Gewohnheiten

Aufstehen, Badezimmer, Treppe runter, Kaffeemaschine anmachen, Hund in den Garten lassen, Zeitung holen, Hund füttern, Kaffee Karin zubereiten …
Wir alle haben unsere Gewohnheiten. Liebgewonnene Rituale, manche über Jahrzehnte eingebrannt. Mit dem Alter und veränderten Lebenssituationen verändern sich diese kleine Inseln. Dann entern die Kinder unsere Zeitfenster und bevor du Kaffeetrinken kannst wickelst du ein Baby. Oder im Urlaub. Da ist nochmal alles anders und du entdeckst vielleicht wundervolle Jugendrituale wieder und trinkst dort den Kaffee im Bett.

Am Ende eines jeden Lebens, welches durch Krankheit oder das Alter bevorsteht, sind Rituale auch wichtig. Gerade habe ich meine Schwiegermutter einige Zeit zu Hause betreut und gemerkt wie wichtig das ist. Festhalten am vertrauten Rhythmus, solange es nur irgendwie geht. Das macht die Menschen stark, gibt ihnen Kraft und Sicherheit. Deshalb wollen ja so viele Menschen zuhause bleiben. Weil der Gang in die Küche vertraut ist, die Gerüche und Farben die selbst gewählten sind. Erinnerungen im ganzen Wohnbereich sind. Weil dort gelebt, gestritten, geliebt, gelacht, gefeiert, getrauert, gestaunt und gewohnt wurde.

gray metal coffee pot
Photo by Blank Space on Pexels.com

Sein Zuhause zu verlassen bedeutet auch Gewohnheiten zurückzulassen. Manche können wir im Hospiz dennoch weiter ermöglichen. Kaffee vor dem Aufstehen im Bett, Zähneputzen nach jeder Mahlzeit, die Zeitung am Vormittag, Ölziehen nach dem Aufstehen, Duschen an bestimmten Tagen, Jeden Mittwoch ein Ei, Rückenmassage, Dinkelkissen vor dem Mittagsschlaf, nach dem Mittag in den Garten, drei Seiten vorlesen vor dem Schlafengehen, gemeinsam mit dem Partner am Sonntag Kaffeetrinken, Sonntags der Tatort….das alles x 8, denn soviele Betten haben wir. Oder wir finden neue Gewohnheiten. Manchmal sind es kleine Dinge, die unseren Patient*innen die Zeit so angenehm machen. Der Lieblingstee im Bett und dann findet vielleicht auch einen Teil der Grundpflege im Bett statt, das schont Ressourcen für den lieben Besuch am Vormittag. Dazu gehört Vertrauen, loslassen, abgeben.

woman wearing grey long sleeved top photography
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Eine Patientin sagte neulich zu mir: „Sterben ist nichts für Feiglinge“. Dabei hat sie gelächelt und akzeptiert, dass ich fortan die Strümpfe und Schuhe anziehe, weil es ihr nicht mehr möglich war. Das ist vielleicht die große Gabe, die viele Pflegende haben. Sie geben den Patient*innen nicht das Gefühl, dass es ihnen lästig ist zu unterstützen, sondern machen ihre Arbeit mit Freude und Respekt vor den Menschen.

Akzeptieren wir doch, dass wir nur eine gewisse Zeit hier auf der Erde zu Gast sind, pflegen unsere Gewohnheiten und Rituale und schenken dem, was wir so haben, ab und an einen liebevollen Moment der Achtsamkeit. Dann sind wir doch wie ein Gefäß, das sich füllt und von dem wir zehren können, wenn wir unsere Gewohnheiten irgendwann langsam abgeben müssen.

Bleibt behütet,

herzlich Nici

Gartenkonzerte

Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.

Victor Hugo

Wir sind in den letzten Wochen reich beschenkt worden. Mit Musik in unserem Garten. Bei den unterschiedlichsten Temperaturen haben Musiker*innen uns und den Patient*innen jeweils 30min Seelenfutter geschenkt. Die Türen zu den Zimmern wurden geöffnet, Patientinnen und Patienten nach draußen gebracht, Mitarbeitende verteilten sich auf dem Gelände. Klänge von Akkordeon, Gitarre, Klavier, Gesang. Schlager, Pop oder Jazz wehten durch unseren Garten und haben auch uns teilweise davongetragen. Das waren wundervolle Kraftquellen und wir freuen uns, wenn wir weiterhin musikalischen Besuch erhalten.

