„Nessis Promi-Talk“ spezial mit Nerissa Rothhard

„Nessis Promi-Talk“ spezial mit Nerissa Rothhard

 

Seit 2017 talkt Nerissa Rothhard mit Prominenten aus Hannover.
Zu unserem 25-jährigen Jubiläum erwartet Sie ein Abend mit Einblicken in das Hospiz Luise mit Hospizleiter Kurt Bliefernicht, Wegbegleiter*innen und Unterstützer*innen. Genießen Sie dabei Getränke sowie kleine Köstlichkeiten in der inklusiven Atmosphäre des „anna leine“.

Café anna leine, Am Hohen Ufer 3, Hannover Freier Eintritt, um Spenden wird gebeten

„FREUND HAIN – Das Spiel des Lebens“

„FREUND HAIN – Das Spiel des Lebens“

„Wir werden sterben. Das ist absolut gewiss und vollkommen sicher. Aber wir wollen nichts davon wissen. Bis jetzt. Denn jetzt gibt es Freund Hain. Und unser wunder Punkt wird unsere größte Chance.“ Nach dem Riesen-Erfolg im Jahr 2019 wird das Theater an der Glocksee uns anlässlich des 25. Geburtstages erneut mit Fragen, Ideen und Vorstellungen rund um „Freund Hain“ auf anspruchsvolle und wunderbare Weise zum Nachdenken, Lachen und Leben bringen. Darauf freuen wir uns sehr und laden ein! Weitere Informationen finden Sie auf folgender Website

Theater an der Glocksee
Glockseestr. 35, 30159 Hannover
info@theater-an-der-glocksee.de

 

Bettenwechsel

Vor kurzem habe ich vor Student*innen einen Vortrag über die Hospizarbeit gehalten. Trotz der späten Stunde waren diese jungen Menschen sehr interessiert an unserer Arbeit. Dabei habe ich auch die neuen Zahlen aus 2019 vorgetragen. Statistiken. Wie viele Menschen, wie alt, die durchschnittliche Verweildauer im Haus.
Machen wir uns nichts vor. Hospize sind auch wirtschaftlichen Faktoren unterlegen. Unsere Betten müssen belegt sein. Nicht nur aus ethischen Gründen, weil da draußen Menschen auf einen ersehnten Platz warten. Auch, damit wir beispielweise weiter unseren hohen Personalschlüssel halten können. Jetzt muss ich also die rosa Farbe einmal wegwischen.

Wenn ein Mensch bei uns stirbt, dann folgt eine Reihe von Ritualen. Die sind für die Angehörigen, Mitpatienten und Mitarbeitenden wichtig. Wird ein verstorbener Patient dann nach der Aufbahrung und Abschiednahme vom Bestatter überführt, hat unser Aufnahmemanagment im Hintergrund schon alles in Bewegung gesetzt, um einem neuen Patienten die Möglichkeit zu geben bei uns einzuziehen.
Ich selber habe schon solche Anrufe getätig. Das machen wir manchmal am Wochenende. Wenn abzusehen ist, dass ein Mensch sterben wird. Bis Montag zu warten würde bedeuten, dass ein Bett vielleicht tagelang leer steht. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass wir herzlose Maschinen sind. Eher bricht so manches Herz an diesem Zyklus. Wird für manche von uns der Dienst eher zur Last, als zur Erfüllung. Jeden Tag sterben. Jeden Tag Tränen. Jeden Tag lachen.
Da muss jeder tatsächlich gut bei sich sein. Sterben im Leben kann auch bedeuten, dass Kolleg*innen andere Wege einschlagen. Sich bewusst gegen das Hospiz entscheiden. Weil das Sterben zu viel Leben einnimmt.

