Letzte Wünsche

Fotos: Hospiz Luise, Britta Krämer und ich

Was für ein besonderes Gefühl, sich um die Wunscherfüllung zu kümmern, den Wunsch zu realisieren und anschließend zu erfahren, wie glücklich der Gast und seine Familie waren. Da bekomme ich das Grinsen nicht aus meinem Gesicht. Und das, obwohl ich gar nicht dabei war!
Antje Doß, Hospizkoordinatorin ambulanter Hospiz und Palliativdienst Malteser
Projekt Herzenswunsch-Krankenwagen

Mit Antje Doß habe ich schon vor Jahren zusammengearbeitet und sie nie aus den Augen verloren. Jetzt melden wir uns öfter bei ihr oder ihrem Kollegen Christoph Mock. Dann brauchen wir den Wünschewagen, um schwerkranken Patienten einen letzten Wunsch zu erfüllen.
Vor kurzem hat das Team kurzfristig organisieren können, dass eine Patientin nochmal nach Hause konnte. Medizinisch betreut und begleitet von meiner Kollegin Anne und dem Team des Herzenswunsch Krankenwagen. Nochmal im eigen Bett liegen, den Duft der Wohnung, eines Lebens, wahrnehmen. Bilder im Regal anschauen, die ein Leben – oft ein viel zu kurzes – erzählen.
Aber auch zum Elton John Konzert ist der Wagen gefahren, zu einem Besuch auf die Pferdekoppel, oder zum Steinhuder Meer. Manchmal ist ein letzter Wunsch auch eine Ausstellung der eigenen Bilder bei uns.

Das geht uns unter die Haut. Meistens ist jemand von uns mit dabei. Da sehen wir Freude und Trauer. Es ist das letzte gemeinsame Konzert oder ein letzter Besuch zu Hause. Besondere Stunden, die nochmal voller Leben sind und Erinnerungen für die Zugehörigen schaffen, die zukünftig ihr Leben ohne den anderen gestalten. Neue Rituale finden, Raum für die Erinnerungen schaffen und weiterleben. Wir freuen uns über die Berichte der Kolleg*innen, schauen die Fotos an und lassen uns alles haargenau erzählen.
Manchmal werden Erinnerungen als Tatoo auf den Körper gebracht. Berührend für mich, die Geschichte einer Patientin, die sich erst bei uns tätowieren ließ. Dominik von Barrys Tattoo Twister hat einen Hausbesuch bei uns gemacht und die Initalien der Familie zieren jetzt den Unterarm der Patientin. Wie tröstend, dass es möglich war ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Die Stimmung im Zimmer war ähnlich wie in einer Bahnhofshalle, weil wir alle mal gucken wollten.

Oder wir fahren ins Fußballstadion, gehen nochmal die Lieblingsnudeln essen oder helfen ein Wochenende zuhause zu organisieren. Oder sind manchmal leider auch nicht schnell genug. Auch das passiert. Dann ist der Tod schneller.
Das zu erleben macht mich in meinem Leben achtsamer. Ich warte nicht lange, meine Wünsche zu erfüllen, Sätze zu sagen oder jemanden zu umarmen. Keiner von uns weiß ja, was uns vorbestimmt ist und ich finde es erstrebenswert mindestens 1x am Tag etwas Gutes zu tun, für andere und für mich.

Vorgestern hat mich jemand gefragt, wie ich diese Arbeit machen kann? Wie ich damit umgehe? Eigentlich ganz gut, ich habe ja noch eine andere Teilzeitstelle und kann meine Energie oftmals auftanken. Manchmal gelingt das auch nicht so gut und dann kann auch ich mich nicht so gut schützen. Oder wenn wir viele junge Patient*innen haben. Das ist schwer.
Einmal hatten wir einen Patienten, dem wir auch einen Wunsch erfüllen konnten. Clemens war sein Name. Mein Kollege Hans-Jörg und ich sind mit ihm ins Sealife gefahren. Mit der Bahn. Im Frühling. Daran denke ich oft, wenn ich mal traurig bin. Weil er so voll Lebensfreude alles aufgesaugt hat. Mit einer geistigen Einschränkung war er wie ein Kind und dabei so klug und weise. Definitv hat er mein Herz gestohlen, mich zum Lachen und Weinen gebracht.

Die Parole dieses Beitrages kann nur heißen: Geht raus und lebt, erfüllt euch kleine und große Wünsche, seid verrückt, liebt und streitet euch, habt Mut, sagt mal „nein“ und lacht und weint.
Unterstützt die, die euch brauchen. Überrascht die, die nicht mit euch rechnen. Umarmt Bäume und knuddelt die Katze oder auch mal die Verkäuferin  – warum denn auch nicht?
Danken möchte ich den Menschen, die uns dabei helfen letzte Wünsche zu erfüllen. Sie schenken uns Karten, ihre Plätze im Stadion oder unterstützen uns finanziell.
Gerade ganz tief berührt, bis nächste Woche,

herzlich
Eure Nici

P.S. Uns könnt ihr natürlich immer noch bei unseren Wünschen unterstützen und uns eine kleine Spende zukommen lassen. Von Herzen Dank dafür!

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Roncalli hat uns dieses Jahr Karten für einen Besuch geschenkt – unvergessliche Momente

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