Den Anfang machte Matthias Brodowy mit seinem Akkordeon im Gepäck. Matthias wollte schon ewig bei uns spielen. Vor der Pandemie war oft wenig Zeit und jetzt hat uns dieses Virus welche geschenkt. Geschenk angenommen.
Ungewöhnlich den Kabarettisten mal so ganz anders zu erleben. Leise und lächelnd hat er uns bei wunderbarem Sonnenschein sein Repertoire zum Besten gegeben. Natürlich nicht ohne auch ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern und uns zum Lachen zu bringen. Wie wohltuend in diesen Zeiten.

Als nächstes hat uns der Pianist Markus Becker besucht. Eigentlich hatte ich gerade Mailkontakt mit ihm, weil er an unserer Benefizaktion im Oktober teilnimmt. Während wir über die Gestaltung von Minileinwänden hin und her schrieben habe ich dann irgendwann doch gefragt. Ja, und Herr Becker hat direkt zugesagt – spielt er doch in Coronazeiten auch gerne Innenhofmusik. Wundervoll, was er dann aus unserem Klavier für Töne geholt hat. Sein eigenes Jazzstück zum Ende hat uns alle verzaubert. Sogar Zaungäste blieben stehen und nutzen die Musik zum innehalten.

Unser dritter Gast war Dr. Manuel Kiper. Eigentlich ist er ja Vollblutpolitiker, aber wir haben unsere Augen und Ohren ja überall und schon stellte sich heraus, dass er Gitarre spielt und singt. An seinem Konzerttag war es tatsächlich bitterkalt und mit kalten Fingern Gitarre zu spielen ist eine Herausforderung. Herr Dr. Kiper hat sie angenommen und hat sogar einige Mitarbeitende zum Tanzen gebracht, wenn er altbekannte Melodien zum Besten gab. Mitsingen und summen – schön!

Der Kontakt zu Ulrike Pinhammer entstand über die sozialen Netzwerke, als das Hospiz Luise seine eigene Facebookseite bekommen hat. Ihre Schwester ist vor Jahren bei uns verstorben und jetzt war es an der Zeit wiederzukommen. Mit ihrer Kollegin Ann-Kathrin Forst und einer kleinen Anlage ersangen sie sich die Herzen der Zuhörenden. Eine Patientin von uns hat alle Konzerte gehört und konnte diesmal jedes Lied mitsingen. Sonst sieht man die beiden bei Feine Dinner Shows und jetzt war die Freude über einen Auftritt in der Spielpause groß. Bei uns auch.

Wie Chantal Däubner dann letztendlich zu uns gekommen ist, zeigt wie wunderbar zufällig Begegnungen doch sein können. Unsere Mitarbeiterin Jacqueline hat sie bei einem Waldspaziergang singen gehört. Im Gartenkonzert-Casting-Fieber hat sie einfach gefragt, ob die junge Musikerin sich vorstellen könnte auch mal bei uns zu singen. Chantal konnte und war letzte Woche zu Gast. Das sorgte sowohl bei den Patient*innen als auch bei den Mitarbeitenden für Begeisterung. Wir hoffen es wehen auch in nächster Zeit noch weiter musikalische Klänge durch unseren Garten. Schreibt uns einfach eine Mail an info@hospiz-luise.de und dann suchen wir einen Tag aus.

Abschließen möchte ich heute mit den Gedanken eine Freundin von mir. Die hat sie mir gestern per Mail geschickt. Danke Julia!
Herzlich für heute,
Eure Nici
Fotos: Kurt Bliefernicht, Jacqueline Georgiadis & ich

Frohe Pfingsten!!
>>Life doesn`t have to be perfect but to be beautiful and happy!!<<
Liebe Mitmenschen!
Jeder von uns kennt die Situation, wenn er/sie einen Raum betritt, dass man fühlt „Oh je – hier ist dicke Luft!“ Die Atmosphäre ist angespannt und unangenehm! Aber jeder von uns kennt auch die gegenteilige Situation: man betritt einen Raum und fühlt sich sofort wohl. Die gute Stimmung springt auf einen über und man ist schlagartig „angesteckt“ ….
Lassen Sie uns eine „ ansteckende Atmosphäre“ in die Welt hinaus tragen, lassen Sie uns die Botschaft überall verbreiten, dass es nicht nur die ansteckende Krankheit Corona gibt, sondern dass wir selbst die Wahl haben und die Möglichkeit, die Welt mit Freude und Liebe „anzustecken“ !!! Es braucht nichts Besonderes, Großartiges, Perfektes zu sein – es reicht etwas Schönes und Fröhliches! Jeder von uns kann der Welt etwas schenken!
…. Schenken Sie jedem Menschen, dem Sie begegnen ein Lächeln!
…. Spielen Sie mit Ihren Kindern!
…. Rufen Sie einen Menschen an, mit dem Sie lange nicht mehr gesprochen haben!
…. Vielleicht rufen Sie sogar jemanden an, mit dem Sie sich gestritten haben!
…. Schicken Sie eine lustige Postkarte an eine Freundin/einen Freund!
…. Schreiben Sie einen Brief an die Großeltern!
…. Lesen Sie Ihrem Enkel am Telefon eine Geschichte vor!
…. Gehen Sie mit einem lieben Menschen spazieren!
…. Halten Sie einen kleinen Klönschnack mit Ihren Nachbarn!
…. Machen Sie einem Mitmenschen ein unerwartetes Geschenk!
…. Machen Sie (auf der Straße) Musik zusammen/singen Sie zusammen!
…. Tanzen Sie zusammen auf der Straße oder im Garten!
…. Unternehmen Sie gemeinsam etwas Schönes, was Sie glücklich macht!
…. oder oder oder!
Machen Sie mit und verwandeln Sie die verängstigte, gelähmte Welt in einen Ort der Freude!!
Julia

