Bilder

Gestern kam ein Fotoalbum bei mir zuhause an. Die letzten Jahre im Zeitraffer. Ich habe es mit meiner Tochter angesehen, mein Mann hat sofort seine Brille gesucht und wir haben die Momente an uns vorbeifliegen lassen. Schöne Erinnerungen, ich habe bunt gelebt im letzten Jahrzehnt.
Das fällt mir auch immer wieder in meiner Arbeit auf. Unsere Patienten bringen ihre Biografie mit. Nicht nur in Erzählungen und Worten, sondern auch in Bildern. Die stehen in Rahmen auf dem Nachtschrank, hängen am Schrank oder füllen ganze Wände. Lachende Enkelkinder, Hochzeitfotos in alten Rahmen. Kalenderblätter und andere digitale Wunderwerke.

Ich weiß nicht, ob Sie sich das als Leserinnen und Leser vorstellen können. Manchmal sind die Menschen nur sehr kurz bei uns. Dennoch gibt es diese besonderen Momente, in denen wir Teil des Lebens werden, weil wir ein Stück davon erzählt bekommen. Tragische, komische, interessante, aufwühlende, belastende, hoffnungsvolle und erfüllende Geschichten.
Das beginnt auch mal, wenn wir über ein altes Bild sprechen, das da im Zimmer steht. Wann war das denn, wer ist das noch? Wo haben Sie da gelebt. Wenn wir unsere hospizliche Begleitung in einer Sanduhr des Lebens darstellen, dann sind wir da, bevor das letzte Sandkorn fällt. Zu sehen, was dann bleibt, was wichtig ist und vor allem wer, ist für mich sehr beeindruckend.

Keiner von uns weiß genau, wann wir gehen müssen. Keiner weiß, wer einem am Ende sehr nah kommt. Wir sind sehr viele Kolleg*innen und ich glaube, das macht es für unsere Patienten einfacher einen Menschen zu finden, mit dem sie vielleicht noch einmal etwas teilen möchten.
Das sind diese Sternmomente, wenn da eine tiefe Vertrautheit und Ruhe zwischen den Menschen und mir herrscht und sich vielleicht noch einmal etwas bewegt. Eine Situation werde ich niemals vergessen. Ein junger Vater hatte das Foto seiner Tochter an seinem Bett. Vor seinem Tod wollte er sie nicht mehr sehen, ihr die Belastung ersparen. Alles war gesagt.
Ich war gar nicht für ihn zuständig, aber als er klingelte, war ich dann doch in diesem Zimmer. Schon nach 1 Minute waren wir im Gespräch über die Situation. Wir sprachen darüber, dass seine Tochter diesen Schritt vielleicht in einigen Jahren bereut, vielleicht war doch nicht alles gesagt. Mein Vorschlag war, er solle noch einen Brief schreiben. Etwas, dass sie auch Jahre später immer wieder in die Hand nehmen könnte. Man spürt, wann es Zeit ist zu gehen und gesprochene Worte wirken zu lassen. Also ging ich. Ohne ein Ergebnis.
Kurze Zeit später kam meine Kollegin die Treppe runter, suchte im Dienstzimmer nach Briefbögen. Das war für Zimmer 8. Ein Brief wurde geschrieben. Ein Brief, der auch Jahre später in einer Schublade liegen würde, immer greifbar – darüber die Bilder. Bilder die Etappen eines Lebens zeigen. Welche Bilder würden da bei Euch stehen?

Herzlich,

Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich

3 Gedanken zu „Bilder

  1. Hallo Nicole, ich lese Deine Berichte immer mit großem Interesse. Wie Du es immer schaffst, dieses nicht leichte Thema, in einem Text zu schreiben, der einen nicht zu traurig aber nachdenklich stimmt, begeistert mich immer wieder. Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.

  2. Vielen Dank für deine liebevollen Texte 🙂 Vor allem die Szene mit dem jungen Vater und seiner Tochter hat mich sehr berührt. Ich kann mir vorstellen, dass sein Brief sie sehr lange begleiten wird.
    Viele Grüße,
    Birgit

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