Einblicke in das Hospiz Luise

Einblicke-ins-Haus

25 Jahre Hospiz Luise in Hannover

Seit fünf Jahren arbeite ich im Hospiz Luise in Hannover. Als Krankenschwester in Teilzeit. Jetzt wird unser Hospiz 25 Jahre alt und ist damit das älteste Hospiz seiner Art in Niedersachsen. Deshalb werde ich ehrenamtlich einen Blog schreiben. Über das Leben und das Sterben, über unsere Arbeit und bestimmt auch mal über die Trauer. Dabei versuche ich möglichst viele Spenden für unsere Arbeit zu sammeln.
Ich freu mich drauf in der Zeit vom 01. November 2019 bis zum 31. Oktober 2020 für euch zu bloggen!

Eure Nici Friederichsen

Da draussen

Ruhig ist es in unserer Straße. Mein Arbeitszimmer teile ich mit meiner Tochter, die im Homeoffice auch am Wochenende arbeitet.
Auf Facebook kann man dieser Tage gut sehen, wer sich mit was beschäftigt. Gestern habe ich den Todestag meines Vaters gepostet. 42 Jahre ist das schon her. Bis vor einigen Jahren habe ich nie daran gedacht, weil ich ihn auch gar nicht wusste. Das war alles kein Thema bei uns und in den letzten Jahren habe ich es zu einem gemacht. Habe meine Wurzeln gesucht und einige gefunden. Das habe ich meiner Mama zu verdanken, die inzwischen richtig Vorfreuede empfindet, wenn ich ihr ankündige, dass wir wieder ein „Vergangenheitsgespräch“ brauchen. Wie gut sie auch jetzt in diesen Zeiten mit der Krise umgeht. Sie telefoniert viel mit Freundinnen, mit uns Kindern, bastelt, kocht, spielt neuerdings das Früchtespiel auf dem Handy und versorgt die Blumen auf dem Balkon.

Meine Freundin Katja hat mir gemailt:
Liebe Nici,
in diesen merkwürdigen Corona-Zeiten haben es Obdachlose besonders schwer. Viele Hilfs-Einrichtungen und Tafeln hier in Hannover sind geschlossen. Es gibt lediglich Notausgaben für Bedürftige und die Nächte sind gerade noch ganz schön kalt. In unserer Stiftung kümmern wir uns um Tiere in Not. Aktuell erreichen uns sehr viele Hilfsanfragen, da durch die Grenzschließungen Tierschutzprojekte im Ausland nicht mehr wie bisher betreut werden können. Wir versuchen durch Spenden zu helfen, wo es geht. Hier vor Ort setzen wir auf praktische Hilfe für die Tierhalter ohne Obdach und packen jeden Mittwoch Tierfutter und warme Hundedecken und Zubehör für die Obdachlosenhilfe Hannover. Heute wurde eine Futterspende mit hochwertigem Hundefutter und feinen Snacks bei uns in der Stiftung abgegeben. So konnten wir gleich wieder Portionspäckchen packen, die unsere Ehrenamtlichen morgen zur Obdachlosenhilfe bringen werden. Bürohund Teddy passt auf, dass alles korrekt gepackt wird (Foto anbei)
Viele liebe Grüße
Katja

Spendenkonto:
IBAN: DE 74 2519 0001 0791 6205 00
Paypal: info@ulistein-stiftung.de

Meine Kollegin Susanne hat mir auch geschrieben, nach meinem letzten Blogeintrag:

Du willst wissen, was ich mache? Ich nähe. Mit den Osterhühnchen habe ich letzte Woche aufgehört, mangels Besucher*innen ist der Verkauf im Hospiz-Basarschrank erwartungsgemäß gering.  Jetzt nähe ich Masken. Nachdem unser NDR- Virenguru Prof. Drosten gesagt hat, dass das Tragen sinnvoll sei, insbesondere um andere zu schützen… Der scheußliche Grund dafür tut dem Spaß keinen Abbruch,  ich verwende lustige bunte Stoffe, tüftle, bis die Nähte an den besten Stellen sitzen und die Garne passen, die Größe stimmt. Fr. Müller aus Bothfeld ( köstlich, in der grenzenlosen Netzwelt lebt diese Frau gerade zufällig in Hannover!) verschenkt eine wunderbare Anleitung, mit Hintergrundinformationen zum Sinn und Unsinn der Schutzmasken. https://naehtalente.de/atemschutz-naehen/-. Sie ruft dazu auf, für caritative Zwecke zu nähen. Naja, ich näh jetzt erst mal für Freund*innen und Familie, die ersten Masken haben die Ältesten bekommen.  Unsere Kollegin Carina hatte schon etwas eher damit angefangen, mich mit Tips versorgt und mittlerweile die ganze Hospiz- Belegschaft mit Masken für die Freizeit (oder wie nennen wir jetzt die Zeit der Nicht-Arbeit ohne die geliebten  Aktivitäten?). Für die Arbeit haben wir industrielle Masken, noch.
Letzte Woche hatte ich mir vorgenommen zuhause Yoga zu machen, mindestens jeden zweiten Tag… das klappt alleine noch nicht. Meine Tanzlehrerin Esther verschickt an ihre Schülerinnengruppe lustige Übungs – Videos, selbst die konnten mich noch nicht von der Nähmaschine weglocken. Bin gespannt, wann sich das ändert. Ansonsten haben mein Mann und ich kurz vor der Schließung der Läden beim Naturbauhändler unseres Vertrauen noch schnell ein Dose Hartholzöl erstanden und das Parkett  in kleinen Abschnitten geölt… ob das was mit den Kontaktbeschränkungen zutun hat? Ich glaub nicht. Jedenfalls ist es jetzt bei uns schön sauber und aufgeräumt, ein Segen, beim Vielzuhausesein.