#stayathomemarathon

Sonnenschein, blauer Himmel und im Ziel wartet dein Mann mit deiner Medaille. So war mein Staffelanteil heute morgen. Ich bin bekennende „Nichtläuferin“ und habe nur einen kleinen Anteil unseres Gemeinschaftsprojektes: „25 Jahre Hospiz Luise Staffel“ geleistet. Immerhin hatte ich die Idee und konnte weitere 11 Läufer*innen im Laufe der letzten Monate von meiner Idee begeistern.

Wir hatten Vorfreude, haben uns Trikots bedrucken lassen, mehr oder weniger fleissig trainiert, hatten schon Helfer*innen für die Wechselposten organisiert und den kleinen Traum, Hand in Hand ins Ziel zu kommen.
Träume platzen manchmal wie Seifenblasen. Dennoch bleibt von so einer Seifenblase ja was übrig. So schimmernde, leicht klebrige Flecken und Tropfen. So sind auch wir Einzeläuferinnen und Einzeläufer übrig geblieben und haben heute morgen jeder unsere Staffelstrecke absolviert.

Was für ein herrlicher Tag dafür! Wir sind super dankbar, dass das Team vom Hannover Marathon dies möglich gemacht hat. Jetzt folgen einfach ein paar Zitate aus unserer Marathongruppe und Fotos!
#stayathome #hajmarathon #stayathomemarathon #runnover

Unsere Fans am Wegesrand waren auch anwesend und haben ihr bestes gegeben!

Liebe Grüße an Euch alle von Philipp und Kerstin – es war ein schönes Gefühl, mit Euch in Gedanken zu laufen…, wie schön wird das dann erst in echt!

Ich bin noch nie so schnell gelaufen – ehrlich nicht. Und vor allem nicht 7km!

Ich bin ankgekommen! Aber wir mussten den Marathon ja voll bekommen. Geht doch 🙂

…heute hat mich leider die Pollenallergie etwas mitgenommen, daher weniger Power, aber ich habe es durchgezogen und mir die Jahrhundert Medaille verdient!

Hat mega Spaß gemacht und wir gehen jetzt duschen und Frühstücken. Wir holen das 2021 in Hannover nochmal gemeinsam nach!

Wohoo – und am 18. April 2021 dann so richtig Danke an mein tolles Team…und das Team vom Marathon Hannover

Dann war da noch Katrin aus Burgwedel. Sie ist für uns gelaufen und hat unseren Namen nicht getanzt, sondern geschrieben. Danke ❤

Wer jetzt Lust hat, im nächsten Jahr für die Luise zu laufen, der melde sich doch gerne bei mir!

Bleibt schön gesund und eine virtuelle Umarmung,

Eure Nici

Fan Manuela 🙂

Fotos sind vom Marathonteam Britta, Jacqueline, Regine, Evangelos, Elena, Philipp, Kerstin, Nici, Stefan…Manuela….Katrin….

Ostern im Hospiz

Meine erste Aufgabe gestern im Dienst, war mir eine Stoffmaske im Dienstzimmer auszusuchen. Wie ein Teenager bin ich dann zum Wäscheständer im Keller gegangen und habe mir ein wunderschönes Rosenmusterexemplar für den Tag gegriffen, in der Kiste war eben nicht das Richtige dabei.
Ostern im Hospiz. Das ist normalerweise voll von Grün, Blumen, grandioser Dekoration, Eiern mit Namensgravuren, einem Haus voller Besucher*innen, Freude, Geschenken und Festmahl. Auferstehung feiern, jeder auf seine Weise.
Eigentlich schmückt unser Haus zu den Festen Susanne. Susanne arbeitet ehrenamtlich bei uns. In diesem Jahr hat sie uns die Tasche mit der Deko dagelassen und die Nachtschwestern haben das Werk begonnen und wir im Frühdienst haben es beendet. In Ermangelung von Zweigen bin ich früh morgens mit der Gartenschere losgelaufen und habe einige überstehende Zweige mitgenommen. Ein Miniosterstrauch.

