort der Begegnung.
Manchmal hört man zwischen den Zeilen, Bedauern über die Zeit, die man nicht genutzt hat. Oder erlebt Menschen, die so dankbar sind für das Leben, dass sie hatten. Für die Liebe, die Begegnungen, die Überraschungen. Manchmal kann man das auch wunderbar beobachten. In Blicken, Gesten und Körperhaltungen.
Manchmal bricht wieder ein kleines Stück aus meinem Herzen, wenn der Mensch in seinem schwachen Körper gefangen ist und der Geist noch so klar. Dann die Bitte: „Haben Sie nicht irgendwas für mich zu tun? Etwas, das Ihnen auch nützt. Ich würde so gerne etwas tun!“
Ich klebe mein Herz mit meinen Kraftquellen. Familie, lange Spaziergänge. Schreiben. Fotografieren. Verrückte Sachen ausdenken.

Die Zeit, die bleibt. Das ist für mich nicht erst die Zeit, die ich einmal mit dem Sterben verbringen werde. Das ist jetzt. Das ist heute. Das sind die Begegnungen und die kleinen schönen Dinge, die ich jetzt haben kann.

Wer weiß denn, was morgen ist?
Carpe diem,

herzlich Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich 🙂

Wege

Mein Name ist Manuela Mehrtens und seit 23 Jahren darf ich hier im Hospiz Luise als Krankenschwester arbeiten. Zuvor war ich lange Zeit in einer großen Klinik in Hannover tätig. Damals fragte ich mich immer wieder – gibt es einen Ort, an dem Menschen in Würde, selbstbestimmt und mit erfüllten Tagen ihre letzte Lebenszeit verbringen können, wenn dies nicht zuhause möglich ist?

Jahre zuvor war ich durch einen Benediktinermönch auf den geplanten Bau des Hospizes aufmerksam gemacht worden. Bruder Willibrord war den Menschen auf meiner Klinikstation immer wieder ein großer Seelentröster. Nach einigen Gesprächen und Begegnungen mit ihm machte ich mich auf den Weg und fuhr mit meinem Käfer zu diesem Hospiz.
Dort stand die damalige Gründerin Sr. Katharina Maria an ein Auto gelehnt und ich sprach sie an und zeigte mein Interesse an der Hospizarbeit. Tage später durfte ich Probe arbeiten und was soll ich sagen, es war einfach so wohltuend diesen Dienst tun zu können und dürfen.
Die Begegnungen waren leicht und voll Wärme und Offenheit. Das Thema Tod wurde in den Alltag integriert und ja, mir viel gleich auf, hier wird gelebt und es darf auch gelacht werden neben den traurigen Momenten.

23 Jahre später komme ich immer noch sehr gerne an diesen Ort, um mich mit meinen Möglichkeiten einzubringen, Menschen auf unterschiedliche Weise zu begleiten. Neben traurigen Momenten habe ich so viele schöne und bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Von einer Geschichte möchte ich gerne ein wenig erzählen. Eine junge Mutter war bei uns Patientin und bevor sie zu uns kam, sorgte sie für einen Pflegeplatz für ihre 12jährige Tochter. Als es ihr schlechter ging und der Geburtstag der Tochter anstand, war es für sie ganz wichtig, den neuen Lebensort der Tochter noch einmal zu besuchen und dort mir ihr zu feiern.
Gesagt – geplant – gemacht.
Meine Kollegin Brigitte und ich fuhren gemeinsam mit ihr in unserem neuen Caddy durch die Winterlandschaft. Sie mochte Peter Maffay und es war klar, dass seine Musik mitmusste. Gut gelaunt kamen wir an und wurden schon von einigen kleinen Erdenbürgern aufgeregt erwartet. Jeder hatte eine kleine Tischkarte auf dem Teller: „Mama, Pflege 1 und Pflege 2“ 🙂
Ein kleiner Mitbewohner, ca. 4 Jahre alt, sollte ganz verhalten und schüchtern fremden Menschen gegenüber sein. Nach ein paar Minuten hörte ich ihn mit Brigitte in seinem Zimmer auf dem Boden Auto spielen und laut brummen. Ich durfte die kleinste Dame (ca. 1,5 Jahre) auf dem Schoß halten und wir probierten uns an Seifenblasen.
Frau R., unsere Patientien, strahlte inmitten der Geburtstagsgesellschaft und ihre Tochter Julia hatte soviel zu erzählen und war glücklich über die mitgebrachten Geschenke. Sie spielte Fußball und so gab es auch ein cooles Trikot. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende und als wir auf dem Heimweg waren, äußerte Frau R. den Wunsch so gerne nochmal zu Mc Donalds zu wollen.
Gesagt – getan- begleitet von Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehen“
Ich glaube sie hatte zwei Riesenburger- viel zu viel an Menge- aber einfach nur glücklich für den Moment.

Eine kurze Zeit verging und als ihre letzte Lebensnacht begonnen hatte, saß ihre eigene Pflegemutter an ihrem Bett und sang ihr Kinderlieder vor, bis der letzte Atemzug geschehen war. In dieser Nacht hatte ich Nachtdienst und trotz aller Traurigkeit war es ein so großes Geschenk, diese tiefe Verbundenheit und Liebe zwischen zwei Menschen erleben zu dürfen.
Im nächsten halben Jahr gab es noch einen Besuch bei Julia, die uns das Grab ihrer Mama gezeigt hat. Zu unserem traditionellen Sommerfest kam Julia dann auch und flog mir in die Arme, um mich zu begrüßen. Das sind so unglaubliche Momente, die mich bewegen und in denen ich weiß, dass das was ich hier gemeinsam mit einem tollen Team tun darf, etwas ganz Besonderes sind. Dankbar bin ich für all die Begegnungen und diese besonderen Momente im Leben von Menschen, die ihr Vertrauen in unsere und meine Hände legen und meistens bewusst ihren letzten Weg gehen.

Carpe diem
Manuela Mehrtens

P.S. Danke für diesen schönen Text, bis bald
Herzlich,
Nici