Benefizaktion: Minileinwände für das Hospiz

Gesamterlös der Auktion: 38.142,62 Euro! Ich bin glückselig und sage erstmal nur

DANKE


Eine kleine Auswahl von etwas mehr als als 100 Kunstwerken in 10x10cm, die jetzt alle ein neues Zuhause bekommen.

Seit fünf Jahren arbeite ich im Hospiz Luise in Hannover. Als Krankenschwester in Teilzeit. Jetzt wird unser Hospiz 25 Jahre alt und ist damit das älteste Hospiz seiner Art in Niedersachsen. Deshalb werde ich ehrenamtlich einen Blog schreiben. Über das Leben und das Sterben, über unsere Arbeit und bestimmt auch mal über die Trauer. Dabei versuche ich möglichst viele Spenden für unsere Arbeit zu sammeln.
Ich freu mich drauf in der Zeit vom 01. November 2019 bis zum 31. Oktober 2020 für euch zu bloggen!

Bettkantengespräche

Es gibt ein Foto aus meiner Kindheit, da sitzt meine Mutter erschöpft auf der Bettkante und meine drei Geschwister und ich sind neben ihr, auf dem Schoß oder zuppeln ihr am Bein. An dieses Foto denke ich manchmal, wenn ich im Hospiz arbeite und Menschen, die am Ende ihrer Kräfte sind sitzen möchten. Auf der Bettkante. Bereit zum Aufstehen.
Wie oft sitzen wir auf der Bettkante. Was sind die letzten oder ersten Handlungen, die wir dort ausführen? Hörgeräte rein und raus. Uhr ablegen. Ein Gebet sprechen. Tablette nehmen. Aus dem Fenster blicken. Hund streicheln. Füsse eincremen…da gibt es einige Möglichkeiten.

Manchmal ist diese Position auch eine, in der Patienten sich gerne anlehnen. Wenn wir zur Grundpflege unsere Schutzkittel anhaben, dann setzt man sich doch auch gerne dazu (Das liest unsere Hygienebeauftragte sicher gerne, liebe Grüße Susanne). Meine Schultern sind breit. Dann atmen wir einfach mal zusammen. Seufzen. Viele Fragen zum Ende des Lebens bleiben auch in diesen Momenten unbeantwortet. Es gibt nicht auf alles eine Antwort. Dafür Nähe und Trost.

In meiner ersten Nachtwache im Hospiz saß ich neben einer sterbenden Patientin. Sie wollte partout nicht liegen. Anne und ich haben ihr ein Nest gebaut. Ich kann nicht beschreiben, was das für ein Moment war, aber es war so absolut friedlich und stimmig.
Corona macht uns das nicht leicht. Wir tragen Masken, lüften. Dokumentieren. Desinfizieren. Waschen die Hände….Halten Abstand wo möglich und schenken Nähe, wo nötig.

Manchmal sitzen Mutter und Kind auf der Bettkante und sprechen. Was noch gesagt werden muss. Was noch gesagt werden kann. Was noch gesagt werden soll. Komme ich dann zufällig ins Zimmer, dann schleiche ich mich oft wieder raus. Möchte diese Momente nicht stören.

Bettkantengespräche. Gestern hatte ich witzigerweise eines mit meinem Mann. Momentan dreht sich bei mir alles um die Versteigerung und er erledigt neben seinem Job im Homeoffice alles, was er im Haushalt noch so schaffen kann. Steht früher auf, um mit dem Hund zu gehen, damit ich vor dem Galeriedienst noch diesen Eintrag schreiben kann. Dafür habe ich ihm gedankt. Auf der Bettkante. Das hat gut getan und mich zu diesem Beitrag inspiriert.

Heute bin ich zum letzten Mal in der Galerie. Bevor ihr heute abend ins Bett geht und auf der Bettkante sitzt und es dann noch vor 22 Uhr ist, könnt ihr noch ein Gebot abgeben. Die sollten jetzt allerdings höher ausfallen, als die angegebenen Werte – oder ihr spendet einen Beitrag über das Herzsymbol. Ich freue mich über jeden Beitrag. Ich danke allen, die uns schon unterstützt haben. Auch heute abend auf meiner Bettkante.

Herzlich Eure Nici

Überraschungen

5 Tage habe ich schon in der Galerie CC in der Königsstraße verbracht. 5 Jahre als Mitarbeiterin im Hospiz Luise. Ich mache mit der Benefizausstellung nicht nur auf 112 Unikate (inzwischen sind es 115, aber dazu später mehr) aufmerksam, sondern auch auf die wichtige Hospizarbeit.


