Weißt du noch?

Könnt ihr euch noch an letztes Jahr erinnern? Als ihr unbekümmert im Juli am Strand gelegen habt? Oder mit den Kindern und Freunden auf einem Sommerfest gewesen seid? An das Open Air Konzert in einer großen Arena?
So schnell hat sich alles verändert. So schnell bilden sich aber in der Krise auch Umgehungskreisläufe. Wir liegen mit Abstand oder dieses Jahr auch gar nicht, wir streamen online oder haben inzwischen ein Abo bei einem Streaminganbieter. Wir verzichten. Wir reduzieren. Wir haben Sehnsucht nach Leben und Umarmung. Wir fragen „Warum“ und wollen die Normalität, die wir vorher oft nicht zu schätzen wussten.

So geht es uns auch im Hospiz. Unser Jubiläum. Ich weiß noch wie ich mich gefreut habe, als mein Chef mich gefragt hat, ob ich die Projektleitung übernehmen möchte. Von November 2019, unserem 25. Geburtstag, bis zum 04. Juli 2020 wollten wir feiern und uns in der Öffentlichkeit zeigen. Mit Asphalt in der Marktkirche, an der Uni, mit Nerissa Rothardt im Promitalk, im Glockseetheater, in Gottesdiensten und auf unserem Sommerfest. 1,5 Jahre Arbeit für nichts? So würde ich das nicht sagen. Das Jubiläumsschiff ist bildlich untergegangen, aber mit diesem Blog und einigen spontanen Ideen machen wir Rettungsboote klar.
Wie zum Beispiel unser Sommer (food) to go am Samstag, den 04. Juli 2020 von 11 bis 16 Uhr.
Was für ein Support, dass uns der Lady Circle 27 Kuchen backt, die wir außer Haus verkaufen! Das machen die Damen ja in jedem Jahr, aber in diesem dürfen Sie leider nicht vor Ort sein und selber verkaufen. Das ist sooo schade, aber auf die Unterstützung freuen wir uns dennoch und sind sehr dankbar. Auch der Round Table und der Lions Club Hannover haben uns unterstützt, obwohl sie selber nicht dabei sein dürfen. Wir freuen uns auf euch im nächsten Jahr!

Dann ist da noch Janet Nesmedin aus Garbsen, die 2018 Drittplazierte beim Grossen Backen von Sat 1 wurde. Da ich nicht sehr zurückhaltend bin habe ich sie schon im letzten Jahr angefragt, ob sie uns eine Torte backen würde. Zum Sommerfest als krönenden Abschluss sollte es „die eine Torte“ geben. Das wird jetzt nicht so sein, aber vielleicht dann ja zum Abschluss meiner Benefizaktion im Oktober. Janet hat uns auch schon im Hospiz besucht (vor Corona) und unterstützt uns, wo sie kann. Sie steht ebenfalls schon in der Küche und backt für Samstag! Danke von Herzen Janet!

Unsere legendären mediterranen Speisen können am Samstag auch mitgenommen werden. Alles gegen Spende. Das Dreamteam des Standes ist schon in den Startlöchern und ich möchte euch zumindest Fotos vom letzten Jahr zeigen. Dieses Jahr wird es auch lecker, aber ruhiger und reduzierter. Danke an Manuela, Manuela, Anne, Gerda, Carina, Susanne im Hintergrund des Geschehens und natürlich auch an Kurt und Slavko, die ja alles mit mir aufbauen….und an Britta, die sich die Finger wund gemalt hat, damit auch noch Troststeine gegen Spende ausgeben werden. Auch den Helfer*innen aus dem Hauptamtlichen Team sei gedankt, dass ihr uns Samstag unterstützt. Wir hoffen, dass unsere Ehrenamtlichen Mitarbeitenden uns besuchen kommen….

Jetzt fehlt noch ihr! Kommt doch vorbei, nehmt ein Stück Kuchen mit und unsere leckeren Grillbeilagen, schenkt uns ein Lächeln und eine Spende, wenn ihr das könnt. Wer nicht selber kommen kann, der hat in Kirchrode/Bemerode auch die Möglichkeit unseren Lieferservice zu nutzen. Einfach eine Mail an sommerlieferung@gmx.de und dann können die Details besprochen werden!

Dann können wir im nächsten Jahr sagen, weißt du noch, beim Sommer (food) to go in der Luise….das war so schön!

Herzlich
Eure Nici

Fotos: Nici, Janet Nesmedin

Die Zeit, die bleibt …

Wie verbringt man eigentlich seine letzten Tage und Stunden? Gibt es da noch Momente, in denen man überhaupt etwas tun kann? Wann beginnen denn überhaupt die letzten Tage und Stunden?

