„Um Leben leben zu lernen“ – vom Ehrenamt im Hospiz Luise

Wie unser Hospiz ohne ehrenamtliche Mitarbeitende funktioniert, haben wir in den letzten Monaten schmerzlich erfahren müssen. Es ist wie ein Mobilee, an dem ein Hauptteil fehlt. Schieflage. Umso schöner, dass sich seit einiger Zeit die Auflagen entspannen und ein wichtiger Teil des Teams mit den Ehrenamtlichen wieder Einzug ins Haus hält. Unter strengen Hygienereglen.
Hilde Weeg hat mir mal das beste Frühstücksei der Welt gekocht. An so einem Morgen, wo nichts geklappt hat und alle Bemühungen manchmal nichts nützen, weil ein Patient mit dir gerade nicht weiterkommt, weiterkommen will, der Himmel weint und man sich selbst am liebsten in Embryonalstellung ins Bett rollen würde. Dann schlurfst du irgendwann auf einen Kaffee in den Wintergarten und dann kommt Hilde, lächelt, stellt dir ein frisch gekochtes Ei vor die Nase. Eine wunderbare Geste und dann lächelst du auch, startest frisch gestärkt in die nächste Runde und meist klappt dann irgendwie alles besser.
Hilde ist ein Beispiel für viele Ehreamtliche, die alle so unterschiedlich, liebevoll, witzig, speziell, überraschend und großartig sind.
Danke, dass es euch gibt!

Der Text von Hilde Weeg aus der Festschrift
„Warum machst Du das?“ Diese Frage wird im Freundes- und Bekanntenkreis häufig gestellt, wenn es umden ehrenamtlichen Dienst im Hospiz geht. Einigevon uns Ehrenamtlichen – rund 30 jüngere und ältere
Männer und Frauen – haben sie bei einer hausinternen Umfrage beantwortet. Hier ein paar Zitate aus der
Liste:

• Fühle mich wohl, wahrgenommen und aufgehoben.
• Bereicherung.
• Gebraucht werden.
• Weil es schön ist!
• Aus Dankbarkeit für mein sorgenfreies Leben.
Ich möchte etwas davon zurückgeben.
• Um Leben leben zu lernen und Widrigkeiten
in Relation zu sehen.

Einige der Antworten geben vermutlich auch Ehrenamtliche in Sportvereinen, bei der Essensausgabe der Tafel oder in der Flüchtlingshilfe. Aber die Antwort „Um Leben leben zu lernen“ trifft ganz besonders gut
das, was den Dienst in einem Hospiz von anderen Ehrenämtern unterscheidet. Leben lernen – mit und vonschwer und schwerstkranken Menschen. Und ebensoviel von den Menschen, die diese Menschen respektund liebevoll begleiten.

Es sind vor allem die kleinen Gesten, die wir als Ehrenamtliche hier erleben, die den Unterschied zur üblichen „Wurschtigkeit“ im Alltag machen. Dass eine Blume im Zimmer steht (im Sommer aus dem Hospizgarten), wenn ein neuer Gast kommt. Dass genau erfragt wird, ob das Rührei eher fest oder eher weich sein soll. Und wieviel Löffel Kakao in die warme Milch gehören. Dass Zeit ist, mal kurz Heidelbeeren oder eine
bestimmte Zahnpasta zu besorgen. Dass alle mit allem kommen können: Verbitterung, Erleichterung, Schmerz oder Hilflosigkeit.
Oder dem Wunsch nach einer Tasse Kaffee.

Wahrnehmen, was ist. Genauer hinschauen. Hinhören. Zusammen die Eichhörnchen im Garten beobachten. Manchmal am Tisch sitzen bleiben, weil das hilft. Manchmal aufstehen und Geschirr wegklappern, weil das besser ist als Stille. Wir lernen von und mit allen, die am Tisch sitzen. Wie man mit dem umgeht, was schwierig ist. Abschied, Enttäuschungen oder eine schlaflose Nacht: Wie man die großen oder kleinen Probleme ignorieren, auslachen, niederkämpfen kann. Wie man einfach weitermacht. Oder etwas ändert.