Es gibt Tage, da denke ich, ich habe alles gesehen. Nichts kann mich mehr überraschen. Dann werde ich meistens eines Besseren belehrt. Nehmen wir doch mal Patientin Meyer-Müller-Schulze, die zu uns kommt und wir alle sehen – es wird nicht mehr lange dauern, dann wird sie sterben. Vom ersten Moment kommt die Zeit in der sich die Patient*innen, Angehörige und wir im System einschwingen und aufeinander einstimmen. Wir haben oft wenig Zeit dafür.
Stellt euch vor, ihr kommt nach langer Krankheit, viel Aufregung und Umwegen zu uns. Da wird erstmal durchgeatmet und viele können es gar nicht fassen, dass jetzt andere Aufgaben übernehmen und dann tatsächlich nochmal Leben möglich ist. So auch bei dieser Patientin. Überraschenderweise lassen sich die Kinder beide von der Arbeit freistellen und ziehen quasi bei uns ein. Der Ehemann komplettiert dieses 3-Schicht-System und wir sind dazwischen, wann immer wir gebraucht werden. Medikamente werden umgestellt, abgesetzt und ehrfürchtig warten wir auf den Tod. Der kam in diesem Fall aber nicht und die Patientin hat sich erholt und ist wieder ausgezogen. Einige Monate später ist sie zuhause verstorben. Hatte einfach noch Zeit geschenkt bekommen. Das hat mich überrascht. Ich lasse mich gerne überraschen. Dazu muss man ja auch irgendwie innerlich bereit sein.

Eine Überraschung ist es für mich gerade wie offen viele Gäste in der Galerie mit mir sprechen. Die nicht wissen, wofür wir wohl so viele Spenden brauchen. Ich sehe ja nur die Augenbrauen und die werden regelmäßig hochgezogen, wenn ich erwähne, dass wir jeden Tag pro Patient 5% der Behandlungskosten selber zahlen müssen. 365 Tage im Jahr. Jahr für Jahr. Oder die mir von sich erzählen. Das sie bald heiraten, oder wie Ihnen die Zeit jetzt zusetzt. Welche Stadt barrierefrei ist, welche Verbindung sie zur Galerie oder zu unserem Hospiz haben. Das ist Leben.

Dann sind da noch meine Spätmaler*innen. Da wurde ich auch angenehm überrascht!.Die könnt ihr vor Ort ersteigern oder mir eine Mail schreiben. (25jahrehospizluise@gmx.de) Oberbürgermeister Belit Onay, Maria Groß von der Bachstelze in Erfurt, Sven Cordes von Cordes Bestattungen und eines von Fynn Kliemann!

Überhaupt ist es toll, wenn ihr weiter mitsteigert oder einfach eine Kleinigkeit spendet. Wir wollen weiter ganzheitlich Familien wie die von Frau Meyer-Müller-Schulze betreuen. Auf guten Matratzen, mit Blumen im Zimmer, mit wunderbaren Ölen für Einreibungen, mit Mitarbeitenden die Fortbildungen gezahlt kriegen, Musiktherapie soll es geben und all die Dinge, die das Leben im Sterben erleichtern, und überraschenderweise manchmal auch noch richtig gut werden lassen.

Sagt es weiter, macht mit und unterstützt das Hospiz Luise in Hannover.
https://bidaid.com/auction/luise oder auch Paypal: spenden@hospiz-luise.de

Kommt noch bis Donnerstag in die Galerie CC, Königsstraße 8, Hannover. Ich bin immer von 11 bis 18 Uhr für euch da!

Herzlich Eure Nici

Finale

Seit März beschäftige ich mit Minileinwänden. Eigenwillig wie ich bin, schreibe ich sie auch wie ich will. Ohne Bindestrich. Irgendwie haben das alle ausgehalten.
Am Ende eines Projektes angekommen. Aber es ist ja noch nicht das Ende. Denn ab sofort könnt ihr Teil des Projektes werden. Unterstützt unsere Arbeit, wenn es euch möglich ist. Bietet auf Eure Favorit*innen.

Hier geht es zur Auktion

Bevor ich diesen Beitrag angefangen habe, habe ich noch Sachen ausgedruckt, meinem Chef eine Liste geschrieben, immer noch keine Ahnung was ich morgen anziehe, mein Abendessen aufgegessen, damit es nicht regnet. Nachrichten gelesen, mein Handykabel verlegt und die Zeit rennt davon…ach, und die Kataloge sind auch nicht rechtzeitig angekommen. Dafür habe ich jetzt einen QR-Code von Sabrina Behm bekommen. Es ist wie vor jedem großen Event. Was soll ich sagen. Ich freue mich und kann nicht glauben, dass ich schon wieder so etwas Großes und wundervolles tun durfte.

7 Monate habe ich mich mit diesem Projekt beschäftigt, meine Traurigkeit über den Ausfall von allen anderen Veranstaltungen ist darüber verflogen. Das verdanke ich allen Teilnehmer*innen und dem Vertrauensvorschuss von Kurt, meinem Chef und seinen Vorgesetzten. Alle haben darauf vertraut, dass es schon gut gehen wird.

Ich danke allen, die mich unterstützt haben. Ich danke allen, die jetzt mitbieten. Bietet nicht nur auf die Promis. Bietet auch auf die kleinen und feinen Bilder, die in 10×10 cm so einzigartig sind, oder auf die tollen Events.
Macht mit und rettet dieses verrückte Jahr für uns – es ist der Abschluss meines Blogs.
Danke an meine Kolleg*innen im Hospiz, weil ihr wundervoll seid. Für euch hab ich das in erster Linie gemacht,

herzlich
Nici

Trauercafé

Das Hospiz Luise lädt jeden 1. Sonntag im Monat Menschen zum Trauercafé in den ka:punkt mitten in Hannovers Innenstadt ein. Durch Corona war dieses Angebot eingeschränkt. Jetzt sind unser haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden wieder für Sie da!