Von Uwe habe ich auch eine Nachricht erhalten:
Hallo Nicole,
das Bild habe ich gerade fertig gemalt. Ich finde, das Bild passt auch zu Eurer verantwortungsvollen Arbeit.
Lieber Gruß
Uwe

Monika Walden arbeitet beim NDR und hat einen Kommentar dagelassen:

Es ist interessant zu sehen, dass so vieles unwichtig wird, das zuvor in unserer Gesellschaft eine große Rolle gespielt hat.
Teure Dinge, die plötzlich viele überhaupt nicht mehr interessieren, weil wir alle wissen, dass die Gesundheit ebenso wie die Liebe so viel wichtiger sind als materieller Luxus. Das wussten wir zwar schon immer, aber jetzt spüren wir es! Und plötzlich merken wir auch, wie wir arbeitende Menschen in Supermärkten, in Reinigungsbereichen, im Speditionswesen, in der Pflege und medizinischen Versorgung mit anderen Augen anschauen als zuvor. Respektvoller, dankbarer, freundlicher. Das sollten wir auch nach der „Corona-Krise“ tun!! Hoffentlich vergessen wir dann nicht wieder, wer und was wirklich wichtig ist.
Herzliche Grüße, verbunden mit den besten Wünschen für Gesundheit an diejenigen, die sie dringend brauchen und diejenigen, die das hier lesen.
Monika Walden

Mit Franziska Stünkel und Sven Friedrich Cordes habe ich dieser Tage auch geschrieben.
Die Bilder aus dem Buch Coexist von Franziska spiegeln gerade unsere Sitation wieder. Vieles sehen wir vor uns, können es aber gerade nicht erreichen. Als Ostergeschenk werde ich das heute ordern – Hannes liest meinen Blog so gut wie nie, also kann ich das hier ruhig schreiben 😉
Bei uns im Hospiz ist gerade das „Fensterln“ als neue Besuchsform aufgekommen. Garantierter Abstand und es ermöglicht dennoch ein wenig Nähe.

Sven Friedrich Cordes setzt sich wie viele andere Kolleg*innen der Bestatterbranche für die Einstufung als „Systemrelevanter Beruf“ ein. Er muss in diesen Tagen die Herausforderung annehmen, Nähe zu den Trauernden zu schaffen und dennoch dabei auf Distanz bleiben.

Die liebe Kerstin hat mir auch einen Brief geschrieben, mit der Hand. Der ist aber nur für mich gewesen und hat mich sehr erfreut. Vielleicht schreibt ihr vor Ostern noch ein paar liebe Worte und versendet sie. Ich werde das auf jeden Fall machen.

Passt auf euch auf,
herzlich
Nici

P.S. Danke Ihr Lieben Gastbeitragbeitragende, Fotos: Susanne Dörfler, Uwe Lang, Nici Friederichsen, Kurt Heldmann, Pixabay 🙂

Zeit

Heute ist mein erster Urlaubstag und es schneit draußen. Eigentlich wäre ich jetzt an einem Strand, würde die Sonne genießen und händchenhaltend mit meinem Mann spazieren gehen. Stattdessen bin ich zuhause. In meinem Arbeitszimmer. Heute nachmittag halten wir beim Hundespaziergang auch Händchen, hoffentlich gibt es dann auch ein paar Schneeflocken.
Wir können die jetzige Situation nicht ändern. Wir können das Beste aus ihr machen. Letzte Woche im Hospiz war es ähnlich. Auch hier mussten wir uns einschränken. Mundschutz und Schutzkittel, bei körpernaher Pflege. Trostlos. Bedrückend.
Wir schenken Lächeln, besondere Leckereien, ermutigen durch Gesten, haben Zeit für Gespräche.

So ist es auch in den Krankenhäusern. Keiner kann mehr rein. So ist es bei Bestattungen. Abstand von 1,50m bis 2m. Nur die engsten Familienangehörigen. Ein Freund der Familie meines Mannes ist dieser Tage verstorben. Die Trauerfeier hat schon in aller Stille stattgefunden. Ein Riesenberg an Trauer türmt sich in diesen Zeiten auf. Neben all den wirtschaftlichen Katastrophen und der Trauer um geplatzte Lebensträume, werden die Toten in diesen Zeiten minimalistisch verabschiedet. Dabei braucht die Trauer der Lebenden doch auch diese Schleusenzeit, mit Berührung, Totenwache, Gestaltung der Trauerfeier und den Trost der Gemeinschaft. Ich habe zu meinem Mann gesagt: „wenn ich jetzt sterbe, dann lass mich bitte einäschern und feiere danach nochmal groß Abschied“.

Meine Kollegin Inga ist gerade in der Aufnahme. Das Telefon steht nicht still. Traumatisierte Menschen melden sich und suchen händeringend Trost, Rat und Unterstützung in der Hilflosigkeit.
Diese Menschen dürfen wir jetzt nicht vergessen. Ich bin dankbar, dass wir die Telefonseelsorge haben, die einen unfassbaren Job macht. Ich bin dankbar, dass Kolleg*innen der Trauerarbeit Onlineangebote ins Leben rufen. Ich bin dankbar, dass wir Smartphones haben, mit denen wir Kontakt zu unseren Liebsten halten können.

Was machen wir jetzt also mit unserer Zeit? Mein Aszendent ist Waage, das besagt ich bin ein Putzteufel. Leider ist das Horoskop an dieser Stelle fehlerhaft. Also werde ich heute eine Serie auf meinem Tablet schauen und nebenbei gemütlich mein Arbeitszimmer entrümpeln. In Erinnerungen schwelgen.

Gerne wüsste ich auch, was du machst! Also schreib mir doch bitte eine Nachricht und im nächsten Blogeintrag würde ich das gerne veröffentlichen. Oder du schreibst mir ein Gedicht, sendest mir dein Onlineangebot für Trauernde, schickst mir ein Bild deiner Aktivität, deinen Buchtipp, einen Gruß aus dem Homeoffice, grüßt jemanden…..bitte an:

25jahrehospizluise@gmx.de

Im Hintergrund läuft das Wohnzimmerkonzert von meinem Freund Matthias Brodowy. Geschenkte Zeit – Eine Stunde Musik und Humor. Seelenfutter.
Zeit nochmal Danke zu sagen, an das Team von H1 Fernsehen, Grünes Zimmer, Matthias und an alle Spender*innen.