Die Menschen, die zu uns ins Hospiz kommen sind unterschiedlich. Nicht nur aufgrund von natürlichen Unterschiedlichkeiten, die wir alle haben, sondern auch im Stadium ihrer Erkrankung. Einige kommen sehr spät ins Hospiz. Haben um jede Stunde zuhause oder einer stationären Einrichtung gekämpft. Entweder in der Hoffnung noch länger weiterleben zu können, oder auch, weil der Wunsch so groß war im vertrauten Umfeld zu sterben. Dafür haben wir ja unsere ambulanten Dienste – nicht nur in der Luise. Die ambulante Hospiz- und Palliativversorgung zieht sich sternförmig durch ganz Deutschland. In alle Richtungen, meist auch in entlegene Winkel. Das ist gut. Dieses Netzwerk hilft Menschen zuhause bleiben zu können – solange wie möglich. Oft auch bis zum Tod.

Am Aufnahmetag kommen die Patient*innen oft mit einem Krankentransport. In der Übergabe lese ich dann ob sitzend, liegend, zu Fuß. Ich erfahre auch schon etwas über Zugehörige, Vorlieben, Symptomatiken. Was steht bei diesem Menschen im Vordergrund.
Was ich erst erfahre, wenn ich Glück habe mit meiner Teilzeitstelle, wer denn dieser Mensch auch ist. Was ihm etwas bedeutet. Was er bedauert. Worauf er stolz ist. Wer ihm jetzt nah sein darf. Das sind Sternstunden, wenn wir etwas finden, was in dieser letzten Lebensphase auch Freude bringt, Zufriedenheit und kleines Glück auslöst.
Einmal im Spätdienst habe ich überlegt, was ich einer Patientin noch an Zeit schenken kann. Eine Einreibung, ein warmes Getränk, ein paar Dinkelkissen, ein Gespräch…ich durfte ihr vorlesen. Aus einem Buch, das mein lieber Kollege mitgebracht hatte. Keltische Sagen. Mit geschlossenen Augen hat sie da gelegen und ich war so unendlich dankbar, dass Holger auf diese wundervolle Idee gekommen war. Reich beschenkt hat er uns beide, denn wir haben uns weggeträumt in andere Zeiten und mit Finn gefiebert.

Es gibt Patient*innen, denen bereitet es Freude die Blumen auf dem Balkon zu versorgen. Im Rahmen ihrer Ressourcen, mit Bedacht, eine Aufgabe haben. Für einige wichtig. Oder sie können sich noch so konzentrieren, dass sie zeichnen. Andere sind erschöpft und ruhebedürftig. Sind geräuschempfindlich oder rastlos. Brauchen einfach Nähe und andere Menschen, um sich herum. Corona verändert unsere Möglichkeiten. Der Sommer ist jetzt unser Freund. Unser Garten Ort der Begegnung.
Manchmal hört man zwischen den Zeilen, Bedauern über die Zeit, die man nicht genutzt hat. Oder erlebt Menschen, die so dankbar sind für das Leben, dass sie hatten. Für die Liebe, die Begegnungen, die Überraschungen. Manchmal kann man das auch wunderbar beobachten. In Blicken, Gesten und Körperhaltungen.
Manchmal bricht wieder ein kleines Stück aus meinem Herzen, wenn der Mensch in seinem schwachen Körper gefangen ist und der Geist noch so klar. Dann die Bitte: „Haben Sie nicht irgendwas für mich zu tun? Etwas, das Ihnen auch nützt. Ich würde so gerne etwas tun!“
Ich klebe mein Herz mit meinen Kraftquellen. Familie, lange Spaziergänge. Schreiben. Fotografieren. Verrückte Sachen ausdenken.

Die Zeit, die bleibt. Das ist für mich nicht erst die Zeit, die ich einmal mit dem Sterben verbringen werde. Das ist jetzt. Das ist heute. Das sind die Begegnungen und die kleinen schönen Dinge, die ich jetzt haben kann.

Wer weiß denn, was morgen ist?
Carpe diem,

herzlich Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich 🙂

„Von Tellerrand zu Tellerrand“- und darüber hinaus

Heute gibt es wieder einen Gastbeitrag aus unserer Festschrift von Anja Bohlen-Bruchmann, der Leiterin des Ambulanten PalliativDienstes.

Gerne nehme ich die Überschrift des Erfahrungsberichtes meines geschätzten Vorgängers Carsten Rumbke aus der Festschrift zum 10 jährigen Bestehen des Hospiz Luise auf, und lade Sie ein, mich zunächst auf eine kleine Zeitreise zu begleiten:

Nicht allgemeine, sondern konkrete Beschlüsse sind notwendig, die der jeweiligen Lage entsprechen

Luise von Marillac


Gemäß dieser Überzeugung wurde 1998 der Ambulante Palliativdienst mit der Idee gegründet, schwerstkranke und sterbende Menschen zu Hause und in den Pflegeheimen zu begleiten. Zunächst war es Adelheid Werner, die mit ihrer langjährigen ambulanten und stationären Erfahrung den Patienten und ihre Angehörigen vor Ort mit Rat und Tat zur Seite stand. Darüber hinaus wurden Basisversorger wie Hausärztinnen und –ärzte und Pflegedienste beraten. Eine Kooperation mit dem Klinikum Hannover in der Form von zwei überstellten Mitarbeiterinnen ermöglichte die mittlerweile notwendig gewordene Teamerweiterung. Palliative Care verfolgt einen multiprofessionellen Ansatz; neben den Palliative Care Fachkräften kamen ein Palliativmediziner und eine sozialpädagogische Mitarbeiterin hinzu.