Wo aber konnte ich bisher soviel über das Leben lernen, wie an diesem Ort? Nirgendwo. Mein Blick hat sich geschult. Ich versuche gelassener mit Dingen umzugehen. Manchmal gelingt mir das natürlich nicht, dann ärgere ich mich über andere Menschen und lasse mir meine Energie klauen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

Im Hospiz müssen wir uns eingestehen, dass der Tod oft zum falschen Zeitpunkt kommt. Wir erleben einen Bruchtteil der Trauer von Angehörigen und gehen dann weiter, um ein neues Leben bis zum Sterben zu begleiten. Während ich das schreibe finde ich, das klingt nicht so leicht. Ist es auch nicht immer. Aber wir sind da, weil wir das aus irgendeinem Grund gut können.

Wenn ich also nächste Woche zum Dienst gehe, dann werde ich zwei Zimmertüren öffnen, in denen mir andere Augen entgegenblicken werden. Beim Frühstück wird nicht mehr die Angehörige sitzen, die einige Wochen bei uns verbracht hat. Mutter und Tochter werden nicht mehr gemeinsam im Bett liegen und liebevoll schweigen. Dennoch freue ich mich auch auf die Dienste. Mit meinen Kolleg*innen, dem besonderen Geist, der durch unser Haus weht und bin dankbar, dass wieder einige Familien die Möglichkeit hatten, in diesem Umfeld ihren Abschied zu gestalten.

Bleibt behütet,

herzlich Nici

Wege

Mein Name ist Manuela Mehrtens und seit 23 Jahren darf ich hier im Hospiz Luise als Krankenschwester arbeiten. Zuvor war ich lange Zeit in einer großen Klinik in Hannover tätig. Damals fragte ich mich immer wieder – gibt es einen Ort, an dem Menschen in Würde, selbstbestimmt und mit erfüllten Tagen ihre letzte Lebenszeit verbringen können, wenn dies nicht zuhause möglich ist?

Jahre zuvor war ich durch einen Benediktinermönch auf den geplanten Bau des Hospizes aufmerksam gemacht worden. Bruder Willibrord war den Menschen auf meiner Klinikstation immer wieder ein großer Seelentröster. Nach einigen Gesprächen und Begegnungen mit ihm machte ich mich auf den Weg und fuhr mit meinem Käfer zu diesem Hospiz.
Dort stand die damalige Gründerin Sr. Katharina Maria an ein Auto gelehnt und ich sprach sie an und zeigte mein Interesse an der Hospizarbeit. Tage später durfte ich Probe arbeiten und was soll ich sagen, es war einfach so wohltuend diesen Dienst tun zu können und dürfen.
Die Begegnungen waren leicht und voll Wärme und Offenheit. Das Thema Tod wurde in den Alltag integriert und ja, mir viel gleich auf, hier wird gelebt und es darf auch gelacht werden neben den traurigen Momenten.

23 Jahre später komme ich immer noch sehr gerne an diesen Ort, um mich mit meinen Möglichkeiten einzubringen, Menschen auf unterschiedliche Weise zu begleiten. Neben traurigen Momenten habe ich so viele schöne und bereichernde Begegnungen erleben dürfen. Von einer Geschichte möchte ich gerne ein wenig erzählen. Eine junge Mutter war bei uns Patientin und bevor sie zu uns kam, sorgte sie für einen Pflegeplatz für ihre 12jährige Tochter. Als es ihr schlechter ging und der Geburtstag der Tochter anstand, war es für sie ganz wichtig, den neuen Lebensort der Tochter noch einmal zu besuchen und dort mir ihr zu feiern.
Gesagt – geplant – gemacht.
Meine Kollegin Brigitte und ich fuhren gemeinsam mit ihr in unserem neuen Caddy durch die Winterlandschaft. Sie mochte Peter Maffay und es war klar, dass seine Musik mitmusste. Gut gelaunt kamen wir an und wurden schon von einigen kleinen Erdenbürgern aufgeregt erwartet. Jeder hatte eine kleine Tischkarte auf dem Teller: „Mama, Pflege 1 und Pflege 2“ 🙂
Ein kleiner Mitbewohner, ca. 4 Jahre alt, sollte ganz verhalten und schüchtern fremden Menschen gegenüber sein. Nach ein paar Minuten hörte ich ihn mit Brigitte in seinem Zimmer auf dem Boden Auto spielen und laut brummen. Ich durfte die kleinste Dame (ca. 1,5 Jahre) auf dem Schoß halten und wir probierten uns an Seifenblasen.
Frau R., unsere Patientien, strahlte inmitten der Geburtstagsgesellschaft und ihre Tochter Julia hatte soviel zu erzählen und war glücklich über die mitgebrachten Geschenke. Sie spielte Fußball und so gab es auch ein cooles Trikot. Der Nachmittag ging viel zu schnell zu Ende und als wir auf dem Heimweg waren, äußerte Frau R. den Wunsch so gerne nochmal zu Mc Donalds zu wollen.
Gesagt – getan- begleitet von Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehen“
Ich glaube sie hatte zwei Riesenburger- viel zu viel an Menge- aber einfach nur glücklich für den Moment.