Nutzen wir also die geschenkte Zeit so gut es eben geht. Nährt die Hoffnung in euch. Schreibt mal wieder Briefe. Schreibt mir. Spielt Gesellschaftsspiele. Lest die verstaubten Bücher aus dem Regal. Allen die arbeiten wünsche ich Kraft, sage Danke und bin gespannt, wielange mein Urlaub anhält. Wir Krankenschwestern stehen auch auf Abruf bereit…

Herzliche Grüße
Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich 🙂

Gute Nacht, Freunde

Diese knisternde Spannung, dieses Popcorngefühl. Roter Punkt auf der Nase und viel zu viele Tage, die er rückwärts gezählt, bis es endlich soweit ist, bis kein Tag mehr fehlt. Das Licht geht aus und der Puls steigt an, die Musik fängt an zu spielen und dann. Manege frei, er mitten drin. Mit Leib und Seele dabei….


Matthias Brodowy

So erlebe ich den heutigen Tag im Rückblick. Seit Tagen haben 3 engagierte junge Menschen von H1 Fernsehen und Grünes Zimmer mit viel Herzblut mein geplantes und abgesagtes Wohnzimmerkonzert mit Milou & Flint zu retten versucht. Sie haben es nicht nur versucht, sie haben es mit Sahnehäubchen und Schokostreuseln versehen.

Die Situation in der Welt ist nicht beispiellos. Kriege haben uns in der Vergangenheit gelähmt. Ich bin Jahrgang 1973 und kenne nur die Not einer alleinerziehenden, früh verwitweteten Mutter und den Folgen. Wir hatten nie Hunger, immer genügend Klopapier und haben viel gerarbeitet. Ich habe geputzt, gekellnert und nachts die Beilagen in Tageszeitungen gefüllt ( allerdings immer zu langsam). Ich habe gelebt, gelitten, gelacht, gespielt, gestaunt und gelernt. Das war eine zu bewältigende Not.

Die Situation momentan ist entschleunigend. Beängstigend. Existenziell bedrohlich für viele. Wir werden lahmgelegt. Ich glaube, weil wir auch einfach zu schnell waren. Auf der Überholspur. Am Leben vorbei. Viele von uns haben Angst. Alles worauf viele gesetzt haben zerinnt wie Sand in den Fingern.

In so einer Situation habe ich Geburtstag und denke an das, was mir wichtig ist. Meine Familie. Freunde. Freunde, die ich lange nicht gesehen habe. Weil sie wie ich, im Job feststecken. Die man 1 Jahr vor einer Feier einladen muss, weil sie sonst schon verplant sind. An meine Arbeit. Wie das wohl weitergehen wird. Ihr könnt euch vorstellen wie meine Sorgenfalte an der Stirn gerade aussieht.
Deshalb habe ich kurzfristig ein Wohnzimmerkonzert mit Matthias Brodowy organisiert. Habe Jan-Ole Harmening von Grünes Zimmer gefragt, ob er das technisch irgendwie organisieren kann. Meine Tochter und ihre Kollegin von H1 Fernsehen gefragt, ob sie helfen können.
Einige Menschen sagen mir, dass ich eine tolle Arbeit als Fundraiserin mache. Mag sein. Aber nach drei Tagen mit Merle, Pia und Ole möchte ich das relativieren. Ihr drei seid strahlende Vorbilder für die Jugend. Uneigennütizig und engagiert habt ihr unser Haus eingenommen und 3 Tage geackert, probiert, aufgebaut, Probe-gestreamt, geklebt und beleuchtet. Frustiert, amüsiert und positiv gestimmt habt ihr das gewuppt und dermaßen professionell gearbeitet, dass mir die Worte fehlen.

Das war so lebendig, emotional und liebevoll. So ist es auch gerade im Hospiz. Wir sind erschlagen von den Nachrichten. Unsere Patienten auf einer Insel der Unsicherheit. Nicht nur die Krankheit, die zum Tode führen wird. Auch die Ungewissheit, wielange die Liebsten noch zu Besuch kommen dürfen. Wann verzeichnen wir den ersten Fall von Corona, müssen wir in Quarantäne oder arbeiten wir Krankenschwestern und Pfleger bald in Notstationen?

Was ich sicher weiß. Ich bin so unfassbar dankbar. Für das Leben, das Licht, die Liebe und Menschen, die sich darauf besinnen eben diese Dinge auch zu schätzen. Ich vertraue auf die Politik, ich habe Hochachtung vor Frau Merkel und ihrem Team. Lassen wir uns nicht ängstigen, sondern nehmen wir diese Wende in unser aller Leben als Chance.
Das klingt pathetisch, aber es ist auch schon spät und ich hatte einen langen und erfüllten Geburtstag.
Dafür danke ich allen, die mich so selbstlos und liebevoll unterstützt haben und die mich mit lieben Worten bedacht haben!

Herzlich durch die Nacht (so sagt mein Freund Marcus Sternberg immer)

Eure Nici

P.S. und ich wäre keine gute Fundraiserin, wenn ihr nicht die Spendenmgöglichkeiten hier finden würdet:

PayPal: spenden@hospiz-luise.de
Betterplace
Auf der Website

Ver-rückt

Unbekümmert und eifrig haben sich heute Morgen zwei Amseln auf meinem Spaziergang bemerkbar gemacht. Der Frühling hält Einzug. Dort wo mir sonst morgens viele Menschen begegnen war es einsam. Blauer Himmel, Sonnenschein. Das erste Grün in den Bäumen, rosa Blüten.

Auf diesen Spaziergängen entstehen oft Ideen für meine Tätigkeit als Fundraiserin. Heute habe ich nur gedacht. Verrückt. Alles ist tatsächlich ver-rückt. Jeden Tag gibt es neue Nachrichten, verrückte Reaktionen der Angst und Panikmache. Als Krankenschwester gehe ich normal arbeiten. In ein paar Tagen sind es nur noch bestimmte Berufsgruppen, die arbeiten gehen werden.