Von Anfang an war der APD Luise Teil eines Netzwerkes, dem Palliativstützpunkt Stadt und Region Hannover, so dass ein permanenter fachlicher Austausch zu Fragen der Palliativversorgung über den eigenen Tellerrand hinaus stattfand. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit weiteren Palliativdiensten (Diakovere Palliativdienst und der Ambulante Palliativ- und Hospizdienst der Diakoniestationen) führte dazu, die 24
stündige Rufbereitschaft für die Patienten gemeinsam zu leisten und somit auch ressourcenorientiert zu agieren.

Als ich im September 2010 die Leitung übernahm, hatte ein erfahrenes und engagiertes Team bereits viele Menschen kompetent beraten und begleitet. Wie zu Beginn der stationären Hospizarbeit sind die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim auch hier ein Wagnis eingegangen, denn bis zum April 2010 gab es keine geregelte Finanzierung, diese folgte erst dann im Rahmen der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung SAPV.

Viel habe ich in den ersten Jahren lernen dürfen, dabei konnte ich von den Erfahrungen des Teams profitieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der Angehörige ihre Partnerinnen und Partner, Eltern und auch Kinder, Freundinnen und Freunde pflegen und umsorgen, ist beeindruckend und verdient Achtung und Respekt. Die jeweiligen Situationen lehren mich immer wieder, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Das bedeutet, Schwerstkranke und Angehörige in ihren ganz individuellen Bewältigungsstrategien wahrzunehmen und zu fördern. Dies kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten sich als Teil eines Sorge-Teams verstehen, in dem Kooperationen gelebt werden.

Wir sind dankbar, dass sich im Laufe der Jahre tragfähige und intensive Arbeitsbeziehungen entwickelt haben. Der Ambulante Palliativdienst versteht sich von jeher als Ergänzung zur hausärztlichen und pflegerischen Versorgung. Ich finde es wichtig, den zunehmenden Anforderungen und Arbeitsverdichtungen im respektvollen Miteinander zu begegnen.

Wir feiern den 25. Geburtstag des Hospiz Luise und wir als APD freuen uns mit unserer großen Schwester/ unserem großen Bruder über die Entwicklung von einer Pioniereinrichtung zu einem Hospiz mit Gütesiegel. Ich erlebe in unserem Hause ein gutes Miteinander der unterschiedlichen Dienste. Die verschiedenen Arbeitsbedingungen (ambulant-stationär) laden immer wieder dazu ein, über den eigenen Tellerrand zu schauen und Haltungen und Überzeugungen in Frage zu stellen. So profitieren wir gegenseitig von unserer Unterschiedlichkeit.

Die Hospiz- und Palliativarbeit hat ihre Wurzeln im bürgerschaftlichen Engagement. Die Verabschiedung des Hospiz- und Palliativgesetz im Jahre 2015 ist ein großer Erfolg dieser Bewegung und hat dazu beigetragen, dass die Forderung nach einem würdevollen Umgang mit Menschen an ihrem Lebensende dort, wo sie leben, zu Hause, allein oder mit Angehörigen, im Pflegeheim, in Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen stärker im Bewusstsein unserer Gesellschaft angekommen ist.
Von den spezialisierten Einrichtungen wie dem Hospiz und dem Ambulanten Palliativdienst möge über die Tellerränder hinaus ein Signal zur Verbesserung der Rahmenbedingungen in verwandten Einrichtungen des Gesundheitswesens ausgehen!


Anja Bohlen-Bruchmann Leitung Ambulanter Palliativdienst Stellvertretende Gesamtleitung Hospiz Luise

4. v. links Anja Bohlen-Bruchmann

Fotos: Kurt Bliefernicht, Pixabay und ich 🙂

ABSCHIED IM HOSPIZ

Ein Artikel von Grit Biele aus der Märzausgabe des Asphaltmagazin

Mit freundlicher Genehmigung des Asphaltmagazin darf ich diesen Artikel hier heute auch einstellen. Danke, Grit, für deine Worte!