Amely Schönthaler ist seit Anfang des Jahres die Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienst Luise und schreibt:

Seit Februar dieses  Jahres habe ich als neue Koordinatorin im Ambulanten Hospizdienst Luise mein neues berufliches Zuhause gefunden.  Der ambulante Hospizdienst Luise besteht bereits seit 2015.

In unserem Dienst engagieren sich zurzeit 25 Ehrenamtliche, sie übernehmen die psychosoziale Begleitung von schwer kranken und sterbenden Menschen und ihren Zugehörigen. Wir begleiten Menschen in ihrer Häuslichkeit, darunter viele,  die auch von unserem Ambulanten Palliativdienst  betreut werden, aber auch Menschen in Pflegeheimen und in Krankenhäusern. Unsere Ehrenamtlichen nehmen alle an einem Befähigungskurs teil, seit Februar 2020 bereiten wir 12 weitere Ehrenamtliche in einem neuen Kurs auf ihre Aufgabe vor.

Der Ambulante Hospizdienst Luise organisiert gemeinsam mit dem stationären Hospiz und dem ambulanten Paliativdienst auch das Trauercafé im ka:punkt. Von März bis August mussten wir wegen der Coronapandemie eine Zwangspause einlegen. Seit September findet das Trauercafé nun (fast) wie gewohnt wieder statt.

Auch Anne Wögns aus dem stationären Team habe ich gebeten ein paar Zeilen zu schreiben. Dafür danke ich ihr sehr und freue mich, dass morgen wieder die ersten Gäste in der Grupenstraße 8 von 15:30 Uhr bis 17:30 Uhr unser Angebot wahrnehmen können und die Möglichkeit zum Gespräch und Austausch in ihrer Trauer erfahren.

Anne aus dem stationären Team schreibt:
Bei uns gehört zur Trauerbegleitung da Trauercafé. Es ein Angebot für Angehörige, die um ihre Partner*innen; Kinder, Eltern, Geschwister oder Freunde trauern.

Sie kommen zu uns weil…
-sie sich allein gelassen fühlen
-sie sich nicht verstanden fühlen
-sie darüber reden möchten, wie es ihnen geht
-sie sich darüber austauschen möchten, wie andere mit dieser Situation zurechtkomen
Den trauernden Menschen hilft es, wenn Fremde zuhören. Wenn sie in diesem geschützten Rahmen ihre Trauer zulassen können.

Jeder hat seine persönliche Art mit seiner Trauer umzugehen, da gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“…alles darf sein.
Es ist jeder trauernde Gast Willkommen, eine Anmeldung ist nicht nötig.

Vielleicht gibt es ja mal einen Sonntag, an dem Sie bei Kaffee und Kuchen zu Gast sein möchten.
Termine in 2020:
04.10.2020
01.11.2020
06.12.2020

Herzlich,
Eure Nici

Pause

Gerade habe ich die Daten für die stille Auktion an Sabrina Behm übertragen. 111 mal Fotos besorgen (naja, es fehlen noch so 3-5), 111 mal eine kurze Vita schreiben. Falls ich sie vorher nicht bekommen habe muss ich entscheiden, was wichtig ist. Wir sind uns einig, da kann ich eigentlich nur verlieren. Oder meine Leinwandspender*innen sind milde mit mir, wir werden sehen. Jedenfalls habe ich mich sehr angestrengt. Jetzt brauche ich eine Pause für mein wirres Hirn.

Das ist ja so eine Sache. Wir glauben oft zu wissen, was für andere gut ist oder wie man etwas richtig macht. Welche Jacke ist die Richtige für das Kind, wie die Frau vor einem an der Kasse abnehmen könnte, wie Rosen wirklich geschnitten werden oder auch tiefergehende Entscheidungen, welche Therapie denn jetzt angesagt ist.
Ist das so? Ich glaube manchmal ist ja auch der Wunsch, der Vater des Gedanken (oder die Mutter). Wenn bei uns im Hospiz ein Patient Schmerzen hat, dann bieten wir alles an, was wir aufwarten können. Neben Medikamenten sind das auch Einreibungen, Dinkelkissen, Lagerungsmittel, aus dem Bett in den Stuhl, links oder rechtsrum liegen, Zeit schenken, zuhören, oder einfach mal nur halten. Aushalten. Das möchten auch einige. Einige Angehörige möchten das auch manchmal. Oder umgekehrt. Manchmal brauchen die Menschen auch eine Pause. Sterben ist anstrengend für alle.

Das ist das Dilemma mit dem Sterben. Wir wollen das Leid des anderen gelindert sehen, aber die Nebenwirkungen hätten wir nicht gern. Nicht müde werden, noch alles sagen. Gemeinsame Zeit ist doch so kostbar. Herzzerreißende Momente sind das. Wir könne die Zeit nicht anhalten.
Die Sterbenden wollen manchmal ganz bewusst keine Schmerzmedikamente. Oder manchmal schwingen wir alle nebeneinander im System und es gibt eine Lösung die alle in dem Moment einigermaßen gut finden. Wird ein Patient müde von den Schmerzmitteln, dann kann doch auch die Familie mal durchatmen. Pause.
Es ist wirklich so besonders wie eine Schwangerschaft. Die eine werdende Mutter nimmt alles mit, was der Markt hergibt und die andere wählt einen anderen Weg. Auch die Geburten sind individuell. Selbst da gibt es manchal die Notwendigkeit einer Pause, um wieder zu Kräften zu kommen.

