„FREUND HAIN – Das Spiel des Lebens“

„FREUND HAIN – Das Spiel des Lebens“

„Wir werden sterben. Das ist absolut gewiss und vollkommen sicher. Aber wir wollen nichts davon wissen. Bis jetzt. Denn jetzt gibt es Freund Hain. Und unser wunder Punkt wird unsere größte Chance.“ Nach dem Riesen-Erfolg im Jahr 2019 wird das Theater an der Glocksee uns anlässlich des 25. Geburtstages erneut mit Fragen, Ideen und Vorstellungen rund um „Freund Hain“ auf anspruchsvolle und wunderbare Weise zum Nachdenken, Lachen und Leben bringen. Darauf freuen wir uns sehr und laden ein! Weitere Informationen finden Sie auf folgender Website

Theater an der Glocksee
Glockseestr. 35, 30159 Hannover
info@theater-an-der-glocksee.de

 

ABSCHIED IM HOSPIZ

Ein Artikel von Grit Biele aus der Märzausgabe des Asphaltmagazin

Mit freundlicher Genehmigung des Asphaltmagazin darf ich diesen Artikel hier heute auch einstellen. Danke, Grit, für deine Worte!

Sonnenstrahlen funkeln durch die Fenster. Sie machen das Zimmer hell und freundlich. An der Wand steht ein großer Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch stehen Fotos. Von den erwachsenen Kindern und den Enkeln. So, dass man sie auch im Liegen gut sehen kann. In der Mitte des Zimmers zwei Betten. Dicht nebeneinander. Eins ist leer. Nur eine glatt gezogene
Decke und ein Kopfkissen liegen drin. In dem anderen Bett liegt Ralf-Otto Burgdorf. Frisch rasiert und mit kurzem grauen Stoppelhaar. Er hat einen blauen Kapuzenpullover an, die Bettdecke ist bis zum Bauchnabel hochgezogen. Links neben seinem Bett steht ein Infusionsständer mit Perfusor. Über den bekommt der hagere Mann Medikamente gegen die Schmerzen. Ganz langsam, aber kontinuierlich. Auf dem Stuhl am Tisch sitzt seine Frau Ariane. Seit November 2019 wohnen die beiden gemeinsam im Hospiz Luise in Hannover.


Vor 25 Jahren hat die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim das Hospiz Luise gegründet. Es befindet sich im Hannoverschen Stadtteil Kirchrode und war das erste stationäre Hospiz in Niedersachsen. Bis zu acht Patienten kann das Hospiz gleichzeitig aufnehmen. Fünf Patientenzimmer befinden sich im Obergeschoss des Hauses, drei im Untergeschoss. Sie sind in erster Linie zweckmäßig eingerichtet, denn allein schon wegen der Hygiene müssen bestimmte Standards eingehalten werden. Und auch die bestmögliche Versorgung durch die Pflegekräfte sollte stets gewährleistet sein. Daher ist es wichtig, dass nichts im Weg steht. Um dem Zimmer dennoch einen wohnlichen Hauch zu verleihen, ist persönliches Mobiliar, wie beispielsweise der bequeme Lieblingssessel zum Ausruhen, immer gern gesehen. Für eine heimische Atmosphäre sorgen daneben ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer und der gemeinsame Essbereich im Wintergarten im Erdgeschoss des Hauses. Hier können die Patienten zusammenkommen, sich austauschen, gemeinsam essen oder auch einfach mal abschalten. »Insgesamt 17 Hauptamtliche und 27 Ehrenamtliche kümmern sich im stationären Bereich um die Belange unserer Patienten und deren An- und Zugehörigen«, sagt Kurt Bliefernicht, Leiter des Hospizes Luise.