Unsere Ehrenamtlichen fehlen uns. Wir ihnen auch. Das sagen zumindest die Karten, die jede Woche bei uns eintreffen. Unseren Patienten und Besucher*innen fehlen die Mitarbeitenden auch. Die schon an der Tür ein freundliches Wort haben. Wissen wo die Besucher*innen hinwollen. Die informiert sind über die aktuellen Ereignisse und die immer ein Ohr haben. Auch für Nichtgesagtes. So eine wertvolle Ressource – einfach weg. Genauso in unseren ambulanten Diensten. Wie verzweifelt die Menschen sich Unterstützung wünschen und dann können Sie diese nicht bekommen. Vielleicht noch telefonisch. Corona bestimmt unseren Rhythmus.

Eine Kollegin vom Bundesverband Trauerbegleitung hat in diesen Zeiten eigens ein Konzept mit einer Gruppe sehr aktiver Menschen entwickelt. Chris Paul und ihr Team bieten eine telefonische Unterstützung für Menschen mit Covid 19 an, die in Quarantäne sein müssen, deren Angehörige und auch für medizinischem Personal. Das lohnt sich in jedem Fall weiterzusagen, deshalb sind hier auch die Informationen dazu. Wir erleben täglich die große Trauer und Last der Angehörigen und Patienten. In der ambulanten Versorgung und in Pflegeheimen potenziert sich das noch. Wenn ihr also jemanden kennt, der erkrankt ist oder in Quarantäne und jetzt Beratung und Hilfe gebrauchen kann – sogar täglich, dann meldet euch dort!

Zurück zu uns. Auch wenn wir nicht in der gewohnten Fülle gefeiert haben, so haben wir doch in einem Moment der Achtsamkeit die Osterkerze entzündet. Eine Riesenkiste mit Schokolade für alle Mitarbeitenden zum Mitnehmen, gestiftet von Ikea Burgwedel, erhellt die Gesichter. Meine Freundin Amely hat den Kontakt vermittelt und Mitarbeiterin Nicole hat mir eine Wagenladung Schokolade geschenkt. Diese kleinen Gesten sind ganz groß in Zeiten wie diesen.
Die Patient*innen haben immerhin ein buntes Ei erhalten und sich beim Ausflug auf die Terrasse an den kleinen Dekorationen im Haus erfreut.
Einige haben auf Nachfrage auch erzählt, was Ihnen Ostern bedeutet. Wie sie es in den Jahren vorher immer gefeiert haben.

Gibt es ein Leben nach dem Tod? In einem Hospiz wird diese Frage oft gestellt. Wir sind nah dran an dem, was danach kommt. Dennoch weiß es keiner genau.
Wie geschockt waren die Frauen damals, als Jesus nicht in der Grabhöhle zu finden war. Darüber haben meine Kollegin Elisabeth und ich beim Frühstück gesprochen. Ich sagte, „vielleicht waren sie gar nicht so erschrocken, weil sie auch viele Wunder erlebt haben“. Wunder gibt es heute auch noch, aber die Menschen sehen sie nicht richtig. Das war unsere Quintessenz.

Morgen werde ich im Büro arbeiten und dann endlich sagen können, was ihr vor Ostern für mein Wohnzimmerkonzert gespendet habt! Ich bin sehr gespannt und freue mich, dass ihr das Video mit Matthias Brodowy immer noch schauen könnt. Besonders an so einem kalten Ostermontag.
Herzliche Grüße
Eure Nici

Fotos: Nici´s Handykamera

Familienfest

Ostern ist in vieler Hinsicht ein besonderes Fest. Die Kirche feiert die Auferstehung von Jesus Christus. Die Fastenzeit endet. Familien kommen zusammen und feiern gemeinsam im jungen Frühling . Kinder suchen hierzulande im Garten die Osternester. Der Papst spendet von seinem Balkon den Segen Urbi et orbi. Geschmückte Frühlingszweige, Osterhasen, Leckereien.
Dieses Jahr ist vieles anders. Dennoch für viele von uns kein Grund zu klagen. Wir leben in diesem reichen Land und sind sehr gut versorgt. Wir hungern nicht, und wenn doch, gibt es wundervolle Menschen, die versuchen auch den Schwächsten zu helfen. Die Krankenhäuser und das Personal wachsen zusammen und über sich hinaus. Unternehmer*innen haben in diesen Tagen begründete Ängste, ebenso alle Selbständigen und Selbständige. Es werden harte Zeiten kommen. Nicht das erste Mal.