Für mich ist es in der Arbeit wichtig den Patient*innen und Zugehörigen zwar meine Erfahrungen wiederzugeben, aber Entscheidungen müssen auch selbst getroffen werden. In unserem Leben treffen wir doch oft mal eine Wahl, die wir vielleicht bereuen. Im Sterben kann das auch passieren. „Hätten wir vorher gewusst, wie gut das tut…“ höre ich oft, wenn ich mal jemanden spazieren gehen schicke, oder ein Gesprächsangebot genutzt wurde oder doch die Schmerzdosis erhöht. Wenn wir mit voller Aufmerksamkeit da sein wollen, müssen wir uns dafür auch mal abwenden von unserem Plan. Glaube ich zumindest.

Es ist an der Zeit mutig zu sein. Es ist Zeit nicht alles auf die letzten paar Wochen zu schieben. Heute ist der Tag um Unangenehmes aus dem Leben zu entfernen, oder einen Weg zu finden damit zu leben. Das Leben an die Hand zu nehmen und kleine Momente zu lieben. Nicht immer das große Wunder.
Ich werde jetzt jedenfalls mein Hirn ausmachen und eine schöne Pause machen,

herzlich Eure Nici

Pflege

Vor gut 25 Jahren habe ich in der Krankenpflegeausbildung in Bremen waschen gelernt. An Mitschüler*innen haben wir geübt, wie wir anregend und beruhigend waschen. Zusätze für das Wasser ausprobiert und die Königsklasse versucht. Dem Menschen der dort gelegen hat das Gefühl zu geben, es ist alles gut. Deine Intimsphäre wird gewahrt. Ich behandel dich mit Respekt und Würde. Du bist nicht in einer Waschstraße. Deine Bedürfnisse werden gesehen. Da hatte ich Glück, dass ich so wunderbare Lehrer*innen hatte. Schon vor einem Vierteljahrhundert war ihnen das wichtig. Mir ist das heute noch wichtig, wenn ich pflege.

Im Hospiz ist die pflegerische und psychosoziale Betreuung eine unserer Aufgaben. Die Patient*innen sind unterschiedlich selbständig und benötigen irgendwann immer unsere Hilfe. Bevor ich persönlich einen Menschen das erste Mal pflegerisch betreue, stelle ich mich gedanklich gerne einen Schritt neben mich. Das schärft meine Sicht und hilft mir meinem Gegenüber besser zu begegnen. Der Handlung eine Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit zu geben. Sicherheit auszustrahlen. Vertrauen zu schaffen. Scham und Ängsten zu begegnen.
Da könnt ihr euch natürlich fragen, ob das bei so etwas banalem, wie der Grundpflege nötig ist. Da würde ich mal vorschlagen, dass ihr euch in die Situation begebt.
Stellt euch mal vor ihr seid von jetzt auf gleich auf Unterstützung angewiesen. Ein anderer, fremder Mensch kommt in euer Zimmer geschneit und nimmt euch die Grundpflege ab. Berührt euch. Kommt euch nah. Riecht euch, ihr riecht ihn/sie auch. Hilft euch auf den Toilettenstuhl, beim Füße waschen und der Intimpflege.


Keiner von uns möchte das. Verständlich. Dennoch werden wir nicht alle plötzlich tot umfallen, sondern die Meisten von uns werden irgendwann von irgendwem gewaschen und versorgt werden. Das ist jetzt blöd, sich das vorzustellen.
Aber für mich steigt damit die Hochachtung vor den Menschen, die tagtäglich in Einrichtungen genau dies tun. Die professionell, respektvoll und liebevoll pflegerische Tätigkeiten verrichten und es schaffen, dass die zu Pflegenden sich fallen lassen. Das Schicksal annehmen und plötzlich beim Rückenwaschen fast schon schnurrren, weil es so schön ist.
Pflegekräfte die unter übelsten Bedingungen Dutzende Menschen duschen und waschen müssen. Dennoch haben sie oft ein Lächeln zur rechten Zeit, obwohl sie absolut erschöpft sind.

Im Hospiz haben wir diesen Druck in dieser Form nicht. Auch bei uns gibt es natürlich ungewöhnliche Tage, an denen wir erst um 12 Uhr frühstücken, weil unsere Patient*innen unsere ganze Zeit und Aufmerksamkeit fordern. Doch es gibt auch die Tage an denen alles möglich ist und wir im Einklang mit den Bedürfnissen der uns anvertrauten Menschen durch den Tag kommen.
Es ist ganz wunderbar zu sehen, was eine rhythmische Einreibung auslösen kann, oder wie entspannt ein sterbender Mensch in die Kissen sinkt, wenn wir mit warmen Wasser und dem Lieblingsduft sanft waschen. Manchmal über den ganzen Tag verteilt, um die Anstrengung so gering wie möglich zu halten.

