Bettkantengespräche

Es gibt ein Foto aus meiner Kindheit, da sitzt meine Mutter erschöpft auf der Bettkante und meine drei Geschwister und ich sind neben ihr, auf dem Schoß oder zuppeln ihr am Bein. An dieses Foto denke ich manchmal, wenn ich im Hospiz arbeite und Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind sitzen möchten. Auf der Bettkante. Bereit zum Aufstehen.
Wie oft sitzen wir auf der Bettkante. Was sind die letzten oder ersten Handlungen, die wir dort ausführen? Hörgeräte rein und raus. Uhr ablegen. Ein Gebet sprechen. Tablette nehmen. Aus dem Fenster blicken. Hund streicheln. Füsse eincremen…da gibt es einige Möglichkeiten.

Manchmal ist diese Position auch eine, in der Patienten sich gerne anlehnen. Wenn wir zur Grundpflege unsere Schutzkittel anhaben, dann setzt man sich doch auch gerne dazu (Das liest unsere Hygienebeauftragte sicher gerne, liebe Grüße Susanne). Meine Schultern sind breit. Dann atmen wir einfach mal zusammen. Seufzen. Viele Fragen zum Ende des Lebens bleiben auch in diesen Momenten unbeantwortet. Es gibt nicht auf alles eine Antwort. Dafür Nähe und Trost.

In meiner ersten Nachtwache im Hospiz saß ich neben einer sterbenden Patientin. Sie wollte partout nicht liegen. Anne und ich haben ihr ein Nest gebaut. Ich kann nicht beschreiben, was das für ein Moment war, aber es war so absolut friedlich und stimmig.
Corona macht uns das nicht leicht. Wir tragen Masken, lüften. Dokumentieren. Desinfizieren. Waschen die Hände….Halten Abstand wo möglich und schenken Nähe, wo nötig.

Manchmal sitzen Mutter und Kind auf der Bettkante und sprechen. Was noch gesagt werden muss. Was noch gesagt werden kann. Was noch gesagt werden soll. Komme ich dann zufällig ins Zimmer, dann schleiche ich mich oft wieder raus. Möchte diese Momente nicht stören.

Bettkantengespräche. Gestern hatte ich witzigerweise eines mit meinem Mann. Momentan dreht sich bei mir alles um die Versteigerung und er erledigt neben seinem Job im Homeoffice alles, was er im Haushalt noch so schaffen kann. Steht früher auf, um mit dem Hund zu gehen, damit ich vor dem Galeriedienst noch diesen Eintrag schreiben kann. Dafür habe ich ihm gedankt. Auf der Bettkante. Das hat gut getan und mich zu diesem Beitrag inspiriert.

Heute bin ich zum letzten Mal in der Galerie. Bevor ihr heute abend ins Bett geht und auf der Bettkante sitzt und es dann noch vor 22 Uhr ist, könnt ihr noch ein Gebot abgeben. Die sollten jetzt allerdings höher ausfallen, als die angegebenen Werte – oder ihr spendet einen Beitrag über das Herzsymbol. Ich freue mich über jeden Beitrag. Ich danke allen, die uns schon unterstützt haben. Auch heute abend auf meiner Bettkante.

Herzlich Eure Nici

Niemals geht man so ganz

Mein lieber Kollege Hansjörg hat uns Ende Juni verlassen. Wir haben uns in den letzten Monaten den Schrank geteilt -beide in Teilzeit tätig war uns das genug. Jetzt hängt da nur noch mein Schild. Von Hansjörg habe ich soviel gelernt, zu ihm aufgesehen. Ein Mensch, der seine Stärken und Schwächen kennt, zerbrechlich und liebevoll die Arbeit im Hospiz Luise geprägt hat. Unter Coronabedingungen haben wir ihn verabschiedet. Mit Tränen, Gelächter und mit roten Clownnasen oder gar wundervollen Verkleidungen. Abschied gehört zu unserer Arbeit. Jemanden aus dem Team gehen zu lassen ist irgendwie nochmal anders. Leben ist Bewegung.

Hansjörg, ich hab dich von der ersten Sekunde so gemocht und bin froh, dass wir uns auch in Zukunft über den Dächern von Hannover oder woanders wiedersehen werden. Danke für alles und vorallem für deinen wunderbaren Text, den du mir geschickt hast.