Eine kurze Zeit verging und als ihre letzte Lebensnacht begonnen hatte, saß ihre eigene Pflegemutter an ihrem Bett und sang ihr Kinderlieder vor, bis der letzte Atemzug geschehen war. In dieser Nacht hatte ich Nachtdienst und trotz aller Traurigkeit war es ein so großes Geschenk, diese tiefe Verbundenheit und Liebe zwischen zwei Menschen erleben zu dürfen.
Im nächsten halben Jahr gab es noch einen Besuch bei Julia, die uns das Grab ihrer Mama gezeigt hat. Zu unserem traditionellen Sommerfest kam Julia dann auch und flog mir in die Arme, um mich zu begrüßen. Das sind so unglaubliche Momente, die mich bewegen und in denen ich weiß, dass das was ich hier gemeinsam mit einem tollen Team tun darf, etwas ganz Besonderes sind. Dankbar bin ich für all die Begegnungen und diese besonderen Momente im Leben von Menschen, die ihr Vertrauen in unsere und meine Hände legen und meistens bewusst ihren letzten Weg gehen.

Carpe diem
Manuela Mehrtens

P.S. Danke für diesen schönen Text, bis bald
Herzlich,
Nici

„Ins Dunkel? Ins Licht?“ – Sterben und Tod im Spielfilm

Referent: Dr. theol. Kurt W. Schmidt, Zentrum für Ethik in der Medizin des DW Frankfurt

Seit Anbeginn der Filmkunst wird auf der Kinoleinwand gestorben. Allerdings wird hier das Sterben nicht dokumentiert, sondern inszeniert. Jeder Blick, jede Geste, jedes Wort ist überlegt. Doch was genau wird gezeigt, wenn im Spielfilm und in TV-Serien gelitten, gestorben, begraben und getrauert wird? Kommunales Kino – Kino im Künstlerhaus, Sophienstraße 2, Hannover Freier Eintritt, um Spenden wird gebeten

Abschied

Wir verabschieden uns dauernd in unserem Leben. Abschied von Kindesbeinen an. Schnuller, Windeln, winkend an der Kindergartentür, von Freundinnen und Freunden auf dem Weg in unterschiedliche Schulen, vom vermeintlichen Traumprinzen oder der Traumprinzessin oder nur der Traumfigur, vom Arbeitsplatz, von Kolleg*innen, von Menschen die wir begleitet haben, von der Jugend, dem Alter, der Sehkraft, Lastern…eine unendlich zu führende Liste. Irgendwie schaffen wir das. Wir lernen im Laufe unserer Sozialisation, dass Abschied zum Leben gehört.
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Im Hospiz nehmen wir durchschnittlich alle 21 Tage Abschied. Von einem Patienten oder einer Patientin, von der Familie, den Freunden, den Kolleg*innen und allen, die wir während des Aufenthaltes kennengelernt haben. Das klingt schwer. Ich finde das ist es manchmal auch. Aber eben nur manchmal. Diese Aufgabe Menschen am Lebensende zu begleiten habe ich schon vor 25 Jahren gut gekonnt. Als junge Krankenschwester. Da wusste ich noch nicht, wohin es mich verschlägt. Da war die Chirurgie und handwerkliches Tun mein Favorit. Ein Vierteljahrhundert später blicke ich auf unfassbar viele Begegnungen, Erlebnisse und auch Abschiede zurück. Beruflich und privat.