Meine Mama war letztes Jahr sehr krank und wir haben gestern telefoniert. Die Isolation zuhause steckt sie noch ganz gut weg. Bei unserem Telefonat saß sie in der Sonne auf dem Balkon. Fast erwartet man in diesen Zeiten, dass die Welt aufhört sich zu drehen, die Sonne aufhört zu scheinen. Die Natur bleibt unbeeindruckt. Es ist jetzt an uns, das Beste aus der Situation zu machen. Für viele geht es um Existenzen. Ich vertraue auf die Politik, die Unterstützungen schon zugesagt hat.
Wir selber könnten auch etwas tun. Kleinigkeiten. Zeichen setzen. Mein to do Liste sieht folgendermaßen aus:

-Gutscheine meiner Lieblingsrestaurants einkaufen ( danke für den Tipp Anne🙃)
-Musik und Hörspiele von Lieblingskünstler*innen runterladen
-Jeden Tag einen lieben Menschen anrufen
-meine Nachbarn fragen, ob ich etwas für sie besorgen kann
-mein Arbeitszimmer fertig aufräumen (optional)
-jede Woche ein Buch lesen
-spielen
-jeden Tag Sport machen (ab morgen sicher)
-versuchen dennoch eine Veranstaltung stattfinden zu lassen – womöglich als Livestream
-weiter motiviert ins Hospiz zu gehen und meinen Humor behalten
…..was steht auf deiner Liste?

Keine Konzerte mehr besuchen, die Lieblingsreise absagen, Freunde nicht mehr treffen. So ist es für Menschen, die eine schwere Erkrankung haben und dann vielleicht zu uns kommen. Nur, dass in diesem Fall alle um sie herum weitermachen. Jetzt sitzen wir alle im selben Boot.
Unsere Patienten dürfen noch Besuch von engsten Familienangehörigen bekommen. Sitzen in der Sonne, genießen das selbstgekochte Essen aus dem Vinzenzkrankenhaus. Wir haben auch noch Klopapier. Frühstückseier (danke an Inga) und jeden Nachmittag Kuchen. Der Verkehr wird weniger. Dafür füllt sich der Garten. An windgeschützten Plätzen wird Cappuccino getrunken, gelacht und Zeit miteinander verbracht.
Ver-rückt.
Ich bin zuversichtlich, dass wir das durchstehen. Die Meisten von uns haben das so noch nicht erlebt. Wir müssen besonnen bleiben. Schwer erkrankte Menschen mögen Hilfe in den Krankenhäusern bekommen, weil die Panikmacher ruhig bleiben.

Foto Thomas Rodriguez


Matthias Brodowy und ich planen für den 23.03. ein kleines Konzert. An diesem Tag war ohnehin ein Wohnzimmerkonzert bei mir geplant. Mein Geburtstagsgeschenk. Zugunsten des Hospiz Luise wollte ich meine Gäste um eine Spende bitten. Das muss ich jetzt absagen. Wie eigentlich alle meine Veranstaltungen.
Aber als Livestream ist es vielleicht jetzt doch möglich. Wir arbeiten daran. Wenn alles klappt, dann informieren wir euch. Unterstützt werden wir von Grünes Zimmer. Alles mit viel Abstand, aber etwas fürs Herz muss sein in diesen Zeiten!

Passt auf euch auf, in diesen besonderen Tagen und habt einander lieb, seid respektvoll, habt Vertrauen und Zuversicht.

Eva Terhorst

Herzlich Eure Nici

P.S. Gestern hat uns eine Angehörige Schokolade geschenkt und eine Karte dazu geschrieben. Das Gedicht auf der Karte ist so wunderschön, dass muss ich euch zum Abschluss noch weitergeben.

Begegne dem, was auf Dich zukommt nicht mit Angst.,
sondern mit Hoffnung.

Franz von Sales

Elisabeth Wächter

Letzte Fragen

Sechsmal habe ich den ersten Satz gelöscht. Wenn ich an Herrn B. denke, dann sehe ich sein Lächeln. Ich muss gerade schmunzeln, denn als ich mal den Perfusor gewechselt habe, da hat er mir das Bett hochgestellt, weil ich ja auch an meinen Rücken denken muss.
Herr B. ist verstorben. Vorher haben er und seine Frau ein Interview gegeben. Für das Asphalt-Magazin. Einige Kolleg*innen und ich waren auch dabei. 4 Seiten sind in der aktuellen Ausgabe.

In Würde sterben. Und im Kreise der Liebsten. Das wünschen sich die meisten. Vor allem aber ohne Qualen. Doch gerade Krebspatienten haben meist einen Leidensweg vor sich. Mit Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen. Für sie ist ein Hospizplatz oft ein Gewinn. Ein Besuch im Hospiz Luise, einem von deutschlandweit 240 Einrichtungen, davon mehr als 15 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Wir haben mit Sterbenden, Angehörigen, Leitern und Schwestern gesprochen. Eine Asphalt-Geschichte – hart an der Grenze.

Wir planen in diesem Jahr eine Benefizveranstaltung mit Asphalt. Da lag es nahe, dass uns der Geschäftsführer Georg Rinke gemeinsam mit seinem Team auch einen Raum in der Asphalt gegeben hat. Dafür bin ich sehr dankbar, es ist nicht selbstverständlich, dass so ausführlich über unsere Arbeit berichtet wird.

Als der Anruf von Grit Biele kam wollte sie natürlich gerne ein Patienteninterview. Ich hatte Frühdienst und eigentlich konnte es nur Herr B. sein. Erst habe ich seine Frau gefragt, ob sie denn auch mitmachen würde. Dann bin ich ins Zimmer. Da lag er dann und hat mit einer Selbstverständlichkeit zugesagt, dass mir kurz der Atem wegblieb. Eine flammende Rede, dass wir doch darüber reden müssen. Über den Tod, das Sterben und wer soll es denn sonst machen? Unsere Kinder gehen auf die Straße, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Da wollte er auch was tun. Klartext reden. Nichts beschönigen. Grit Biele hat das eingefangen. In einen Text, den man gelesen haben sollte.