Im Hospiz haben die Patient*innen oft noch Ziele vor Augen. Oft sind es Familienfeste. Ein Geburtstag, die Geburt eines Enkelkindes. Eine Hochzeit für die das Kleid schon zuhause im Schrank hängt. Ich bin immer wieder verwundert, welche Kräfte ein geschwächter Körper doch entwickeln kann, wenn er Zeit gewinnen möchte.
Sehr gut kann ich mich an eine Mutter erinnern, die unbedingt wollte, dass ihre kleine Tochter getauft wird. Eigentlich ein großes Familienfest. Ein Termin war schnell gefunden und die Paten eingeladen. Der Pastor informiert, die Taufkerze war in Arbeit. Dann hat sich der Zustand der Patientin drastisch verschlechtert. Uns war klar, wir können den angestrebten Termin nicht halten.
Plan B. Unser Seelsorger, Paten vorbestellen, Kerze schneller fertig machen. Für das kleine Zimmer waren wir sehr viele Menschen.
Heute wäre das gar nicht möglich. Vielleicht per Skype. Mit Mundschutz.
Doch das war eine andere Zeit. Wir haben gemeinsam gesungen, ich habe Bilder mit dem Handy des Vaters gemacht. Die Mutter hatte schon seit einigen Stunden nicht mehr reagiert. Doch unser gemeinsames Ritual hat sie lächeln lassen. Wohlwissend, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war. In solchen Momenten weine ich auch. Da kann ich gar nicht anders. Wir alle waren so gerührt. Da war auch Freude, nicht nur Trauer. Leben.

Gestern habe ich vor Ostern meine Mama getroffen. An einer Raststätte. Sie ist viel allein, aber sie ist es auch gewöhnt und schlägt sich tapfer. Wir sind ein Stück gegangen, sie hat geweint. Soviel Nähe trotz unserer Distanz an die wir uns gehalten haben.
Ostern wird sie nicht kommen. Wir werden auch nicht die Mutter meines Mannes besuchen. Das erste Mal seit Jahren habe ich wieder einen Osterstrauß geschmückt. Ich bin schon gespannt wie es im Hospiz aussehen wird, wenn ich Sonntag meinen Dienst wieder antrete.

Im Hospiz tragen wir jetzt immer Masken. Tanzen den Mindestabstand ohne eine Musik, bewegen uns vorsichtig um einander herum. Versuchen die emotionale Last unserer Patient*innen zu lindern.
Alle gemeinschaftlichen Rituale sind dahin. Kein Osterschmaus im Wintergarten mit fröhlichen Gesichtern. Vor einigen Jahren habe ich an Ostern alkohlfreien Sekt getrunken, die ganze Tafel war voll, wir haben gelacht, gescherzt und am Ende war ich glückselig und hatte einen gefühlten Schwips. Leben.
Meine Gedanken sind dieser Tage bei den Menschen in Ländern, in denen eine gute Versorgung nicht gewährleistet ist. Die kein Wasser zum Händewaschen haben und keinen Platz, um einen Mindestabstand zu gewähren. Deren Chancen von vorneherein schlecht stehen.
Ja, die Krise ist schlimm. Ja, es werden Menschen sterben. Ja, es sind sehr viele Menschen in großer Trauer und haben Angst. Ja, ich finde es mitunter auch sehr bedrückend und denke auch an Menschen, die existentiell in Not geraten. Dennoch, wir werden weiterleben. Gestärkt. Achtsamer. Mehr Miteinander. Langsamer. Leben.

Wo immer ihr auch seid, ich wünsche euch gesegnete und behütete Tage im Kreise derer, die möglich sind. Ich freue mich auf Ostern im Hospiz und nach Dienstschluss mit meiner kleinen Familie. Ich werde euch natürlich ein paar Bilder senden und einen Lagebericht geben. Es wird ruhiger als sonst, aber vielleicht auch gerade deshalb ganz besonders intensiv.
#stayathome

Herzlich Eure
Nici

Bilder: Pixabay und ich 🙂

Hospiz – Quo vadis?

