Von Müttern und Vätern

Jeder von uns ist das Produkt einer Begegnung von einem Mann und einer Frau. Wir alle leben in den unterschiedlichsten Familiensystemen. Ständiger Wechsel, Neusortierung, Phasen von Stabilität, Chaos, Ruhe, Sturm.
All das erleben wir auch, wenn die Menschen zu uns ins Hospiz kommen. Denn sie kommen ja selten ganz alleine. Es gibt in den meisten Fällen Familie, Partner*innen, Verwandte, Freund*innen, Kolleg*innen. Wir nennen das schlicht Zugehörige. Man will ja auch keinen vergessen.
Momentan dürfen zwei Menschen als feste Besucher*innen eingetragen werden. Das ist hart in den letzten Lebenswochen und Tagen. Das ist gegen all unsere Prinzipien der Hospizarbeit. Dennoch versuchen wir das gemeinsam durchzuhalten. In der Sterbephase gibt es Ausnahmen. Emotionale Berg- und Talfahrten für alle Beteiligten. Manchmal fällt selbst uns das Atmen schwer, sind wir erschlagen von Entscheidungen, die wir gemeinsam treffen sollen. Es dauert ja schon eine Weile an. Uns fehlt die Nähe in dieser Distanz. Wir sind dankbar, dass wir regelmäßig in der Supervision unsere Ängste und Sorgen teilen können. Wir sind dankbar für kreative Lösungen, wie den Fensterbesuch.

Jetzt liegen bei uns Mütter und Väter, Kinder von Müttern und Vätern. Häufig sind es die Mütter, die ich besorgt erlebe. Selber sterbenskrank sind sie in Gedanken bei den Kindern, beim Partner der jetzt allein ist und organisieren vom Bett aus unbemerkt und dennoch sehr gezielt die Familie. Ein bißchen kenne ich das Gefühl von früher, als unsere Kinder klein waren. Wenn ich dann am Wochenende in der Weiterbildung war und mich besorgt fragte, ob unsere Kinder die zwei Tage mit dem Vater überstehen. Seien sie als Leser*innen unbesorgt, sie haben alles Bestens überstanden. Mein Mutterinstikt ist sehr ausgeprägt, aber mein Mann ist durchaus auch ein toller Vater. Wie aber fühlt es sich an, wenn man für immer geht?

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Am Muttertag werden die Mütter beschenkt, überschüttet, jede Sekunde Werbung fließt in die unbegrenzten Shoppingmöglickeiten. Im Kindergarten und der Grundschule werden Geschenke für die Ewigkeit gebastelt. Ich habe mir am Samstag vor dem Muttertag selber Blumen gekauft. Für mich ist dann Muttertag, wenn eines meiner Kinder sich neben mich setzt, wir Gedanken teilen. Ein Lächeln, wenn ich das Lieblingsessen koche, oder die Küche abends blitzt, ohne, dass ich es eingefordert habe. Wenn wir gemeinsam lachen, wenn ich merke, wow, sie werden ihren Weg gehen. Der Vatertag teilt sich in Deutschland den Tag mit Christi Himmelfahrt und ist immer noch leicht „Bollerwagen“ belastet und auch die Basteleien aus der Schule, waren anders. Aber er ist ebenso wichtig.

Im Hospiz sind diese Tage auch besonders. Schmerzlich wird allen bewusst, dass es auch wieder ein letzter besonderer Tag ist. Wie schon so viele bevor. Ich denke an Situationen, in denen Zugehörige Gesten der Zuneigung und Gemeinschaft ins Hospiz getragen haben. Manche Menschen sagen, dass sie nie zuvor so intensiv miteinander gelebt und gesprochen haben wie in den Tagen bei uns. Väter, die weinen, obwohl dies vorher nie der Fall war. Berührungen so sanft wie ein Wind, wenn das Leben zu Ende geht.

Deshalb versuche ich persönlich im Jetzt zu leben. Im Heute sage ich meiner Mama, dass ich sie lieb habe, umarme meine Kinder und gehe mit meinem Mann auf unserer Lebensstraße. Meinen Vater habe ich nur 4 Jahre gekannt. Deshalb denke ich an solchen Tagen auch an verwaiste Eltern und Kinder, an unerfüllte Kinderwünsche und alle die heute jemanden vermissen.

Wir vermissen weiter die Gemeinschaft im Hospiz – im Wintergarten zusammen an einem solchen Tag ein festliches Mittagessen zu genießen. Mit Blick in den blühenden Garten.
Zeit für eine Umarmung – ich wünsche euch sehr, dass gerade jemand da ist, dem ihr in den Arm fallen dürft, in Zeiten wie diesen.

