Zeit

Heute ist mein erster Urlaubstag und es schneit draußen. Eigentlich wäre ich jetzt an einem Strand, würde die Sonne genießen und händchenhaltend mit meinem Mann spazieren gehen. Stattdessen bin ich zuhause. In meinem Arbeitszimmer. Heute nachmittag halten wir beim Hundespaziergang auch Händchen, hoffentlich gibt es dann auch ein paar Schneeflocken.
Wir können die jetzige Situation nicht ändern. Wir können das Beste aus ihr machen. Letzte Woche im Hospiz war es ähnlich. Auch hier mussten wir uns einschränken. Mundschutz und Schutzkittel, bei körpernaher Pflege. Trostlos. Bedrückend.
Wir schenken Lächeln, besondere Leckereien, ermutigen durch Gesten, haben Zeit für Gespräche.

So ist es auch in den Krankenhäusern. Keiner kann mehr rein. So ist es bei Bestattungen. Abstand von 1,50m bis 2m. Nur die engsten Familienangehörigen. Ein Freund der Familie meines Mannes ist dieser Tage verstorben. Die Trauerfeier hat schon in aller Stille stattgefunden. Ein Riesenberg an Trauer türmt sich in diesen Zeiten auf. Neben all den wirtschaftlichen Katastrophen und der Trauer um geplatzte Lebensträume, werden die Toten in diesen Zeiten minimalistisch verabschiedet. Dabei braucht die Trauer der Lebenden doch auch diese Schleusenzeit, mit Berührung, Totenwache, Gestaltung der Trauerfeier und den Trost der Gemeinschaft. Ich habe zu meinem Mann gesagt: „wenn ich jetzt sterbe, dann lass mich bitte einäschern und feiere danach nochmal groß Abschied“.

Meine Kollegin Inga ist gerade in der Aufnahme. Das Telefon steht nicht still. Traumatisierte Menschen melden sich und suchen händeringend Trost, Rat und Unterstützung in der Hilflosigkeit.
Diese Menschen dürfen wir jetzt nicht vergessen. Ich bin dankbar, dass wir die Telefonseelsorge haben, die einen unfassbaren Job macht. Ich bin dankbar, dass Kolleg*innen der Trauerarbeit Onlineangebote ins Leben rufen. Ich bin dankbar, dass wir Smartphones haben, mit denen wir Kontakt zu unseren Liebsten halten können.

Was machen wir jetzt also mit unserer Zeit? Mein Aszendent ist Waage, das besagt ich bin ein Putzteufel. Leider ist das Horoskop an dieser Stelle fehlerhaft. Also werde ich heute eine Serie auf meinem Tablet schauen und nebenbei gemütlich mein Arbeitszimmer entrümpeln. In Erinnerungen schwelgen.

Gerne wüsste ich auch, was du machst! Also schreib mir doch bitte eine Nachricht und im nächsten Blogeintrag würde ich das gerne veröffentlichen. Oder du schreibst mir ein Gedicht, sendest mir dein Onlineangebot für Trauernde, schickst mir ein Bild deiner Aktivität, deinen Buchtipp, einen Gruß aus dem Homeoffice, grüßt jemanden…..bitte an:

25jahrehospizluise@gmx.de

Im Hintergrund läuft das Wohnzimmerkonzert von meinem Freund Matthias Brodowy. Geschenkte Zeit – Eine Stunde Musik und Humor. Seelenfutter.
Zeit nochmal Danke zu sagen, an das Team von H1 Fernsehen, Grünes Zimmer, Matthias und an alle Spender*innen.


Nutzen wir also die geschenkte Zeit so gut es eben geht. Nährt die Hoffnung in euch. Schreibt mal wieder Briefe. Schreibt mir. Spielt Gesellschaftsspiele. Lest die verstaubten Bücher aus dem Regal. Allen die arbeiten wünsche ich Kraft, sage Danke und bin gespannt, wielange mein Urlaub anhält. Wir Krankenschwestern stehen auch auf Abruf bereit…

Herzliche Grüße
Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich 🙂

Letzte Fragen

Sechsmal habe ich den ersten Satz gelöscht. Wenn ich an Herrn B. denke, dann sehe ich sein Lächeln. Ich muss gerade schmunzeln, denn als ich mal den Perfusor gewechselt habe, da hat er mir das Bett hochgestellt, weil ich ja auch an meinen Rücken denken muss.
Herr B. ist verstorben. Vorher haben er und seine Frau ein Interview gegeben. Für das Asphalt-Magazin. Einige Kolleg*innen und ich waren auch dabei. 4 Seiten sind in der aktuellen Ausgabe.