Diese Bilder hat mir Georg Rinke geschickt. Als er die druckfrische Asphalt schon in den Händen gehalten hat. Das hat Georg sehr berührt, wie er mir geschrieben hat.
Ich habe den Artikel das erste Mal im Hans-Lilje-Haus während eines Seminars gelesen. So viele Erinnerungen wurden wach. Diese Familie hat mich bewegt. Wie auch andere Familien, die in dieser Zeit bei uns waren. Samstagmorgens mache ich im Dienst gerne Spiegelei. Frau B. hat sich auch immer darüber gefreut. „Wie im Hotel“, hat sie dann immer lächelnd gesagt. In all dem Schweren versuchen wir mit kleinen Gesten zu signalisieren, dass wir da sind. Jeder auf seine Weise. Das macht die Begleitung in unserem Haus aus meiner Sicht so wertvoll.
Weihnachten zum Beispiel. Da haben wir das angelieferte Festmahl vorbereitet. Aufgewärmt, in Schüsseln gefüllt. Gans oder Grünkohl – jedem sein Lieblingsessen. Die Familie hatte den Tisch liebevoll gedeckt und ich habe gefragt, ob ich ein Foto für den Blog machen darf. Wieder kam aus dem Bett von Herrn B. ein „Natürlich!“
Eine Familie, die auch uns bedacht hat. Mit viel Dankbarkeit und kleinen Geschenken. In all dem Schweren kamen die Gesten auch aus der anderen Richtung. Beeindruckend, was für Kräfte manchmal in uns sind.

Die Trauerfeier von Herrn B. habe ich leider nicht besucht. An dem Tag hatte ich Spätdienst und zweiteilen kann ich mich noch nicht. Ich war mit meiner Kollegin Heike auf einer anderen Trauerfeier, die zufällig am selben Tag stattfand und mir ebenfalls sehr wichtig war.
Wir hatten noch Zeit und sind über den Friedhof gegangen. Haben Inschriften auf Gräbern studiert. Gerne hätte ich bei einigen gewusst, wer sie waren, wie sie gelebt haben. Was bleibt am Ende von unserem Leben?
Liebe.
In liebevoller Erinnerung bleiben die Meisten von uns in einem Herzen. Herr B. hat sich auch in mein Herz geschlichen. Was für eine besondere Begegnung. Danke Leben.

Also, Asphalt kaufen nicht vergesssen, gerne schicke ich auf Anfrage auch eine zu – schreibt mir einfach eine Mail.

Herzlich,

Eur Nici

DELLA

hoffnungsvoll & seelenschwer

Ein Ausstellungsname, der mir vor drei Jahren in den Kopf geflogen kam und mich seitdem eng begleitet. Neben meiner hauptamtlichen Tätigkeit im Hospiz Luise bin ich ehrenamtlich geschäftsführendes Vorstandsmitglied im Bundesverband Trauerbegleitung. Für diesen Verband bin ich von Samstag bis Mittwochnacht unterwegs gewesen. Auf der alljährlichen Jahrestagung im Hans-Lilje-Haus in Hannover haben wir ein buntes Programm gehabt, und ebenso bunt war der Austausch und die Diskussionen über Qualität in der Trauerarbeit. Ein Vortrag in der Marktkirche mit Prof. Dr. Luise Reddemann hat die Tagung abgerundet.

Im Hospiz ist Trauer auch ein großes Thema. Seelenschwer. Manchmal fließt die Trauer wie ein grauer Nebel durch das ganze Haus und wird immer wieder unterbrochen durch kleine Sonnenstrahlen. Ich bin froh gut ausgebildet zu sein, das ermöglicht mir Trittsteine für die Trauer zu legen. Behutsam zu erzählen, was guttun könnte. Sich zum Beispiel Zeit zu nehmen. Am Bett. Auch wenn der geliebte Mensch schon verstorben ist. Begreifen. Durch Berührung. Das ist schwer für viele. Mir geht immer das Herz auf, wenn ich erlebe, dass Menschen über sich hinauswachsen. Aushalten. Dann spüre ich die Liebe und all die anderen Gefühle und muss auch gut auf mich achten. Als Krankenschwester darf ich nicht im Nebel untergehen. Betroffen sein und dennoch professionell agieren. Manchmal ein Drahtseilakt, aber ich ja auch einen Schirm dabei. Der steht für mein Team. Wie viel Tod verträgt das Team? Dazu wurde sogar schon geforscht.

Gestern dann nach Düsseldorf. Eine Einladung zur Eröffnung meines Ausstellungsprojektes. Es war schön, dass eine Teilnehmerin des Projektes, Bettina Attenberger, mit mir aufgebaut hat. Sonnenschein, Gelächter, das Team des stationären Hospizes und Koordinatorinnen des ambulanten Hospizdienstes haben uns unterstützt. Hoffnungsvoll. In der schönen Heilig Geist Kapelle entstand unter unseren Händen die ganz eigene Zusammenstellung des katholischen Netzwerkes für Palliativ- und Hospizarbeit Düsseldorf. Da wurden so viele wunderschöne Details aus dem stationären Hospiz und von zuhause mit eingebracht. Für den einen war die gerade Ausrichtung der Rahmen wichtig, andere haben bunte Lichter als Akzente gesetzt und wieder andere haben die Exponate liebevoll in der Kapelle untergebracht. Danke an Herrn Pfeiffer für die wunderbare und perfekte Organisation. Ich freue mich, dass ich Anita, Ulla, Dirk und Herrn Conrads an meiner Seite hatte. Was für eine wunderbare Begegnung mit euch!
Abends dann noch meine Kollegin Walburga Schnock-Störmer an meiner Seite, es gab wunderschöne Musik und einen eindrucksvollen Tänzer. Es waren viele Interessierte vor Ort, ein gelungener Auftakt.