Was wir von den Pflegenden lernen: Geduld. Sich Zeit nehmen. Liebevolle Zuwendung. Eigene Befindlichkeiten ausblenden, wenn Anderes wichtiger ist. Der eigene Ärger: Peanuts. Meistens. Wir lernen sensibler zu werden, auch für uns selbst. Konflikte austragen, ohne zu verletzen. Und wenn doch etwas wehgetan hat, das miteinander zu klären. Die Schwächen und
Stärken aushalten. Fehler: erlaubt. Erfahren, dass alle einen wichtigen Anteil am Ganzen haben – vom Hausmeister über die Reinigungskräfte und die Ehrenamtlichen bis zu den Pflegekräften und den Sekretärinnen.
Von Kaffeekochen (eins der wichtigsten Ehrenamtspflichten!) bis Katheter legen. Manches dauert länger. Schlimm? Nein.

Für manche hat die Arbeit mit ihrer christlichen Überzeugung zu tun. Aber diese Einstellung ist keine Voraussetzung, sich hier ehrenamtlich zu engagieren. Ist das Hospiz ein idealer Ort? Nein. Aber es ist ein Ort, an
dem das Miteinander besser klappt, als an sehr vielen anderen Orten. Woran das zu sehen ist? Am Aufatmen beim Ankommen. Ruhiger werden. Am Aufklaren vieler Gesichter über die Tage. ,Ah, da ist jemand, der zuhört.‘ ‚Wie schön, hier ist es ruhig.‘ ‚Ach, hier darf gelacht werden?‘ Das Hospiz: ein Ort, in dem Menschen für Menschen da sind. Und das immer wieder üben. Weil das zum Leben gehört. Eigentlich könnten viele Orte so
sein. Noch etwas, was man hier lernen kann.

Die Aufgaben der Ehrenamtlichen im stationären Hospiz Luise:
• Die Essenszeiten in drei Schichten von 7.30h-19h
begleiten: Frühstück, Mittagessen, Kaffeetrinken und Abendessen.
• Die Rolle eines Gastgebers/einer Gastgeberin einnehmen: auf Wünsche oder Bedürfnisse am Tisch eingehen. Den Esstisch auf- und abräumen.
• Auf die Türklingel reagieren und Besucherinnen empfangen. • Bei Engpässen in der Pflege bei den Patientinnen nachschauen, wenn sie klingeln.
• An- und Zugehörige betreuen, wenn sie das wünschen.
• Auf kurzfristige Bedarfe reagieren (Mahlzeiten für Patient*innen vorbereiten, die auf dem Zimmer bleiben, kleine Einkäufe erledigen, Zeit haben für ein Gespräch).
• Vorräte im Blick haben und auffüllen (Getränke, Kaffee, Servietten usw.).

Quelle: https://www.weeg-kommunikation.de/zur-person/

Hilde Weeg
Ehrenamtlich Mitarbeitende

Das, was noch erklingt

Heute ein Gastbeitrag von unserer Musiktherapeutin Christiane Hecker. Wie wundervoll für unsere Patient*innen, dass wir dieses Angebot haben. In unserer Festschrift findet ihr alle Beiträge zu unserem Jubiläum. Einfach mal hier unter den Downloads schauen – aber erst lesen 😉