In Würde sterben. Und im Kreise der Liebsten. Das wünschen sich die meisten. Vor allem aber ohne Qualen. Doch gerade Krebspatienten haben meist einen Leidensweg vor sich. Mit Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Für sie ist ein Hospizplatz oft ein Gewinn. Ein Besuch im Hospiz Luise, einem von deutschlandweit 240 Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Wir haben mit Sterbenden, Angehörigen, Leitern und Schwestern gesprochen. Eine Asphalt-Geschichte – hart an der Grenze.

Wir planen in diesem Jahr eine Benefizveranstaltung mit Asphalt. Da lag es nahe, dass uns der Geschäftsführer Georg Rinke gemeinsam mit seinem Team auch einen Raum in der Asphalt gegeben hat. Dafür bin ich sehr dankbar, es ist nicht selbstverständlich, dass so ausführlich über unsere Arbeit berichtet wird.

Als der Anruf von Grit Biele kam wollte sie natürlich gerne ein Patienteninterview. Ich hatte Frühdienst und eigentlich konnte es nur Herr B. sein. Erst habe ich seine Frau gefragt, ob sie denn auch mitmachen würde. Dann bin ich ins Zimmer. Da lag er dann und hat mit einer Selbstverständlichkeit zugesagt, dass mir kurz der Atem wegblieb. Eine flammende Rede, dass wir doch darüber reden müssen. Über den Tod, das Sterben und wer soll es denn sonst machen? Unsere Kinder gehen auf die Straße, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Da wollte er auch was tun. Klartext reden. Nichts beschönigen. Grit Biele hat das eingefangen. In einen Text, den man gelesen haben sollte.

Diese Bilder hat mir Georg Rinke geschickt. Als er die druckfrische Asphalt schon in den Händen gehalten hat. Das hat Georg sehr berührt, wie er mir geschrieben hat.
Ich habe den Artikel das erste Mal im Hans-Lilje-Haus während eines Seminars gelesen. So viele Erinnerungen wurden wach. Diese Familie hat mich bewegt. Wie auch andere Familien, die in dieser Zeit bei uns waren. Samstagmorgens mache ich im Dienst gerne Spiegelei. Frau B. hat sich auch immer darüber gefreut. „Wie im Hotel“, hat sie dann immer lächelnd gesagt. In all dem Schweren versuchen wir mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass wir da sind. Jeder auf seine Weise. Das macht die Begleitung in unserem Haus aus meiner Sicht so wertvoll.
Weihnachten zum Beispiel. Da haben wir das angelieferte Festmahl vorbereitet. Aufgewärmt, in Schüsseln gefüllt. Gans oder Grünkohl – jedem sein Lieblingsessen. Die Familie hatte den Tisch liebevoll gedeckt und ich habe gefragt, ob ich ein Foto für den Blog machen darf. Wieder kam aus dem Bett von Herrn B. ein „Natürlich!“
Eine Familie, die auch uns bedacht hat. Mit viel Dankbarkeit und kleinen Geschenken. In all dem Schweren kamen die Gesten auch aus der anderen Richtung. Beeindruckend, was für Kräfte manchmal in uns sind.

Die Trauerfeier von Herrn B. habe ich leider nicht besucht. An dem Tag hatte ich Spätdienst und zweiteilen kann ich mich noch nicht. Ich war mit meiner Kollegin Heike auf einer anderen Trauerfeier, die zufällig am selben Tag stattfand und mir ebenfalls sehr wichtig war.
Wir hatten noch Zeit und sind über den Friedhof gegangen. Haben Inschriften auf Gräbern studiert. Gerne hätte ich bei einigen gewusst, wer sie waren, wie sie gelebt haben. Was bleibt am Ende von unserem Leben?
Liebe.
In liebevoller Erinnerung bleiben die Meisten von uns in einem Herzen. Herr B. hat sich auch in mein Herz geschlichen. Was für eine besondere Begegnung. Danke Leben.

Also, Asphalt kaufen nicht vergesssen, gerne schicke ich auf Anfrage auch eine zu – schreibt mir einfach eine Mail.

Herzlich,

Eur Nici

DELLA