Ein Tag im Ambulanten PalliativDienst (APD)

Ein Text von Kerstin Patzner-Koch

Manchmal beginnt mein Tag schon mit einem Glücksmoment am Bahnhof Wunstorf – so sieht es gerade zwischen den Gleisen aus – von wo ich an den meisten Arbeitstagen starte. Ich fahre mit Bus oder Fahrrad, Zug, Straßenbahn und wieder Bus, um nach einer guten Stunde im Hospiz Luise anzukommen. Die Rückfahrt dauert meist etwas länger, weil die Verbindungen nicht so gut aufeinander abgestimmt sind. Ich empfinde diese Fahrten nicht sooo lang, da ich gern lese und die Zeit schnell vergeht und auch, weil ich gern zu meiner Arbeit fahre – nicht, dass ich nicht gern frei habe, aber wenn ich schon arbeiten muss, dann dort…

Dort ist zunächst das Hospiz Luise, wo sich auch die Büros des Ambulanten Palliativ Dienstes befinden. Dort treffe ich meine lieben Kolleg:innen, die Koordinatorin des AHD, den Hospizleiter, die Verwaltungsfachangestellte, den Hausmeister, die Hauswirtschafter:innen und Mitarbeiter:innen aus dem stationären Hospiz. Punkt 8.00 Uhr gibt es eine kurze „Stehtischrunde“, in der von der aktuellen Situation im Hospiz berichtet wird und die wichtigsten Vorhaben des Tages angekündigt werden. So weiß jedes kleine Team, was das andere plant und kann sich ggfs. darauf einstellen, damit wir alle als großes Team funktionieren. Nach dieser kurzen Runde gehen dann alle wieder an ihre Arbeitsplätze. Manchmal wird die Routine noch unterbrochen und zwar immer dann, wenn jemand aus dem Team Geburtstag hat. Meist sind die „Jubilare“ im Frei und bekommen dann einen mehrstimmig gesungenen Kanon am Telefon geschenkt – das ist wirklich eine große Freude und ein schöner Geburts-Tagesanfang.

Im APD wird nun der Anrufbeantworter abgehört und wir erfahren, ob unsere Kolleg:innen (vom APHD und dem Palliativdienst Diakovere) in der Rufbereitschaft für unsere Patient:innen tätig werden mussten. Inzwischen hat garantiert auch schon das Telefon geklingelt oder wir rufen in Arztpraxen oder bei Pflegediensten an. Dann braucht es meist Rezepte oder Verordnungen oder die Bitte um einen Hausbesuch beim Patienten, dem es bei unserer Verlaufsabfrage schlechter ging.

Unser Team trifft sich dann 9.00 Uhr – mit Kaffee – zur täglichen Morgenrunde. Hier besprechen wir unsere Tagespläne und teilen die Anfragen vom Vortag untereinander auf. Diese Anfragen kommen von ganz unterschiedlichen Absendern – so fragen Hausärzt:innen oder Onkolog:innen, Sozialdienste der Krankenhäuser, Pflegedienste, Hospizdienste und auch Patient:innen selbst oder deren Zugehörige bei uns an. Sie bitten um Beratung und Begleitung in einer schwierigen Situation, die meist durch eine fortschreitende, lebensbedrohliche Erkrankung ausgelöst wird.                                  
In der Morgenrunde werden außerdem auch Veränderungen im Krankheitsverlauf unserer PatientInnen besprochen und immer ist auch Raum für das, was uns besonders berührt oder belastet – manches muss geteilt werden und hat nicht immer Zeit bis zur nächsten Supervision.