Wenn wir uns Zeit nehmen können, dann können wir auch abgeben und annehmen. Das tun wir im Grunde ja jeden Tag, ohne es zu merken.
Ein lieber Gruß an alle Kolleg*innen – ihr macht einen wunderbaren Job! Vergessen möchte ich auch nicht, die pflegenden Angehörigen❤ Ein Danke an alle Patient*innen, die sich uns vertrauensvoll zuwenden und uns unseren Lieblingsjob machen lassen.

Herzlich Eure Nici

Die Sache mit den Leinwänden

Könnt ihr Euch vorstellen, wie es ist, wenn seit Wochen die Umschläge auf meinem Schreibtisch landen und es jedesmal ein wenig wie Weihnachten ist? Nein, könnt ihr natürlich nicht, aber dennoch möchte ich euch ein kurzes Update geben.

Im Herbst letzten Jahres wusste ich schon, wie der Abschluss meines Blogs aussehen sollte. Eine Versteigerung von Minileinwänden in Hannover. Mit einem schönen Rahmenprogramm und einem guten Ergebnis für mein Gesamtziel.
Dann kam die Pandemie auf uns zugerollt und als Projektleiterin für das 25jährige Jubiläum des Hospiz Luise konnte ich fortan nur noch Veranstaltungen absagen. Deshalb habe ich meine Aktion vorgezogen und spontan Briefe geschrieben. Handgeschrieben, auf eigens dafür erstelltem Briefpapier (das hat mir Edda Wilkening alias Yolande Sketch gemacht, danke, dass du meine Gedanken lesen kannst). Zweiseitig. Aus Sicht von Fundraisern unzumutbar. Aber ich habe das aus dem Herz und meinem Engagement gemacht. Nicht nach Vorschrift. Der Erfolg gibt mir Recht.


Ich kann euch allen nicht genug danken, aber einigen Danke ich heute schon mal stellvertretend:
*Udo Lindenberg für den selbstbeschriebenen Umschlag mit dem Herzchen drauf
*Ingo Siegner für die erste Leinwand mit dem Helden aus meinen Lieblings-Mama-Büchern – Kokusnuss
*Lisa Wächter, weil mein Herz kurz ausgesetzt hat als ich das Bild gesehen habe – so zart und schön
*Ole West, weil er mir Strandwatschel gemalt hat
*Meinem Chef und meinen Kolleg*innen, die sich immer so mit mir freuen
*dem Creative Director von Wolfgang Joop, der so ein wertschätzendes Telefonat mit mir geführt hat
*Herbert Schmalstieg, weil er ein unfassbar toller Schirmherr ist
*Caren Cunst für die Möglichkeit in ihrer Galerie auszustellen
*meinen malenden Freundinnen und Freunden, Kolleginnen und Kolleginnen für ihre wundervollen Beiträge
*all den Hannoveranern, die unser Hospiz durch ihre Leinwände unterstützen
*den unbekannten Menschen, die ich aus dem Bauchgefühl gefragt habe und die einfach „Ja“ gesagt haben.
*unsere Patientin, die sich darauf eingelassen hat und auch mitmacht
*Sabrina Behm für die Stille Auktion Plattform
*Tobi Wagner für seine coolen Kontakte
*Alex Pettyfer, dass er seine Toni Garrn portraitiert hat
*den prominenten und nichtpromineten Teilnehmer*innen, die uns unterstützen
*Jacky, der ehrlichsten Haut überhaupt, die mich so wundervoll ergänzt
*Martina Gilica, die uns als Moderatorin unterstützen wird
*einfach euch allen – ich bin so reich beschenkt durch EURE Teilnahme!!

Anfang September werden wir alle bis dahin eingetroffenen Bilder fotografieren (natürlich mit Edda) und eine wunderschöne Broschüre erstellen. Dann seht ihr auch endlich alle Bilder!
Dort werden auch die Zugangsdaten für die Versteigerung stehen. Nach der Saat kommt ja die Ernte und ich hoffe auf ein fulminaten Abschluss!
Die heutigen Bilder habe ich quasi ausgelost. Sie sind alle so toll, deshalb habe ich Tütchen gegriffen und das ist das Ergebnis.
Alle Bilder und alle Namen gibt es dann endlich Anfang September!
Beseelte Grüße an euch alle,

herzlich
Nici

P.S. Schaut doch mal im Veranstaltungskalender vorbei und notiert euch die Termine!

„Um Leben leben zu lernen“ – vom Ehrenamt im Hospiz Luise

Wie unser Hospiz ohne ehrenamtliche Mitarbeitende funktioniert, haben wir in den letzten Monaten schmerzlich erfahren müssen. Es ist wie ein Mobilee, an dem ein Hauptteil fehlt. Schieflage. Umso schöner, dass sich seit einiger Zeit die Auflagen entspannen und ein wichtiger Teil des Teams mit den Ehrenamtlichen wieder Einzug ins Haus hält. Unter strengen Hygienereglen.
Hilde Weeg hat mir mal das beste Frühstücksei der Welt gekocht. An so einem Morgen, wo nichts geklappt hat und alle Bemühungen manchmal nichts nützen, weil ein Patient mit dir gerade nicht weiterkommt, weiterkommen will, der Himmel weint und man sich selbst am liebsten in Embryonalstellung ins Bett rollen würde. Dann schlurfst du irgendwann auf einen Kaffee in den Wintergarten und dann kommt Hilde, lächelt, stellt dir ein frisch gekochtes Ei vor die Nase. Eine wunderbare Geste und dann lächelst du auch, startest frisch gestärkt in die nächste Runde und meist klappt dann irgendwie alles besser.
Hilde ist ein Beispiel für viele Ehreamtliche, die alle so unterschiedlich, liebevoll, witzig, speziell, überraschend und großartig sind.
Danke, dass es euch gibt!