Die Teilnehmenden der Ausstellung haben über Trauer geforscht, geliebte Menschen verewigt. Haben durch ihr Ausstellungstück ihre Verbindung mit dem Verstorbenen sichtbar gemacht. Trauer ins Leben integrieren, ein großes Thema. Einige Exponate sind auch von Kolleg*innen aus meinem Hospiz. Das erfüllt mich beim Aufbau jedesmal mit Dankbarkeit. Britta, Mandy und Maike haben wie alle anderen Teilnehmer*innen ein Stück ihrer Trauer oder ihres Lebens preisgegeben. Danke euch allen dafür!
Das macht die Ausstellung so individuell, so bunt, so überraschend, so traurig, so informativ, eben so hoffnungsvoll & seelenschwer. Genau wie das Leben. Genau wie die Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen.

Abends habe ich mich spontan entschieden noch nach Hause zu fahren. Knapp 300 km, auch wenn ich so viele reizende Alternativübernachtungsmöglichkeiten angeboten kam (von Sofa bis zum Hospizgästebett). Ich war nach den Begegnungen der letzten Tage wie ein volles Gefäß und bin hellwach gewesen.
Das wünsche ich jedem von euch. Begegnungen und Momente der Achtsamkeit, die euch auffüllen. Mit Glück, Liebe, Freude und Leben.

Herzlich,
Eure Nici

P.S. Natürlich kann man die Ausstellung auch ausleihen! Das solltet ihr sogar, es lohnt sich wirklich 🙂
Fotos: Bettina Attenberger, Walburga Schnock-Störmer und ich 🙂

Gemeinsam auf dem Weg

Die wenigsten Menschen sind ganz allein, wenn sie in das Hospiz kommen. Es gibt Partner, Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen. Dabei ist die Anzahl dieser Menschen und die Intensität der Beziehung sehr unterschiedlich. Auch die Herkunft und die Vorstellung vom Lebensende. Einiges wird im Angesicht des bevorstehenden Todes auch nochmal anders beleuchtet.

Ich habe einen Kurs zur Sterbebegleiterin gemacht, als ich noch als Koordinatorin in einem ambulanten Hospizdienst gearbeitet habe. An einem Wochenende haben wir eine geführte Meditation gemacht, in der wir uns mit unserem eigenen Sterben auseinandergesetzt haben. Das ist lange her, aber ich erinnere mich noch wie wenig beunruhigend ich das fand. Ich war überrascht, wen ich mir zu dem Zeitpunkt meines Lebens in den „letzten“ Stunden an mein Bett gewünscht habe.

Bei uns haben die Patienten es selbst in der Hand, wer sie begleitet. Dürfen Besucher*innen wieder fortschicken, herwünschen und ihre Meinung ändern. Manchmal ist das alles sehr klar, manchmal reißen alte Wunden auf und können auch nicht immer vollständig heilen. Dafür ist das Leben gedacht, nicht der Tod. Leicht gesagt.
Bei uns haben die Patienten es auch selbst in der Hand, welche spirituelle Begleitung erfolgt. Als katholisches Haus achten wir die Wünsche unabhängig vom Glauben jedes Einzelnen. Jeder Mensch ist einzigartig. Außerdem blicken wir über den Tellerrand und verstehen uns nicht als Insel. Das war uns auch bei unserem Jubiläum wichtig. Neben unserer Hauptaufgabe, der Begleitung von Patienten und Zugehörigen, haben wir auch die Aufgabe über unsere Arbeit in der Öffentlichkeit zu berichten und Spenden zu sammeln. Doch mit wem könnten wir gehen, haben wir uns gefragt?

Gemeinsam sind wir im Hospiz auf dem Weg, um im Sinne unserer Namensgeberin Luise von Marillac Bedürftigen zu helfen. Auf diesem Weg, mit Blick über den Tellerrand, haben wir in unserem Jubiläumsjahr auch Asphalt getroffen. Meine Kollegin Kerstin Patzner-Koch aus dem Ambulanten Palliativdienst hatte die Idee an einem Freitag, den 13. mit Asphalt eine Veranstaltung zu planen. Seit 25 Jahren unterstützen unsere beiden Institutionen Menschen, die in Not geraten sind. Sei es durch eine unheilbare Erkrankung oder durch den Verlust von Hab und Gut. Unsere gemeinsam geplanten Veranstaltungen haben wir jetzt verschoben – die Rahmenbedingungen haben uns schweren Herzens zu diesem Entschluss gebracht. Wenn wir neue Termine haben, melden wir uns umgehend wieder zu Wort!

Am selben Wochenende möchen wir auch einen thematischen Gottesdienst in der Markuskirche mit Superintendentin Bärbel Wallrath-Peter und Pastor Bertram Sauppe feiern. Dazu laden wir alle Interessierten am 15. März um 10:30 Uhr ein!

Manchmal beobachte ich ganz bewusst Menschen. Lese die kleinen Zeichen der Fürsorge und der Liebe. Darunter sind auch Menschen, die nicht vorhaben mit irgendwem gemeinsame Sache zu machen, da ist keine Fürsorge und Liebe. Diese Menschen, die nur ihre eigenen hasserfüllten Ziele vor Augen haben. Die Einzigartigkeit nicht anerkennen und unsere Gesellschaft spalten wollen. Das ist nicht Thema dieses Blogs denkt man, aber im entfernten Sinne schon. Unser Haus macht die Tür auf. Für Menschen. Für alle Menschen. Unabhängig von Herkunft und Religion. Wertfrei.
Denn am Ende wird unser Leben mit dem Tod enden und dann ist es an uns wie wir dem begegnen, was dann kommt. Besser wir lieben und leben zu Lebzeiten in Achtung vor dem Anderen, zeigen Haltung, Toleranz und gehen gemeinsam.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Zeit und freue mich auf die Begegnungen in den nächsten Wochen.
Herzlich,
Eure Nici

Bilder

Gestern kam ein Fotoalbum bei mir zuhause an. Die letzten Jahre im Zeitraffer. Ich habe es mit meiner Tochter angesehen, mein Mann hat sofort seine Brille gesucht und wir haben die Momente an uns vorbeifliegen lassen. Schöne Erinnerungen, ich habe bunt gelebt im letzten Jahrzehnt.
Das fällt mir auch immer wieder in meiner Arbeit auf. Unsere Patienten bringen ihre Biografie mit. Nicht nur in Erzählungen und Worten, sondern auch in Bildern. Die stehen in Rahmen auf dem Nachtschrank, hängen am Schrank oder füllen ganze Wände. Lachende Enkelkinder, Hochzeitfotos in alten Rahmen. Kalenderblätter und andere digitale Wunderwerke.

