Tue Gutes – Teil 4

Alle Kraft, die wir fortgeben, kommt erfahren und verwandelt wieder über uns.
Rainer Maria Rilke

Der Sommer ist da und ich kann schon wieder von guten Taten berichten.
Ich habe mich sehr gefreut, dass gleich zwei kleine Schweine wieder den Weg ins Hospiz gefunden haben.

Ein kleines Schweinchen hat 65,21 Euro für uns gesammelt und durfte eine zeitlang bei Katrin Kokemüller in ihrem Friseurgeschät Kokis Coiffeur wohnen. Vielen Dank dafür!

Ein zweites Schwein hat bei Nicole Lang in der Haarschneyderey gewohnt, wo gleich alle Mitarbeitenden auf ihr Trinkgeld verzichtet haben, Kunden spendeten und der Betrag am Ende von Uwe Lang noch großzügig aufgefrundet wurde, so dass wir 400 Euro erhalten haben. Vielen Dank auch dafür!

Dann war da noch meine Kollegin Walburga Schnock-Störmer vom Leuchtturm e. V., die mir bei einem Besuch in Ihrem schönen Garten von der Aktion #wekickcorona erzählt hat. Unser Antrag war schnell und unkompliziert geschrieben und so haben wir unglaubliche 4000 Euro für die Beschaffung von Schutzkitteln erhalten. Wow!

Dazu kam noch meine Idee, Schutzkittelpatenschaften zu vergeben. Das hat sehr schnell jemand aufgeschnappt und schon hatten wir nochmal 1500 Euro für Schutzmaterialien! Die Spender*innen möchten gerne anonym bleiben, dennoch wollte ich das hier gerne erwähnen! Auch wenn Corona augenscheinlich an vielen Orten vorbei ist, sind wir im Hospiz auf die Materialien händeringend angewiesen und mehr als dankbar für die finanziellen Zuschüsse! Das habe ich allerdings in meiner Arbeitszeit organisiert, deshalb zähle ich das fairerweise nicht mit.

Ebenso unser Sommer (food) to go. Die Idee stammte von meiner Kollegin Manuela Gabbert Funke und mir und wir haben dank wundervoller Unterstüzung einiger Ladies Circle (LC 27, LC 127 und der TC 27), Janet Nesmedin, unseren Haupt- und Ehrenamtlichen ein großartiges Ergebnis von 2292,20 erzielt! Ein dickes Danke auch an meinen Chef, der sofort einverstanden war und Monika Ingelmann für das schöne Plakat im Vorfeld.

Mein Ziel ist also quasi schon erreicht, aber ihr wisst, die große Benefizversteigerung von Minileinwänden steht noch bevor. Das wird wunderbar, also bleibt dran! Ich bleibe es auch.

Jetzt verschwimmt mein Blog an manchen Stellen mit meiner neuen Stelle im Hospiz, aber ich glaube es ist egal, woher und in welcher Form die Unterstützung unser Hospiz erreicht. Es ist einfach wundervoll, dass so viele Menschen mit Herz an unserer Seite sind und ich bin so glücklich, dass meine neue Spendensumme sich nunmehr auf :
27.342,48 Euro beläuft (ohne Sommerfood und die anonyme Spende).

Mit viel Dankbarkeit im Herz,

Eure Nici

close up of tree against sky
Photo by Pixabay on Pexels.com

Fotos: Benush Martinez und ich 😊

Livestream mit Matthias Brodowy geht immer in diesen Zeiten

Eigentlich fallen momentan alle unsere geplanten Veranstaltungen aus. Alternativ könnt ihr euch aber kostenfrei den Livestream mit Matthias Brodowy ansehen. Unterstützt und umgesetzt von Grünes Zimmer und H1 Fernsehen.

https://www.youtube.com/watch?v=NssJfRWyo_0

Passt auf euch auf!

Herzlich

Eure Nici

 

Tanken

In den letzten Tagen  war ich unterwegs. Ein Weihnachtsgeschenk für meinen Mann bestimmte den ersten Tag. Wir waren im Pfefferbergtheater in Berlin und ich habe das erste Mal Katharina Thalbach und Sandra Quadflieg live erleben dürfen. Wer von Euch mal zwei Stunden abtauchen möchte und den Briefen zweier Frauen lauschen, der sollte das Hörspiel „Im Vertrauen“ hören. So wunderschön, bewegend und mit feinem Humor und dabei tiefsinnig und mit Geschichte gespickt. Absolut empfehlenswert.IMG_20200122_073725_343

Am Tag danach stand ein Interview beim Trauerradio von Eva Terhorst auf dem Programm. Ich durfte über meine Hospizarbeit erzählen, über meine Projekte, den Blog und auch den Bundesverband Trauerbegleitung. Das war ziemlich neu und aufregend für mich. Nachhören könnt ihr das Interview hier. Es war toll Eva mal persönlich kennezulernen, bisher kannte ich nur ihre Bücher. Was für ein Multitalent lebt dort in Berlin.


Auf dem Rückweg zum Hotel bin ich dann auch noch bei lebensnah Bestattungen vorbeigerauscht – Eric Wrede war zwar nicht da, aber seine beiden Herzdamen haben mich wunderbar empfangen und es war toll, auch mal das Team zu sehen.

Tag 3 war dann der eigentliche Grund meiner Reise. Der 4. Tag der Opferhilfe in Berlin. Für den Vorstand des Bundesverband Trauerbegleitungwar ich mit meiner Kollegin Eva Kersting-Rader dort. Was für eine beeindruckende Veranstaltung und wie viele Menschen waren dort, die sich in den unterschiedlichsten Bereichen einsetzen. Dann einsetzen, wenn es zu Gewalt kommt, zu terroristischen Anschlägen, oder die bei Verkehrsunfällen einen kühlen Kopf bewahren. Es lohnt sich auf der Website in dieses Thema einzutauchen!

Dann wieder im Hospiz. Öffentlichkeitsarbeit für das Hospiz. Meine neue zusätzliche Aufgabe. Veranstaltungen bearbeiten, Rücksprache mit dem Chef halten, Ideen entwickeln, Mails schreiben. Wenn ich dann durch das Haus gehe sehe ich die Kolleg*innen im Haus rumhuschen, im Dienstzimmer telefonieren. Irgendwo lacht jemand. Die Kerze brennt. Ich schaue auf dem Plan, wer verstorben ist. Halte inne, atme durch.
Bevor ich dann Mittags gehe habe ich noch ein Gespräch mit einer Angehörigen, die ich treffe. Kurzer Bericht für mich, wie es ihrem Mann geht. Nochmal die Tasche abstellen, mit in das Zimmer gehen. Besuch ist da. Tränen fließen, wie reden, wir lachen. Ich verabschiede mich still. Das mache ich immer. Ich bin nicht immer da. Das ist mein Ritual.
Soviel zu hören aus den unterschiedlichsten Bereichen. Das bereichert mich.
Soviel Leben, soviele Krafttankstellen auf meinem Weg. Die wünsche ich euch auch – man muss ja nicht immer volltanken, aber vergessen darf man es auch nicht. Hört mal in euch, was euch gut tut und dann einfach machen. Nur Mut!

Herzlich Eure Nici
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Foto Timm von Borstel & Nici

Frühdienst

Um diese Jahreszeit ist es noch dunkel, wenn um 6:30 Uhr der Frühdienst beginnt. Manchmal komme ich zum Dienst und gehe als erstes die Stufen zu unserem Flur rauf und schaue ob die Kerze in der Kapelle brennt. Die zünden wir immer an, wenn ein Mensch in unserem Haus verstorben ist.

Heute ist die Kerze aus, und ich stiefel wieder runter in den Umkleideraum. Wir tragen bunte Oberteile. T-Shirts, Blusen oder bunte Kasaks. Wie Farbkleckse auf einer Staffelei sind auch wir sehr verschieden, nicht nur bei der Auswahl unserer Lieblingsfarben. Heute habe ich mit zwei Kolleginnen Dienst. Morgens versuchen wir immer zu dritt zu sein, der Spät- und Nachtdienst arbeitet zu zweit. Oft werden wir durch ehrenamtlich Mitarbeitende ergänzt, die uns bei den Mahlzeiten, beim Empfang von Besucher*innen und anderen Tätigkeiten im Ablauf unterstützen. An schweren Tagen gibt mir das immer eine Leichtigkeit, weil es ein Geschenk ist noch jemanden im Hintergrund zu wissen, der helfen kann.

Unsere Kapelle

Übergabe Nummer 1. Wie war der Tag gestern, wie war die Nacht. Wer ist noch zu Gast im Haus, gibt es spezielle Aufträge oder Wünsche an den Frühdienst. Wir arbeiten sehr individuell, teilen ein wer welchen Patienten an diesem Vormittag betreut. Vorzugsweise bleiben wir bei denen die wir schon kennen. Vertrauen ist wichtig. Die Patienten kommen oft mit einer hohen Symptomlast zu uns, haben teilweise viel erlebt und durchgemacht und müssen an dieser letzten Station ankommen. Jeder in seinem Tempo, von uns Schritt für Schritt begleitet. Mal vor und mal zurück.

Ich betreue drei Patienten an diesem Vormittag. Das klingt wenig. Betrachtet man aber die pflegerischen und psychosozialen Anforderungen von sterbenden Menschen und ihren Zugehörigen, dann kann es manchmal sogar sein, dass ich bis zur Mittagsübergabe gar nicht alles geschafft habe, was ich mir mit den Patienten vornehme.

Die Strukturen bei uns sind fein geknüpft und haben einen Rahmen, der auch Ausnahmen zulässt und sehr flexibel ist. Alle Mitarbeitenden, vom Ehrenamtlichen bis zur Hauswirtschaft, erhalten eine Übergabe, werden beim Stehtisch informiert oder finden Wichtiges im Infobuch vermerkt. So kann jeder seinen Vormittag zwar individuell gestalten, und dennoch finden wir immer wieder im Herz des Hauses, unserem Wintergarten, zusammen.

Unser Wintergarten


Meine Patienten können nicht mehr alle an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen, eine Frau ist sterbend. Der Ehemann ist im Haus. Ihretwegen habe ich direkt geschaut ob die Kerze brennt. Ich begegne ihrem Ehemann im Treppenhaus, ein stiller Blick. Er wartet, wir warten. Aushalten ist ein großes Thema.
Im Zimmer ist eine schöne Stimmung. Eine Duftlampe verbreitet einen angenehmen Geruch. Zwei Betten nebeneinander, in einem liegt meine Patientin. Hier kann ich heute nur in kleinen Schritten pflegen. Eine Ganzwaschung, wäre viel zu belastend.

Bei den anderen beiden gilt es Schmerzen zu stillen, nonverbal zu kommunizieren und auch andere Stimmungen und Gerüche zu erleben. Jedes Zimmer ist einzigartig, so wie die Menschen, die jetzt darin leben.
Ich pendel zwischen meinen Patienten und wasche, kleide an, verteile Medikamente, führe Gespräche, bereite das Frühstück, scherze, dokumentiere, telefoniere, mache Verbände, berate mich mit meinen Kolleg*innen und sitze mit Patienten, Zugehörigen, unserem Hausmeister und dem Mittagsdienst um Punkt 12 Uhr im Wintergarten zum gemeinsamen Mittagessen. Das gelingt mir nicht immer, aber heute gibt es Eier in Senfsauce und in mir regen sich Kindheitserinnerungen. Wie auch bei den Gästen am Tisch. Für mich ist das immer ein Ort zum Kraftschöpfen.

Nach dem Essen noch eine Runde durch alle Zimmer. Lagerung, Teilwaschung, ein Dinkelkissen -was immer gerade nötig ist und dann kommt um 13:30 Uhr schon die nächste Schicht. Die gemeinsame Übergabe wird begleitet von Kaffeeduft, Keksen und dem Austausch zwischen uns. Wer hat vielleicht eine gute Idee für Zimmer 4, damit der Verband dort gut hält, was für Schmerzen sind das eigentlich in der 8, vielleicht helfen da gar keine Medikamente, sondern es braucht andere Unterstützung. Dann noch die Frage, wer in den nächsten zwei Wochen unsere Frühstückseier besorgt, da die „Eierbeauftragte“ im Urlaub ist. Dann umziehen und meinen rituellen Weg um das Haus zu meinem Auto gehen. Schweres dalassen, abschalten. Das gelingt nicht immer, denn als ich später mit meinem Hund unterwegs bin, frage ich mich, ob die Kerze morgen früh wohl brennt….

Meine Arbeit ist teilweise bestimmt durch viele Vorgaben, Routinen und Abläufe. Dennoch habe ich noch nie eine so individuelle, überraschende, erfüllende und berührende Tätigkeit ausgeführt, wie in der Luise. Auch wenn ich nur eine Teilzeit-Luise bin, bestimmt diese Arbeit in vielfacher Hinsicht mein Leben positiv.

Herzlich und bis bald
Eure Nici

Fotos: Hospiz Luise und ich