Guten Tag,
mein Name ist Hansjörg Hartmann, ich bin Krankenpfleger von Beruf und habe als solcher fast 20 Jahre im Hospiz Luise meinen Dienst getan.
Am 30.06. dieses Jahres beendete ich mein Arbeitsverhältnis, nicht weil ich in den Ruhestand gehen muss/darf, sondern weil meine „Seele eine Pause braucht“.
Meine wundervollen KollegInnen verabschiedeten mich vergangenen Dienstag auf eine für mich sehr bewegende „Corona angepasste Weise“ im Hospizgarten. Viele waren als Clowns liebevoll verkleidet. Als ich von unserem Chef durch den Wintergarten in den Hospizgarten geführt wurde, erklang vom „Hospizchor“ das Lied „Viel Glück und viel Segen“. Anschließend überreichte mir jede/ jeder Anwesende eine Blume statt mich zu umarmen, was ja nun leider nicht ging. Und aus den einzelnen Blumen wurde ein schöner Blumenstrauß. Zum Abschluß gab es dann noch Kartoffelsalat und Würstchen mit angemessenem Abstand. Über die liebevoll verpackten Geschenke freue mich jeden Tag neu, da ich nun einen „Sommer-Adventskalender“ habe.
Ja und dann fragte mich Nicole, ob sie einen Beitrag zu meinem Abschied in diesen Blog schreiben dürfte. Da dachte ich, das versuche ich doch mal selber.
Nun, meine Seele braucht eine Pause. Ich habe in diesen vielen Jahren so intensive Gefühle gelebt und begleitet. Wir haben gelacht, geweint, und Aus-Gehalten in stillem Dasein.                                                               
Ich erinnere mich aber auch an größere Aktionen. Zum Beispiel an eine Frau, die gerne nochmal in ihr Haus wollte, um sich zu verabschieden. Auf Grund ihrer Schwäche und der damit verbundenen Atemnot war dieser Ausflug mit viel Vorbereitung verbunden, aber auch möglich. Wir fuhren mit einem Transporter, in den die Patientin in einem Rollstuhl über eine Rampe geschoben werden konnte, in ihren Wohnort. Der Schwager übernahm das Fahren, mobiles Sauerstoffgerät und Notfallmedikamente waren natürlich mit dabei. Als wir an dem Haus ankamen wurde von den Nachbarn ein Gartenfest gestaltet. Trotz des Abschiedes war dieser Tag für die Patientin etwas sehr besonderes und sie war sehr dankbar.
Oder auch die Vorbereitungen für Begleitungen in ein Konzert oder in den Zoo. All diese kleinen und großen Begebenheiten sowie der Zusammenhalt und die kollegiale Unterstützung haben mir immer wieder die Kraft gegeben, mich dem Thema Tod und Sterben so lange auf sehr intensive Art und Weise zu stellen.In den letzten Jahren spürte ich, dass ich immer trauriger wurde. Ich forschte nach den Gründen, wollte aber auf keinen Fall wahr haben, daß die eigentlich für mich so „schön empfundene“ Aufgabe im Hospiz etwas damit zu tun haben könnte. Ich dachte, wenn ich ein Kraft gebendes Außen und einen guten Ausgleich hinbekomme, kann ich diese Arbeit bis zur Rente machen.

Nun, da ich eine berufliche Alternative gefunden habe, die sehr viel weniger mit dem Thema Tod zu tun hat und die mich aber ähnlich zufrieden macht, wird mir immer bewusster, daß die Beschäftigung im Hospiz für mich doch einen größeren Einfluss auf mein Gemüt hatte als ich es wahr haben wollte.

Ich bin sehr sehr dankbar für die Zeit im Hospiz Luise und nehme ganz viel für mein weiteres Leben mit. Ich wünsche meinen KollegInnen und allen anderen, die mit dem Thema Tod, Sterben und Trauer zu tun haben, dass sie gut auf sich achten und den Spagat zwischen Nähe und Distanz weiterhin gut hinbekommen.Zum Schluß noch ein Text von Claudia Klein, den mir eine ehrenamtliche Mitarbeiterin zum Abschied geschrieben hat:

Schau nach vorn,
und schau ins Licht,
vertrau darauf,
so verlierst du nie die Übersicht.
Es wird kommenwas dein Herz begehrt,
nehm es an und sei gespannt wie es sich vermehrt.

Mit diesen, wie ich finde hoffnungsvollen Worten sage ich Tschüß und alles Gute!
Hansjörg Hartmann

Bettenwechsel

Vor kurzem habe ich vor Student*innen einen Vortrag über die Hospizarbeit gehalten. Trotz der späten Stunde waren diese jungen Menschen sehr interessiert an unserer Arbeit. Dabei habe ich auch die neuen Zahlen aus 2019 vorgetragen. Statistiken. Wie viele Menschen, wie alt, die durchschnittliche Verweildauer im Haus.
Machen wir uns nichts vor. Hospize sind auch wirtschaftlichen Faktoren unterlegen. Unsere Betten müssen belegt sein. Nicht nur aus ethischen Gründen, weil da draußen Menschen auf einen ersehnten Platz warten. Auch, damit wir beispielweise weiter unseren hohen Personalschlüssel halten können. Jetzt muss ich also die rosa Farbe einmal wegwischen.

Wenn ein Mensch bei uns stirbt, dann folgt eine Reihe von Ritualen. Die sind für die Angehörigen, Mitpatienten und Mitarbeitenden wichtig. Wird ein verstorbener Patient dann nach der Aufbahrung und Abschiednahme vom Bestatter überführt, hat unser Aufnahmemanagment im Hintergrund schon alles in Bewegung gesetzt, um einem neuen Patienten die Möglichkeit zu geben bei uns einzuziehen.
Ich selber habe schon solche Anrufe getätig. Das machen wir manchmal am Wochenende. Wenn abzusehen ist, dass ein Mensch sterben wird. Bis Montag zu warten würde bedeuten, dass ein Bett vielleicht tagelang leer steht. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass wir herzlose Maschinen sind. Eher bricht so manches Herz an diesem Zyklus. Wird für manche von uns der Dienst eher zur Last, als zur Erfüllung. Jeden Tag sterben. Jeden Tag Tränen. Jeden Tag lachen.
Da muss jeder tatsächlich gut bei sich sein. Sterben im Leben kann auch bedeuten, dass Kolleg*innen andere Wege einschlagen. Sich bewusst gegen das Hospiz entscheiden. Weil das Sterben zu viel Leben einnimmt.

Wo aber konnte ich bisher soviel über das Leben lernen, wie an diesem Ort? Nirgendwo. Mein Blick hat sich geschult. Ich versuche gelassener mit Dingen umzugehen. Manchmal gelingt mir das natürlich nicht, dann ärgere ich mich über andere Menschen und lasse mir meine Energie klauen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

Im Hospiz müssen wir uns eingestehen, dass der Tod oft zum falschen Zeitpunkt kommt. Wir erleben einen Bruchtteil der Trauer von Angehörigen und gehen dann weiter, um ein neues Leben bis zum Sterben zu begleiten. Während ich das schreibe finde ich, das klingt nicht so leicht. Ist es auch nicht immer. Aber wir sind da, weil wir das aus irgendeinem Grund gut können.

Wenn ich also nächste Woche zum Dienst gehe, dann werde ich zwei Zimmertüren öffnen, in denen mir andere Augen entgegenblicken werden. Beim Frühstück wird nicht mehr die Angehörige sitzen, die einige Wochen bei uns verbracht hat. Mutter und Tochter werden nicht mehr gemeinsam im Bett liegen und liebevoll schweigen. Dennoch freue ich mich auch auf die Dienste. Mit meinen Kolleg*innen, dem besonderen Geist, der durch unser Haus weht und bin dankbar, dass wieder einige Familien die Möglichkeit hatten, in diesem Umfeld ihren Abschied zu gestalten.

Bleibt behütet,

herzlich Nici

Abschied

Wir verabschieden uns dauernd in unserem Leben. Abschied von Kindesbeinen an. Schnuller, Windeln, winkend an der Kindergartentür, von Freundinnen und Freunden auf dem Weg in unterschiedliche Schulen, vom vermeintlichen Traumprinzen oder der Traumprinzessin oder nur der Traumfigur, vom Arbeitsplatz, von Kolleg*innen, von Menschen die wir begleitet haben, von der Jugend, dem Alter, der Sehkraft, Lastern…eine unendlich zu führende Liste. Irgendwie schaffen wir das. Wir lernen im Laufe unserer Sozialisation, dass Abschied zum Leben gehört.
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Im Hospiz nehmen wir durchschnittlich alle 21 Tage Abschied. Von einem Patienten oder einer Patientin, von der Familie, den Freunden, den Kolleg*innen und allen, die wir während des Aufenthaltes kennengelernt haben. Das klingt schwer. Ich finde das ist es manchmal auch. Aber eben nur manchmal. Diese Aufgabe Menschen am Lebensende zu begleiten habe ich schon vor 25 Jahren gut gekonnt. Als junge Krankenschwester. Da wusste ich noch nicht, wohin es mich verschlägt. Da war die Chirurgie und handwerkliches Tun mein Favorit. Ein Vierteljahrhundert später blicke ich auf unfassbar viele Begegnungen, Erlebnisse und auch Abschiede zurück. Beruflich und privat.

Gerade gestern haben wir nach der Übergabe über eine Trauerfeier gesprochen, auf der ich war. Manchmal schaffen wir das. Zur Trauerfeier gehen. Diese Termine werden immer sehr kurzfristig bekannt gegeben, das plant ja keiner. Unser Dienstplan ist immer 2 Monate im Voraus geschrieben, unser Privatleben strickt sich um die Wechseldienste wie eine warme Socke. Das ist unser Auftankzeit, Kraftquelle. Denn eine anstehende Trauerfeier bedeutet auch, es ist schon wieder ein neuer Patient von der Warteliste eingezogen. Übergänge.
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Deshalb sind uns unsere eigenen Rituale und Abschiede im Haus auch immer sehr wichtig. Die große Kerze in der Kapelle anzünden, ins Abschiedsbuch schreiben, eine letzte Waschung, schminken, rasieren, frisieren und das Zimmer entsprechend gestalten. Manchmal liegen dann auf dem Bett noch Utensilien des Lebens, die der Verstorbene so geschätzt hat. Immer ist es individuell. Immer gibt es für Zugehörige das Angebot sich lange und ausgiebig in unseren Räumen zu verabschieden. Wir warten auch manchmal auf eingeflogene Enkelkinder oder den Bruder aus dem Süden. Auf jeder Dienstbesprechung verlesen wir zu Beginn die Namen der Verstorbenen. Gedenken Ihrer. Oft reden wir auch Monate oder Jahre später noch von besonderen Situationen: „Weißt du noch, Frau Soundso aus Zimmer 3?“
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Eine Trauerfeier wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Eine Patientin mit schon erwachsenen Kindern und Enkeln. Eine liebevolle und enge Begleitung durften wir erleben. Irgendwie war immer jemand da, es wurde gemeinsam im Zimmer gelacht, geweint, geschwiegen und gelebt. Das war auch für mich eine besondere Begleitung und so passte es dann auch mit der Trauerfeier. Ich hatte Nachtdienst und habe ein paar Stunden im Dachgeschoss des Hospizes geschlafen und wurde dann von einer Kollegin abgeholt. Eine große Kirche, eine innige Trauerfeier. Was mich aber am allermeisten berührt hat, war der Trauerzug zum Friedhof. Vom Stephanstift auf den Friedhof. Mitten im Freitagmittagverkehr. Über die große Kreuzung. Alles stand still. Wir zogen in einem großen Pulk durch die stehenden Autos, Busse und Straßenbahnen. Den Tod ins Leben geholt. Eines der Enkelkinder und ich waren uns sehr einig: „So cool, und das alles für die Oma.“
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Abschied bedeutet auch Neuanfang. Für die Hinterbliebenen. Das Leben nimmt einen anderen Weg. Es geht irgendwie immer weiter, wenn man verinnerlicht, dass Abschied zum Leben gehört. Auf der oben erwähnten Trauerfeier habe ich ein Gespräch mit einer Freundin gehabt. Ich habe gesagt,: „Weißt du, wir sind jetzt in einem Alter wo wir immer wieder Abschied nehmen müssen. Jeder Abschied hinterlässt etwas in meinem Herzen. Es ist als ob es dadurch größer wird. Darauf muss man aufpassen, dass man nicht jedesmal ein Stück von sich selbst mit begräbt, sondern einen kleinen Farbklecks in die Erinnerung einschließt.“
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Zum Abschluss möchte ich noch unseren tierischen Neuzugang erwähnen. Als ich im neuen Jahr zum Frühdienst kam hat mich dort Inga begrüßt. Der Welpe einer Kollegin. Die dritte Nachtwache sozusagen. Das kleine Fellknäuel hat natürlich alle unsere Herzen im Sturm erobert und ist noch herrlich unerzogen. Willkommen im Team sage ich da!

Den nächsten Blogeintrag hat meine Kollegin Manuela Mehrtens geschrieben, ich freue mich sehr, dass es mir langsam gelingt auch die Kolleg*innen zu aktivieren.

Bis dahin,

herzlich Eure Nici

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Bilder: pixabay und ich