Diagnose mit Folgen
Ralf-Otto Burgdorf ist auf pflegerische und medizinische Hilfe angewiesen. Weil der Dachdeckermeister längere Zeit mit enormen Bauchschmerzen zu kämpfen und ständig Probleme beim Toilettengang hat, lässt er sich gründlich untersuchen. »Durch Ultraschall hat mein Arzt im April 2019 dann Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt«, erzählt der 57-Jährige mit langsamer rauer Stimme. Weil diese Erkrankung lange symptomlos bleibt, ist sie tückisch. Erst spät bekommen Patienten Beschwerden wie Oberbauchschmerzen und Verdauungsstörungen. Deshalb wird Bauchspeicheldrüsenkrebs oft erst entdeckt, wenn er bereits weit fortgeschritten ist. Dann aber sind die Chancen auf Heilung meist nur noch sehr gering. Am 08. April wird der Familienvater operiert. »Die Ärzte wollten gucken, ob man noch was machen kann. Als ich wieder wach geworden bin und nicht auf der Intensivstation lag, wusste ich schon Bescheid. Es war nichts zu mehr machen. Sie hatten mich also nur aufgeschnitten, nachgeguckt und wieder zugenäht«, sagt Burgdorf. Doch aufgeben war keine Option. Ärzte prognostizieren noch drei Monate Lebenszeit ohne Chemotherapie, etwa sechs bis acht Monate mit Chemotherapie. »Ich habe mich dann für eine Chemotherapie entschieden. Ich wollte ja leben«, gibt sich Burg dorf kämpferisch. Eine Zeit voller Torturen beginnt. Die Chemotherapie schwächt den Körper, zusätzliche Erkrankungen kommen hinzu, weitere Operationen folgen. Aber es gibt auch schöne Momente. Gemeinsam mit seiner Familie geht es nochmal in den Urlaub. Nach Spanien. »Den wollte ich unbedingt noch machen. Von den 14 Urlaubstagen hatte ich dann auch fünf schöne Tage, bevor ich in Spanien für den Rest der Zeit ins Krankenhaus gekommen bin«, verrät der 57-Jährige. Vom Krankenhaus in Spanien geht es dann direkt ins Krankenhaus in der Heimat und von dort zunächst wieder nach Hause. In die eigenen vier Wände. Unterstützt wird Burgdorf ab jetzt von einem ambulanten Pflegedienst. »Die waren immer mal für zehn Minuten da, um mir mein Schmerzmittel, das Morphin, über die Pumpe zu verabreichen. Aber ich hatte den Eindruck, dass es nicht wirklich ausgebildete Pflegekräfte waren. Die Schläuche von meiner Pumpe wurden nicht ordnungsgemäß gespült, wodurch es dann zum Stau kam. Natürlich habe ich fürchterliche Schmerzen bekommen. Niemand war dann erreichbar, um zu helfen«, bemerkt Burgdorf kopfschüttelnd. Schon bald steht fest: Zu Hause geht es nicht mehr. Ralf-Otto Burgdorf kommt zunächst auf die Palliativstation in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). »Im Juni hatten wir erstmals Kontakt mit dem Hospiz Luise aufgenommen. Denn die Palliativstation ist ja auch nur eine Durchgangsstation«, betont Ariane Burgdorf. Im November dann die erlösende Nachricht: Im Hospiz Luise ist ein Platz frei geworden. Der Dachdeckermeister und seine Frau ziehen gemeinsam ein. »Das ich hier einen Platz bekommen habe, ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Diese Versorgung hier, die kriege ich sonst nirgends. Auch wenn ich zu Hause einen ganzen Harem an Frauen hätte. Was die Pflegekräfte hier leisten und wie würdevoll sie mit mir umgehen, habe ich noch nie erlebt«, schwärmt Burgdorf. Immer wieder befeuchtet er sich mit einer kleinen Sprühflasche, gefüllt mit Wasser, seinen trockenen Mund. Trinken fällt ihm mittlerweile schwer und auch das lange Reden geht nicht mehr ganz so leicht.


Individuelle Pflege und Betreuung
Bei ihren täglichen Ablaufplanungen versuchen die Mitarbeitenden im Hospiz Luise die Bedürfnisse der Patienten immer mit einzubeziehen. »Wir treffen beispielsweise Verabredungen mit ihnen, wann wir sie waschen, ob sie zu den Mahlzeiten in den Wintergarten kommen möchten oder ob sie lieber im Zimmer essen. Jeder Tag wird sehr individuell gestaltet und sieht daher immer anders aus«, erzählt Nicole Friederichsen, Krankenschwester im Hospiz. Bei all dem ist die würdevolle Begleitung zum Lebensende für alle das Wichtigste. Dabei soll die Symptomlast der Patienten so gering wie möglich gehalten werden. »Viele genießen es, in eine ruhige Atmosphäre zu kommen. Wo sie Zeit haben, mit der Familie Abschied zu nehmen. Sich mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen. In erster Linie wird hier aber erst nochmal gelebt, bevor gestorben wird«, beschreibt Friederichsen die Grundhaltung aller Kollegen. Regelmäßig kommt eine Musiktherapeutin ins Haus und hin und wieder gab es auch schon mal Konzerte für die Patienten. Aber: »Wir versuchen schon herauszufinden, was für die Patienten von Bedeutung ist oder ob sie einfach nur die Ruhe genießen möchten« betont Friederichsen.