Das, was noch erklingt
Schon vor 25 Jahren, als ich im Regionalfernsehen einen Beitrag zur Eröffnung des Hospiz Luise sah, wollte ich dorthin. Nun bin ich zu meiner großen Freude seit 2012 einmal wöchentlich als Musiktherapeutin in diesem Haus.
Jedes Mal wenn ich ins Hospiz komme, erhalte ich alle für mich notwendigen Informationen über die Patientinnen und Patienten. Oft werden mir Menschen direkt ans Herz gelegt, weil die Pflegenden glauben, dass meine Anwesenheit hilfreich sein könnte.
Anschließend gehe ich in die einzelnen Zimmer und stelle mich vor. Ich erzähle, warum ich hier bin und dass ich Musik mitgebracht habe. Instrumente, meine Stimme und CDs sind meine Berufsbegleiter. Darf ich bleiben, ist die Musik schon mit im Raum.
Aus meinem musiktherapeutischen Alltag im Hospiz jetzt einige Beispiele:
Frau D. (59) hat Krebs im Endstadium und kann nicht mehr aufstehen. Sie sieht mich bei unserer ersten Begegnung mit großen ernsten Augen an. Darauf, wenn es vorbei ist, freut sie sich. Sie kann sterben, denn
sie hat ihre sich selbst gestellte Lebensaufgabe erfüllt. Diese war, ihre Eltern zu pflegen. Meine Frage nach ihrer Lieblingsmusik beantwortet sie ohne zu zögern mit „Mendelssohn-Bartholdy, Schottische Sinfonie“. Wegen dieser Sinfonie ist sie nach Schottland gereist. Das Land findet sie wunderschön. Ein strahlendes Gesicht und leuchtende Augen begleiten ihr Erzählen.
Bei unserer nächsten Begegnung hören wir gemeinsam den ersten Satz der Sinfonie. Schon nach den Eingangstakten nimmt Frau D. die Brille ab, legt ihre Hände auf die Brust, scheint wie in der Musik versunken und bekommt einen beinahe verzückten Gesichtsausdruck. Danach erzählt sie, dass die Musik sie weggetragen habe. Sie habe die schottischen Berge und das Meer gesehen. Das mache sie glücklich. In der kommenden Woche möchte sie die anderen Sätze der Sinfonie hören.

Herr E. (84) ist durch seine Krebserkrankung und die
Langzeitpflege seiner Frau stark geschwächt. Er hat keine Kraft mehr. Im Glauben gefestigt sieht er dem nahenden Tod bewusst entgegen. Über sein arbeitsreiches und, wie er sagt, erfülltes Leben spricht er mit mir.
Gemeinsam singen wir Kirchenlieder. Es sind die, die
ihn schon ein Leben lang begleitet haben, nicht nur
im Gottesdienst sondern auch auf Familienfeiern und
morgens in der Küche beim Kochen. Mein Eindruck ist,
dass während unseres Singens im Zimmer eine Atmosphäre von Ruhe und Geborgenheit entsteht.

Frau R. (73) hat eine Autoimmunerkrankung, und sie
musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Die Pflegekräfte bitten mich, sie zu besuchen.
Bei unserer ersten Begegnung fällt mir sofort auf, wie
abgemagert und schwach. Frau R. ist, fast zu schwach zum Atmen. Sie spricht kaum. Worte scheinen keine Rolle mehr zu spielen. Sie ist dankbar, dass ich einfach nur da bin und ihre Hand halte. Eine Woche später teilen die Pflegenden mir mit, dass
Frau R.s Sterbeprozess sehr weit fortgeschritten ist.
Wieder bitten sie mich zu ihr zu gehen. Frau R. ist noch schmaler geworden. Ihr Körper ist zugedeckt, ihr Kopf liegt ruhig auf dem Kissen, beide Augen starr an die Decke gerichtet. Nur durch die Bewegung ihrer Zunge kann ich erkennen, dass sie noch atmet.
Diesen Atemrhythmus, besser gesagt, den nicht vorhandenen Rhythmus, lasse ich mit der linken Hand auf dem Monochord* erklingen. In die immer länger werdenden Pausen spreche ich leise beruhigende Worte und berühre dabei Frau R. sanft am Oberkörper. Vor ihrem letzten Atemzug hat sie die Schultern mehrmals ganz leicht nach vorne gezogen. Anschließend,
fast unmerklich, hat sich der Kopf ein wenig nach hinten geneigt. Nach langen Minuten konnte sie zum allerletzten Mal ausatmen.
Auf dem Monochord spiele ich noch einige Zeit aufsteigende Klänge. Dann verabschiede ich mich von ihr.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in der so wohltuend
offenen, entspannten, vertrauensvollen und warmherzigen Atmosphäre dieses Hauses arbeiten darf.
Christiane Hecker
Musiktherapeutin

*ein rechteckiger Resonanzkörper aus Holz mit vielen parallel gespannten Saiten, die auf den gleichen Ton gestimmt sind und dadurch einen vollen Klang ergeben

Herzlich

Eure Nici