Podiumsdiskussion u.a. mit Prof. Dr. med. Friedemann Nauck (Palliativmedizin GeorgAugust-Universität Göttingen), Dr. med. Rainer Prönneke (Chefarzt medizin. Klinik Krankenhaus Marienstift Braunschweig), Claudia Schröder (Nds. Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung), Kurt Bliefernicht (Leitung Hospiz Luise)

Wenn wir auf 25 Jahre stationärer Hospizversorgung in Niedersachsen zurückblicken, sehen wir, wie sich aus vielen mutigen Initiativen eine neue Institution des Gesundheitswesens entwickelt hat. Dies ist ein großer Erfolg und es stellen sich gleichzeitig neue Fragen: Sind wir dabei, das Sterben zu institutionalisieren? Die Hospizbewegung wollte das Sterben zurück ins Leben holen – ist ihr das gelungen? Welche Ziele sollte sie in der Zukunft anstreben?

Forum St. Joseph, Isernhagener Straße 64, Hannover Freier Eintritt, um Spenden wird gebeten

Das Hospiz-Mobile ist stetig in Bewegung

Heute gibt es einen Bericht der Pflegedienstleitung Maike Dudek, der auch in der Festschrift zu lesen ist.

Den PDL-Stab übergab mir mein Vorgänger Guido Cremer im Jahr 2012. Zuvor war ich schon als Krankenschwester einige Jahre im Hospiz Luise tätig.
Mit Freude und Motivation übernahm ich ein Team, das schon lange und beständig miteinander arbeitete. Größtenteils Pioniere, die mit Werten und Prinzipien der Hospizarbeit angetreten waren, für die sie leidenschaftlich brannten.
Immer neue Herausforderungen auf den verschiedensten Ebenen mussten im Laufe der vielen Jahre gemeinsam gemeistert werden; nicht nur hausinterne, sondern auch solche, deren Entstehung in der deutschen Gesundheitspolitik und Bürokratie zu suchen sind. Das hat auch die Arbeit im Hospiz Luise an der einen oder anderen Stelle geprägt. Darüber hinaus war die Hospizarbeit im Hospiz Luise aus den Kinderschuhen gewachsen. Zunehmende Professionalisierung und Differenzierung der Aufgaben machten auch vor dem Team nicht halt. Die unausgesprochene Parole „Jeder macht alles“ aus den Anfangsjahren wich zunehmend Zuschreibungen zu einzelnen Personen im Haus. Das brachte für die einen im Team Befreiung, für andere sicher auch ein Stück Umdenken und schmerzliches Loslassen von Traditionen. Das inzwischen umfassende und wichtige Thema Qualitätsmanagement macht dieses an vielen Stellen bis heute hin sichtbar.

Gütesiegel – Maike Dudek und Susanne Dörfler (Mitte)

Eine ganz andere und besondere Erfahrung der letzten 15 Jahre war für alle die Zeit der Auslagerung in die Berta- Klinik von 2011-2012. Aus dem gemütlichen Kirchrode im Grünen ging es mitten in das Zentrum von Hannover in ein Klinikgebäude. Hier war die große Kreativität und Kompromissbereitschaft aller Mitarbeitenden gefragt, was zum Gelingen beitrug. Aus- und Einzug waren für das gesamte Team, sowie für
Patient*innen und Zugehörige natürlich eine Belastung, die aber bald neben der großen Freude, wieder „zuhause“ zu sein, vergessen war. Das Hospiz erstrahlte nach seiner Sanierung in neuen Farben und Formen, die die Mitarbeitenden in vielen Bereichen maßgeblich mitbestimmen konnten. Das hat sicherlich die Verbundenheit mit dem Haus für sie noch mehr intensiviert.

Umzug in die Bertaklinik

Trotz der geringen Fluktuation im Personalbereich gab es auch seit 2005 immer wieder Veränderungen, zumeist aufgrund des biologischen Werdegangs – sprich Rentenalter – des einen oder anderen. Einige Pioniere der ersten Stunden verließen das Hospiz- Mobile. Aber auch veränderte Lebenspläne einzelner führten zu Neubesetzungen im Kreis der Mitarbeitenden in allen Professionen, wie z.B. meine Position als Pflegedienstleitung. Durch Weggang und Ankunft neuer Mitarbeitenden geriet das Personal-Mobile immer wieder in Schwingung, mit mehr oder weniger Ausschlägen, weil die Teilchen im Rhythmus miteinander geschwungen sind, sich verbunden haben, oder sich auch mal verheddert haben. Nach jeder unruhigen Schwingungsphase pendelte sich das Mobile wieder in ruhige Bewegungen ein, die immer auch eine stetige Weiterentwicklung in allen Bereichen ermöglichten.