Eine feste Größe im Haus ist der gemeinsame Mittagstisch. Jeder der kann und Zeit hat, nimmt daran teil. Patienten, der Hausmeister, die Kolleginnen aus der Pflege, Mitarbeitende aus dem Sekretariat und Besucherinnen und Besucher. »Das wird von unseren Ehrenamtlichen immer ganz liebevoll begleitet. Die sind sozusagen die Gastgeber für uns. Das ist wirklich schon ein Ritual hier«, verrät die 46-jährige Krankenschwester. Einzige Regel: man muss pünktlich um 12 Uhr im Wintergarten sein. Trotz der täglichen Konfrontation mit dem Sterben und dem Tod arbeitet Nicole Friederichsen gerne im Hospiz. Für sie ist ihr Beruf Berufung. »Ich kann mir keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. Schon als junge Auszubildende habe ich mich viel um Patienten gekümmert, die im Sterben lagen. Ich habe immer akzeptiert, und das muss man, wenn man in einem Hospiz arbeitet, dass das Leben endlich ist und das Sterben dazu gehört«, bestätigt sie.

Ralf-Otto Burgdorf bekommt nicht nur Unterstützung und Trost von den Pflegekräften und den Ehrenamtlichen. Auch seine 53-jährige Ehefrau ist immer für ihn da. »Seitdem mein Mann hier im Hospiz ist, habe ich noch nicht wieder zu Hause geschlafen«, erzählt sie etwas erschöpft. Zwar ist sie in der Zeit von 12 bis 17 Uhr regelmäßig zu Hause, kümmert sich um das Büro der Firma und geht ein Mal in der Woche in einem Steuerbüro arbeiten, den Rest der Zeit ist sie aber fast ununterbrochen bei ihrem Mann und gibt ihm Halt und Kraft. »Ich glaube, für ihn ist das Wichtigste, dass ich einfach nur da bin«, bemerkt die 53-Jährige. »Wo ich kann, unterstütze ich ihn. Ich helfe ihm beim Waschen, reibe meinen Mann mit Pflegemitteln ein, bringe Getränke mit oder wenn er Lust darauf hat, auch mal ein Eis.« Sie selbst schöpft ihre Kraft aus dem Zusammenhalt der Familie. Und: »Weil mein Mann und ich uns eben lieben. Das ist wohl das Wichtigste überhaupt«, betont sie.

Die weihnachtliche Tafel im Zimmer Burgdorf


Kurzfristige Ziele setzen
Neun Wochen wohnen die beiden nun schon im Hospiz Luise. Das Zimmer verlässt Ralf-Otto Burgdorf kaum. Die Krankheit hat ihn geschwächt. »Ab und zu bekommen die Pflegekräfte mich so stabil, dass ich meine ganze Energie aufbringe und in den Rollstuhl kann. Dadurch bin ich jetzt schon zwei Mal unten im Aufenthaltsraum gewesen und konnte gemeinsam mit anderen Patienten essen«, erzählt er. Aufgrund seiner fortgeschrittenen Erkrankung kann der 57-Jährige jedoch nur noch Miniportionen zu sich nehmen. Die meiste Zeit des Tages verbringt Burgdorf im Bett. Wasser in den Beinen und im Körper belasten ihn zusätzlich. Dafür bekommt er regelmäßige
Lymphdrainagen. »Ansonsten ist es nur ein Warten, dass ich dann würdevoll die Seite wechsle. Woanders könnte ich das wahrscheinlich nicht. Aber hier wird mir so viel Angst genommen, dass ich mich nicht fürchte, die Seite zu wechseln«, verrät der Familienvater. Seitdem der Hobby-Hühnerzüchter von seiner unheilbaren Krebserkrankung erfahren hat, hat er sich immer wieder kleine Ziele gesetzt. Nicht zu weit im Voraus. Die Ziele sollen schließlich erreicht werden. »Ich wollte unbedingt Weihnachten noch erleben. Nochmal mit der ganzen Familie feiern. Die Schwestern hier haben das dann ermöglicht. Sie haben das Zimmer so umgeräumt, dass die gesamte Familie genügend Platz hatte«, erzählt Burgdorf begeistert. Wieder befeuchtet er mit seinem Spray den Mundraum. Er wirkt erschöpft. Sein nächstes Etappenziel, Silvester zu feiern, erlebt Burgdorf ebenfalls. Und seinen Geburtstag am 04. Januar. Da kommt der Familienvater sogar noch mal nach Hause. »Das war das Schönste, was ich erlebt habe. Die Schwestern hier im Hospiz haben den Wünschewagen von den Maltesern gebucht und die haben mich dann nach Hause gefahren. Mit 75 Gästen konnte ich so meinen Geburtstag feiern«, erzählt er gerührt. Als nächstes möchte er am 24. Januar gemeinsam mit seinen Kindern Urlaubsfotos gucken. Dann kommen diese nämlich aus der Karibik zurück, von einem Urlaub, den Ralf-Otto und Ariane Burgdorf ihnen geschenkt haben, weil sie selber diese Reise nicht mehr antreten konnten. Es war das letzte Ziel, das der 57-Jährige noch geschafft hat. Einen Tag später hat Ralf-Otto Burgdorf die Seite gewechselt.