Der Text von Hilde Weeg aus der Festschrift
„Warum machst Du das?“ Diese Frage wird im Freundes- und Bekanntenkreis häufig gestellt, wenn es umden ehrenamtlichen Dienst im Hospiz geht. Einigevon uns Ehrenamtlichen – rund 30 jüngere und ältere
Männer und Frauen – haben sie bei einer hausinternen Umfrage beantwortet. Hier ein paar Zitate aus der
Liste:

• Fühle mich wohl, wahrgenommen und aufgehoben.
• Bereicherung.
• Gebraucht werden.
• Weil es schön ist!
• Aus Dankbarkeit für mein sorgenfreies Leben.
Ich möchte etwas davon zurückgeben.
• Um Leben leben zu lernen und Widrigkeiten
in Relation zu sehen.

Einige der Antworten geben vermutlich auch Ehrenamtliche in Sportvereinen, bei der Essensausgabe der Tafel oder in der Flüchtlingshilfe. Aber die Antwort „Um Leben leben zu lernen“ trifft ganz besonders gut
das, was den Dienst in einem Hospiz von anderen Ehrenämtern unterscheidet. Leben lernen – mit und vonschwer und schwerstkranken Menschen. Und ebensoviel von den Menschen, die diese Menschen respektund liebevoll begleiten.

Es sind vor allem die kleinen Gesten, die wir als Ehrenamtliche hier erleben, die den Unterschied zur üblichen „Wurschtigkeit“ im Alltag machen. Dass eine Blume im Zimmer steht (im Sommer aus dem Hospizgarten), wenn ein neuer Gast kommt. Dass genau erfragt wird, ob das Rührei eher fest oder eher weich sein soll. Und wieviel Löffel Kakao in die warme Milch gehören. Dass Zeit ist, mal kurz Heidelbeeren oder eine
bestimmte Zahnpasta zu besorgen. Dass alle mit allem kommen können: Verbitterung, Erleichterung, Schmerz oder Hilflosigkeit.
Oder dem Wunsch nach einer Tasse Kaffee.

Wahrnehmen, was ist. Genauer hinschauen. Hinhören. Zusammen die Eichhörnchen im Garten beobachten. Manchmal am Tisch sitzen bleiben, weil das hilft. Manchmal aufstehen und Geschirr wegklappern, weil das besser ist als Stille. Wir lernen von und mit allen, die am Tisch sitzen. Wie man mit dem umgeht, was schwierig ist. Abschied, Enttäuschungen oder eine schlaflose Nacht: Wie man die großen oder kleinen Probleme ignorieren, auslachen, niederkämpfen kann. Wie man einfach weitermacht. Oder etwas ändert.

Was wir von den Pflegenden lernen: Geduld. Sich Zeit nehmen. Liebevolle Zuwendung. Eigene Befindlichkeiten ausblenden, wenn Anderes wichtiger ist. Der eigene Ärger: Peanuts. Meistens. Wir lernen sensibler zu werden, auch für uns selbst. Konflikte austragen, ohne zu verletzen. Und wenn doch etwas wehgetan hat, das miteinander zu klären. Die Schwächen und
Stärken aushalten. Fehler: erlaubt. Erfahren, dass alle einen wichtigen Anteil am Ganzen haben – vom Hausmeister über die Reinigungskräfte und die Ehrenamtlichen bis zu den Pflegekräften und den Sekretärinnen.
Von Kaffeekochen (eins der wichtigsten Ehrenamtspflichten!) bis Katheter legen. Manches dauert länger. Schlimm? Nein.

Für manche hat die Arbeit mit ihrer christlichen Überzeugung zu tun. Aber diese Einstellung ist keine Voraussetzung, sich hier ehrenamtlich zu engagieren. Ist das Hospiz ein idealer Ort? Nein. Aber es ist ein Ort, an
dem das Miteinander besser klappt, als an sehr vielen anderen Orten. Woran das zu sehen ist? Am Aufatmen beim Ankommen. Ruhiger werden. Am Aufklaren vieler Gesichter über die Tage. ,Ah, da ist jemand, der zuhört.‘ ‚Wie schön, hier ist es ruhig.‘ ‚Ach, hier darf gelacht werden?‘ Das Hospiz: ein Ort, in dem Menschen für Menschen da sind. Und das immer wieder üben. Weil das zum Leben gehört. Eigentlich könnten viele Orte so
sein. Noch etwas, was man hier lernen kann.