Herzlich

Eure Nici

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Alle anderen Fotos sind wie immer von Nici 🙂

Wege

Mein Name ist Manuela Mehrtens und seit 23 Jahren darf ich hier im Hospiz Luise als Krankenschwester arbeiten. Zuvor war ich lange Zeit in einer großen Klinik in Hannover tätig. Damals fragte ich mich immer wieder – gibt es einen Ort, an dem Menschen in Würde, selbstbestimmt und mit erfüllten Tagen ihre letzte Lebenszeit verbringen können, wenn dies nicht zuhause möglich ist?

Jahre zuvor war ich durch einen Benediktinermönch auf den geplanten Bau des Hospizes aufmerksam gemacht worden. Bruder Willibrord war den Menschen auf meiner Klinikstation immer wieder ein großer Seelentröster. Nach einigen Gesprächen und Begegnungen mit ihm machte ich mich auf den Weg und fuhr mit meinem Käfer zu diesem Hospiz.
Dort stand die damalige Gründerin Sr. Katharina Maria an ein Auto gelehnt und ich sprach sie an und zeigte mein Interesse an der Hospizarbeit. Tage später durfte ich Probe arbeiten und was soll ich sagen, es war einfach so wohltuend diesen Dienst tun zu können und dürfen.
Die Begegnungen waren leicht und voll Wärme und Offenheit. Das Thema Tod wurde in den Alltag integriert und ja, mir viel gleich auf, hier wird gelebt und es darf auch gelacht werden neben den traurigen Momenten.

23 Jahre später komme ich immer noch sehr gerne an diesen Ort, um mich mit meinen Möglichkeiten einzubringen, Menschen auf unterschiedliche Weise zu begleiten. Neben traurigen Momenten habe ich so viele schöne und bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Von einer Geschichte möchte ich gerne ein wenig erzählen. Eine junge Mutter war bei uns Patientin und bevor sie zu uns kam, sorgte sie für einen Pflegeplatz für ihre 12jährige Tochter. Als es ihr schlechter ging und der Geburtstag der Tochter anstand, war es für sie ganz wichtig, den neuen Lebensort der Tochter noch einmal zu besuchen und dort mir ihr zu feiern.
Gesagt – geplant – gemacht.
Meine Kollegin Brigitte und ich fuhren gemeinsam mit ihr in unserem neuen Caddy durch die Winterlandschaft. Sie mochte Peter Maffay und es war klar, dass seine Musik mitmusste. Gut gelaunt kamen wir an und wurden schon von einigen kleinen Erdenbürgern aufgeregt erwartet. Jeder hatte eine kleine Tischkarte auf dem Teller: „Mama, Pflege 1 und Pflege 2“ 🙂
Ein kleiner Mitbewohner, ca. 4 Jahre alt, sollte ganz verhalten und schüchtern fremden Menschen gegenüber sein. Nach ein paar Minuten hörte ich ihn mit Brigitte in seinem Zimmer auf dem Boden Auto spielen und laut brummen. Ich durfte die kleinste Dame (ca. 1,5 Jahre) auf dem Schoß halten und wir probierten uns an Seifenblasen.
Frau R., unsere Patientien, strahlte inmitten der Geburtstagsgesellschaft und ihre Tochter Julia hatte soviel zu erzählen und war glücklich über die mitgebrachten Geschenke. Sie spielte Fußball und so gab es auch ein cooles Trikot. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende und als wir auf dem Heimweg waren, äußerte Frau R. den Wunsch so gerne nochmal zu Mc Donalds zu wollen.
Gesagt – getan- begleitet von Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehen“
Ich glaube sie hatte zwei Riesenburger- viel zu viel an Menge- aber einfach nur glücklich für den Moment.

Eine kurze Zeit verging und als ihre letzte Lebensnacht begonnen hatte, saß ihre eigene Pflegemutter an ihrem Bett und sang ihr Kinderlieder vor, bis der letzte Atemzug geschehen war. In dieser Nacht hatte ich Nachtdienst und trotz aller Traurigkeit war es ein so großes Geschenk, diese tiefe Verbundenheit und Liebe zwischen zwei Menschen erleben zu dürfen.
Im nächsten halben Jahr gab es noch einen Besuch bei Julia, die uns das Grab ihrer Mama gezeigt hat. Zu unserem traditionellen Sommerfest kam Julia dann auch und flog mir in die Arme, um mich zu begrüßen. Das sind so unglaubliche Momente, die mich bewegen und in denen ich weiß, dass das was ich hier gemeinsam mit einem tollen Team tun darf, etwas ganz Besonderes sind. Dankbar bin ich für all die Begegnungen und diese besonderen Momente im Leben von Menschen, die ihr Vertrauen in unsere und meine Hände legen und meistens bewusst ihren letzten Weg gehen.

Carpe diem
Manuela Mehrtens

P.S. Danke für diesen schönen Text, bis bald
Herzlich,
Nici