Aber von allen Veränderungen ist das oberste Ziel – die letzte Lebensphase und das Sterben – von Patient*innen so würdevoll wie möglich und mit Lebensqualität zu gestalten, unberührt geblieben. Dafür braucht es neben Fachwissen, Einfühlungsvermögen auch Kreativität. Sich einzufühlen und hinzuhören: was können wir – neben medizinischer und pflegerischer Versorgung – noch tun? Einen Konzertbesuch zu Elton John begleiten, einen letzten Ausflug in die eigene Wohnung professionsübergreifend unterstützen oder einen Überraschungsauftritt einer Tanzgruppe zum Geburtstag einer Patientin, die selbst lange getanzt hat, organisieren. Und das hat sich in 25 Jahren auch nicht verändert: der leidenschaftliche Wille, einen letzten Herzenswunsch zu ermöglichen!

Das zeigt, dass der Kern unserer Arbeit im Hospiz von den kleinen und mittleren Stürmen, die das Team im Hospiz Luise in den letzte Jahren erlebt hat, unberührt geblieben ist. Diese Erkenntnis ist tröstlich, und macht Mut für die Zukunft!
Maike Dudek Pflegedienstleitung

Maike Dudek

Fotos: Hospiz Luise, Pixabay und ich

Bettenwechsel

Vor kurzem habe ich vor Student*innen einen Vortrag über die Hospizarbeit gehalten. Trotz der späten Stunde waren diese jungen Menschen sehr interessiert an unserer Arbeit. Dabei habe ich auch die neuen Zahlen aus 2019 vorgetragen. Statistiken. Wie viele Menschen, wie alt, die durchschnittliche Verweildauer im Haus.
Machen wir uns nichts vor. Hospize sind auch wirtschaftlichen Faktoren unterlegen. Unsere Betten müssen belegt sein. Nicht nur aus ethischen Gründen, weil da draußen Menschen auf einen ersehnten Platz warten. Auch, damit wir beispielweise weiter unseren hohen Personalschlüssel halten können. Jetzt muss ich also die rosa Farbe einmal wegwischen.

Wenn ein Mensch bei uns stirbt, dann folgt eine Reihe von Ritualen. Die sind für die Angehörigen, Mitpatienten und Mitarbeitenden wichtig. Wird ein verstorbener Patient dann nach der Aufbahrung und Abschiednahme vom Bestatter überführt, hat unser Aufnahmemanagment im Hintergrund schon alles in Bewegung gesetzt, um einem neuen Patienten die Möglichkeit zu geben bei uns einzuziehen.
Ich selber habe schon solche Anrufe getätig. Das machen wir manchmal am Wochenende. Wenn abzusehen ist, dass ein Mensch sterben wird. Bis Montag zu warten würde bedeuten, dass ein Bett vielleicht tagelang leer steht. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass wir herzlose Maschinen sind. Eher bricht so manches Herz an diesem Zyklus. Wird für manche von uns der Dienst eher zur Last, als zur Erfüllung. Jeden Tag sterben. Jeden Tag Tränen. Jeden Tag lachen.
Da muss jeder tatsächlich gut bei sich sein. Sterben im Leben kann auch bedeuten, dass Kolleg*innen andere Wege einschlagen. Sich bewusst gegen das Hospiz entscheiden. Weil das Sterben zu viel Leben einnimmt.

Wo aber konnte ich bisher soviel über das Leben lernen, wie an diesem Ort? Nirgendwo. Mein Blick hat sich geschult. Ich versuche gelassener mit Dingen umzugehen. Manchmal gelingt mir das natürlich nicht, dann ärgere ich mich über andere Menschen und lasse mir meine Energie klauen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

Im Hospiz müssen wir uns eingestehen, dass der Tod oft zum falschen Zeitpunkt kommt. Wir erleben einen Bruchtteil der Trauer von Angehörigen und gehen dann weiter, um ein neues Leben bis zum Sterben zu begleiten. Während ich das schreibe finde ich, das klingt nicht so leicht. Ist es auch nicht immer. Aber wir sind da, weil wir das aus irgendeinem Grund gut können.

Wenn ich also nächste Woche zum Dienst gehe, dann werde ich zwei Zimmertüren öffnen, in denen mir andere Augen entgegenblicken werden. Beim Frühstück wird nicht mehr die Angehörige sitzen, die einige Wochen bei uns verbracht hat. Mutter und Tochter werden nicht mehr gemeinsam im Bett liegen und liebevoll schweigen. Dennoch freue ich mich auch auf die Dienste. Mit meinen Kolleg*innen, dem besonderen Geist, der durch unser Haus weht und bin dankbar, dass wieder einige Familien die Möglichkeit hatten, in diesem Umfeld ihren Abschied zu gestalten.