Sonnenstrahlen funkeln durch die Fenster. Sie machen das Zimmer hell und freundlich. An der Wand steht ein großer Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Tisch stehen Fotos. Von den erwachsenen Kindern und den Enkeln. So, dass man sie auch im Liegen gut sehen kann. In der Mitte des Zimmers zwei Betten. Dicht nebeneinander. Eins ist leer. Nur eine glatt gezogene
Decke und ein Kopfkissen liegen drin. In dem anderen Bett liegt Ralf-Otto Burgdorf. Frisch rasiert und mit kurzem grauen Stoppelhaar. Er hat einen blauen Kapuzenpullover an, die Bettdecke ist bis zum Bauchnabel hochgezogen. Links neben seinem Bett steht ein Infusionsständer mit Perfusor. Über den bekommt der hagere Mann Medikamente gegen die Schmerzen. Ganz langsam, aber kontinuierlich. Auf dem Stuhl am Tisch sitzt seine Frau Ariane. Seit November 2019 wohnen die beiden gemeinsam im Hospiz Luise in Hannover.


Vor 25 Jahren hat die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim das Hospiz Luise gegründet. Es befindet sich im Hannoverschen Stadtteil Kirchrode und war das erste stationäre Hospiz in Niedersachsen. Bis zu acht Patienten kann das Hospiz gleichzeitig aufnehmen. Fünf Patientenzimmer befinden sich im Obergeschoss des Hauses, drei im Untergeschoss. Sie sind in erster Linie zweckmäßig eingerichtet, denn allein schon wegen der Hygiene müssen bestimmte Standards eingehalten werden. Und auch die bestmögliche Versorgung durch die Pflegekräfte sollte stets gewährleistet sein. Daher ist es wichtig, dass nichts im Weg steht. Um dem Zimmer dennoch einen wohnlichen Hauch zu verleihen, ist persönliches Mobiliar, wie beispielsweise der bequeme Lieblingssessel zum Ausruhen, immer gern gesehen. Für eine heimische Atmosphäre sorgen daneben ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer und der gemeinsame Essbereich im Wintergarten im Erdgeschoss des Hauses. Hier können die Patienten zusammenkommen, sich austauschen, gemeinsam essen oder auch einfach mal abschalten. »Insgesamt 17 Hauptamtliche und 27 Ehrenamtliche kümmern sich im stationären Bereich um die Belange unserer Patienten und deren An- und Zugehörigen«, sagt Kurt Bliefernicht, Leiter des Hospizes Luise.


Diagnose mit Folgen
Ralf-Otto Burgdorf ist auf pflegerische und medizinische Hilfe angewiesen. Weil der Dachdeckermeister längere Zeit mit enormen Bauchschmerzen zu kämpfen und ständig Probleme beim Toilettengang hat, lässt er sich gründlich untersuchen. »Durch Ultraschall hat mein Arzt im April 2019 dann Bauchspeicheldrüsenkrebs festgestellt«, erzählt der 57-Jährige mit langsamer rauer Stimme. Weil diese Erkrankung lange symptomlos bleibt, ist sie tückisch. Erst spät bekommen Patienten Beschwerden wie Oberbauchschmerzen und Verdauungsstörungen. Deshalb wird Bauchspeicheldrüsenkrebs oft erst entdeckt, wenn er bereits weit fortgeschritten ist. Dann aber sind die Chancen auf Heilung meist nur noch sehr gering. Am 08. April wird der Familienvater operiert. »Die Ärzte wollten gucken, ob man noch was machen kann. Als ich wieder wach geworden bin und nicht auf der Intensivstation lag, wusste ich schon Bescheid. Es war nichts zu mehr machen. Sie hatten mich also nur aufgeschnitten, nachgeguckt und wieder zugenäht«, sagt Burgdorf. Doch aufgeben war keine Option. Ärzte prognostizieren noch drei Monate Lebenszeit ohne Chemotherapie, etwa sechs bis acht Monate mit Chemotherapie. »Ich habe mich dann für eine Chemotherapie entschieden. Ich wollte ja leben«, gibt sich Burg dorf kämpferisch. Eine Zeit voller Torturen beginnt. Die Chemotherapie schwächt den Körper, zusätzliche Erkrankungen kommen hinzu, weitere Operationen folgen. Aber es gibt auch schöne Momente. Gemeinsam mit seiner Familie geht es nochmal in den Urlaub. Nach Spanien. »Den wollte ich unbedingt noch machen. Von den 14 Urlaubstagen hatte ich dann auch fünf schöne Tage, bevor ich in Spanien für den Rest der Zeit ins Krankenhaus gekommen bin«, verrät der 57-Jährige. Vom Krankenhaus in Spanien geht es dann direkt ins Krankenhaus in der Heimat und von dort zunächst wieder nach Hause. In die eigenen vier Wände. Unterstützt wird Burgdorf ab jetzt von einem ambulanten Pflegedienst. »Die waren immer mal für zehn Minuten da, um mir mein Schmerzmittel, das Morphin, über die Pumpe zu verabreichen. Aber ich hatte den Eindruck, dass es nicht wirklich ausgebildete Pflegekräfte waren. Die Schläuche von meiner Pumpe wurden nicht ordnungsgemäß gespült, wodurch es dann zum Stau kam. Natürlich habe ich fürchterliche Schmerzen bekommen. Niemand war dann erreichbar, um zu helfen«, bemerkt Burgdorf kopfschüttelnd. Schon bald steht fest: Zu Hause geht es nicht mehr. Ralf-Otto Burgdorf kommt zunächst auf die Palliativstation in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). »Im Juni hatten wir erstmals Kontakt mit dem Hospiz Luise aufgenommen. Denn die Palliativstation ist ja auch nur eine Durchgangsstation«, betont Ariane Burgdorf. Im November dann die erlösende Nachricht: Im Hospiz Luise ist ein Platz frei geworden. Der Dachdeckermeister und seine Frau ziehen gemeinsam ein. »Das ich hier einen Platz bekommen habe, ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Diese Versorgung hier, die kriege ich sonst nirgends. Auch wenn ich zu Hause einen ganzen Harem an Frauen hätte. Was die Pflegekräfte hier leisten und wie würdevoll sie mit mir umgehen, habe ich noch nie erlebt«, schwärmt Burgdorf. Immer wieder befeuchtet er sich mit einer kleinen Sprühflasche, gefüllt mit Wasser, seinen trockenen Mund. Trinken fällt ihm mittlerweile schwer und auch das lange Reden geht nicht mehr ganz so leicht.