Gerade gestern haben wir nach der Übergabe über eine Trauerfeier gesprochen, auf der ich war. Manchmal schaffen wir das. Zur Trauerfeier gehen. Diese Termine werden immer sehr kurzfristig bekannt gegeben, das plant ja keiner. Unser Dienstplan ist immer 2 Monate im Voraus geschrieben, unser Privatleben strickt sich um die Wechseldienste wie eine warme Socke. Das ist unser Auftankzeit, Kraftquelle. Denn eine anstehende Trauerfeier bedeutet auch, es ist schon wieder ein neuer Patient von der Warteliste eingezogen. Übergänge.
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Deshalb sind uns unsere eigenen Rituale und Abschiede im Haus auch immer sehr wichtig. Die große Kerze in der Kapelle anzünden, ins Abschiedsbuch schreiben, eine letzte Waschung, schminken, rasieren, frisieren und das Zimmer entsprechend gestalten. Manchmal liegen dann auf dem Bett noch Utensilien des Lebens, die der Verstorbene so geschätzt hat. Immer ist es individuell. Immer gibt es für Zugehörige das Angebot sich lange und ausgiebig in unseren Räumen zu verabschieden. Wir warten auch manchmal auf eingeflogene Enkelkinder oder den Bruder aus dem Süden. Auf jeder Dienstbesprechung verlesen wir zu Beginn die Namen der Verstorbenen. Gedenken Ihrer. Oft reden wir auch Monate oder Jahre später noch von besonderen Situationen: „Weißt du noch, Frau Soundso aus Zimmer 3?“
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Eine Trauerfeier wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Eine Patientin mit schon erwachsenen Kindern und Enkeln. Eine liebevolle und enge Begleitung durften wir erleben. Irgendwie war immer jemand da, es wurde gemeinsam im Zimmer gelacht, geweint, geschwiegen und gelebt. Das war auch für mich eine besondere Begleitung und so passte es dann auch mit der Trauerfeier. Ich hatte Nachtdienst und habe ein paar Stunden im Dachgeschoss des Hospizes geschlafen und wurde dann von einer Kollegin abgeholt. Eine große Kirche, eine innige Trauerfeier. Was mich aber am allermeisten berührt hat, war der Trauerzug zum Friedhof. Vom Stephanstift auf den Friedhof. Mitten im Freitagmittagverkehr. Über die große Kreuzung. Alles stand still. Wir zogen in einem großen Pulk durch die stehenden Autos, Busse und Straßenbahnen. Den Tod ins Leben geholt. Eines der Enkelkinder und ich waren uns sehr einig: „So cool, und das alles für die Oma.“
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Abschied bedeutet auch Neuanfang. Für die Hinterbliebenen. Das Leben nimmt einen anderen Weg. Es geht irgendwie immer weiter, wenn man verinnerlicht, dass Abschied zum Leben gehört. Auf der oben erwähnten Trauerfeier habe ich ein Gespräch mit einer Freundin gehabt. Ich habe gesagt,: „Weißt du, wir sind jetzt in einem Alter wo wir immer wieder Abschied nehmen müssen. Jeder Abschied hinterlässt etwas in meinem Herzen. Es ist als ob es dadurch größer wird. Darauf muss man aufpassen, dass man nicht jedesmal ein Stück von sich selbst mit begräbt, sondern einen kleinen Farbklecks in die Erinnerung einschließt.“
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Zum Abschluss möchte ich noch unseren tierischen Neuzugang erwähnen. Als ich im neuen Jahr zum Frühdienst kam hat mich dort Inga begrüßt. Der Welpe einer Kollegin. Die dritte Nachtwache sozusagen. Das kleine Fellknäuel hat natürlich alle unsere Herzen im Sturm erobert und ist noch herrlich unerzogen. Willkommen im Team sage ich da!

