Spätdienst

Der Dienst beginnt um 13:30 Uhr mit einer stillen Übergabe. 20min lesen meine Kollegin und ich uns durch die Dokumentation. Wir können aus den Aufzeichnungen erkennen ob unsere Patienten Schmerzen oder Übelkeit hatten, wir bekommen Auskunft darüber ob am Vormittag jemand geduscht hat, wo er gefrühstückt hat oder ob wichtiger Besuch da war. Zwischen den Zeilen können wir auch lesen, ob es ein ruhiger oder turbulenter Vormittag war.

Manchmal spürt man das schon nach dem Aufschließen der Tür. Dann liegt etwas in der Luft. Ist Anspannung zu spüren, so als ob die Emotionen kurz vor dem Überkochen sind. Dann liegen manchmal auch alle Patientenakten noch wild auf dem Tisch im Dienstzimmer, es klingelt, die Kolleg*innen vom Frühdienst sind alle in den Zimmern oder fliegen über die Flure.

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Heute ist es relativ still, wir nehmen das von unserer Ehrenamtlichen vorbereitete Kaffeetablett und unsere Lektüre mit nach oben, und teilen uns direkt ein, damit jeder erstmal nur 4 Akten durchblättert. Als Teilzeitkraft passiert es mir manchmal, dass ich lange nicht im stationären Bereich eingesetzt bin und auch die Diagnosen, das Familiensystem und den Verlauf zügig erfassen muss. Auch das ist heute anders, denn ich habe schon ein paar Tage Dienst. Bald kommen die Kolleg*innen dazu und wir hören uns eine Übergabe an, die sich auf wesentliche Punkte beschränkt. Wir fragen manchmal nach, wir atmen auch mal tief durch. Acht Patienten, acht Schicksale, achtmal Zugehörige. Da muss jeder für sich aufpassen, dass er bei sich bleibt und den Fokus nicht verliert. Begleitung am Lebensende ist nicht immer so verklärt, wie es in Filmen dargestellt wird. Begleitung am Lebensende ist auch nicht immer schwer. Manchmal auch gar nicht friedlich. Manchmal plötzlich und still.
Trotz einer durchschnittlichen Liegezeit von 21 Tagen haben wir manchmal alle zusammen noch eine richtig gute Zeit. Ein bisschen also wie im richtigen Leben. Auf und ab, mal links, mal rechts. Der eine mag es steinig, andere könnten über Scherben laufen und dem Dritten muss man jedes Mal behutsam aus dem selbst erschaffenen Labyrinth helfen.
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Um 14:30 Uhr sind wir nur noch zu zweit. Das Ehrenamt und der Frühdienst sind weg. Wir hangeln uns an den Routinen durch den Nachmittag, sehen nach unseren Patienten. Es gibt Kaffee und Kuchen im Wintergarten oder im Bett. Für die Terrasse ist es schon zu kalt, zu nass. Nur die rauchenden Patienten finden noch den Weg raus. Unsere Eichhörnchen im Garten können wir aber auch durch die großen Fensterfronten beobachten. Der Garten ist wunderschön angelegt, liebevoll gestaltet und gepflegt durch eine Ehrenamtliche und ihren Mann, was für ein wundervoller Einsatz.

Es ist manchmal anstrengend am Nachmittag. Die Küche versorgen wir mit, wenn kein Ehrenamt da ist. Müssen wir aber auch in den Zimmern Speisen anreichen, ist es schwieriger das Abendessen zu begleiten. Es braucht also eine gute Absprache, Geduld und Flexibilität. Wenn es ruhig scheint, dann gibt es auch manchmal Überraschungen.

Meine Patientin in Zimmer 1 wird bald sterben. Den ganzen Sommer war sie bei uns, eine lange Begleitung. Wir kommen gut klar, ich kann ihre klaren Anweisungen und die irgendwie liebevoll, schroffe Art gut aushalten. Angst vor dem Ende ist bei ihr ein großes Thema. Atemnot. Wer wird wohl bei ihr sein. Angehörige gibt es nur wenige, keine Kinder. Wir bereiten uns mit ihr darauf vor, reden, zeigen Möglichkeiten auf und versuchen ruhig zu bleiben, wenn sie am unruhigsten ist. Keiner hat eine Glaskugel und kann voraussehen was kommt.

Auf ihrem Balkon stehen Geranien. Ich bin eine bekennende Geranienhasserin. Im Schutz des Balkons sind sie vor dem ersten Frost verschon geblieben. Da ich sehr ehrlich bin erzähle ich ihr im Gespräch, dass ich diese Blumen eigentlich grauenhaft finde, aber die mit den pinken Blüten gefällt mir doch irgendwie. Die einzig mögliche Konsequenz war das Erbe dieser Geranie. Verunsichert frage ich, wie ich das Ding über den Winter kriegen soll. „Schwester Nicole, ich will das die beim nächsten Sommerfest vor meinem Balkon steht. Das ist dann, als ob ich dabei bin. Fragen Sie Ihre Mutter, wenn Sie keine Ahnung haben!“ Dieses Erbe habe ich angetreten.
Eine Erinnerung an einen Spätdienst, der schon zurückliegt. Ja, ich habe einen Winter lang geschwitzt und gehofft. Am Ende hat dieses Pflänzchen mich nicht enttäuscht und hat geblüht. Diese Patientin werde ich niemals vergessen können. Das ist auch ein Teil der Arbeit. Erinnerungen weben sich in unsere Köpfe, manchem von uns auch ins Herz. Das ist nicht immer leicht.
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Heute mache ich bestimmt 10.000 Schritte. In Zimmer 7 klingelt es im Minutentakt, die Patientin hat viele Wünsche. Die wenigsten kann ich erfüllen. Meine anderen Patienten kommen etwas zu kurz, Geduld ist gefordert und einmal bitte ich meine Kollegin zur Klingel zu gehen. Ich brauche eine Pause. Es wird heute später, meine Dokumentation schreibe ich nach der Übergabe fertig, alles was liegengeblieben ist wird der Nachtdienst richten. Irgendwann wird auch die Patientin in der 7 schlafen, jemand anders dafür in der Nacht wach liegen.

Die Nachtluft ist klar. Ich atme tief durch. Mein Kopf brummt, ich habe nicht eingetragen, dass der Patient in der 3 morgen Lymphdrainage bekommt. Ich rufe aus dem Auto nochmal an. Dann ist Stille in meinem Auto, in meinem Kopf. Feierabend für heute.

Bis bald

herzlich Nici

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Fotos: Mandy Grune, Pixabay und ich

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