Individuelle Pflege und Betreuung
Bei ihren täglichen Ablaufplanungen versuchen die Mitarbeitenden im Hospiz Luise die Bedürfnisse der Patienten immer mit einzubeziehen. »Wir treffen beispielsweise Verabredungen mit ihnen, wann wir sie waschen, ob sie zu den Mahlzeiten in den Wintergarten kommen möchten oder ob sie lieber im Zimmer essen. Jeder Tag wird sehr individuell gestaltet und sieht daher immer anders aus«, erzählt Nicole Friederichsen, Krankenschwester im Hospiz. Bei all dem ist die würdevolle Begleitung zum Lebensende für alle das Wichtigste. Dabei soll die Symptomlast der Patienten so gering wie möglich gehalten werden. »Viele genießen es, in eine ruhige Atmosphäre zu kommen. Wo sie Zeit haben, mit der Familie Abschied zu nehmen. Sich mit dem Thema Tod und Sterben auseinanderzusetzen. In erster Linie wird hier aber erst nochmal gelebt, bevor gestorben wird«, beschreibt Friederichsen die Grundhaltung aller Kollegen. Regelmäßig kommt eine Musiktherapeutin ins Haus und hin und wieder gab es auch schon mal Konzerte für die Patienten. Aber: »Wir versuchen schon herauszufinden, was für die Patienten von Bedeutung ist oder ob sie einfach nur die Ruhe genießen möchten« betont Friederichsen.

Eine feste Größe im Haus ist der gemeinsame Mittagstisch. Jeder der kann und Zeit hat, nimmt daran teil. Patienten, der Hausmeister, die Kolleginnen aus der Pflege, Mitarbeitende aus dem Sekretariat und Besucherinnen und Besucher. »Das wird von unseren Ehrenamtlichen immer ganz liebevoll begleitet. Die sind sozusagen die Gastgeber für uns. Das ist wirklich schon ein Ritual hier«, verrät die 46-jährige Krankenschwester. Einzige Regel: man muss pünktlich um 12 Uhr im Wintergarten sein. Trotz der täglichen Konfrontation mit dem Sterben und dem Tod arbeitet Nicole Friederichsen gerne im Hospiz. Für sie ist ihr Beruf Berufung. »Ich kann mir keinen besseren Arbeitsplatz vorstellen. Schon als junge Auszubildende habe ich mich viel um Patienten gekümmert, die im Sterben lagen. Ich habe immer akzeptiert, und das muss man, wenn man in einem Hospiz arbeitet, dass das Leben endlich ist und das Sterben dazu gehört«, bestätigt sie.

Ralf-Otto Burgdorf bekommt nicht nur Unterstützung und Trost von den Pflegekräften und den Ehrenamtlichen. Auch seine 53-jährige Ehefrau ist immer für ihn da. »Seitdem mein Mann hier im Hospiz ist, habe ich noch nicht wieder zu Hause geschlafen«, erzählt sie etwas erschöpft. Zwar ist sie in der Zeit von 12 bis 17 Uhr regelmäßig zu Hause, kümmert sich um das Büro der Firma und geht ein Mal in der Woche in einem Steuerbüro arbeiten, den Rest der Zeit ist sie aber fast ununterbrochen bei ihrem Mann und gibt ihm Halt und Kraft. »Ich glaube, für ihn ist das Wichtigste, dass ich einfach nur da bin«, bemerkt die 53-Jährige. »Wo ich kann, unterstütze ich ihn. Ich helfe ihm beim Waschen, reibe meinen Mann mit Pflegemitteln ein, bringe Getränke mit oder wenn er Lust darauf hat, auch mal ein Eis.« Sie selbst schöpft ihre Kraft aus dem Zusammenhalt der Familie. Und: »Weil mein Mann und ich uns eben lieben. Das ist wohl das Wichtigste überhaupt«, betont sie.