Den nächsten Blogeintrag hat meine Kollegin Manuela Mehrtens geschrieben, ich freue mich sehr, dass es mir langsam gelingt auch die Kolleg*innen zu aktivieren.

Bis dahin,

herzlich Eure Nici

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Bilder: pixabay und ich

Von einem Wagnis (das) zum Beispiel (wurde)

Heute gibt es einen Gastbeitrag aus unserer Festschrift von Kurt Bliefernicht, Gesamtleitung, Hospiz Luise

Der Anfang war für uns ein Wagnis. So die Aussage unserer damaligen Generaloberin Sr. M. Isidora Hebenstreit, als die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim die Entscheidung traf: Ja, wir gründen das erste stationäre Hospiz in Niedersachsen. Ein Haus für 8 Patienten soll entstehen, denen wir mit unserer christlichen Grundhaltung begegnen, wo Körper, Geist und Seele in den Blick genommen werden, Fragen nach dem Sinn des Lebens ihren Platz finden und in dem die Themen Schmerztherapie und Symptomkontrolle ebenso im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen werden.
Meine Vorgängerin, die damalige Ordensschwester Sr. Katharina-Maria Hanne war es, die schon Ende der 80er Jahre die Idee hatte, ein stationäres Hospiz zu gründen. Es gelang ihr, ihre Mitschwestern davon zu überzeugen. Als ein Einfamilienhaus neben dem Vinzenzkrankenhaus in Hannover Kirchrode zum Kauf angeboten wurde, war der Erwerb dieses Hauses der erste Schritt zur Verwirklichung dieser Idee. Ab dem 3. November 1994 sollten die ersten Patient*innen einziehen. Mit hohem persönlichem Engagement hat Sr. Katharina-Maria vom Beginn an das Hospiz in seinen ersten neun Jahren aufgebaut. Sie hat sich auch auf Landesebene für die Verbreitung und Verankerung der Hospizarbeit eingesetzt. Mit dem Austritt aus der Gemeinschaft der Vinzentinerinnen im Jahre 2003 hat Sr. Katharina Maria die Leitung des Hospizes abgegeben.
Hausansicht 1994