Grit Biele



Aufnahmekriterien

Jeder Antrag auf einen Platz im Hospiz wird zunächst gründlich geprüft. Klare und strenge Aufnahmekriterien sorgen dafür, dass nur diejenigen in ein Hospiz einziehen dürfen, die diese Hilfe auch wirklich benötigen. »Der Patient muss zu diesem Zeitpunkt eine unheilbare, weit fortgeschrittene Erkrankung haben und die Lebenserwartung wird nur noch für Tage bis wenige Wochen vermutet«, erklärt Kurt Bliefernicht, Leiter im Hospiz Luise. Außerdem müsse der Patient eine hohe Symptomlast aufweisen, wie Übelkeit, Schmerzen, massive Unruhe, die in der häuslichen Versorgung nicht beherrschbar ist. Und, der Arzt muss die Aufnahme in ein Hospiz aus medizinischer Sicht begründen. »98 Prozent unserer Patienten sind Krebspatienten im Endstadium. Die restlichen zwei Prozent sind neurologische Erkrankungen wie ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), MS (Multiple Sklerose) oder eine schwere
COPD (Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung)«, so Bliefernicht. Maximal sechs Monate dürfen die Patienten im Hospiz bleiben. Zeichnet sich ein längerer Aufenthalt ab, muss der Arzt erneut eine Begründung einreichen, warum die Unterbringung im Hospiz weiterhin notwendig ist. Die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten im Hospiz beträgt 19 Tage.


Hospiz in Zahlen

Die Geschichte der Hospize geht bis ins Mittelalter zurück. Ein Hospitium (lateinisch für Hospiz) war damals eine kirchliche oder klösterliche Einrichtung, die sich um Pilger, Bedürftige, Fremde, Kranke oder auch Schwache kümmerte. In Frankreich gab es 1842 eine Einrichtung, die sich erstmals speziell mit der Pflege von Sterbenden beschäftigte. 1967, also mehr als 100 Jahre später, wurde das erste stationäre Hospiz im Sinne der Palliativ Care bei London eröffnet, wo 1982 auch das erste Kinderhospiz entstand. In Deutschland wurde das erste stationäre Hospiz 1986 in Aachen gegründet. Inzwischen gibt es deutschlandweit etwa 240 stationäre Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern sowie über 1500 ambulante Hospizdienste. Finanziert wird die Arbeit in einem deutschen Hospiz durch die Kranken- und Pflegekassen. Hierfür fechten die Betreiber regelmäßig Bedarfssatzverhandlungen aus. 95 Prozent der Kosten übernehmen dann die Kassen, fünf Prozent muss der Betreiber über Spenden und über das Ehrenamt selbst finanzieren. Patienten zahlen für ihren Aufenthalt im Hospiz nichts.

Danke an Grit Biele für diesen großartigen Artikel, Danke an Familie Burgdorf für die Bereitschaft so offen einen ganz persönlichen Teil ihres Lebens mit uns zu teilen, Danke an die Asphalt Redaktion und Georg Rinke. Danke, dass ich das hier im Blog teilen durfte!