Die weihnachtliche Tafel im Zimmer Burgdorf


Kurzfristige Ziele setzen
Neun Wochen wohnen die beiden nun schon im Hospiz Luise. Das Zimmer verlässt Ralf-Otto Burgdorf kaum. Die Krankheit hat ihn geschwächt. »Ab und zu bekommen die Pflegekräfte mich so stabil, dass ich meine ganze Energie aufbringe und in den Rollstuhl kann. Dadurch bin ich jetzt schon zwei Mal unten im Aufenthaltsraum gewesen und konnte gemeinsam mit anderen Patienten essen«, erzählt er. Aufgrund seiner fortgeschrittenen Erkrankung kann der 57-Jährige jedoch nur noch Miniportionen zu sich nehmen. Die meiste Zeit des Tages verbringt Burgdorf im Bett. Wasser in den Beinen und im Körper belasten ihn zusätzlich. Dafür bekommt er regelmäßige
Lymphdrainagen. »Ansonsten ist es nur ein Warten, dass ich dann würdevoll die Seite wechsle. Woanders könnte ich das wahrscheinlich nicht. Aber hier wird mir so viel Angst genommen, dass ich mich nicht fürchte, die Seite zu wechseln«, verrät der Familienvater. Seitdem der Hobby-Hühnerzüchter von seiner unheilbaren Krebserkrankung erfahren hat, hat er sich immer wieder kleine Ziele gesetzt. Nicht zu weit im Voraus. Die Ziele sollen schließlich erreicht werden. »Ich wollte unbedingt Weihnachten noch erleben. Nochmal mit der ganzen Familie feiern. Die Schwestern hier haben das dann ermöglicht. Sie haben das Zimmer so umgeräumt, dass die gesamte Familie genügend Platz hatte«, erzählt Burgdorf begeistert. Wieder befeuchtet er mit seinem Spray den Mundraum. Er wirkt erschöpft. Sein nächstes Etappenziel, Silvester zu feiern, erlebt Burgdorf ebenfalls. Und seinen Geburtstag am 04. Januar. Da kommt der Familienvater sogar noch mal nach Hause. »Das war das Schönste, was ich erlebt habe. Die Schwestern hier im Hospiz haben den Wünschewagen von den Maltesern gebucht und die haben mich dann nach Hause gefahren. Mit 75 Gästen konnte ich so meinen Geburtstag feiern«, erzählt er gerührt. Als nächstes möchte er am 24. Januar gemeinsam mit seinen Kindern Urlaubsfotos gucken. Dann kommen diese nämlich aus der Karibik zurück, von einem Urlaub, den Ralf-Otto und Ariane Burgdorf ihnen geschenkt haben, weil sie selber diese Reise nicht mehr antreten konnten. Es war das letzte Ziel, das der 57-Jährige noch geschafft hat. Einen Tag später hat Ralf-Otto Burgdorf die Seite gewechselt.

Grit Biele



Aufnahmekriterien

Jeder Antrag auf einen Platz im Hospiz wird zunächst gründlich geprüft. Klare und strenge Aufnahmekriterien sorgen dafür, dass nur diejenigen in ein Hospiz einziehen dürfen, die diese Hilfe auch wirklich benötigen. »Der Patient muss zu diesem Zeitpunkt eine unheilbare, weit fortgeschrittene Erkrankung haben und die Lebenserwartung wird nur noch für Tage bis wenige Wochen vermutet«, erklärt Kurt Bliefernicht, Leiter im Hospiz Luise. Außerdem müsse der Patient eine hohe Symptomlast aufweisen, wie Übelkeit, Schmerzen, massive Unruhe, die in der häuslichen Versorgung nicht beherrschbar ist. Und, der Arzt muss die Aufnahme in ein Hospiz aus medizinischer Sicht begründen. »98 Prozent unserer Patienten sind Krebspatienten im Endstadium. Die restlichen zwei Prozent sind neurologische Erkrankungen wie ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), MS (Multiple Sklerose) oder eine schwere
COPD (Chronisch Obstruktive Lungenerkrankung)«, so Bliefernicht. Maximal sechs Monate dürfen die Patienten im Hospiz bleiben. Zeichnet sich ein längerer Aufenthalt ab, muss der Arzt erneut eine Begründung einreichen, warum die Unterbringung im Hospiz weiterhin notwendig ist. Die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten im Hospiz beträgt 19 Tage.


