Niemals geht man so ganz

Mein lieber Kollege Hansjörg hat uns Ende Juni verlassen. Wir haben uns in den letzten Monaten den Schrank geteilt -beide in Teilzeit tätig war uns das genug. Jetzt hängt da nur noch mein Schild. Von Hansjörg habe ich soviel gelernt, zu ihm aufgesehen. Ein Mensch, der seine Stärken und Schwächen kennt, zerbrechlich und liebevoll die Arbeit im Hospiz Luise geprägt hat. Unter Coronabedingungen haben wir ihn verabschiedet. Mit Tränen, Gelächter und mit roten Clownnasen oder gar wundervollen Verkleidungen. Abschied gehört zu unserer Arbeit. Jemanden aus dem Team gehen zu lassen ist irgendwie nochmal anders. Leben ist Bewegung.

Hansjörg, ich hab dich von der ersten Sekunde so gemocht und bin froh, dass wir uns auch in Zukunft über den Dächern von Hannover oder woanders wiedersehen werden. Danke für alles und vorallem für deinen wunderbaren Text, den du mir geschickt hast.

Guten Tag,
mein Name ist Hansjörg Hartmann, ich bin Krankenpfleger von Beruf und habe als solcher fast 20 Jahre im Hospiz Luise meinen Dienst getan.
Am 30.06. dieses Jahres beendete ich mein Arbeitsverhältnis, nicht weil ich in den Ruhestand gehen muss/darf, sondern weil meine „Seele eine Pause braucht“.
Meine wundervollen KollegInnen verabschiedeten mich vergangenen Dienstag auf eine für mich sehr bewegende „Corona angepasste Weise“ im Hospizgarten. Viele waren als Clowns liebevoll verkleidet. Als ich von unserem Chef durch den Wintergarten in den Hospizgarten geführt wurde, erklang vom „Hospizchor“ das Lied „Viel Glück und viel Segen“. Anschließend überreichte mir jede/ jeder Anwesende eine Blume statt mich zu umarmen, was ja nun leider nicht ging. Und aus den einzelnen Blumen wurde ein schöner Blumenstrauß. Zum Abschluß gab es dann noch Kartoffelsalat und Würstchen mit angemessenem Abstand. Über die liebevoll verpackten Geschenke freue mich jeden Tag neu, da ich nun einen „Sommer-Adventskalender“ habe.
Ja und dann fragte mich Nicole, ob sie einen Beitrag zu meinem Abschied in diesen Blog schreiben dürfte. Da dachte ich, das versuche ich doch mal selber.
Nun, meine Seele braucht eine Pause. Ich habe in diesen vielen Jahren so intensive Gefühle gelebt und begleitet. Wir haben gelacht, geweint, und Aus-Gehalten in stillem Dasein.                                                               
Ich erinnere mich aber auch an größere Aktionen. Zum Beispiel an eine Frau, die gerne nochmal in ihr Haus wollte, um sich zu verabschieden. Auf Grund ihrer Schwäche und der damit verbundenen Atemnot war dieser Ausflug mit viel Vorbereitung verbunden, aber auch möglich. Wir fuhren mit einem Transporter, in den die Patientin in einem Rollstuhl über eine Rampe geschoben werden konnte, in ihren Wohnort. Der Schwager übernahm das Fahren, mobiles Sauerstoffgerät und Notfallmedikamente waren natürlich mit dabei. Als wir an dem Haus ankamen wurde von den Nachbarn ein Gartenfest gestaltet. Trotz des Abschiedes war dieser Tag für die Patientin etwas sehr besonderes und sie war sehr dankbar.
Oder auch die Vorbereitungen für Begleitungen in ein Konzert oder in den Zoo. All diese kleinen und großen Begebenheiten sowie der Zusammenhalt und die kollegiale Unterstützung haben mir immer wieder die Kraft gegeben, mich dem Thema Tod und Sterben so lange auf sehr intensive Art und Weise zu stellen.In den letzten Jahren spürte ich, dass ich immer trauriger wurde. Ich forschte nach den Gründen, wollte aber auf keinen Fall wahr haben, daß die eigentlich für mich so „schön empfundene“ Aufgabe im Hospiz etwas damit zu tun haben könnte. Ich dachte, wenn ich ein Kraft gebendes Außen und einen guten Ausgleich hinbekomme, kann ich diese Arbeit bis zur Rente machen.

Nun, da ich eine berufliche Alternative gefunden habe, die sehr viel weniger mit dem Thema Tod zu tun hat und die mich aber ähnlich zufrieden macht, wird mir immer bewusster, daß die Beschäftigung im Hospiz für mich doch einen größeren Einfluss auf mein Gemüt hatte als ich es wahr haben wollte.

Ich bin sehr sehr dankbar für die Zeit im Hospiz Luise und nehme ganz viel für mein weiteres Leben mit. Ich wünsche meinen KollegInnen und allen anderen, die mit dem Thema Tod, Sterben und Trauer zu tun haben, dass sie gut auf sich achten und den Spagat zwischen Nähe und Distanz weiterhin gut hinbekommen.Zum Schluß noch ein Text von Claudia Klein, den mir eine ehrenamtliche Mitarbeiterin zum Abschied geschrieben hat:

Schau nach vorn,
und schau ins Licht,
vertrau darauf,
so verlierst du nie die Übersicht.
Es wird kommenwas dein Herz begehrt,
nehm es an und sei gespannt wie es sich vermehrt.

Mit diesen, wie ich finde hoffnungsvollen Worten sage ich Tschüß und alles Gute!
Hansjörg Hartmann

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