Die Aufgaben der Ehrenamtlichen im stationären Hospiz Luise:
• Die Essenszeiten in drei Schichten von 7.30h-19h
begleiten: Frühstück, Mittagessen, Kaffeetrinken und Abendessen.
• Die Rolle eines Gastgebers/einer Gastgeberin einnehmen: auf Wünsche oder Bedürfnisse am Tisch eingehen. Den Esstisch auf- und abräumen.
• Auf die Türklingel reagieren und Besucherinnen empfangen. • Bei Engpässen in der Pflege bei den Patientinnen nachschauen, wenn sie klingeln.
• An- und Zugehörige betreuen, wenn sie das wünschen.
• Auf kurzfristige Bedarfe reagieren (Mahlzeiten für Patient*innen vorbereiten, die auf dem Zimmer bleiben, kleine Einkäufe erledigen, Zeit haben für ein Gespräch).
• Vorräte im Blick haben und auffüllen (Getränke, Kaffee, Servietten usw.).

Quelle: https://www.weeg-kommunikation.de/zur-person/

Hilde Weeg
Ehrenamtlich Mitarbeitende

Schritte

372932 Schritte bin ich in meinem Urlaub laut meiner schlauen Uhr am Handgelenk gegangen und gewandert. Über Asphalt, Kopfsteinpflaster, Waldwege, Wurzeln, Steine – einmal habe ich auch den Halt verloren. Mich mit beiden Händen fest an einer Kette gehalten. Den kompletten Absturz noch verhindert. Einige blaue Flecken erinnern mich jetzt an diesen Moment.

Schritte haben für uns eine große Bedeutung. Da ich das vierte Kind bin gibt es nicht gerade eine Fülle von Fotos von mir, aber eines, wo mein Bruder mich an den Händen hält und ich die ersten Schritte mache. Auch die ersten Schritte meiner Kinder haben mein Herz höher schlagen lassen, sieht man die Welt doch aus einer völlig anderen Perspektive. Was für besondere Momente.
Schritt für Schritt gehen wir unseren Lebensweg und nehmen nicht immer den erstbesten Weg. Wir laufen unter größter Anstrengung auch mal einen Berg hinauf und müssen vor dem Gipfelglück kehrtmachen. Oder wir sind auf einem komfortablen Untergrund unterwegs und merken gar nicht, dass links und rechts so viele wunderbare Alternativen sind. Wir lassen auf unserem Weg Schritt für Schritt Menschen stehen, gehen gemeinsame Strecken und entscheiden uns auch bewusst für andere Wege. Einige Wege kann man nur einmal gehen und dann ist ein Umkehren unmöglich. Überall hinterlassen wir Spuren.

Der Schritt in ein Hospiz zu gehen ist erstmal unvorstellbar für einen gesunden Menschen. Viele wissen ja auch gar nicht, was hinter den Mauern, der meist freundlich anmutenden Häuser wartet.
Aus meiner Erfahrung warten dort Menschen. Menschen, die bereit sind die letzten Schritte mit den Patient*innen und Zugehörigen zu gehen. Das sind Mitarbeitende, die vorbehaltlos und ohne Wertung den Menschen annehmen, der jetzt mit seinem Leid und seiner Geschichte kommt. Der Ruhe und Unterstüzung sucht.
Jeder Mitarbeitende hat einen individuellen Lebensweg. Deshalb gelingt uns gerade im Hospiz Luise oft auch auf „schwerem Untergrund“ eine würdevolle und gute Begleitung der Sterbenden. Unsere Unterschiedlichkeit ist ein Segen für die Patient*innen, gibt das doch die Chance ganzheitlich auf den Weg jedes Einzelnen zu blicken.
Manchmal sind wir auch müde, wenn der Weg sehr beschwerlich ist und müssen rasten. Wechseln uns ab – tragen gemeinsam.
Den letzten Schritt müssen die Patient*innen selber gehen.

Was mich immer besonders berührt sind die Rückschritte. Da ist auch viel Trauer zu spüren.
Wenn sich der Radius um das Bett immer mehr verkleinert. Die Mobilität Stück für Stück nachlässt und irgendwann der Tag kommt, an dem es von der Bettkante nur noch in den Stuhl geht. Mit viel Anstrengung für die sterbenden Menschen. Wenn ich den Patient*innen aus dem Bett helfe, dann kommen wir uns sehr nah. Keine Hauruckschlepperei auf den Stuhl, sondern eine bewusste und kraftschonende Bewegung aus der Kinästhetik reicht oftmals.
Dazu braucht es Vetrauen. Wenn ich den Menschen erkläre, was wir gleich gemeinsam machen, dann nehme ich oft das Beispiel des Tanzes. Denn in diesem Moment bewegen sich unsere Körper im Einklang und wer sich führen lässt, der wird auch ein Stück gehalten.
Die Erinnerung an vergangene Tänze zaubert einigen ein Lächeln ins Gesicht, ein Funkeln in die Augen und ehe sie sich versehen ist die Mobilisation gelungen – geht es nicht im Einklang der Bewegung, dann braucht es mehr Unterstützung.

Am Ende sind die letzten Schritte für mich spirituelle Momente. Dann gehen wir dahin, wo unsere Weltanschauung uns hinführt. Bis es soweit ist, wünsche ich Euch einen guten Weg und viele bewusste Schritte.