Bleibt behütet,

herzlich Nici

Wege

Mein Name ist Manuela Mehrtens und seit 23 Jahren darf ich hier im Hospiz Luise als Krankenschwester arbeiten. Zuvor war ich lange Zeit in einer großen Klinik in Hannover tätig. Damals fragte ich mich immer wieder – gibt es einen Ort, an dem Menschen in Würde, selbstbestimmt und mit erfüllten Tagen ihre letzte Lebenszeit verbringen können, wenn dies nicht zuhause möglich ist?

Jahre zuvor war ich durch einen Benediktinermönch auf den geplanten Bau des Hospizes aufmerksam gemacht worden. Bruder Willibrord war den Menschen auf meiner Klinikstation immer wieder ein großer Seelentröster. Nach einigen Gesprächen und Begegnungen mit ihm machte ich mich auf den Weg und fuhr mit meinem Käfer zu diesem Hospiz.
Dort stand die damalige Gründerin Sr. Katharina Maria an ein Auto gelehnt und ich sprach sie an und zeigte mein Interesse an der Hospizarbeit. Tage später durfte ich Probe arbeiten und was soll ich sagen, es war einfach so wohltuend diesen Dienst tun zu können und dürfen.
Die Begegnungen waren leicht und voll Wärme und Offenheit. Das Thema Tod wurde in den Alltag integriert und ja, mir viel gleich auf, hier wird gelebt und es darf auch gelacht werden neben den traurigen Momenten.

23 Jahre später komme ich immer noch sehr gerne an diesen Ort, um mich mit meinen Möglichkeiten einzubringen, Menschen auf unterschiedliche Weise zu begleiten. Neben traurigen Momenten habe ich so viele schöne und bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Von einer Geschichte möchte ich gerne ein wenig erzählen. Eine junge Mutter war bei uns Patientin und bevor sie zu uns kam, sorgte sie für einen Pflegeplatz für ihre 12jährige Tochter. Als es ihr schlechter ging und der Geburtstag der Tochter anstand, war es für sie ganz wichtig, den neuen Lebensort der Tochter noch einmal zu besuchen und dort mir ihr zu feiern.
Gesagt – geplant – gemacht.
Meine Kollegin Brigitte und ich fuhren gemeinsam mit ihr in unserem neuen Caddy durch die Winterlandschaft. Sie mochte Peter Maffay und es war klar, dass seine Musik mitmusste. Gut gelaunt kamen wir an und wurden schon von einigen kleinen Erdenbürgern aufgeregt erwartet. Jeder hatte eine kleine Tischkarte auf dem Teller: „Mama, Pflege 1 und Pflege 2“ 🙂
Ein kleiner Mitbewohner, ca. 4 Jahre alt, sollte ganz verhalten und schüchtern fremden Menschen gegenüber sein. Nach ein paar Minuten hörte ich ihn mit Brigitte in seinem Zimmer auf dem Boden Auto spielen und laut brummen. Ich durfte die kleinste Dame (ca. 1,5 Jahre) auf dem Schoß halten und wir probierten uns an Seifenblasen.
Frau R., unsere Patientien, strahlte inmitten der Geburtstagsgesellschaft und ihre Tochter Julia hatte soviel zu erzählen und war glücklich über die mitgebrachten Geschenke. Sie spielte Fußball und so gab es auch ein cooles Trikot. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende und als wir auf dem Heimweg waren, äußerte Frau R. den Wunsch so gerne nochmal zu Mc Donalds zu wollen.
Gesagt – getan- begleitet von Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehen“
Ich glaube sie hatte zwei Riesenburger- viel zu viel an Menge- aber einfach nur glücklich für den Moment.

Eine kurze Zeit verging und als ihre letzte Lebensnacht begonnen hatte, saß ihre eigene Pflegemutter an ihrem Bett und sang ihr Kinderlieder vor, bis der letzte Atemzug geschehen war. In dieser Nacht hatte ich Nachtdienst und trotz aller Traurigkeit war es ein so großes Geschenk, diese tiefe Verbundenheit und Liebe zwischen zwei Menschen erleben zu dürfen.
Im nächsten halben Jahr gab es noch einen Besuch bei Julia, die uns das Grab ihrer Mama gezeigt hat. Zu unserem traditionellen Sommerfest kam Julia dann auch und flog mir in die Arme, um mich zu begrüßen. Das sind so unglaubliche Momente, die mich bewegen und in denen ich weiß, dass das was ich hier gemeinsam mit einem tollen Team tun darf, etwas ganz Besonderes sind. Dankbar bin ich für all die Begegnungen und diese besonderen Momente im Leben von Menschen, die ihr Vertrauen in unsere und meine Hände legen und meistens bewusst ihren letzten Weg gehen.

Carpe diem
Manuela Mehrtens

P.S. Danke für diesen schönen Text, bis bald
Herzlich,
Nici