Hospiz in Zahlen

Die Geschichte der Hospize geht bis ins Mittelalter zurück. Ein Hospitium (lateinisch für Hospiz) war damals eine kirchliche oder klösterliche Einrichtung, die sich um Pilger, Bedürftige, Fremde, Kranke oder auch Schwache kümmerte. In Frankreich gab es 1842 eine Einrichtung, die sich erstmals speziell mit der Pflege von Sterbenden beschäftigte. 1967, also mehr als 100 Jahre später, wurde das erste stationäre Hospiz im Sinne der Palliativ Care bei London eröffnet, wo 1982 auch das erste Kinderhospiz entstand. In Deutschland wurde das erste stationäre Hospiz 1986 in Aachen gegründet. Inzwischen gibt es deutschlandweit etwa 240 stationäre Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene und mehr als 300 Palliativstationen in Krankenhäusern sowie über 1500 ambulante Hospizdienste. Finanziert wird die Arbeit in einem deutschen Hospiz durch die Kranken- und Pflegekassen. Hierfür fechten die Betreiber regelmäßig Bedarfssatzverhandlungen aus. 95 Prozent der Kosten übernehmen dann die Kassen, fünf Prozent muss der Betreiber über Spenden und über das Ehrenamt selbst finanzieren. Patienten zahlen für ihren Aufenthalt im Hospiz nichts.

Danke an Grit Biele für diesen großartigen Artikel, Danke an Familie Burgdorf für die Bereitschaft so offen einen ganz persönlichen Teil ihres Lebens mit uns zu teilen, Danke an die Asphalt Redaktion und Georg Rinke. Danke, dass ich das hier im Blog teilen durfte!

Herzliche Grüße

Eure Nici

Letzte Fragen

Sechsmal habe ich den ersten Satz gelöscht. Wenn ich an Herrn B. denke, dann sehe ich sein Lächeln. Ich muss gerade schmunzeln, denn als ich mal den Perfusor gewechselt habe, da hat er mir das Bett hochgestellt, weil ich ja auch an meinen Rücken denken muss.
Herr B. ist verstorben. Vorher haben er und seine Frau ein Interview gegeben. Für das Asphalt-Magazin. Einige Kolleg*innen und ich waren auch dabei. 4 Seiten sind in der aktuellen Ausgabe.

In Würde sterben. Und im Kreise der Liebsten. Das wünschen sich die meisten. Vor allem aber ohne Qualen. Doch gerade Krebspatienten haben meist einen Leidensweg vor sich. Mit Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Für sie ist ein Hospizplatz oft ein Gewinn. Ein Besuch im Hospiz Luise, einem von deutschlandweit 240 Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Wir haben mit Sterbenden, Angehörigen, Leitern und Schwestern gesprochen. Eine Asphalt-Geschichte – hart an der Grenze.

Wir planen in diesem Jahr eine Benefizveranstaltung mit Asphalt. Da lag es nahe, dass uns der Geschäftsführer Georg Rinke gemeinsam mit seinem Team auch einen Raum in der Asphalt gegeben hat. Dafür bin ich sehr dankbar, es ist nicht selbstverständlich, dass so ausführlich über unsere Arbeit berichtet wird.

Als der Anruf von Grit Biele kam wollte sie natürlich gerne ein Patienteninterview. Ich hatte Frühdienst und eigentlich konnte es nur Herr B. sein. Erst habe ich seine Frau gefragt, ob sie denn auch mitmachen würde. Dann bin ich ins Zimmer. Da lag er dann und hat mit einer Selbstverständlichkeit zugesagt, dass mir kurz der Atem wegblieb. Eine flammende Rede, dass wir doch darüber reden müssen. Über den Tod, das Sterben und wer soll es denn sonst machen? Unsere Kinder gehen auf die Straße, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Da wollte er auch was tun. Klartext reden. Nichts beschönigen. Grit Biele hat das eingefangen. In einen Text, den man gelesen haben sollte.

Diese Bilder hat mir Georg Rinke geschickt. Als er die druckfrische Asphalt schon in den Händen gehalten hat. Das hat Georg sehr berührt, wie er mir geschrieben hat.
Ich habe den Artikel das erste Mal im Hans-Lilje-Haus während eines Seminars gelesen. So viele Erinnerungen wurden wach. Diese Familie hat mich bewegt. Wie auch andere Familien, die in dieser Zeit bei uns waren. Samstagmorgens mache ich im Dienst gerne Spiegelei. Frau B. hat sich auch immer darüber gefreut. „Wie im Hotel“, hat sie dann immer lächelnd gesagt. In all dem Schweren versuchen wir mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass wir da sind. Jeder auf seine Weise. Das macht die Begleitung in unserem Haus aus meiner Sicht so wertvoll.
Weihnachten zum Beispiel. Da haben wir das angelieferte Festmahl vorbereitet. Aufgewärmt, in Schüsseln gefüllt. Gans oder Grünkohl – jedem sein Lieblingsessen. Die Familie hatte den Tisch liebevoll gedeckt und ich habe gefragt, ob ich ein Foto für den Blog machen darf. Wieder kam aus dem Bett von Herrn B. ein „Natürlich!“
Eine Familie, die auch uns bedacht hat. Mit viel Dankbarkeit und kleinen Geschenken. In all dem Schweren kamen die Gesten auch aus der anderen Richtung. Beeindruckend, was für Kräfte manchmal in uns sind.