Ich weiß nicht, ob Sie sich das als Leserinnen und Leser vorstellen können. Manchmal sind die Menschen nur sehr kurz bei uns. Dennoch gibt es diese besonderen Momente, in denen wir Teil des Lebens werden, weil wir ein Stück davon erzählt bekommen. Tragische, komische, interessante, aufwühlende, belastende, hoffnungsvolle und erfüllende Geschichten.
Das beginnt auch mal, wenn wir über ein altes Bild sprechen, das da im Zimmer steht. Wann war das denn, wer ist das noch? Wo haben Sie da gelebt. Wenn wir unsere hospizliche Begleitung in einer Sanduhr des Lebens darstellen, dann sind wir da, bevor das letzte Sandkorn fällt. Zu sehen, was dann bleibt, was wichtig ist und vor allem wer, ist für mich sehr beeindruckend.

Keiner von uns weiß genau, wann wir gehen müssen. Keiner weiß, wer einem am Ende sehr nah kommt. Wir sind sehr viele Kolleg*innen und ich glaube, das macht es für unsere Patienten einfacher einen Menschen zu finden, mit dem sie vielleicht noch einmal etwas teilen möchten.
Das sind diese Sternmomente, wenn da eine tiefe Vertrautheit und Ruhe zwischen den Menschen und mir herrscht und sich vielleicht noch einmal etwas bewegt. Eine Situation werde ich niemals vergessen. Ein junger Vater hatte das Foto seiner Tochter an seinem Bett. Vor seinem Tod wollte er sie nicht mehr sehen, ihr die Belastung ersparen. Alles war gesagt.
Ich war gar nicht für ihn zuständig, aber als er klingelte, war ich dann doch in diesem Zimmer. Schon nach 1 Minute waren wir im Gespräch über die Situation. Wir sprachen darüber, dass seine Tochter diesen Schritt vielleicht in einigen Jahren bereut, vielleicht war doch nicht alles gesagt. Mein Vorschlag war, er solle noch einen Brief schreiben. Etwas, dass sie auch Jahre später immer wieder in die Hand nehmen könnte. Man spürt, wann es Zeit ist zu gehen und gesprochene Worte wirken zu lassen. Also ging ich. Ohne ein Ergebnis.
Kurze Zeit später kam meine Kollegin die Treppe runter, suchte im Dienstzimmer nach Briefbögen. Das war für Zimmer 8. Ein Brief wurde geschrieben. Ein Brief, der auch Jahre später in einer Schublade liegen würde, immer greifbar – darüber die Bilder. Bilder die Etappen eines Lebens zeigen. Welche Bilder würden da bei Euch stehen?

Herzlich,

Eure Nici

Fotos: Pixabay und ich

Das Hospiz-Mobile ist stetig in Bewegung

Heute gibt es einen Bericht der Pflegedienstleitung Maike Dudek, der auch in der Festschrift zu lesen ist.

Den PDL-Stab übergab mir mein Vorgänger Guido Cremer im Jahr 2012. Zuvor war ich schon als Krankenschwester einige Jahre im Hospiz Luise tätig.
Mit Freude und Motivation übernahm ich ein Team, das schon lange und beständig miteinander arbeitete. Größtenteils Pioniere, die mit Werten und Prinzipien der Hospizarbeit angetreten waren, für die sie leidenschaftlich brannten.
Immer neue Herausforderungen auf den verschiedensten Ebenen mussten im Laufe der vielen Jahre gemeinsam gemeistert werden; nicht nur hausinterne, sondern auch solche, deren Entstehung in der deutschen Gesundheitspolitik und Bürokratie zu suchen sind. Das hat auch die Arbeit im Hospiz Luise an der einen oder anderen Stelle geprägt. Darüber hinaus war die Hospizarbeit im Hospiz Luise aus den Kinderschuhen gewachsen. Zunehmende Professionalisierung und Differenzierung der Aufgaben machten auch vor dem Team nicht halt. Die unausgesprochene Parole „Jeder macht alles“ aus den Anfangsjahren wich zunehmend Zuschreibungen zu einzelnen Personen im Haus. Das brachte für die einen im Team Befreiung, für andere sicher auch ein Stück Umdenken und schmerzliches Loslassen von Traditionen. Das inzwischen umfassende und wichtige Thema Qualitätsmanagement macht dieses an vielen Stellen bis heute hin sichtbar.

Gütesiegel – Maike Dudek und Susanne Dörfler (Mitte)

Eine ganz andere und besondere Erfahrung der letzten 15 Jahre war für alle die Zeit der Auslagerung in die Berta- Klinik von 2011-2012. Aus dem gemütlichen Kirchrode im Grünen ging es mitten in das Zentrum von Hannover in ein Klinikgebäude. Hier war die große Kreativität und Kompromissbereitschaft aller Mitarbeitenden gefragt, was zum Gelingen beitrug. Aus- und Einzug waren für das gesamte Team, sowie für
Patient*innen und Zugehörige natürlich eine Belastung, die aber bald neben der großen Freude, wieder „zuhause“ zu sein, vergessen war. Das Hospiz erstrahlte nach seiner Sanierung in neuen Farben und Formen, die die Mitarbeitenden in vielen Bereichen maßgeblich mitbestimmen konnten. Das hat sicherlich die Verbundenheit mit dem Haus für sie noch mehr intensiviert.

Umzug in die Bertaklinik

Trotz der geringen Fluktuation im Personalbereich gab es auch seit 2005 immer wieder Veränderungen, zumeist aufgrund des biologischen Werdegangs – sprich Rentenalter – des einen oder anderen. Einige Pioniere der ersten Stunden verließen das Hospiz- Mobile. Aber auch veränderte Lebenspläne einzelner führten zu Neubesetzungen im Kreis der Mitarbeitenden in allen Professionen, wie z.B. meine Position als Pflegedienstleitung. Durch Weggang und Ankunft neuer Mitarbeitenden geriet das Personal-Mobile immer wieder in Schwingung, mit mehr oder weniger Ausschlägen, weil die Teilchen im Rhythmus miteinander geschwungen sind, sich verbunden haben, oder sich auch mal verheddert haben. Nach jeder unruhigen Schwingungsphase pendelte sich das Mobile wieder in ruhige Bewegungen ein, die immer auch eine stetige Weiterentwicklung in allen Bereichen ermöglichten.

Aber von allen Veränderungen ist das oberste Ziel – die letzte Lebensphase und das Sterben – von Patient*innen so würdevoll wie möglich und mit Lebensqualität zu gestalten, unberührt geblieben. Dafür braucht es neben Fachwissen, Einfühlungsvermögen auch Kreativität. Sich einzufühlen und hinzuhören: was können wir – neben medizinischer und pflegerischer Versorgung – noch tun? Einen Konzertbesuch zu Elton John begleiten, einen letzten Ausflug in die eigene Wohnung professionsübergreifend unterstützen oder einen Überraschungsauftritt einer Tanzgruppe zum Geburtstag einer Patientin, die selbst lange getanzt hat, organisieren. Und das hat sich in 25 Jahren auch nicht verändert: der leidenschaftliche Wille, einen letzten Herzenswunsch zu ermöglichen!

Das zeigt, dass der Kern unserer Arbeit im Hospiz von den kleinen und mittleren Stürmen, die das Team im Hospiz Luise in den letzte Jahren erlebt hat, unberührt geblieben ist. Diese Erkenntnis ist tröstlich, und macht Mut für die Zukunft!
Maike Dudek Pflegedienstleitung

Maike Dudek

Fotos: Hospiz Luise, Pixabay und ich

Bettenwechsel

Vor kurzem habe ich vor Student*innen einen Vortrag über die Hospizarbeit gehalten. Trotz der späten Stunde waren diese jungen Menschen sehr interessiert an unserer Arbeit. Dabei habe ich auch die neuen Zahlen aus 2019 vorgetragen. Statistiken. Wie viele Menschen, wie alt, die durchschnittliche Verweildauer im Haus.
Machen wir uns nichts vor. Hospize sind auch wirtschaftlichen Faktoren unterlegen. Unsere Betten müssen belegt sein. Nicht nur aus ethischen Gründen, weil da draußen Menschen auf einen ersehnten Platz warten. Auch, damit wir beispielweise weiter unseren hohen Personalschlüssel halten können. Jetzt muss ich also die rosa Farbe einmal wegwischen.

Wenn ein Mensch bei uns stirbt, dann folgt eine Reihe von Ritualen. Die sind für die Angehörigen, Mitpatienten und Mitarbeitenden wichtig. Wird ein verstorbener Patient dann nach der Aufbahrung und Abschiednahme vom Bestatter überführt, hat unser Aufnahmemanagment im Hintergrund schon alles in Bewegung gesetzt, um einem neuen Patienten die Möglichkeit zu geben bei uns einzuziehen.
Ich selber habe schon solche Anrufe getätig. Das machen wir manchmal am Wochenende. Wenn abzusehen ist, dass ein Mensch sterben wird. Bis Montag zu warten würde bedeuten, dass ein Bett vielleicht tagelang leer steht. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass wir herzlose Maschinen sind. Eher bricht so manches Herz an diesem Zyklus. Wird für manche von uns der Dienst eher zur Last, als zur Erfüllung. Jeden Tag sterben. Jeden Tag Tränen. Jeden Tag lachen.
Da muss jeder tatsächlich gut bei sich sein. Sterben im Leben kann auch bedeuten, dass Kolleg*innen andere Wege einschlagen. Sich bewusst gegen das Hospiz entscheiden. Weil das Sterben zu viel Leben einnimmt.

Wo aber konnte ich bisher soviel über das Leben lernen, wie an diesem Ort? Nirgendwo. Mein Blick hat sich geschult. Ich versuche gelassener mit Dingen umzugehen. Manchmal gelingt mir das natürlich nicht, dann ärgere ich mich über andere Menschen und lasse mir meine Energie klauen. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

Im Hospiz müssen wir uns eingestehen, dass der Tod oft zum falschen Zeitpunkt kommt. Wir erleben einen Bruchtteil der Trauer von Angehörigen und gehen dann weiter, um ein neues Leben bis zum Sterben zu begleiten. Während ich das schreibe finde ich, das klingt nicht so leicht. Ist es auch nicht immer. Aber wir sind da, weil wir das aus irgendeinem Grund gut können.

Wenn ich also nächste Woche zum Dienst gehe, dann werde ich zwei Zimmertüren öffnen, in denen mir andere Augen entgegenblicken werden. Beim Frühstück wird nicht mehr die Angehörige sitzen, die einige Wochen bei uns verbracht hat. Mutter und Tochter werden nicht mehr gemeinsam im Bett liegen und liebevoll schweigen. Dennoch freue ich mich auch auf die Dienste. Mit meinen Kolleg*innen, dem besonderen Geist, der durch unser Haus weht und bin dankbar, dass wieder einige Familien die Möglichkeit hatten, in diesem Umfeld ihren Abschied zu gestalten.

Bleibt behütet,

herzlich Nici