Meine persönliche Begegnung mit dem Hospiz Luise begann im Juni 1994 mit einem vagen Hinweis auf die Initiative der Gründung eines stationären Hospizes in Hannover. Ich war neugierig geworden und so fuhr ich von Bremen nach Hannover und schaute mir die Baustelle des zukünftigen Hospiz Luise an. Die Gespräche mit Sr. Katharina-Maria, Sr. M. Alexandra und zwei weiteren späteren Kolleginnen bestärkten mich in dem Wunsch, hier zukünftig mitzuarbeiten und den Aufbau mit zu gestalten. Die Begleitung sterbender Menschen war für mich nicht neu. Ich hatte durch meine ambulante pflegerische Tätigkeit bereits viele Erfahrungen darin sammeln können und ich war bereit und willens, mich ausschließlich auf diesen Bereich pflegerischer Tätigkeit zu konzentrieren. Der Anfang war ein Wagnis für uns alle. Über die Einladung zum Eröffnungstag der offenen Tür stand damals ein Wort von der Ordensgründerin der Vinzentinerinnen der heiligen Luise von Marillac: „Ermutigen wir uns gegenseitig mehr durch unser Beispiel als durch Worte.“ Das bedeutete für uns im Miteinander vor allem voneinander zu lernen und uns mit unseren bisherigen Erfahrungen gegenseitig zu bereichern. Wir waren mit vielen Fragen konfrontiert, die auch für uns neu waren wie z. B. „Was braucht der einzelne Mensch am Lebensende?“ „Welche Sicherheiten können wir den Patienten geben, wenn sie bei uns aufgenommen werden mit Ihren An- und Zugehörigen?“. Das waren und bleiben wichtige Themen unserer Hospizarbeit. Später haben wir diese Erfahrungen zu gemeinsamen formulierten Zielen zusammen gefügt. Daraus ist unser Leitbild entstanden, später die Qualitätsarbeit und das Gütesiegel.
Verleihung des Gütesiegels - Dörfler- Zu meinem Glück
Der Anfang war ein Wagnis auch aus finanzieller Sicht. Mit dem Einzug der ersten Patient*innen im November 1994 gab es noch keine Regelfinanzierung, was für uns heute unvorstellbar ist. Es fanden zwar Gespräche mit den Kostenträgern statt, aber es gab nur Einzelfallentscheidungen auf der Basis der damaligen Tagessätze für Kurzeitpflege. Das änderte sich erst im Verlauf des Jahres 1995. Heute, 25 Jahre später, sind wir per Gesetz eine Einrichtung der Regelversorgung. Das bedeutet für uns eine große Sicherheit, aber keine vollständige Kostendeckung. Wir sind weiter auf tatkräftige Unterstützung und Spenden angewiesen. Ehrenamtliche Tätigkeit ist ein wichtiger Stützpfeiler unserer Arbeit im Hospiz. Schon im ersten Jahr nahmen die ersten im Hause geschulten Ehrenamtlichen ihren Dienst im stationären Hospiz Luise auf. In den vergangenen Jahren haben wir ehrenamtliche Begleitung und Unterstützung auch in der häuslichen Betreuung und in der Trauernachsorge etabliert. Auch bei der Vorbereitung und Durchführung zahlreicher Feste sowie bei der Pflege und Gestaltung unseres großen Gartens freuen wir uns über vielseitige und tatkräftige ehrenamtliche Unterstützung.
Ohne das Engagement Ehrenamtlicher, das erfahren wir tagtäglich, gäbe es weder stationäre noch ambulante Hospizarbeit. Neben aktiver ehrenamtlicher Unterstützung in unserem Alltag freuen wir uns seit Bestehen des Hauses über vielfältige ideelle und materielle Unterstützung. Bereits in unseren Gründungsjahren hat sich ein Freundeskreis gegründet, der durch regelmäßige Spenden unsere Arbeit unterstützt. Seit über 20 Jahren steht uns der Lions Club Hannoververlässlich zur Seite.
Die Mitarbeitenden des Kinderzirkus Salto, der regelmäßig bei unserem Sommerfest auftritt und mit einer Sachspende zur Versorgung der Patient*innen im stationären Hospiz beiträgt, sind uns ebenso treu wie die Frauen des Ladies Circles 27 mit Ihrer Unterstützung beim Küchenbuffet. Auch der Round Table 197 Hannover engagiert sich jedes Jahr am Grill, um die gespendeten Würstchen lecker zuzubereiten und zu servieren. Darüber hinaus können wir uns über viele spontane Zuwendungen und Spenden freuen.
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Das Hospiz Luise war das erste stationäre Hospiz in Hannover und in Niedersachsen, dem bald weitere Gründungen folgten, die sich teilweise Rat und Anschauung bei uns holten. Wir waren und sind froh über ein Netzwerk von Kollegen und Gleichgesinnten in der Region und im Land, mit denen wir einen kollegialen Austausch pflegen. Persönlich erinnere ich mich nach 25 Jahren Hospizerfahrung an viele frohe, erheiternde aber auch traurige und schwere Situationen. Wir geben unseren Patienten die Zusicherung, dass wir bei Ihnen bleiben, auch wenn sich andere abwenden. Manchmal finden wir keine Möglichkeit auf Fragen zu antworten, Trost zu spenden oder schwierige Situationen aufzulösen, aber dann gehen wir nicht weg, sondern bleiben an der Seite des Patienten und seiner Angehörigen. Manchmal bleibt uns nur das gemeinsame Aushalten. Als überzeugter Christ habe ich die Möglichkeit, solche Situationen abzugeben, was ich als große Entlastung erlebe.
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Ermutigen wir uns gegenseitig mehr durch unser Beispiel als durch Worte. Wir haben die Pionierphase, in der alle für alles zuständig waren, hinter uns gelassen. Wir haben Verantwortung aufgeteilt, Zuständigkeitsbereiche innerhalb des Hauses definiert und Strukturen geschaffen, die uns helfen, uns unseren Kernaufgaben intensiver zu widmen. Dadurch haben wir für Transparenz gesorgt, die wir in der Zusammenarbeit dringend brauchen. Wir sind eine große Institution geworden mit insgesamt 89 Mitarbeitenden aus Haupt- und Ehrenamt. Im Laufe dieses Wandlungsprozesses mussten wir uns von liebgewordenem Altem, von Gewohnheiten und scheinbar Selbstverständlichem verabschieden, was nicht immer leicht war. Dabei unterstützt haben uns regelmäßiger gemeinsamer Austausch in Dienstbesprechungen und Qualitätszirkeln, sowie Supervisionen und extern moderierte Workshops. Wir treffen dabei auch immer wieder auf die Frage: Wie lange kann und sollte man diese Aufgabe wahrnehmen? Wieviel Tod verträgt ein Mensch? Diese Fragen zu reflektieren ist und bleibt Aufgabe jedes einzelnen Mitarbeitenden, sie ist nicht allgemein zu beantworten.
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Ermutigen wir uns gegenseitig mehr durch unser Beispiel als durch Worte Wir freuen uns, dass unsere Pionierarbeit für viele andere zum Beispiel wurde. Ich werde oft gefragt: Brauchen wir nicht noch mehr stationäre Hospize? Es fällt mir schwer, auf diese Frage mit einem eindeutigen „Ja“ zu antworten. Ich glaube wir brauchen vorrangig das, was auch vor 25 Jahren bereits wichtig war: Wir brauchen eine hospizliche Haltung in allen Bereichen und Einrichtungen, in denen Menschen begleitet werden und sterben. Und jede – jeder von uns braucht den Mut, sich mit dem Lebensthema Sterben und Tod auseinanderzusetzten. Ich glaube, dann werden auch Fragen nach mehr Hospizeinrichtungen nicht mehr im Vordergrund stehen, weil die Idee auch in anderen Einrichtungen leben kann. Ein fernes Ziel? Wir haben in den vergangenen 25 Jahren durch vielfältige Aktivitäten vielen Menschen Mut gemacht, sich diesen drängenden Fragen zu stellen und ich glaube, wir sind damit auf einem guten Weg. Wir sind mit diesen Anliegen nicht alleine, es gibt viele Gleichgesinnte in regionalen, landes – und bundesweiten Netzwerken und politischen Vertretungen. Abschließend möchte ich allen Schwestern von der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul in Hildesheim DANKE sagen im Namen aller Mitarbeitenden aus dem Hospiz Luise für den Mut, den sie vor 25 Jahren hatten. Ich danke meiner Vorgängerin für die ersten Schritte, sowie den drei Generaloberinnen Sr. M. Isidora Hebenstreit, Sr. M. Hildegard Theinert und unserer derzeitigen Generaloberin Sr. M. Teresa Slaby mit ihren Ratsschwestern und der gesamten Verwaltung des Mutterhauses für die kontinuierliche und zuverlässige Unterstützung und ich danke für jedes Gebet. Nicht zuletzt gilt mein ganz persönlicher Dank jedem einzelnen Haupt – und Ehrenamtlich Mitarbeitenden. Ebenso danke ich meinen beiden Leitungskolleginnen Anja Bohlen-Bruchmann und Maike Dudek für ihren Einsatz für das Haus und seine Weiterentwicklung. Dank an Ute Reimann für den Aufbau des Ehrenamtlichen Dienstes, der Trauerarbeit und ihren Einsatz auf Landesebene. Sie alle tragen mit Herz und Hand dazu bei, dass das Hospiz Luise weiter ein lebendiger Ort des Lebens im Angesicht des Todes ist. Ich bin sehr dankbar mit diesem Team das Hospiz Luise zu leiten und freue mich auf die Herausforderungen der Zukunft.
Kurt Bliefernicht
Gesamtleitung Hospiz Luise
Kurt