Herzliche Grüße

Eure Nici

Tanken

In den letzten Tagen  war ich unterwegs. Ein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann bestimmte den ersten Tag. Wir waren im Pfefferbergtheater in Berlin und ich habe das erste Mal Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg live erleben dürfen. Wer von Euch mal zwei Stunden abtauchen möchte und den Briefen zweier Frauen lauschen, der sollte das Hörspiel „Im Vertrauen“ hören. So wunderschön, bewegend und mit feinem Humor und dabei tiefsinnig und mit Geschichte gespickt. Absolut empfehlenswert.IMG_20200122_073725_343

Am Tag danach stand ein Interview beim Trauerradio von Eva Terhorst auf dem Programm. Ich durfte über meine Hospizarbeit erzählen, über meine Projekte, den Blog und auch den Bundesverband Trauerbegleitung. Das war ziemlich neu und aufregend für mich. Nachhören könnt ihr das Interview hier. Es war toll Eva mal persönlich kennezulernen, bisher kannte ich nur ihre Bücher. Was für ein Multitalent lebt dort in Berlin.


Auf dem Rückweg zum Hotel bin ich dann auch noch bei lebensnah Bestattungen vorbeigerauscht – Eric Wrede war zwar nicht da, aber seine beiden Herzdamen haben mich wunderbar empfangen und es war toll, auch mal das Team zu sehen.

Tag 3 war dann der eigentliche Grund meiner Reise. Der 4. Tag der Opferhilfe in Berlin. Für den Vorstand des Bundesverband Trauerbegleitungwar ich mit meiner Kollegin Eva Kersting-Rader dort. Was für eine beeindruckende Veranstaltung und wie viele Menschen waren dort, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen einsetzen. Dann einsetzen, wenn es zu Gewalt kommt, zu terroristischen Anschlägen, oder die bei Verkehrsunfällen einen kühlen Kopf bewahren. Es lohnt sich auf der Website in dieses Thema einzutauchen!

Dann wieder im Hospiz. Öffentlichkeitsarbeit für das Hospiz. Meine neue zusätzliche Aufgabe. Veranstaltungen bearbeiten, Rücksprache mit dem Chef halten, Ideen entwickeln, Mails schreiben. Wenn ich dann durch das Haus gehe sehe ich die Kolleg*innen im Haus rumhuschen, im Dienstzimmer telefonieren. Irgendwo lacht jemand. Die Kerze brennt. Ich schaue auf dem Plan, wer verstorben ist. Halte inne, atme durch.
Bevor ich dann Mittags gehe habe ich noch ein Gespräch mit einer Angehörigen, die ich treffe. Kurzer Bericht für mich, wie es ihrem Mann geht. Nochmal die Tasche abstellen, mit in das Zimmer gehen. Besuch ist da. Tränen fließen, wie reden, wir lachen. Ich verabschiede mich still. Das mache ich immer. Ich bin nicht immer da. Das ist mein Ritual.
Soviel zu hören aus den unterschiedlichsten Bereichen. Das bereichert mich.
Soviel Leben, soviele Krafttankstellen auf meinem Weg. Die wünsche ich euch auch – man muss ja nicht immer volltanken, aber vergessen darf man es auch nicht. Hört mal in euch, was euch gut tut und dann einfach machen. Nur Mut!

Herzlich Eure Nici
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Foto Timm von Borstel & Nici

Frühdienst

Um diese Jahreszeit ist es noch dunkel, wenn um 6:30 Uhr der Frühdienst beginnt. Manchmal komme ich zum Dienst und gehe als erstes die Stufen zu unserem Flur rauf und schaue ob die Kerze in der Kapelle brennt. Die zünden wir immer an, wenn ein Mensch in unserem Haus verstorben ist.

Heute ist die Kerze aus, und ich stiefel wieder runter in den Umkleideraum. Wir tragen bunte Oberteile. T-Shirts, Blusen oder bunte Kasaks. Wie Farbkleckse auf einer Staffelei sind auch wir sehr verschieden, nicht nur bei der Auswahl unserer Lieblingsfarben. Heute habe ich mit zwei Kolleginnen Dienst. Morgens versuchen wir immer zu dritt zu sein, der Spät- und Nachtdienst arbeitet zu zweit. Oft werden wir durch ehrenamtlich Mitarbeitende ergänzt, die uns bei den Mahlzeiten, beim Empfang von Besucher*innen und anderen Tätigkeiten im Ablauf unterstützen. An schweren Tagen gibt mir das immer eine Leichtigkeit, weil es ein Geschenk ist noch jemanden im Hintergrund zu wissen, der helfen kann.

