Frühdienst

Um diese Jahreszeit ist es noch dunkel, wenn um 6:30 Uhr der Frühdienst beginnt. Manchmal komme ich zum Dienst und gehe als erstes die Stufen zu unserem Flur rauf und schaue ob die Kerze in der Kapelle brennt. Die zünden wir immer an, wenn ein Mensch in unserem Haus verstorben ist.

Heute ist die Kerze aus, und ich stiefel wieder runter in den Umkleideraum. Wir tragen bunte Oberteile. T-Shirts, Blusen oder bunte Kasaks. Wie Farbkleckse auf einer Staffelei sind auch wir sehr verschieden, nicht nur bei der Auswahl unserer Lieblingsfarben. Heute habe ich mit zwei Kolleginnen Dienst. Morgens versuchen wir immer zu dritt zu sein, der Spät- und Nachtdienst arbeitet zu zweit. Oft werden wir durch ehrenamtlich Mitarbeitende ergänzt, die uns bei den Mahlzeiten, beim Empfang von Besucher*innen und anderen Tätigkeiten im Ablauf unterstützen. An schweren Tagen gibt mir das immer eine Leichtigkeit, weil es ein Geschenk ist noch jemanden im Hintergrund zu wissen, der helfen kann.

Unsere Kapelle

Übergabe Nummer 1. Wie war der Tag gestern, wie war die Nacht. Wer ist noch zu Gast im Haus, gibt es spezielle Aufträge oder Wünsche an den Frühdienst. Wir arbeiten sehr individuell, teilen ein wer welchen Patienten an diesem Vormittag betreut. Vorzugsweise bleiben wir bei denen die wir schon kennen. Vertrauen ist wichtig. Die Patienten kommen oft mit einer hohen Symptomlast zu uns, haben teilweise viel erlebt und durchgemacht und müssen an dieser letzten Station ankommen. Jeder in seinem Tempo, von uns Schritt für Schritt begleitet. Mal vor und mal zurück.

Ich betreue drei Patienten an diesem Vormittag. Das klingt wenig. Betrachtet man aber die pflegerischen und psychosozialen Anforderungen von sterbenden Menschen und ihren Zugehörigen, dann kann es manchmal sogar sein, dass ich bis zur Mittagsübergabe gar nicht alles geschafft habe, was ich mir mit den Patienten vornehme.

Die Strukturen bei uns sind fein geknüpft und haben einen Rahmen, der auch Ausnahmen zulässt und sehr flexibel ist. Alle Mitarbeitenden, vom Ehrenamtlichen bis zur Hauswirtschaft, erhalten eine Übergabe, werden beim Stehtisch informiert oder finden Wichtiges im Infobuch vermerkt. So kann jeder seinen Vormittag zwar individuell gestalten, und dennoch finden wir immer wieder im Herz des Hauses, unserem Wintergarten, zusammen.

Unser Wintergarten


Meine Patienten können nicht mehr alle an gemeinsamen Mahlzeiten teilnehmen, eine Frau ist sterbend. Der Ehemann ist im Haus. Ihretwegen habe ich direkt geschaut ob die Kerze brennt. Ich begegne ihrem Ehemann im Treppenhaus, ein stiller Blick. Er wartet, wir warten. Aushalten ist ein großes Thema.
Im Zimmer ist eine schöne Stimmung. Eine Duftlampe verbreitet einen angenehmen Geruch. Zwei Betten nebeneinander, in einem liegt meine Patientin. Hier kann ich heute nur in kleinen Schritten pflegen. Eine Ganzwaschung, wäre viel zu belastend.

Bei den anderen beiden gilt es Schmerzen zu stillen, nonverbal zu kommunizieren und auch andere Stimmungen und Gerüche zu erleben. Jedes Zimmer ist einzigartig, so wie die Menschen, die jetzt darin leben.
Ich pendel zwischen meinen Patienten und wasche, kleide an, verteile Medikamente, führe Gespräche, bereite das Frühstück, scherze, dokumentiere, telefoniere, mache Verbände, berate mich mit meinen Kolleg*innen und sitze mit Patienten, Zugehörigen, unserem Hausmeister und dem Mittagsdienst um Punkt 12 Uhr im Wintergarten zum gemeinsamen Mittagessen. Das gelingt mir nicht immer, aber heute gibt es Eier in Senfsauce und in mir regen sich Kindheitserinnerungen. Wie auch bei den Gästen am Tisch. Für mich ist das immer ein Ort zum Kraftschöpfen.

Nach dem Essen noch eine Runde durch alle Zimmer. Lagerung, Teilwaschung, ein Dinkelkissen -was immer gerade nötig ist und dann kommt um 13:30 Uhr schon die nächste Schicht. Die gemeinsame Übergabe wird begleitet von Kaffeeduft, Keksen und dem Austausch zwischen uns. Wer hat vielleicht eine gute Idee für Zimmer 4, damit der Verband dort gut hält, was für Schmerzen sind das eigentlich in der 8, vielleicht helfen da gar keine Medikamente, sondern es braucht andere Unterstützung. Dann noch die Frage, wer in den nächsten zwei Wochen unsere Frühstückseier besorgt, da die „Eierbeauftragte“ im Urlaub ist. Dann umziehen und meinen rituellen Weg um das Haus zu meinem Auto gehen. Schweres dalassen, abschalten. Das gelingt nicht immer, denn als ich später mit meinem Hund unterwegs bin, frage ich mich, ob die Kerze morgen früh wohl brennt….

Meine Arbeit ist teilweise bestimmt durch viele Vorgaben, Routinen und Abläufe. Dennoch habe ich noch nie eine so individuelle, überraschende, erfüllende und berührende Tätigkeit ausgeführt, wie in der Luise. Auch wenn ich nur eine Teilzeit-Luise bin, bestimmt diese Arbeit in vielfacher Hinsicht mein Leben positiv.

Herzlich und bis bald
Eure Nici

Fotos: Hospiz Luise und ich

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