Herzlich Nici

Das, was noch erklingt

Heute ein Gastbeitrag von unserer Musiktherapeutin Christiane Hecker. Wie wundervoll für unsere Patient*innen, dass wir dieses Angebot haben. In unserer Festschrift findet ihr alle Beiträge zu unserem Jubiläum. Einfach mal hier unter den Downloads schauen – aber erst lesen 😉

Das, was noch erklingt
Schon vor 25 Jahren, als ich im Regionalfernsehen einen Beitrag zur Eröffnung des Hospiz Luise sah, wollte ich dorthin. Nun bin ich zu meiner großen Freude seit 2012 einmal wöchentlich als Musiktherapeutin in diesem Haus.
Jedes Mal wenn ich ins Hospiz komme, erhalte ich alle für mich notwendigen Informationen über die Patientinnen und Patienten. Oft werden mir Menschen direkt ans Herz gelegt, weil die Pflegenden glauben, dass meine Anwesenheit hilfreich sein könnte.
Anschließend gehe ich in die einzelnen Zimmer und stelle mich vor. Ich erzähle, warum ich hier bin und dass ich Musik mitgebracht habe. Instrumente, meine Stimme und CDs sind meine Berufsbegleiter. Darf ich bleiben, ist die Musik schon mit im Raum.
Aus meinem musiktherapeutischen Alltag im Hospiz jetzt einige Beispiele:
Frau D. (59) hat Krebs im Endstadium und kann nicht mehr aufstehen. Sie sieht mich bei unserer ersten Begegnung mit großen ernsten Augen an. Darauf, wenn es vorbei ist, freut sie sich. Sie kann sterben, denn
sie hat ihre sich selbst gestellte Lebensaufgabe erfüllt. Diese war, ihre Eltern zu pflegen. Meine Frage nach ihrer Lieblingsmusik beantwortet sie ohne zu zögern mit „Mendelssohn-Bartholdy, Schottische Sinfonie“. Wegen dieser Sinfonie ist sie nach Schottland gereist. Das Land findet sie wunderschön. Ein strahlendes Gesicht und leuchtende Augen begleiten ihr Erzählen.
Bei unserer nächsten Begegnung hören wir gemeinsam den ersten Satz der Sinfonie. Schon nach den Eingangstakten nimmt Frau D. die Brille ab, legt ihre Hände auf die Brust, scheint wie in der Musik versunken und bekommt einen beinahe verzückten Gesichtsausdruck. Danach erzählt sie, dass die Musik sie weggetragen habe. Sie habe die schottischen Berge und das Meer gesehen. Das mache sie glücklich. In der kommenden Woche möchte sie die anderen Sätze der Sinfonie hören.

Herr E. (84) ist durch seine Krebserkrankung und die
Langzeitpflege seiner Frau stark geschwächt. Er hat keine Kraft mehr. Im Glauben gefestigt sieht er dem nahenden Tod bewusst entgegen. Über sein arbeitsreiches und, wie er sagt, erfülltes Leben spricht er mit mir.
Gemeinsam singen wir Kirchenlieder. Es sind die, die
ihn schon ein Leben lang begleitet haben, nicht nur
im Gottesdienst sondern auch auf Familienfeiern und
morgens in der Küche beim Kochen. Mein Eindruck ist,
dass während unseres Singens im Zimmer eine Atmosphäre von Ruhe und Geborgenheit entsteht.

Frau R. (73) hat eine Autoimmunerkrankung, und sie
musste zahlreiche Operationen über sich ergehen lassen. Die Pflegekräfte bitten mich, sie zu besuchen.
Bei unserer ersten Begegnung fällt mir sofort auf, wie
abgemagert und schwach. Frau R. ist, fast zu schwach zum Atmen. Sie spricht kaum. Worte scheinen keine Rolle mehr zu spielen. Sie ist dankbar, dass ich einfach nur da bin und ihre Hand halte. Eine Woche später teilen die Pflegenden mir mit, dass
Frau R.s Sterbeprozess sehr weit fortgeschritten ist.
Wieder bitten sie mich zu ihr zu gehen. Frau R. ist noch schmaler geworden. Ihr Körper ist zugedeckt, ihr Kopf liegt ruhig auf dem Kissen, beide Augen starr an die Decke gerichtet. Nur durch die Bewegung ihrer Zunge kann ich erkennen, dass sie noch atmet.
Diesen Atemrhythmus, besser gesagt, den nicht vorhandenen Rhythmus, lasse ich mit der linken Hand auf dem Monochord* erklingen. In die immer länger werdenden Pausen spreche ich leise beruhigende Worte und berühre dabei Frau R. sanft am Oberkörper. Vor ihrem letzten Atemzug hat sie die Schultern mehrmals ganz leicht nach vorne gezogen. Anschließend,
fast unmerklich, hat sich der Kopf ein wenig nach hinten geneigt. Nach langen Minuten konnte sie zum allerletzten Mal ausatmen.
Auf dem Monochord spiele ich noch einige Zeit aufsteigende Klänge. Dann verabschiede ich mich von ihr.

Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in der so wohltuend
offenen, entspannten, vertrauensvollen und warmherzigen Atmosphäre dieses Hauses arbeiten darf.
Christiane Hecker
Musiktherapeutin

*ein rechteckiger Resonanzkörper aus Holz mit vielen parallel gespannten Saiten, die auf den gleichen Ton gestimmt sind und dadurch einen vollen Klang ergeben

Herzlich

Eure Nici