Die Trauerfeier von Herrn B. habe ich leider nicht besucht. An dem Tag hatte ich Spätdienst und zweiteilen kann ich mich noch nicht. Ich war mit meiner Kollegin Heike auf einer anderen Trauerfeier, die zufällig am selben Tag stattfand und mir ebenfalls sehr wichtig war.
Wir hatten noch Zeit und sind über den Friedhof gegangen. Haben Inschriften auf Gräbern studiert. Gerne hätte ich bei einigen gewusst, wer sie waren, wie sie gelebt haben. Was bleibt am Ende von unserem Leben?
Liebe.
In liebevoller Erinnerung bleiben die Meisten von uns in einem Herzen. Herr B. hat sich auch in mein Herz geschlichen. Was für eine besondere Begegnung. Danke Leben.

Also, Asphalt kaufen nicht vergesssen, gerne schicke ich auf Anfrage auch eine zu – schreibt mir einfach eine Mail.

Herzlich,

Eur Nici

DELLA

Bilder

Gestern kam ein Fotoalbum bei mir zuhause an. Die letzten Jahre im Zeitraffer. Ich habe es mit meiner Tochter angesehen, mein Mann hat sofort seine Brille gesucht und wir haben die Momente an uns vorbeifliegen lassen. Schöne Erinnerungen, ich habe bunt gelebt im letzten Jahrzehnt.
Das fällt mir auch immer wieder in meiner Arbeit auf. Unsere Patienten bringen ihre Biografie mit. Nicht nur in Erzählungen und Worten, sondern auch in Bildern. Die stehen in Rahmen auf dem Nachtschrank, hängen am Schrank oder füllen ganze Wände. Lachende Enkelkinder, Hochzeitfotos in alten Rahmen. Kalenderblätter und andere digitale Wunderwerke.

Ich weiß nicht, ob Sie sich das als Leserinnen und Leser vorstellen können. Manchmal sind die Menschen nur sehr kurz bei uns. Dennoch gibt es diese besonderen Momente, in denen wir Teil des Lebens werden, weil wir ein Stück davon erzählt bekommen. Tragische, komische, interessante, aufwühlende, belastende, hoffnungsvolle und erfüllende Geschichten.
Das beginnt auch mal, wenn wir über ein altes Bild sprechen, das da im Zimmer steht. Wann war das denn, wer ist das noch? Wo haben Sie da gelebt. Wenn wir unsere hospizliche Begleitung in einer Sanduhr des Lebens darstellen, dann sind wir da, bevor das letzte Sandkorn fällt. Zu sehen, was dann bleibt, was wichtig ist und vor allem wer, ist für mich sehr beeindruckend.

Keiner von uns weiß genau, wann wir gehen müssen. Keiner weiß, wer einem am Ende sehr nah kommt. Wir sind sehr viele Kolleg*innen und ich glaube, das macht es für unsere Patienten einfacher einen Menschen zu finden, mit dem sie vielleicht noch einmal etwas teilen möchten.
Das sind diese Sternmomente, wenn da eine tiefe Vertrautheit und Ruhe zwischen den Menschen und mir herrscht und sich vielleicht noch einmal etwas bewegt. Eine Situation werde ich niemals vergessen. Ein junger Vater hatte das Foto seiner Tochter an seinem Bett. Vor seinem Tod wollte er sie nicht mehr sehen, ihr die Belastung ersparen. Alles war gesagt.
Ich war gar nicht für ihn zuständig, aber als er klingelte, war ich dann doch in diesem Zimmer. Schon nach 1 Minute waren wir im Gespräch über die Situation. Wir sprachen darüber, dass seine Tochter diesen Schritt vielleicht in einigen Jahren bereut, vielleicht war doch nicht alles gesagt. Mein Vorschlag war, er solle noch einen Brief schreiben. Etwas, dass sie auch Jahre später immer wieder in die Hand nehmen könnte. Man spürt, wann es Zeit ist zu gehen und gesprochene Worte wirken zu lassen. Also ging ich. Ohne ein Ergebnis.
Kurze Zeit später kam meine Kollegin die Treppe runter, suchte im Dienstzimmer nach Briefbögen. Das war für Zimmer 8. Ein Brief wurde geschrieben. Ein Brief, der auch Jahre später in einer Schublade liegen würde, immer greifbar – darüber die Bilder. Bilder die Etappen eines Lebens zeigen. Welche Bilder würden da bei Euch stehen?

Herzlich,

Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich