Familienfest

Ostern ist in vieler Hinsicht ein besonderes Fest. Die Kirche feiert die Auferstehung von Jesus Christus. Die Fastenzeit endet. Familien kommen zusammen und feiern gemeinsam im jungen Frühling . Kinder suchen hierzulande im Garten die Osternester. Der Papst spendet von seinem Balkon den Segen Urbi et orbi. Geschmückte Frühlingszweige, Osterhasen, Leckereien.
Dieses Jahr ist vieles anders. Dennoch für viele von uns kein Grund zu klagen. Wir leben in diesem reichen Land und sind sehr gut versorgt. Wir hungern nicht, und wenn doch, gibt es wundervolle Menschen, die versuchen auch den Schwächsten zu helfen. Die Krankenhäuser und das Personal wachsen zusammen und über sich hinaus. Unternehmer*innen haben in diesen Tagen begründete Ängste, ebenso alle Selbständigen und Selbständige. Es werden harte Zeiten kommen. Nicht das erste Mal.

Im Hospiz haben die Patient*innen oft noch Ziele vor Augen. Oft sind es Familienfeste. Ein Geburtstag, die Geburt eines Enkelkindes. Eine Hochzeit für die das Kleid schon zuhause im Schrank hängt. Ich bin immer wieder verwundert, welche Kräfte ein geschwächter Körper doch entwickeln kann, wenn er Zeit gewinnen möchte.
Sehr gut kann ich mich an eine Mutter erinnern, die unbedingt wollte, dass ihre kleine Tochter getauft wird. Eigentlich ein großes Familienfest. Ein Termin war schnell gefunden und die Paten eingeladen. Der Pastor informiert, die Taufkerze war in Arbeit. Dann hat sich der Zustand der Patientin drastisch verschlechtert. Uns war klar, wir können den angestrebten Termin nicht halten.
Plan B. Unser Seelsorger, Paten vorbestellen, Kerze schneller fertig machen. Für das kleine Zimmer waren wir sehr viele Menschen.
Heute wäre das gar nicht möglich. Vielleicht per Skype. Mit Mundschutz.
Doch das war eine andere Zeit. Wir haben gemeinsam gesungen, ich habe Bilder mit dem Handy des Vaters gemacht. Die Mutter hatte schon seit einigen Stunden nicht mehr reagiert. Doch unser gemeinsames Ritual hat sie lächeln lassen. Wohlwissend, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war. In solchen Momenten weine ich auch. Da kann ich gar nicht anders. Wir alle waren so gerührt. Da war auch Freude, nicht nur Trauer. Leben.

Gestern habe ich vor Ostern meine Mama getroffen. An einer Raststätte. Sie ist viel allein, aber sie ist es auch gewöhnt und schlägt sich tapfer. Wir sind ein Stück gegangen, sie hat geweint. Soviel Nähe trotz unserer Distanz an die wir uns gehalten haben.
Ostern wird sie nicht kommen. Wir werden auch nicht die Mutter meines Mannes besuchen. Das erste Mal seit Jahren habe ich wieder einen Osterstrauß geschmückt. Ich bin schon gespannt wie es im Hospiz aussehen wird, wenn ich Sonntag meinen Dienst wieder antrete.

Im Hospiz tragen wir jetzt immer Masken. Tanzen den Mindestabstand ohne eine Musik, bewegen uns vorsichtig um einander herum. Versuchen die emotionale Last unserer Patient*innen zu lindern.
Alle gemeinschaftlichen Rituale sind dahin. Kein Osterschmaus im Wintergarten mit fröhlichen Gesichtern. Vor einigen Jahren habe ich an Ostern alkohlfreien Sekt getrunken, die ganze Tafel war voll, wir haben gelacht, gescherzt und am Ende war ich glückselig und hatte einen gefühlten Schwips. Leben.
Meine Gedanken sind dieser Tage bei den Menschen in Ländern, in denen eine gute Versorgung nicht gewährleistet ist. Die kein Wasser zum Händewaschen haben und keinen Platz, um einen Mindestabstand zu gewähren. Deren Chancen von vorneherein schlecht stehen.
Ja, die Krise ist schlimm. Ja, es werden Menschen sterben. Ja, es sind sehr viele Menschen in großer Trauer und haben Angst. Ja, ich finde es mitunter auch sehr bedrückend und denke auch an Menschen, die existentiell in Not geraten. Dennoch, wir werden weiterleben. Gestärkt. Achtsamer. Mehr Miteinander. Langsamer. Leben.

Wo immer ihr auch seid, ich wünsche euch gesegnete und behütete Tage im Kreise derer, die möglich sind. Ich freue mich auf Ostern im Hospiz und nach Dienstschluss mit meiner kleinen Familie. Ich werde euch natürlich ein paar Bilder senden und einen Lagebericht geben. Es wird ruhiger als sonst, aber vielleicht auch gerade deshalb ganz besonders intensiv.
#stayathome

Herzlich Eure
Nici

Bilder: Pixabay und ich 🙂