14. Januar 2021

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Aus Stufen von Hermann Hesse

Wir schreiben das Jahr 2021 und in der Welt wütet weiter die Coronapandemie. Das bedeutet auch für unsere Arbeit weiter mit den massiven Einschränkungen zu leben. Deshalb nutzen wir dieses Medium, um mit euch in Kontakt zu bleiben.

Als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit im Hospiz Luise startet für mich in diesem Jahr eine neue Zeitrechnung. 25 Jahre nach meinem Staatsexamen zur Krankenschwester habe ich mich entschieden neue Wege zu gehen.
Dieser Blog diente ursprünglich ja der Spendenkampagne zum 25. Geburtstag des Hospiz Luise.
Jetzt wird er in einem neuen Gewand der Hospiz Luise Blog, den ich mit Co-Schreiber*innen aus dem Hospiz weiterführen werde. Unsere Reise geht also weiter und ich freue mich darauf!

Hereinspaziert ins Hospiz Luise!

Mein 1. Arbeitstag ist der 14. Januar. Es ist ein warmes Wiedersehen im stationären Bereich unseres Hauses. Meine Kolleg*innen huschen über die Flure, wir treffen uns in der Küche ohne die Mindestanzahl an Personen zu überschreiben. Lächeln durch die Maske – in der Pflege schon seit längerer Zeit die FFP2 Modelle. Die Weihnachtsstimmung ist hinfort und unzählige Vasen mit Tulpen bringen Licht ins Haus. Draußen fällt leise der Schnee.

Einige Kolleg*innen haben eine Zoomkonferenz und auf dem Flur im Souterrain des Hauses dringen Gespräche der ambulanten Dienste unseres Hauses bis in mein Büro. Ein bunter Strauß Blumen steht hier zur Begrüßung und ich blicke auf ein Bild, das auf meinem Schreibtisch steht. Es ist ein Foto aus dem letzten Jahr. Mein Herzhund auf einer Wiese. Nach kurzer, schwerer Krankheit ist er am Dienstag verstorben. Mit 8 Jahren. Plötzlich und unerwartet kam das. Ein Teil der Familie – einfach weg. Mir sind heute unzählige Umarmungen mit 1,50m Abstand zugekommen. Wären es echte Berührungen gewesen, dann wäre ich im Meer der Tränen davongespült worden. Mir hat die Distanz heute geholfen den ersten Tag ohne verheulte Augen zu überstehen.
Distanz beschert uns weiterhin das Coronavirus. Natürlich pflegen wir nicht mit 1,50m Abstand, aber es ist nach wie vor so, dass wir einander mit Maske begegnen. Lachen über die Augen. Fragen über die Augen. Verstehen über die Augen. Sehnsucht nach einem offenen Lachen.

Abstand halten, Personenbegrenzungen in den Räumlichkeiten, Schnellstests und Lüftungspläne gehören zu unserem Alltag. Über allem schwebt die Anspannung. Wie lange wacht die heilige Luise noch über uns und hält Corona aus dem Haus fern. Wie lange werden wir noch Distanz halten müssen, wann dürfen wir wieder mit einer Umarmung trösten?

Die Randbedingungen sind schwer, aber die gute Nachricht ist, dass die Mitarbeitenden im Hospiz Luise durchhalten und ihr Lächeln nicht ganz verloren haben. Ich freue mich, wieder hier zu sein und euch mitzunehmen. In ein neues und sicherlich spannendes Jahr 2021 im Hospiz Luise Hannover.

Herzlich

Eure Nici Friederichsen

Nachlass

Wenn ein Mensch bei uns im Hospiz Luise stirbt, dann müssen auch wir Abschied nehmen. Eine Vielzahl von kleinen Ritualen und Tätigkeiten nimmt dann seinen Lauf, wenn ein Mensch seinen letzten Atemzug getan hat.
Bis unsere Patient*innen gewaschen, frisiert, angezogen für die letzte Reise, vielleicht geschminkt, in einem aufgeräumten Zimmer aufgebahrt liegen vergeht Zeit. Zeit, um sich zu verabschieden. Nochmal ein Gebet zu sprechen, die Hand zu halten, zu Weinen, zu erzählen, zu lachen, zu schweigen.


Die letzte Patientin von der ich mich verabschiedet habe war schon länger bei uns. So gerne war ich in diesem Zimmer. War tief beeindruckt von dem Leben und Wirken. Von ihrer liebevollen Art, der Wärme, der Entschlossenheit und dann auch wieder so viel Verletzlichkeit.
Ich habe am Bett gesessen und geweint. Dankbar, diese Frau gekannt zu haben. Dankbar, dass sie friedlich sterben konnte. Dankbar für die Gespräche.
Auf dem Weg raus habe ich meinen Chef getroffen. „Was wäre unsere Arbeit, wenn wir nicht auch so auf den Tod unserer Patient*innen reagieren würden?“

Ja, was wäre diese Arbeit ohne Empathie. Was wäre diese Arbeit ohne tausende Kolleg*innen die ambulant und stationär Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten, oder die guten Seelen in der Verwaltung sind, die ehrenamtlich helfen, die leiten, die unsere Häuser blitzblank halten, die alles reparieren können, die in der Trauerarbeit unterwegs sind, die an uns denken, die uns spenden, die für uns musizieren, uns beschenken und Kuchen und Kekse backen….

Nichts.

Unsere Arbeit wäre nichts ohne diese riesigen Netzwerke.

Wenn ein Mensch bei uns im Hospiz Luise stirbt, dann passt der Nachlass manchmal in eine kleine Tasche oder in zwei Autos. Jeder bringt etwas anderes mit. Jeder hinterlässt etwas anderes.

Fülle

Mit diesem Blog wollte ich auch etwas dalassen.

Die Fülle unserer Arbeit, die manchmal auch zu viel werden kann. Sterben ist ein ernstes Thema, Leben aber auch. Leben ist ganz wundervoll im überwiegenden Teil. Sterben nur ein kleiner davon und oft auch richtig stimmig.
Deshalb wäre ich so froh, wenn jetzt auch etwas übrig bleibt. Ein Satz, ein Beitrag, ein Bild, ein Gedanke.

Danke

Dieses Jahr war wunderlich und wunderbar. Viele von euch haben regelmäßig gelesen (außer meinem Hannes, der liest sowieso meine Gedanken). Dafür bin ich dankbar. Heute freu ich mich auch über eine Nachricht, ein Feedback, einen Abschiedsgruß. Danke an alle, die diesen Blog ermöglicht haben. An alle die gelesen haben…

Ich gehe gefüllt mit guten Ideen und Gedanken und grüße herzlich,

Auf bald,

Eure Nici