Gewohnheiten

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Aufstehen, Badezimmer, Treppe runter, Kaffeemaschine anmachen, Hund in den Garten lassen, Zeitung holen, Hund füttern, Kaffee Karin zubereiten …
Wir alle haben unsere Gewohnheiten. Liebgewonnene Rituale, manche über Jahrzehnte eingebrannt. Mit dem Alter und veränderten Lebenssituationen verändern sich diese kleine Inseln. Dann entern die Kinder unsere Zeitfenster und bevor du Kaffeetrinken kannst wickelst du ein Baby. Oder im Urlaub. Da ist nochmal alles anders und du entdeckst vielleicht wundervolle Jugendrituale wieder und trinkst dort den Kaffee im Bett.

Am Ende eines jeden Lebens, welches durch Krankheit oder das Alter bevorsteht, sind Rituale auch wichtig. Gerade habe ich meine Schwiegermutter einige Zeit zu Hause betreut und gemerkt wie wichtig das ist. Festhalten am vertrauten Rhythmus, solange es nur irgendwie geht. Das macht die Menschen stark, gibt ihnen Kraft und Sicherheit. Deshalb wollen ja so viele Menschen zuhause bleiben. Weil der Gang in die Küche vertraut ist, die Gerüche und Farben die selbst gewählten sind. Erinnerungen im ganzen Wohnbereich sind. Weil dort gelebt, gestritten, geliebt, gelacht, gefeiert, getrauert, gestaunt und gewohnt wurde.

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Sein Zuhause zu verlassen bedeutet auch Gewohnheiten zurückzulassen. Manche können wir im Hospiz dennoch weiter ermöglichen. Kaffee vor dem Aufstehen im Bett, Zähneputzen nach jeder Mahlzeit, die Zeitung am Vormittag, Ölziehen nach dem Aufstehen, Duschen an bestimmten Tagen, Jeden Mittwoch ein Ei, Rückenmassage, Dinkelkissen vor dem Mittagsschlaf, nach dem Mittag in den Garten, drei Seiten vorlesen vor dem Schlafengehen, gemeinsam mit dem Partner am Sonntag Kaffeetrinken, Sonntags der Tatort….das alles x 8, denn soviele Betten haben wir. Oder wir finden neue Gewohnheiten. Manchmal sind es kleine Dinge, die unseren Patient*innen die Zeit so angenehm machen. Der Lieblingstee im Bett und dann findet vielleicht auch einen Teil der Grundpflege im Bett statt, das schont Ressourcen für den lieben Besuch am Vormittag. Dazu gehört Vertrauen, loslassen, abgeben.

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Eine Patientin sagte neulich zu mir: „Sterben ist nichts für Feiglinge“. Dabei hat sie gelächelt und akzeptiert, dass ich fortan die Strümpfe und Schuhe anziehe, weil es ihr nicht mehr möglich war. Das ist vielleicht die große Gabe, die viele Pflegende haben. Sie geben den Patient*innen nicht das Gefühl, dass es ihnen lästig ist zu unterstützen, sondern machen ihre Arbeit mit Freude und Respekt vor den Menschen.

Akzeptieren wir doch, dass wir nur eine gewisse Zeit hier auf der Erde zu Gast sind, pflegen unsere Gewohnheiten und Rituale und schenken dem, was wir so haben, ab und an einen liebevollen Moment der Achtsamkeit. Dann sind wir doch wie ein Gefäß, das sich füllt und von dem wir zehren können, wenn wir unsere Gewohnheiten irgendwann langsam abgeben müssen.

Bleibt behütet,

herzlich Nici

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