Unsere Kapelle

Übergabe Nummer 1. Wie war der Tag gestern, wie war die Nacht. Wer ist noch zu Gast im Haus, gibt es spezielle Aufträge oder Wünsche an den Frühdienst. Wir arbeiten sehr individuell, teilen ein wer welchen Patienten an diesem Vormittag betreut. Vorzugsweise bleiben wir bei denen die wir schon kennen. Vertrauen ist wichtig. Die Patienten kommen oft mit einer hohen Symptomlast zu uns, haben teilweise viel erlebt und durchgemacht und müssen an dieser letzten Station ankommen. Jeder in seinem Tempo, von uns Schritt für Schritt begleitet. Mal vor und mal zurück.

Ich betreue drei Patienten an diesem Vormittag. Das klingt wenig. Betrachtet man aber die pflegerischen und psychosozialen Anforderungen von sterbenden Menschen und ihren Zugehörigen, dann kann es manchmal sogar sein, dass ich bis zur Mittagsübergabe gar nicht alles geschafft habe, was ich mir mit den Patienten vornehme.

Die Strukturen bei uns sind fein geknüpft und haben einen Rahmen, der auch Ausnahmen zulässt und sehr flexibel ist. Alle Mitarbeitenden, vom Ehrenamtlichen bis zur Hauswirtschaft, erhalten eine Übergabe, werden beim Stehtisch informiert oder finden Wichtiges im Infobuch vermerkt. So kann jeder seinen Vormittag zwar individuell gestalten, und dennoch finden wir immer wieder im Herz des Hauses, unserem Wintergarten, zusammen.

Unser Wintergarten


Meine Patienten können nicht mehr alle an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen, eine Frau ist sterbend. Der Ehemann ist im Haus. Ihretwegen habe ich direkt geschaut ob die Kerze brennt. Ich begegne ihrem Ehemann im Treppenhaus, ein stiller Blick. Er wartet, wir warten. Aushalten ist ein großes Thema.
Im Zimmer ist eine schöne Stimmung. Eine Duftlampe verbreitet einen angenehmen Geruch. Zwei Betten nebeneinander, in einem liegt meine Patientin. Hier kann ich heute nur in kleinen Schritten pflegen. Eine Ganzwaschung, wäre viel zu belastend.

Bei den anderen beiden gilt es Schmerzen zu stillen, nonverbal zu kommunizieren und auch andere Stimmungen und Gerüche zu erleben. Jedes Zimmer ist einzigartig, so wie die Menschen, die jetzt darin leben.
Ich pendel zwischen meinen Patienten und wasche, kleide an, verteile Medikamente, führe Gespräche, bereite das Frühstück, scherze, dokumentiere, telefoniere, mache Verbände, berate mich mit meinen Kolleg*innen und sitze mit Patienten, Zugehörigen, unserem Hausmeister und dem Mittagsdienst um Punkt 12 Uhr im Wintergarten zum gemeinsamen Mittagessen. Das gelingt mir nicht immer, aber heute gibt es Eier in Senfsauce und in mir regen sich Kindheitserinnerungen. Wie auch bei den Gästen am Tisch. Für mich ist das immer ein Ort zum Kraftschöpfen.

Nach dem Essen noch eine Runde durch alle Zimmer. Lagerung, Teilwaschung, ein Dinkelkissen -was immer gerade nötig ist und dann kommt um 13:30 Uhr schon die nächste Schicht. Die gemeinsame Übergabe wird begleitet von Kaffeeduft, Keksen und dem Austausch zwischen uns. Wer hat vielleicht eine gute Idee für Zimmer 4, damit der Verband dort gut hält, was für Schmerzen sind das eigentlich in der 8, vielleicht helfen da gar keine Medikamente, sondern es braucht andere Unterstützung. Dann noch die Frage, wer in den nächsten zwei Wochen unsere Frühstückseier besorgt, da die „Eierbeauftragte“ im Urlaub ist. Dann umziehen und meinen rituellen Weg um das Haus zu meinem Auto gehen. Schweres dalassen, abschalten. Das gelingt nicht immer, denn als ich später mit meinem Hund unterwegs bin, frage ich mich, ob die Kerze morgen früh wohl brennt….