Wieder an meinem Schreibtisch zeigt mir mein Kalender dann, was ich für heute geplant habe: ich muss mehrere Verlaufstelefonate führen und bei den Patient:innen nachfragen, ob z. Bsp. die Änderung der Medikation den gewünschten Erfolg gebracht hat. Es gelingt zum Glück sehr oft, die auftretenden Symptome auch in der Häuslichkeit gut einzustellen. Dafür müssen Patient:innen und Zugehörige mehrmals telefonisch befragt, Kontakt zu den Hausärzt:innen gehalten, sowie Verlaufsbesuche durchgeführt werden. Oft holen wir uns Rat bei Dr. Edzard Schröter, der als Schmerztherapeut und Palliativmediziner zu unserem Team gehört und an 2 Tagen in der Woche hier im Haus ist. Ihm stellen wir wöchentlich alle neuen Patient:innen vor und er macht, wenn nötig, bei ihnen Hausbesuche oder berät die behandelnden Ärzt:innen. Es gibt uns große Sicherheit, ihn auch jederzeit telefonisch kontaktieren zu können.                                                                                                                                  
Wer stellt die Rezepte aus, wenn auch ein Facharzt involviert ist? Wer holt sie aus der Praxis? Wer verabreicht sie richtig, wenn die Patient:innen es nicht mehr selbst können? Werden noch Hilfsmittel benötigt? Gibt es einen Pflegegrad? Und ist auch alles von der Krankenkasse genehmigt…? Dies sind nur einige der Fragen, die es im Laufe einer Begleitung zu klären gilt.                                                      
Gelingt eine Symptomeinstellung nicht oder nur unbefriedigend, versuchen wir – natürlich nur mit dem Einverständnis der Patient:innen – sie auf einer der Palliativstationen unterzubringen. Dort können Medikation und unterstützende Therapien bestmöglich angepasst und aufeinander abgestimmt werden. Meist gelingt es, die Symptomlast zu lindern und die Patient:innen können stabilisiert wieder entlassen werden. Wir werden von den Kolleg:innen dieser Stationen ausführlich informiert, können Patient:innen und Zugehörige zu Hause weiter unterstützen und hoffen gemeinsam mit ihnen, dass die nächste Krise lange auf sich warten läßt…

Neben den Telefonaten steht für heute noch ein Erstbesuch in meinem Kalender. In der Morgenrunde habe ich gehört, dass eine Kollegin nach Uetze fährt und eine nach Barsinghausen – ich muss nur nach Misburg, also nicht so weit wie die anderen. Die 4. Kollegin hat erst am Nachmittag einen Hausbesuch und so freue ich mich, dass mein „Lieblingdienstsauto“ frei ist.                                                 
Bevor ich mich auf den Weg mache, bitte ich in der Hausarztpraxis um einen Arztbericht oder Entlassungsbrief des letzten Krankenhausaufenthaltes. Damit kann ich mir ein Bild über den bisherigen Krankheitsverlauf machen und fühle mich ein wenig informiert – denn ansonsten weiß ich ja nichts von den Patient:innen und deren Umfeld.                                                                                                  
Im Auto mache ich mir dann Gedanken, was mich im Zuhause eines fremden Menschen erwarten könnte. Für viele ist es ein Riesenschritt, einen Palliativdienst zu kontaktieren und erst recht, ihn ins geschützte Heim zu lassen – „wenn ich erst einen Palliativdienst brauche, dann sterbe ich bald…“      
Ja, das stimmt manchmal, aber eben nicht immer!    
                                                                                   

Oft öffnen spürbar angespannte Angehörige die Tür, muss ein Hund schnuppern, wer denn da wieder kommt, will eine Katze auf den Schoß oder ein Kind meine Aufmerksamkeit. Manchmal sind die Häuser so groß, dass die Sitzgelegenheiten sehr weit auseinanderstehen – ideal in Corona-Zeiten – und manchmal ist kein Stuhl frei, weil in engen Räumen alles voll steht. Manchmal werden Patient:innen nur von einem Betreuer unterstützt oder von der einzigen Tochter, die im Ausland lebt und gerade ihren Urlaub opfert. Oder es ist eine Großfamilie da, ein helfender Freundeskreis, eine aufmerksame Nachbarschaft… und teilt sich die Versorgung. Dazwischen gibt es noch viele andere Konstellationen… Aber egal, wer sie sind, wo sie herkommen und hinwollen, sie alle haben die gleichen Ängste und Unsicherheiten. Die Sorgen, wie es weitergehen könne und wie so viel Lebensqualität wie möglich erhalten werden kann. Viele denken auch, dass ich sie, weil der APD zum Hospiz Luise gehört, direkt dort unterzubringen gedenke und sind dann schon wesentlich entspannter, wenn sie merken, dass dies gar nicht mein Anliegen ist.                                                         

Bei den Erstbesuchen erstellen wir eine Anamnese und fragen die bestehende Symptomlast ab. Dies ist so etwas wie der rote Faden des Erstgespräches, auf den wir immer wieder zurückkommen können, wenn die Gespräche zu weit abschweifen. Denn es besteht bei den Patient:innen und vor allem vielen Zugehörigen oft ein enormer Gesprächsbedarf. Vieles scheint regelrecht aufgestaut und bricht sich Bahn, wenn endlich mal jemand Zeit hat und zuhört. Nicht immer können Partner:innen oder Familienangehörige die sie jeweils belastenden Dinge voreinander aussprechen und wollen damit meist den anderen schützen. Wir sind dann oft eine Art Mediator:in. Dadurch, dass wir ehrlich über mögliche Krankheitsverläufe usw. sprechen, kommen die Betroffenen häufig erst miteinander ins Gespräch und können manches klären. Dann fällt oft spürbar eine große Last und gibt uns, trotz der Schwere des Themas, ein gutes Gefühl.                                                                                                            

Unter anderem geht es bei den Erstbesuchen auch darum, alles zu organisieren, was eventuell gebraucht wird, damit die Versorgung der Patient:innen zu Hause gut gelingen kann. Dabei ist es uns wichtig, dessen Wünsche zu berücksichtigen und manchmal Kompromisse zu finden, die die Pflegenden entlasten, den Kranken aber nicht zusätzlich belasten – ein Pflegebett im Wohnzimmer ist eben ein sehr sichtbarer Eingriff in das vertraute Leben, wenn die Krankheit nicht gezeigt werden soll…                                                                                                                                                                        

Oft benötigen die Zugehörigen vermehrt Zuspruch oder auch Zeit für sich und wir vermitteln dann Kontakt zum Ambulanten Hospizdienst des Hospiz Luise. Wenn Ehrenamtliche mit ihrem „Zeitgeschenk“ beim Patienten sind, können sich Zugehörige eine Auszeit gönnen.                             
Manchmal reicht zunächst der Kontakt zum APD und die Sicherheit unserer 24 stündigen Rufbereitschaft. So unterschiedlich wie die Patient:innen und deren Umfeld sind, sind die Erstbesuche und Aufgaben, die sich daraus ergeben.

Wieder im Büro gebe ich alle Daten des Patienten in „PalliDOC“ ein, damit die Kolleg:innen in der Rufbereitschaft und die uns dabei unterstützenden Palliativmediziner:innen darauf zurückgreifen können. Im Laufe der Begleitungen werden alle Informationen und Veränderungen dokumentiert und möglichst immer auf den neuesten Stand gebracht, was auch einen wichtigen Teil unserer Arbeit im Büro ausmacht.  Von hier aus organisiere ich auch eventuell nötige und gewünschte Pflegehilfsmittel, kontaktiere Arztpraxen, Pflegedienste, Krankenkassen …
Zwischendurch gibt es immer wieder Anrufe von bereits aufgenommenen Patient:innen oder deren Zugehörigen, fragen Hausärzt:innen nach Kapazität für eine dringende Begleitung, lehnen Krankenkassen die SAPV ab, weil ein X an der falschen Stelle gemacht wurde, soll ein Patient aus dem Krankenhaus entlassen werden…

Zwischendurch laufen Kolleg:innen aus dem Hospiz am Büro vorbei und sagen freundlich „Hallo“.
Zwischendurch machen wir Mittagspause im Vinzenz-Krankenhaus mit seiner hauseigenen Küche und leckeren Menu-Auswahl.
Zwischendurch fragt eine von uns, ob die anderen auch ein Käffchen wollen und irgendwie gibt es dazu immer eine kleine Süßigkeit im „Notfallfach“.
Zwischendurch stellt wer Kuchen für alle hin, weil sie/er Geburtstag hatte oder Langeweile oder zu viel Obst oder uns eine Freude machen will…

So setzen sich die Glücksmomente vom Morgen in meinem Arbeitstag fort und ich begebe mich meist zufrieden auf den Heimweg.                                                                                                                      

Ja, unsere Patient:innen sterben im Verlauf der Begleitung und das ist traurig. Dennoch können wir oft dazu beitragen, dass sie zu Hause sterben können, weil ihre Zugehörigen sich die Versorgung mit unserer Hilfe und der vieler anderer zutrauen. Einige unserer Patient:innen verbringen ihre letzte Lebenszeit auch im Hospiz Luise und wir begegnen ihnen und ihren Zugehörigen dort. Dann ist meist eine große Dankbarkeit spürbar, weil ihnen dieser geschützte Rahmen des Hospizes viele Unsicherheiten oder Ängste nimmt.       

Das ist jetzt viel Text – aber so vielfältig kann ein Arbeitstag sein… Ich freue mich, hier und mit all den wunderbaren Menschen im Hospiz Luise zu arbeiten und alle auch in 25 Jahren noch beim Sommerfest wiederzusehen 😊                 

Kerstin  

P.S. Der Ambulante PalliativDienst des Hospiz Luise sucht zum 01. September Verstärkung! Zum Stellenangebot geht es hier …                     

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             

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