„Ermutigen wir uns gegenseitig mehr durch unser Beispiel als durch Worte“

Im nächsten Beitrag wird es um Abschied gehen, bis dahin
Herzlich Eure Nici

Silvester im Hospiz

In diesem Jahr habe ich Weihnachten gearbeitet. Deshalb habe ich Silvester frei. Das sind die Regeln im Schichtdienst – meistens klappt das ganz gut. Letztes Jahr hatte ich am 31.12. Spätdienst und am 01. Januar Frühdienst. Das lasse ich jetzt gerne nochmal kurz für Euch Revue passieren:

Silvester im Hospiz- heute übernachte ich nach dem Spätdienst hier und habe morgen Frühdienst. Mit meiner Kollegin, so ein bisschen Pyjamaparty mit Wein und Chips. Wir haben Berliner zum Kaffee gehabt, mit unserem Ehrenamtlichen Karsten und Patient*innen über Traditionen gesprochen. Auch was wir um Mitternacht denen wünschen, die kein glückseliges ganzes Jahr mehr haben werden.
Einen lichtvollen und warmen Neujahrstag vielleicht. Die Stimmung ist gar nicht so traurig wie ich erwartet habe.

Wir haben gerade „stabile“ Verhältnisse im Hospiz, unsere Patienten haben noch Zeit und nutzen diese auch. Ein Patient plant schon einen Ausflug mit dem Wünschewagen, um nochmal jemanden zu besuchen. Eine andere Patientin freut sich auf den Besuch des Bruders. Pläne werden geschmiedet.

Bis vor ein paar Stunden wollte keiner geweckt werden, jetzt wirbelt unsere liebe Nachtschwester um uns herum und zaubert „Partysets“ für den Jahreswechsel, dabei läuft Musik von Coldplay im Hintergrund. Jetzt will es doch keiner verpassen.
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Wie gut, dass es diesen Ort gibt. Wie gut, dass wir mitten im Sterben soviel Leben und Liebe erleben dürfen.
Mein Highlight war sicher die Klingel kurz vor Mitternacht. Wir haben niemanden mehr erwartet. Alle angekündigten Besucher*innen waren schon eingetroffen. Dann standen mein Mann und meine Tochter plötzlich vor mir. Strahlend, überraschend, aufgeregt. Überraschung gelungen. Das hat mich sehr berührt und mir viel bedeutet. Solche Erinnerungen tragen einen durch schwere Zeiten und zaubern ein Lächeln ins Gesicht.
Was für eine besondere Nacht.

Einen Gruss in den Silvestertag und die Silvesternacht an alle, die in 2020 leben, lieben und lachen werden. An diejenigen die jemanden vermissen, traurig sind und nicht wissen wie es werden wird im neuen Jahr. Ich wünsche euch Momente mit liebevollen Begegnungen.
Wie der kleine Prinz schon sagte:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“.

Herzlich,

Eure Nici

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