Meine Arbeit ist teilweise bestimmt durch viele Vorgaben, Routinen und Abläufe. Dennoch habe ich noch nie eine so individuelle, überraschende, erfüllende und berührende Tätigkeit ausgeführt, wie in der Luise. Auch wenn ich nur eine Teilzeit-Luise bin, bestimmt diese Arbeit in vielfacher Hinsicht mein Leben positiv.

Herzlich und bis bald
Eure Nici

Fotos: Hospiz Luise und ich

Auftakt

1994 – 2019 Hospiz Luise – Dankgottesdienst und Empfang

Nach über einem Jahr Vorbereitungen hat gestern die erste Veranstaltung stattgefunden. Ein Dankgottesdienst mit anschließendem Empfang in der schönen St. Joseph Kirche und dem dazugehörigen Forum.

Schon bei der Begrüßung der Gäste durch Hospizleiter Kurt Bliefernicht und Generaloberin Schwester M. Teresa war Wiedersehensfreude, Aufregung und Dankbarkeit zu spüren. Dankbarkeit für 25 Jahre Hospiz Luise.
Vorbereitet durch die Seelsorgegruppe unseres Hauses konnten wir einen berührenden und kraftspendenden Gottesdienst unter der Leitung von Bischof Dr. Heiner Wilmer SCJ feiern.
Wenn eine große Gemeinde gemeinsam singt, betet oder der Musik lauscht, dann erleben wir Gemeinschaft. Wenn eine Gruppe von 89 Mitarbeitenden aus dem Haupt- und Ehrenamt Menschen in den letzten Tagen und Wochen ihres Lebens begleitet, dann gelingt das auch nur in Gemeinschaft. So wie in der Luise.

Im Forum gab es dann ein Gläschen mit Sekt oder Saft in die Hand und ein paar Ohnmachtshappen standen bereit, denn alle Ehrengäste hatten ein Grußwort vorbereitet. In der Planung war mir persönlich schon etwas mulmig bei der Länge von 5 Beiträgen und Kurt Bliefernichts Abschluss und Übergang. Aber es hat sich alles gefügt und die Gäste hörten kurzweilige, erheiternde, nachdenkliche und wohltuende Beiträge. Dafür bin ich so dankbar. Diese 25 Jahre sind so voll von Geschichten, beginnend in der ungewissen Pionierzeit bis heute. Voll des Lebens muss man sagen, und gestern auch mit dem notwendigen Humor und Leichtigkeit vorgetragen – neben dem Schweren in unserer Arbeit braucht es auch diesen Anteil.

Unser Schirmherr Ministerpräsident Stephan Weil musste sich leider entschuldigen, aber dafür gab es Grußworte der Sozialministerin Frau Dr. Carola Reimann, Frau Dagmar Vogt-Janssen (Leiterin des Fachbereiches Senioren der Stadt), Herrn Gert Klaus (Vorsitzender vom Hospiz und Palliativverband Niedersachsen), Herrn Ulrich Domdey (Vorsitzender des Landesstützpunktes Hospizarbeit und Palliativ Versorgung in Niedersachsen) und von der allerersten Hospizleitung Frau Felicitas Hanne.

Der Ausklang der Veranstaltung mit alten Bildern, wunderbarem Fingerfood und Begegnung war wunderbar. Die Festschrift, die Ute Reimann erstellt hat, wurde an die Gäste ausgegeben. Unser Jubiläumsbeutel mit einem Motiv von DELLA konnte endlich erworben werden und es war Zeit für Gespräche, Umarmungen, weitere Glückwünsche, Schulterklopfen und auch ein wenig Stolz. Stolz auf das, was andere da geschaffen haben vor 25 Jahren. Gegen alle Widerstände aus einer Vision von Felicitas Hanne.
„Einen Ort zu schaffen, an dem die Menschen im Sterben, sanft in Gottes Hände fallen“. Nach dem Gedicht „Die Blätter fallen“ von Rainer Maria Rilke. Dazu aber in einem anderen Beitrag mehr.

Einen Fernsehtipp gebe ich an dieser Stelle noch gerne ab. Demnächst könnt ihr einen kleinen Film vom NDR bei „Hallo Niedersachsen“ sehen. Frau von Lucke hat uns besucht und wir sind schon sehr gespannt! Hier gibt es schon einen Vorgeschmack.
Die nächste Veranstaltung ist der Weihnachtsmarkt auf der Lister Meile – dort verkaufen wir selbstgemachte Weihnachtsgeschenke zugunsten des Hospizes.

Herzliche Grüße

Eure Nici